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Feuilleton

Vom Ararat nach Altaussee

1945 1960 1980 2000 2020

IN BARBARA FRISCHMUTHS ROMAN GELINGT DREI FRAUEN NACH SEELISCHEM TIEF EIN NEUER WEG.

1945 1960 1980 2000 2020

IN BARBARA FRISCHMUTHS ROMAN GELINGT DREI FRAUEN NACH SEELISCHEM TIEF EIN NEUER WEG.

Altaussee mit dem smaragdblau glitzernden See und der Bergkulisse, dann Wien und Istanbul, die Stadt am Bosporus. Drei Orte mit besonderer Bedeutung für die österreichische Autorin Barbara Frischmuth. Sie werden zum Mittelpunkt ihres neuen Romans, der das Schicksal dreier Frauen aus verschiedenen, familiär miteinander verbundenen Generationen berührt.

Frischmuth greift Fäden auf, die bereits in früheren Texten von Relevanz sind. Schon lange gehört das Spiel mit kulturellen Identitäten zu ihrer Schreiblandschaft, so erst jüngst in "Vergiss Ägypten". Auch die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs hat in ihrem Werk schon Tradition.

Drei Frauen, die einen geliebten Mann verloren haben. Ihre Lebenslinien verknoten sich zum Herzstück des Romans. Da ist zunächst die 28-jährige Ada, eine bildende Künstlerin, die den Durchbruch noch nicht geschafft hat. Sie wächst mit ihrem Zwillingsbruder und ihren Eltern in Istanbul auf. Nach dem Tod ihres im Ararat-Gebirge vermissten Vaters übersiedelt die Mutter mit den Kindern nach Altaussee und übernimmt das Seehaus ihrer Tante Lilofee.

Frischmuth ist weit davon entfernt, diese Geschichte linear zu entwickeln. In einem kunstvollen Geflecht feiner Verästelungen von Gegenwart und Vergangenheit entfaltet sich in retrospektiven Schleifen langsam eine dichte Erinnerungswelt, in der sich lose Puzzleteile aneinanderfügen und durch die rollende Zeit gespült werden, "recycelt zur großen Erzählung". Ada, Martha und Lilofee: Für sie alle kippt das Leben und jede geht anders damit um. Es ist ein vielstimmiges Familientableau, das Frischmuth dabei gestaltet, mit wunderbar lebendigen Figuren, die letztendlich alle zwischen den unzähligen Spielarten von Freiheit, Liebe und Beruf ihren eigenen Weg finden.

Freiheit, Liebe und Beruf

Ada lebt in Wien. Der Selbstmord ihres Freundes hat sie in eine Schaffenskrise gestürzt. Eines Tages trifft sie ihren Jugendfreund Jonas. Dem plötzlich überströmenden Gefühlsgebirge setzt sie eine innere Sperre entgegen. Denn Jonas versorgt drei kleine Kinder allein. Aber gerade sie werden, und das ist typisch für Frischmuth, zu einer erfrischenden Bereicherung für Adas künstlerische Entwicklung. Mit den Kindern flackert plötzlich die Möglichkeit auf, wieder einmal "auf der anderen Seite zu stehen" - inmitten überschäumender Kreativität. Und hier fungiert einmal umgekehrt ein Mann als Alleinerzieher - im Spagat zwischen beruflichen und privaten Herausforderungen.

Adas Mutter Martha kehrt jedes Jahr "zurück an den Ort ihrer besten Jahre", um sich "der Spuren des Erlebten zu vergewissern". Einst hat sie sich entschieden, mit Robin im pulsierenden Istanbul zu leben. Noch immer rückt die Stadt "ihr Denken zurecht". In die Trauerarbeit um Robin und seinen kurdischen Freund schnürt Frischmuth eine tabulose Aufarbeitung der türkischen Politik in den 80er-Jahren.

Lilofee lebt in den Erinnerungen der anderen, die Blitzlichter auf ihr beschädigtes Leben werfen: Liebe zu einem Kriegsgefangenen, Schwangerschaft, Abtreibung, Verrat durch den eigenen Vater. Er liefert ihren "Wassermann" der SS aus, besiegelt damit seine Deportation in ein KZ und stiehlt ihr so das Leben. Wie eine Geschwulst durchdringt sie der Hass und raubt ihr irgendwann ihre Lebensenergie. Eingeschmolzen in diese Lebenssplitter werden Reflexionen über die Situation in Altaussee während des Zweiten Weltkriegs. Frischmuth entblößt dunkle Kapitel der österreichischen Geschichte und geht zwischen Mitläufer- und Denunziantentum, Entnazifizierung, Verdrängung und Anbiederung geschickt den Fragen nach Schuld und Menschlichkeit nach.

Frischmuth hat in ihrem Roman realistische Bilder des Weiterlebens entworfen und ihren Blick in den prallen Lebensalltag gesenkt. Ihre Figuren gewinnen so plastische Konturen, dass man manche fast persönlich kennenlernen möchte.

Woher wir kommen

Roman von Barbara Frischmuth

Aufbau 2012 384 S., geb., € 23,70

Altaussee mit dem smaragdblau glitzernden See und der Bergkulisse, dann Wien und Istanbul, die Stadt am Bosporus. Drei Orte mit besonderer Bedeutung für die österreichische Autorin Barbara Frischmuth. Sie werden zum Mittelpunkt ihres neuen Romans, der das Schicksal dreier Frauen aus verschiedenen, familiär miteinander verbundenen Generationen berührt.

Frischmuth greift Fäden auf, die bereits in früheren Texten von Relevanz sind. Schon lange gehört das Spiel mit kulturellen Identitäten zu ihrer Schreiblandschaft, so erst jüngst in "Vergiss Ägypten". Auch die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs hat in ihrem Werk schon Tradition.

Drei Frauen, die einen geliebten Mann verloren haben. Ihre Lebenslinien verknoten sich zum Herzstück des Romans. Da ist zunächst die 28-jährige Ada, eine bildende Künstlerin, die den Durchbruch noch nicht geschafft hat. Sie wächst mit ihrem Zwillingsbruder und ihren Eltern in Istanbul auf. Nach dem Tod ihres im Ararat-Gebirge vermissten Vaters übersiedelt die Mutter mit den Kindern nach Altaussee und übernimmt das Seehaus ihrer Tante Lilofee.

Frischmuth ist weit davon entfernt, diese Geschichte linear zu entwickeln. In einem kunstvollen Geflecht feiner Verästelungen von Gegenwart und Vergangenheit entfaltet sich in retrospektiven Schleifen langsam eine dichte Erinnerungswelt, in der sich lose Puzzleteile aneinanderfügen und durch die rollende Zeit gespült werden, "recycelt zur großen Erzählung". Ada, Martha und Lilofee: Für sie alle kippt das Leben und jede geht anders damit um. Es ist ein vielstimmiges Familientableau, das Frischmuth dabei gestaltet, mit wunderbar lebendigen Figuren, die letztendlich alle zwischen den unzähligen Spielarten von Freiheit, Liebe und Beruf ihren eigenen Weg finden.

Freiheit, Liebe und Beruf

Ada lebt in Wien. Der Selbstmord ihres Freundes hat sie in eine Schaffenskrise gestürzt. Eines Tages trifft sie ihren Jugendfreund Jonas. Dem plötzlich überströmenden Gefühlsgebirge setzt sie eine innere Sperre entgegen. Denn Jonas versorgt drei kleine Kinder allein. Aber gerade sie werden, und das ist typisch für Frischmuth, zu einer erfrischenden Bereicherung für Adas künstlerische Entwicklung. Mit den Kindern flackert plötzlich die Möglichkeit auf, wieder einmal "auf der anderen Seite zu stehen" - inmitten überschäumender Kreativität. Und hier fungiert einmal umgekehrt ein Mann als Alleinerzieher - im Spagat zwischen beruflichen und privaten Herausforderungen.

Adas Mutter Martha kehrt jedes Jahr "zurück an den Ort ihrer besten Jahre", um sich "der Spuren des Erlebten zu vergewissern". Einst hat sie sich entschieden, mit Robin im pulsierenden Istanbul zu leben. Noch immer rückt die Stadt "ihr Denken zurecht". In die Trauerarbeit um Robin und seinen kurdischen Freund schnürt Frischmuth eine tabulose Aufarbeitung der türkischen Politik in den 80er-Jahren.

Lilofee lebt in den Erinnerungen der anderen, die Blitzlichter auf ihr beschädigtes Leben werfen: Liebe zu einem Kriegsgefangenen, Schwangerschaft, Abtreibung, Verrat durch den eigenen Vater. Er liefert ihren "Wassermann" der SS aus, besiegelt damit seine Deportation in ein KZ und stiehlt ihr so das Leben. Wie eine Geschwulst durchdringt sie der Hass und raubt ihr irgendwann ihre Lebensenergie. Eingeschmolzen in diese Lebenssplitter werden Reflexionen über die Situation in Altaussee während des Zweiten Weltkriegs. Frischmuth entblößt dunkle Kapitel der österreichischen Geschichte und geht zwischen Mitläufer- und Denunziantentum, Entnazifizierung, Verdrängung und Anbiederung geschickt den Fragen nach Schuld und Menschlichkeit nach.

Frischmuth hat in ihrem Roman realistische Bilder des Weiterlebens entworfen und ihren Blick in den prallen Lebensalltag gesenkt. Ihre Figuren gewinnen so plastische Konturen, dass man manche fast persönlich kennenlernen möchte.

Woher wir kommen

Roman von Barbara Frischmuth

Aufbau 2012 384 S., geb., € 23,70