Digital In Arbeit

Nicht bloß Bazar und Hieroglyphen

Barbara Frischmuth vermittelt in ihrem neuen Reiseroman eine besondere Stimmung vom Orient.

Barbara Frischmuth ist eine Grenzgängerin zwischen den Kulturen. In ihrem Bemühen um kulturelle Verständigung gilt sie bereits seit vielen Jahren als Vermittlerin zwischen Orient und Okzident. Schon über Jahre hinweg spiegelt sich in ihren Büchern eine Offenheit für Neues und Fremdes in der Auseinandersetzung mit orientalischen Traditionen, vor allem am Beispiel der Türkei.

Diesmal lenkt Frischmuth den Fokus auf Ägypten, auf "eine fortlaufend korrigierte Welt, die noch von alten Zeichen dominiert wird". Auf ein Kairo mit seinen Brunnenhäusern, Moscheen und Gebäuden aus mameluckischer Zeit, deren Ornamente und abbröckelnde Verzierungen noch von wunderbarer Handwerkskunst zeugen, auf ein Kairo, das im blassen, "staubigen Morgenlicht" an Konturen gewinnt, inmitten der vollgestopften Busse, überfüllten U-Bahnen und heimeligen Teehäuser.

Begegnungen, Geheimnisse

"Vergiss Ägypten" ist ein kunstvoll angelegter Reiseroman, der sich dem vielschichtigen, orientalischen Terrain auf der Suche nach immer neuen Puzzlesteinen kaleidoskopartig und feinfühlig nähert. Mystische Geheimnisse lässt Frischmuth in der Begegnung mit Menschen reifen, im Blick auf überlebensgroße Statuen und Pyramiden oder während der Fahrt zum Kloster des heiligen Antonius, wenn sich die braunrosa Farbmischung zum Horizont hin am Rande der Wüste weißblau zu lichten beginnt.

Valerie Kutzer, die Protagonistin des Romans, führen Vorträge über Literatur und Freunde in dieses Land, das sie bereits zum fünften Mal besucht. Diese Reise gerät zu einem Suchprozess, durchwirkt von eingenisteten Träumen, vom Gewürz der Fremdheit und der Neugier, den mystischen und historischen Fundamenten dieses Landes auf den Grund zu gehen. Der Transit am Flughafen verdichtet sich zum Übergang in eine andere Welt: "Ägypten ist ein uraltes Haus, von dem niemand genau weiß, was sich hinter den Türen befindet. Die Kellertreppe ist eingestürzt, und die Leiter zum Dach hat kaum noch Sprossen. Die einzelnen Räume sind nur mehr gefühlsmäßig zu erschließen." Diesen Hinweis gibt Lamis, Valeries Freundin, bei der sie wohnt und die sie auf ihrer Entdeckungstour durch Kairo, Luxor und Alexandria immer wieder begleitet.

Die Beschäftigung mit Ägypten und das Ergründen der Ursprünge, die in der Zeit liegen, vollzieht sich für Valerie auf mehreren Ebenen: "Ich möchte dieses Land begreifen, das funktioniert nur über Menschen." Und die Kontakte knüpft Lamis. Sie führt Valerie in die Gesellschaft ein und zeigt ihr ihre vielfältigen Facetten. Frauen, die schon lange Zeit in "ägyptischen Verhältnissen" leben, hier verheiratet sind und Kinder haben, oder Ägypten zu ihrem "Lebensland" gewählt haben, weil sie hier das Gefühl haben, "frei leben und atmen zu können", wie Leonie es tut, in einem winzigen Häuschen in Gizeh mit Blick auf die Pyramiden. Man sieht sie von dort "ganz nah und doch so weit entfernt", "dass man sie als Ganzes erkennen kann". Natürlich gibt es auch festgelegte Rollenbilder, die die Frau auf den häuslichen und mütterlichen Bereich fixieren, starre Traditionen, mit denen manche Frauen nur schwer zu Rande kommen, wie das Gespräch der beiden Lektorinnen zeigt, mit denen andere - wie Marie Nur - aber auch sehr selbstbewusst umgehen.

Schmelztiegel und Miseren

In diesen multikulturellen Schmelztiegel schleust Frischmuth keineswegs ein nach Bazar, Hieroglyphen und Artischocken duftendes Ägypten-Idealbild. In der Reflexion der gelebten und ungelebten Lebensläufe, die sich durch diesen Roman ziehen, werden auch die Furchen ägyptischer Miseren sichtbar: bittere Armut, Beschneidung, Korruption und Arbeitslosigkeit. Ein Haushalt mit Kühlschrank stellt den Mindeststandard dar, ohne ihn gibt es keine Chance auf Ehe. Frischmuth weicht auch der Thematisierung des radikalen Islams oder politischen Aspekten nicht aus.

Auf ihrer Reise stößt Valerie auf Bruchstücke von Geschichten und Schicksalen, Anfänge sind verschüttet, Mitte oder Ende fehlen. Das drängt sie geradezu, sich auf dieses Land einzulassen. "Lamis, Ibis und Abbas" zieht Valerie als möglichen Titel für die zu erzählende Geschichte in Erwägung. Die selbstbewusste Ägypterin Lamis dient ihr als Reiseführerin. Ibis samt Thot repräsentiert das kulturelle Gedächtnis. Völker, große Pharonennamen und Zeichen sind "wie Pflöcke in den Strom des Erinnerns gerammt", verzahnt mit den religiösen und mystischen Traditionen, etwa des Dhun-Nun, mit Mulids, Derwisch-Klöstern oder Kopten. Und schließlich bläst Valerie den Sand von einer alten Geschichte weg, von Abbas, ihrem früheren Geliebten, den sie unverdrossen sucht. Seinen Nachhall glaubt sie in vielen anderen Ägpytern wiederzufinden. Wie hätte ihr eigenes Leben hier ausgesehen?

Unbezähmbare Neugier

Frischmuth gelingt ein Ägyptenbuch mit besonderer Stimmung. Die persönliche Geschichte ihrer Protagonistin wird in einem atmosphärisch dichten und lebendigen Zeitkosmos aufgehoben, hinter dem die Knochenarbeit profunder Recherche steckt. Frischmuths genussvolles und feinsinniges Erzählen aus der differenzierten Optik einer staunenden Reisenden weckt nicht nur die Lust, sich selbst auf Spurensuche zu begeben, sondern bringt den Dialog als Möglichkeit bereichernder Horizonterweiterung zum Blühen - ganz im Sinne Flauberts, dessen Zitat aus der "Reise in den Orient" sie ihrem Roman als Motto voranstellt: "Ich habe nun mal diese Manie, gleich ganze Bücher über Figuren zu entwerfen, denen ich begegne. Was ich auch anstelle, eine unbezähmbare Neugier wirft die Frage in mir auf, welches Leben wohl dieser Passant da führt, der mir über den Weg läuft."

Vergiss Ägypten

Ein Reiseroman von Barbara Frischmuth

Aufbau Verlag, Berlin 2008

220 Seiten geb. € 19,50

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau