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Eine Lyrikerin namens Barbara Frischmuth

1945 1960 1980 2000 2020

Die Wiederentdeckung der zu Unrecht vergessenen Gedichte: Gerhard Melzer gab das lyrische Frühwerk heraus.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Wiederentdeckung der zu Unrecht vergessenen Gedichte: Gerhard Melzer gab das lyrische Frühwerk heraus.

Sirrende Süße über schwer liegenden Melonen. "ich weiß geheime Worte / bäumealt / dann Schnitt und Fall / der Kerne / saftgeborsten / die Öffnung / brieftaubenzartes / Ineinanderrinnen / ein Sinken / ohne Unterlaß" Sinnlich imprägniert zeigt sich die Sprache in diesen Versen, in denen Reife und Genuss spürbar werden. Barbara Frischmuth versteht es, Aromen konkreter Augenblicke und Empfindungen wachsen zu lassen. Ihre Ausflüge in die Lyrik sind indes eine weniger bekannte Seite ihres Schaffens, denn Gedichte geschrieben hat sie vor allem in der Zeit ihrer Anfänge. Gerhard Melzer hat nun das teilweise unveröffentlichte oder verstreut publizierte lyrische Frühwerk (1959-1966) gemeinsam mit einigen späteren Gedichten herausgegeben und uns damit ein literarisches Kleinod beschert.

Frischmuths lyrisches Schreiben treibt in fremde Welten, kreist um Liebe, Krieg, Religion, um das Gewahrwerden der rhythmisch fortschreitenden Zeit, und es geht sanft daran, das ideologische Korsett des Weiblichen aufzuschnüren. Sie erweist sich als gute Beobachterin. Ein klarer, wacher Blick provoziert im Dehnbaren der Wahrnehmung neue Sehraster. Das wird etwa deutlich, wenn die scheinbar klare Ehre-Heimat-Ruhmauffassung nach dem Krieg zum Missverständnis wird. Ghana beginnt man zu erahnen, während die Bestandsaufnahme in Budapest die "Ernte der Geschichte" zeigt. Es ist ein poetischer Suchprozess, der ein Sich-Einlassen auf anderes erzwingt. Das Ver-Rücken der Perspektive, wie man es auch von späteren Texten kennt, bringt oft Unbequemes. Doch Traumpfützen und Bilder voller Zartgefühl tun sich auf, wenn es darum geht, emotionale Räume, Beziehungsgefilde auszuloten.

Dann das "Licht aus Osten", eine poetische Verarbeitung der Eindrücke aus Studienaufenthalten in der Türkei. Kulturelle und historische Wurzeln, gegenwärtige Realität, das einfache Leben "an den Rändern / eingestreuter Wüsten", wo man auch von "verschimmelten Mythen" lebt. Neben Hafiz, Hodschas und dem schillernden Symbol des Halbmondes "anatolische Weite teeblättrig" und Kormorane in den Nomadenzügen. Kolchis gibt es nur noch im Bewusstsein der Katzen, und Medeas Tränen nisten "in den Blüten wilder Rosen". Ein fahler Glanz des Vergangenen findet sich auch in Gedichten über Istanbul, die der Stadt ein vielschichtigeres Idiom geben. Das von den Kuppeln rinnende "Spülicht ... als Stadt verwest und / leidend / an einem Übermaße / der Geschichte / im Zorn Erbrochenes / von dem ein lahmer Staat / sich nährt". Dann der vage Traum vom befestigten Kurdistan, das Los kurdischer Lastenträger und das Bild einer bewaffneten kurdischen Frau, die ohne Schleier im rot-orange leuchtenden Kleid selbstbewusst der Sonne entgegen reitet.

Behutsam schön tönt die Liebe aus dem Afrika-Zyklus, wenn sich der dunkle Kontinent zärtlich "über Europa breitet": "der Abstand war so groß / kaum auszufüllen / aus gestern / übermorgen / und dem Dunst der Nacht / Geliebtes / Haut an Haut / die Worte stoßen sich im Kreise". Und es berührt, was die afrikanische Hebamme über den alltäglichen Rassismus Europas zu sagen hat.

Mit vehementer Kritik begegnet Frischmuth der Religion. Ihr kreidet sie Abgehobenheit und Weltferne an. Die Rede ist vom Schiff, das sich entfernt, ohne seine Passagiere anzunehmen. Ein ketzerischer Geist des Widerspruchs bäumt sich auf im Anschreiben gegen Tabus, gegen Schweigen und Dulden, gegen Erstarrtes und gegen das überhöhte Frausein Marias, die als "Gefäß ohne Lust" gesehen wird.

Bei Frischmuth findet die Kunst immer das Leben. Das Substrat der Realität sickert in Erinnerungen, in Herzmuster oder Reflektiertes. Erstaunlich ist, mit welcher Präzision sie bereits als junge Autorin arbeitet. Frischmuth entlockt der Sprache Bilder von poetischer Leuchtkraft. Assoziative Fortpflanzungen zwischen kulturellen Fenstern fügen sich zu einem leichten lyrischen Gewebe. Daneben gibt es den schlichten Vers, das einfache Wort. Das pointierte Auf-den-Punkt-Bringen eines Gedankens. Hellhörig. Anregend.

Schamanenbaum. Gedichte von Barbara Frischmuth Herausgegeben und mit einem Nachwort von Gerhard Melzer, Droschl Verlag, Graz 2001, 110 Seiten, geb., öS 400,-/e 29,06

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