Lyrik unter Palmen - © iStock / Wildroze
Literatur

Warum es sich lohnt, Lyrik zu lesen

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei Lyrikbände, der eine von Cvetka Lipuš, der andere von Julian Schutting, machen darauf aufmerksam, dass ­dieser literarischen Gattung ­wieder größere Aufmerk­samkeit geschenkt ­werden sollte.

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei Lyrikbände, der eine von Cvetka Lipuš, der andere von Julian Schutting, machen darauf aufmerksam, dass ­dieser literarischen Gattung ­wieder größere Aufmerk­samkeit geschenkt ­werden sollte.

Dass Lyrik in kleinen Textstückchen daherkommt und in unserer schnelllebigen Zeit, wie im Feuilleton der Schweizer Aargauer Zeitung einmal bemerkt worden ist, eigentlich als Lektüre zwischendurch wahrgenommen werden könnte, müsste den modernen Konsumgewohnheiten unserer Gesellschaft prinzipiell sehr entgegenkommen. Und trotzdem sind Gedichte streng genommen noch immer ein Programm für Minderheiten. Wie viel Verdichtung, Sprachbewusstsein und Horizont jedoch darin stecken kann, ­zeigen zwei Bände, die trotz ihrer grundsätzlichen Unterschiede auch so manches gemeinsam haben.

Die in Eisenkappel geborene und schon vielfach ausgezeichnete Autorin Cvetka Lipuš schreibt auf Slowenisch und hat bereits sieben Gedichtbände veröffentlicht. In ihrer erneut von Klaus Detlef Olof übersetzten jüngsten Lyrik „Komm, schnüren wir die Knochen“ präsentiert sie eine neue Sichtweise auf das Leben und übergibt uns mit ihren Gedichten quasi eine „Eintrittskarte in eine neue Geschichte“. Das Ertas­ten unbekannter Wahrnehmungen und der Blick auf den Körper, der „am liebsten den Sternen die Hand“ schüttelt, stehen am Beginn des Bandes. Die Eröffnungstexte mit dem programmatischen Titel „Erwache, Wunde, sagt das Messer“ erzählen von Verwundungen, die bereits verwildern, weil „die Ausstellung der Wortreliquien“ schon geschlossen ist: „Leg brav die Tränenphiole in den Brustkorb, / zwischen all die Dinge, die du im Lauf der Zeit / zerbrochen hast, und zwischen jene grimmigen, die / dich brechen.“ Lipuš bedient sich einer unverbrauchten, anspruchsvollen Sprache, die auf durchaus ungewöhnliche Bildkompositionen setzt.

In ihrer Bezugnahme auf den Philosophen Martin Heidegger, der als Mitglied der NSDAP und Unterstützer nationalsozialistischer Ideen nach dem Zweiten Weltkrieg von der Universität Freiburg suspendiert worden ist, spielt Lipuš auch auf die gemeinsamen Spaziergänge des Philosophen mit Paul Celan in Todtnauberg an, ohne den Dichter explizit zu nennen. Obgleich Heidegger Celan als Autor sehr ­geschätzt hat, spricht er bei ihrem historischen Zusammentreffen an diesem besagten Ort nie das Erklärungswort, das in die Bitte um Verzeihung münden hätte müssen: „zogen da dunkle Gesprächswolken auf, wenn / das Schwert mitten in den Satz fiel? Ins Tal gellt nur / noch das schwarze Rabengezänk über den Köpfen. / Rätselraten über Arnika, über Augentrost, über den Brunnen: / schafft es das Wort bis in die Mitte des Herzens?“ In einem anderen Gedicht aus diesem Zyklus geht es ums Altern, das „die Zellen befummelt“, und die Frage an den Philosophen nach einer ­Anweisung, „wie wir zu sein haben in der begrenzten Zeit“.

Souveräne Metaphorik

Zwölf Gedichte sind an Frau Luna gerichtet, die in vielgestaltigen Formen am Firmament erscheint. Die Anrufung des Mondes mündet in eine poetische Auseinandersetzung mit dem Kosmos, dazu gehört auch eine Wanderung durch das All quer durch Galaxien und Sternennebel. Während die mystische Kraft des Mondes permanent in das Leben strahlt, rührt ­Luna am Aberglauben, irritiert die Schlafenden und beginnt sogar „im Traum leise zu funkeln“.
Lipuš’ Poesie ist immer wieder von einem leichten Prosaduktus getragen und souverän in der Metaphorik. Ihre Lyrik glänzt widerständig. Oft steht Bitteres völlig unerwartet und unmittelbar neben Schönem; das Poetische wird in der herben Wirklichkeit verankert. Auch Vanitasgedanken hinterlassen markante Furchen in den Gedichten. Gelassen entfaltet Lipuš ein Tableau feiner Empfindungen voll leuchtender Intensität: „ein kurzer Moment des Blues, / und alle zusammen stürzen wir / in den Himmel.“

Dass Lyrik in kleinen Textstückchen daherkommt und in unserer schnelllebigen Zeit, wie im Feuilleton der Schweizer Aargauer Zeitung einmal bemerkt worden ist, eigentlich als Lektüre zwischendurch wahrgenommen werden könnte, müsste den modernen Konsumgewohnheiten unserer Gesellschaft prinzipiell sehr entgegenkommen. Und trotzdem sind Gedichte streng genommen noch immer ein Programm für Minderheiten. Wie viel Verdichtung, Sprachbewusstsein und Horizont jedoch darin stecken kann, ­zeigen zwei Bände, die trotz ihrer grundsätzlichen Unterschiede auch so manches gemeinsam haben.

Die in Eisenkappel geborene und schon vielfach ausgezeichnete Autorin Cvetka Lipuš schreibt auf Slowenisch und hat bereits sieben Gedichtbände veröffentlicht. In ihrer erneut von Klaus Detlef Olof übersetzten jüngsten Lyrik „Komm, schnüren wir die Knochen“ präsentiert sie eine neue Sichtweise auf das Leben und übergibt uns mit ihren Gedichten quasi eine „Eintrittskarte in eine neue Geschichte“. Das Ertas­ten unbekannter Wahrnehmungen und der Blick auf den Körper, der „am liebsten den Sternen die Hand“ schüttelt, stehen am Beginn des Bandes. Die Eröffnungstexte mit dem programmatischen Titel „Erwache, Wunde, sagt das Messer“ erzählen von Verwundungen, die bereits verwildern, weil „die Ausstellung der Wortreliquien“ schon geschlossen ist: „Leg brav die Tränenphiole in den Brustkorb, / zwischen all die Dinge, die du im Lauf der Zeit / zerbrochen hast, und zwischen jene grimmigen, die / dich brechen.“ Lipuš bedient sich einer unverbrauchten, anspruchsvollen Sprache, die auf durchaus ungewöhnliche Bildkompositionen setzt.

In ihrer Bezugnahme auf den Philosophen Martin Heidegger, der als Mitglied der NSDAP und Unterstützer nationalsozialistischer Ideen nach dem Zweiten Weltkrieg von der Universität Freiburg suspendiert worden ist, spielt Lipuš auch auf die gemeinsamen Spaziergänge des Philosophen mit Paul Celan in Todtnauberg an, ohne den Dichter explizit zu nennen. Obgleich Heidegger Celan als Autor sehr ­geschätzt hat, spricht er bei ihrem historischen Zusammentreffen an diesem besagten Ort nie das Erklärungswort, das in die Bitte um Verzeihung münden hätte müssen: „zogen da dunkle Gesprächswolken auf, wenn / das Schwert mitten in den Satz fiel? Ins Tal gellt nur / noch das schwarze Rabengezänk über den Köpfen. / Rätselraten über Arnika, über Augentrost, über den Brunnen: / schafft es das Wort bis in die Mitte des Herzens?“ In einem anderen Gedicht aus diesem Zyklus geht es ums Altern, das „die Zellen befummelt“, und die Frage an den Philosophen nach einer ­Anweisung, „wie wir zu sein haben in der begrenzten Zeit“.

Souveräne Metaphorik

Zwölf Gedichte sind an Frau Luna gerichtet, die in vielgestaltigen Formen am Firmament erscheint. Die Anrufung des Mondes mündet in eine poetische Auseinandersetzung mit dem Kosmos, dazu gehört auch eine Wanderung durch das All quer durch Galaxien und Sternennebel. Während die mystische Kraft des Mondes permanent in das Leben strahlt, rührt ­Luna am Aberglauben, irritiert die Schlafenden und beginnt sogar „im Traum leise zu funkeln“.
Lipuš’ Poesie ist immer wieder von einem leichten Prosaduktus getragen und souverän in der Metaphorik. Ihre Lyrik glänzt widerständig. Oft steht Bitteres völlig unerwartet und unmittelbar neben Schönem; das Poetische wird in der herben Wirklichkeit verankert. Auch Vanitasgedanken hinterlassen markante Furchen in den Gedichten. Gelassen entfaltet Lipuš ein Tableau feiner Empfindungen voll leuchtender Intensität: „ein kurzer Moment des Blues, / und alle zusammen stürzen wir / in den Himmel.“

Feinsinnigkeit verbindet ­Cvetka Lipuš’ Lyrik mit den Texten des in Wien lebenden Schriftstellers Julian Schutting.

Feinsinnigkeit verbindet Lipuš’ Lyrik mit den Texten des in Wien lebenden Schriftstellers Julian Schutting. Sein prosalyrischer Gedichtband „Unter Palmen“ führt gleich mitten hinein in die Natur Kaliforniens, nach Palm Springs, wo das lyrische Ich mit der Schwiegertochter Arnold Schönbergs eine von Poesie und Entdeckungsfreude getragene Wanderung durch einen Palmenhain unternimmt. Das gemeinsame Gehen „an einem fremden Ort“ legt „lang Verschüttetes“ frei und gestaltet sich als Gang in den Speicher der Erinnerung. Die Mutter „der Frau an [der] Seite“ hat man „gut gekannt“: „Du weißt nicht, welche Frische sie uns ins Sommer- / frischhaus gebracht hat, wie herzerfreuend / ihr Entzücken an der alten Heimat war.“ Sogar deren „Amerikanisierung“ vermochten die Salzkammerguttage abzustreifen. Mit diesen Erinnerungen thematisiert Schutting zugleich die schmerzvolle Erfahrung des Heimwehs, mit der die Exilanten zu kämpfen hatten. Auch wenn die Palmen irgendwann das Grün des Salzkammerguts ersetzen, ist gewiss: „Sie hat ihr Ausseerland / durch einen Tränenvorhang wiedergesehen.“ Das Wandeln unter Palmen ruft aber gleichzeitig auch Reminiszenzen an große Texte der Literatur wach. Erwähnt werden Lessings „Nathan“, Goethes „Faust II“ oder dessen „Wahlverwandtschaften“. Die Palmen lösen auch vielfältige Reflexionen über die Sprache aus. Schutting lässt sich von der exotischen Vegetation inspirieren und arbeitet zwischen „Wedeln“ und „Halawacheln“ assoziativ erfrischende Austriazismen und Dialektwörter ein.

So wird die Palme zum tragenden Motiv und verbindenden Element dieser vier lyrischen Langtexte. Im Gedicht „An ­Kuba“ besingt Schutting neben den Zigarrendreherinnen beinahe odenhaft den Palmenbaum: „Palmbäume, wie herrlich ach ihr hinansteigt / eure von Buschwerk bewachsenen Hügel, / Sonne durchleuchtet eure Schattenwipfel.“ Die Schätze Kubas, eines Landes mit „fremdem Sternenhimmel“, ­locken mit ihrer Schönheit und Exotik: „Erstmals in einem Land zu sein, / in welchem Zuckerrohr wächst und Sisal / in welchem Papayas kennt ein jedes Kind / [...] aber die Palmen, die herrlichen Palmen, / welche verherrlicht hat ein großer Dichter.“

Schutting verwebt seine Reiseerfahrungen mit historischen, kunstgeschichtlichen und literarischen Reflexionen und wendet sich liebevoll dem Detail zu. So geis­tern Heinrich der Seefahrer und ­Mary ­Vetsera ebenso durch seine poetische Welt wie Gedanken über portugiesische Pilger­nischen und Wallfahrtskirchen. Und was ist eigentlich mit den Palmdieben? Sie werden von den Einheimischen „­Krabben“ genannt, steigen auf die Bäume und schneiden „die Objekte ihrer Begierde
so geschickt los, / daß sie nicht mitstürzen in die Tiefe“.

Die Früchte des Palmbaums

Schutting schreibt sich mit klug versponnenem literarischem Wissen in ­einen durchaus hohen Stil ein: „Endlich heilt das Palmbaumharz / Amfortas’ tiefe Herzenswunde. / Endlich wie die seligen Geis­ter auch wir / ungestraft unter Palmen wandeln. / Endlich trägt der Palmbaum Früchte!“ Parzivals Vergehen heilt das Palmbaumharz. Auch auf die beiden Bedeutungen des lateinischen Wortes „palma“ macht Schutting aufmerksam. Denn früher hat man die Hände zum Rudern benützt, wenn man sich „in einem ausgehöhlten Baumstamm“ aufs Wasser begeben hat. Schutting variiert quer durch Kunst, Kultur und Religion unterschiedliche Geschichten über den Palmenbaum und bringt Erhellendes, Interessantes – gerne auch mit Augenzwinkern – aufs Tapet. Diese Lyrik zu lesen lohnt sich also jedenfalls.

Cvetka Lipus - © Otto Müller 2019
© Otto Müller 2019
Buch

Komm, schnüren wir die Knochen

Gedichte

Von Cvetka Lipuš

Otto Müller 2019

120 Seiten, geb.,

€ 20,–

Unter Palmen - © Jung und Jung 2018
© Jung und Jung 2018
Buch

Unter Palmen

Gedichte

Von Julian Schutting

Jung und Jung 2018

78 Seiten, geb.,

€ 20,–