Lipus.jpg - © APA / BKA / Andy Wenzel
Literatur

Die Gewalt nimmt kein Ende

1945 1960 1980 2000 2020

Der große österreichische Staatspreis für Florian Lipus war längst fällig. Lesenswert ist auch des Autors Buch „Schotter“.

1945 1960 1980 2000 2020

Der große österreichische Staatspreis für Florian Lipus war längst fällig. Lesenswert ist auch des Autors Buch „Schotter“.

Wichtigtuer, Blender und Gschaftlhuber gehören zum selbstverständlichen Inventar der österreichischen Literatur und deren Betrieb. Sie finden auch noch Gehör. Andere arbeiten konzentriert und über viele Jahre an ihrem Werk, drängen sich nicht an die Öffentlichkeit und schreiben nichts, was sich dem flotten Blick gefügig erweist. Wenn so jemand wie Florjan Lipuš auch noch der slowenischen Volksgruppe angehört und seine Bücher in slowenischer Sprache veröffentlicht, bevor sie auf deutsch erscheinen, sieht es nicht gut für ihn aus. Als der 1937 in Südkärnten geborene Autor, der bis zu seiner Pensionierung als Volksschullehrer gearbeitet hatte, im vorigen Jahr den Großen Österreichischen Staatspreis zugesprochen bekam, war das die späte Würdigung eines sträflich Unterschätzten.

Dabei hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, die allesamt hoch gelobt wurden. In ihnen kommt der Gewalt gegen Menschen eine besondere Rolle zu. Sie bildet den Kern eines Werks, das den Einzelnen den Bedrängnissen der Zeit aussetzt und ihn doch nicht als bedauernswertes Einzelschicksal hernimmt. Nicht nur eine Person wird gequält, gedemütigt, umgebracht, sie ist Teil einer Gruppe, die mitgemeint ist. Die Täter werden bestärkt durch ehrwürdige Instanzen, den Staat und die Kirche. Die engstirnigen Dörfler sind im Recht, weil sie die Macht auf ihrer Seite haben. In dem kleinen Roman „Die Regenprozession“ erzählt Lipuš vom grauenhaften Tod einer jungen Frau, die als Hexe angeklagt ihr Recht auf das Leben verwirkt hat. „Spät, sozusagen im letzten Abdruck, hatten nun die Dörfler, die schon lange auf eine eigene Hexe lauerten, ihren Tag und verbrannten sie rasch und möglichst geräuschvoll und feierlich am Scheiterhaufen.“

Wichtigtuer, Blender und Gschaftlhuber gehören zum selbstverständlichen Inventar der österreichischen Literatur und deren Betrieb. Sie finden auch noch Gehör. Andere arbeiten konzentriert und über viele Jahre an ihrem Werk, drängen sich nicht an die Öffentlichkeit und schreiben nichts, was sich dem flotten Blick gefügig erweist. Wenn so jemand wie Florjan Lipuš auch noch der slowenischen Volksgruppe angehört und seine Bücher in slowenischer Sprache veröffentlicht, bevor sie auf deutsch erscheinen, sieht es nicht gut für ihn aus. Als der 1937 in Südkärnten geborene Autor, der bis zu seiner Pensionierung als Volksschullehrer gearbeitet hatte, im vorigen Jahr den Großen Österreichischen Staatspreis zugesprochen bekam, war das die späte Würdigung eines sträflich Unterschätzten.

Dabei hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, die allesamt hoch gelobt wurden. In ihnen kommt der Gewalt gegen Menschen eine besondere Rolle zu. Sie bildet den Kern eines Werks, das den Einzelnen den Bedrängnissen der Zeit aussetzt und ihn doch nicht als bedauernswertes Einzelschicksal hernimmt. Nicht nur eine Person wird gequält, gedemütigt, umgebracht, sie ist Teil einer Gruppe, die mitgemeint ist. Die Täter werden bestärkt durch ehrwürdige Instanzen, den Staat und die Kirche. Die engstirnigen Dörfler sind im Recht, weil sie die Macht auf ihrer Seite haben. In dem kleinen Roman „Die Regenprozession“ erzählt Lipuš vom grauenhaften Tod einer jungen Frau, die als Hexe angeklagt ihr Recht auf das Leben verwirkt hat. „Spät, sozusagen im letzten Abdruck, hatten nun die Dörfler, die schon lange auf eine eigene Hexe lauerten, ihren Tag und verbrannten sie rasch und möglichst geräuschvoll und feierlich am Scheiterhaufen.“

Florjan Lipuš hält sich zurück, eine Anschaulichkeit herzustellen, die dem Leser eine Einladung in eine fremde Wirklichkeit bieten würde.

Erste größere Aufmerksamkeit erhielt Florjan Lipuš, als sich Peter Handke für den Roman „Der Zögling Tjaž“, an dessen deutscher Übersetzung er sich beteiligte, stark machte. Als Internatsschüler widersetzt sich der Jugendliche Repressionen, die man als Erziehung schönredet, indem er von seiner Fähigkeit, Gegenstände aus größerer Entfernung zu zerkratzen, Gebrauch macht. Er wird der Schule verwiesen und begeht Selbstmord.

Eine Geschichte allein besagt bei Lipuš noch gar nichts. Die, mit denen er aufwartet, hätten allein schon die Kraft, einem die Fassungslosigkeit über die Perfidie von Macht beizubringen. Aber das bringen Sachtexte auch recht gut zuwege. Lipuš legt intensiv bearbeitete, allen Schmucks beraubte Sprachkunstwerke vor. Seine Texte sind reflexionsgesättigt, gehen über Abbild, Beschreibung und Wiedergabe von Erlebtem weit hinaus. Er hat sich eine eigene Form von Denkerzählung erarbeitet, die es ihm erlaubt, über ihn heftig zusetzende Angelegenheiten nüchtern und distanziert zu schreiben. Das heiße Herz wird gebändigt durch den scharfen Verstand. Es ist dieser Literatur anzusehen, dass es schmerzt, jene aus den Tiefen des Vergessens zu bergen, die sich der unermüdlichen Drangsal von Menschen erdachter Grausamkeit ausgesetzt sehen.

Gabe der Empathie

Lipuš entgeht der Erinnerungsfalle, die einem Autor so gerne weismacht, dass Vergangenheit durch Eintauchen in lang verstrichene Begebenheiten wiederzubeleben sei. Die Erzählung „Seelenruhig“ beschäftigt sich mit der eigenen Kindheit und Jugend, von einem Schwelgen in Erinnerung kann nie die Rede sein. Glücksmomente wie die Entdeckung der Liebe finden Eingang ins Buch, werden konterkariert von den Schrecken der Geschichte. Dass die Mutter von den Nazis ermordet wurde, kann er nicht auf sich beruhen lassen.

Nie wird Lipuš in seinem jüngsten Buch „Schotter“ persönlich. Dass es sich um eine Suche nach der verlorenen Mutter handeln könnte, steht nirgends geschrieben. Sie wurde ins KZ Ravensbrück verbracht, nachdem sie Nazis versorgt hatte, die sich fälschlich als Partisanen ausgegeben hatten. Überhaupt kommen Personen anders denn als Kollektiv kaum vor. Vor allem die Dörfler sind eine dumpfe Masse. Der Text ist derart entpersonalisiert, dass die paar Personen, die überhaupt als Einzelne wahrgenommen werden, keinen Namen bekommen. Zwei Enkelkinder ragen heraus, die die Nähe ihrer Großmutter suchen, die sie nie gekannt haben, weil sie bereits vor deren Geburt ermordet worden war.

Die beiden sind Teil einer „Gedächtnismarsch“-Gruppe nach Ravensbrück. Sie sind nicht geformt durch die Erinnerungskultur, ein magisches Denken hat noch von ihnen Besitz ergriffen. Und sie sind ausgestattet mit der Gabe der Empathie. „So lädt die Großmutter im Steinbruch noch und noch Gestein auf das Gefährt, und der Knabe und das Mädchen spüren, wie ihnen Schwielen an ihren Handflächen wachsen, was sie bis jetzt kein einziges Mal beobachtet hatten.“ Sie spüren ihre Füße wie sie die Häftlinge gespürt haben, als sie stundenlang auf dem Appellplatz regungslos ausharren mussten, um erschossen zu werden, sobald einer Wächterin die Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere auffiel.

Mit diesem Buch durch ein Leben

Die beiden Kinder bleiben isoliert von den anderen Marschteilnehmern, die zwar erschüttert sind, aber erfahrene Gewalt nicht in einem Akt vorbewusster Empfindung nachleben. Als Rückkehrer von der Gedenkstätte haben sie sich alle von der Dorfgemeinschaft absentiert. Die ist nämlich gespalten, besteht aus jenen, die Opfer zu beklagen haben, und den anderen, die die Vergangenheit ruhen lassen wollen. Aus gutem Grund, weil sie als Denunzianten, Gaffer, möglicherweise Täter dem „Mördergeschlecht“ angehören. Sie fühlen sich unwohl in der Gesellschaft der Anderen, dem personifizierten schlechten Gewissen. Die „wissen noch nicht, dass sie durch ihr Dasein das Kainsmal in den Umriss des Dorfes zeichnen“. Geschichte wird bei Lipuš nicht zu etwas Abgeschlossenem aus einer fernen Zeit, sie hat das Zeug dazu, als Wiedergängerin erneut in die Dörfer einzubrechen. „Man wartet, dass die Zeit reif wird und der Nachbar wieder gegen den Nachbarn Anzeige erstatten wird.“

Florjan Lipuš hält sich zurück, eine Anschaulichkeit herzustellen, die dem Leser eine Einladung in eine fremde Wirklichkeit bieten würde. Seine Prosa begibt sich auf ein Abstraktionsniveau, auf welchem sich Erlebtes von der Gefühlsebene löst. Was geschieht, wird zum Anlass genommen, allgemein Verbindliches daraus zu gewinnen. „Die Menschen hassen die, welche die Wahrheit sagen, weil sie nie schuld sein wollen. Sie suchen den Grund nicht in sich selbst, sondern draußen in der Welt.“ Das ist ein Buch, mit dem man durch ein Leben gehen kann.

Schotter - © Jung und Jung
© Jung und Jung
Literatur

Schotter

Von Florjan Lipuš

Aus dem Slowen. von Johann Strutz

Jung und Jung 2019.

140 S., geb., € 20,–