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Eine Beichte ah Anklage und Aufschrei

Der Kult des Anderl von Rinn gehört der Vergangenheit an. Das Deckenfresko in der Kirche von Judenstein in Tirol, das das kleine Anderl zeigt, kurz bevor ihm von Juden mit dem dünnen Messer die Kehle durchgeschnitten wird, ist seit 1985 überdeckt und die Reliquienfigur beerdigt. Im Denken ist es noch da. Ingrid Strobls neuestes, bewegendes Buch „Anna und das Anderle” geht Anderles Präsenz im Denken nach.

Lange hat es gedauert, bis die Sistierung des Anderle-Kults Wirkung zeigte. In der profunden Dokumentation „Judenstein. Das Ende einer liegende”, die von der Diözese Innsbruck herausgegeben wurde, wird die beispiellose Geschichte dieses Kultes in Beziehung zum kirchlichen Umgang mit dem Judentum gesetzt. Zum Beispiel werden keineswegs die bedenklichen Äußerungen von Bischof Paul Busch verschwiegen. Busch hatte sich bereits nach der Befreiung teilweise gegen den Anderle-Kult ausgesprochen, auf einen kritischen Brief von Albert Massiczek aber geantwortet, „daß es immerhin die Juden waren, die unseren Herrn Jesus Christus gekreuzigt haben”.

Die Verehrer des Anderle von Binn taten auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus so weiter, als ob nichts geschehen wäre, als ob nicht Millionen Juden ermordet worden wären. Noch im Juli 1945 fand eine Anderle-Prozession statt, weitere wurden von Bischof Busch untersagt. Erst 1954 wurden die An-derle-Spiele in Rinn, die als einziges katholisches Laientheater auch in der NS-Zeit zu sehen waren, nicht verboten, sondern bloß auf einen Fünf-Jahre-Intervall beschränkt. 1961 verschwand die Figurengruppe auf dem Judenstein, die Streichers antisemitischer Hetzschrift „Der Stürmer” alle Ehre gemacht hätte, und 1985 sorgte Bischof Stecher in seiner Ankündigung der endgültigen Aufhebung des Kultes für Diskussionen, die weit über die Grenzen Tirols hinausreichten.

Der Andreas von Rinn ist ein „Märtyrer aus der Retorte”, die gut erfundene Geschichte eines gewissen Hippolyt Guarinoni, der viel war, aber sicher kein Humanist, und der es zuwege brachte, daß sich die Einwohner 150 Jahre nach dem vermeintlichen Mord im Jahr 1619 plötzlich zu erinnern begannen. Dieser Makel störte durch Jahrhunderte niemanden: „Je mehr über den ,Mord' geredet, gepredigt, geschrieben wird, je mehr das Geschehen durch Spiel, Gesang, Liturgie, Wallfahrt und Bilder internalisiert wird, desto größer wird die historische Glaubwürdigkeit einer Legende, bis diese schließlich als gesichertes Faktum ausgewiesen werden kann”, faßt Michael Langer in der Dokumentation „Judenstein” das Phänomen zusammen.

■ Nicht alle Kinder, die in Schulaus-flügen mit der Legende vom Kind einer Taglöhnerin, das vom Taufpaten an Juden verkauft und bestialisch ermordet wurde, sehen sich als Opfer eines antisemitischen Volksglaubens, der eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit dem Judentum erschwert. Anna tut es und Anna rechnet mit ihrer Vergangenheit ab. Die Begegnung mit der Legende setzt Ingrid Strobl in ihrer Recherche „Anna und das Anderle” an den Beginn ihres Buches und schafft damit ein eindringliches Beispiel von jener fatalen Prägung kindlicher Vorstellungen, von denen auch Bischof Stecher spricht, wenn er meint, daß diese Geschichte „schon in Kinderherzen ent-

sprechende Gefühle geweckt hat ... und daß heute im Zuge der ganzen Auseinandersetzung wiederum hintergründige Vorteile dieser Art auftauchen”.

Die Konfrontation mit dem Anderl ist der Katalysator für die Familienkonflikte der zentralen Figur von Ingrid Strobls Becherche. Anna „hat das Gefühl, daß sie ihren Eltern, wenn es um das Anderle geht, nicht trauen kann”. Eva, die Schulfreundin, weiß, wie sie ihre Eltern einschätzen kann, denn wenn ihr Vater einen „Saujuden” trifft, dann schlagt er ihn tot. Die Ungewißheit macht Anna angst, und als sie weinend nach Hause kommt, tröstet sie ihre Mutter nicht und meint nur, daß alles nicht wahr ist. Beide Mädchen haben ein Geheimnis, von dem sie in der Schule nicht reden dürfen, das Geheimnis der Partei der Väter. Anna darf in der Weih-nachtsaufführung der Roten Falken einen Engel spielen und muß entdecken, daß Evas Vater in einer ganz anderen Partei war.

Das „heilige Land Tirol” in den fünfziger Jahren, ein grandioser Einstieg in eine Abrechnung. Anna kehrt als erwachsene Frau, die längst in Deutschland als Buchhändlerin lebt, in ihre Heimat zurück, nicht als Touristin, sondern „um den Schlamm zu erkennen und abzukratzen, der an ihren Wurzeln hängt”. Anna wird bewußt, daß ihre Vergangenheit sie derart geprägt hat, daß sie auch dann, als sie bereits längst geglaubt hatte, abgerechnet zu haben, Antisemitin im Gewand des Antizionismus geblieben ist.

Negative Heimatgeschichte

Neudeutsch ist Annas Unternehmen als Outing bekannt, wobei es die Autorin offen läßt, wie weit hier auch ein Stück der eigenen Geschichte bewältigt wird. Angesichts der Wur-

zeln von Anna, die nicht nur in antisemitischem Staub, sondern auch in katholischer Erde gelegen sind, wird ihre Recherche zu einer beredten Beichte, bei der persönliche Betroffenheit und verständliche Wut über manche Schwächen hinwegsehen lassen. Anna kommt nach Tirol zurück, um negative Heimatgeschichte zu betreiben und Anna „beichtet” ihrer jüdischen Mitschülerin, der verstorbenen Mutter, die in dieser Becherche jedoch wie alle anderen Adressanten im schematischen Dunkel bleiben.

Anna, beziehungsweise Ingrid Strobl konfrontiert die L'serin, den Leser mit einem vollkommen anderen Land unter dem Hafelekar und der Frau Hitt, einem Land, das vielleicht in historischen Detailstudien über den Nationalsozialismus bereits ausgelotet ist, dessen antisemitische

Vergangenheit und Gegenwart in ihrer ganzen Verlogenheit und Brutalität jedoch nicht wahrgenommen wird. In keiner Sprache kann man so rhythmisch, so herzhaft, so natürlich „Saujud drekata” dahersagen: „Das ist gewachsen in Jahrhunderten, das stichelt, das hetzt, das lauert, allzeit bereit, aufs Pogrom, Mander s'isch Zeit.”

Wo auch Anna auf ihrer Beise hält, der Antisemitismus schlägt durch, im erzählten Alltag, wenn ein Bub, der in der Schule das „Juden-kapperl” trägt, die Pausenmilch vom Boden aufschlecken soll, bei den geliebten Sangen, wo der Boden in Völs solange unfruchtbar blieb, bis die Juden einsahen, daß für sie hier kein Platz sei und selbst beim Nationalhelden Andreas Hofer. Im April 1809 regierte er kurze Zeit die Stadt und in diesem April wurden auch

Alles über Baumschnitt

Immer mehr Städter treibt es zur Gärtnerei. Irgendwann fällt das Stichwort Obstbaumschnitt. Der Laie geht an keine gärtnerische Tätigkeit mit mehr Ängsten heran. Werner Funke sagt in seinem bewährten, gründlich überarbeiteten Buch dem Anfänger nicht nur, was zu tun ist, sondern auch genau, warum. So vermittelt er nicht nur Können, sondern auch Wissen, und zwar auf klare, nachvollziehbare Weise. Wobei aber das Technische keineswegs zu kurz kommt. Funke hat ganz einfach die Souveränität des Erfahrenen und Könners. Wer sein Buch nicht nur schnell zum Nachschlagen benützt, sondern liest, kann sich viele Fehlschläge ersparen.

OER OBSTGEHÖLZSCHNITT

Obstbäume und Beerensträucher zweckmäßig schneiden und erziehen Von Werner Funke. BLV Verlag, München 1995. 152 Seiten, 175 Farbfotos, 264 Schwarzweißfotos, Kl, öS 311,-

Besiegt und befreit

Die „Totenköpfe” seien nun wirklich fertig und ein „ganz lustiges Bild” geworden, schreibt der Maler Max Beckmann am 10. April 1945 in Amsterdam ins Tagebuch. Hei-mito von Doderer beobachtet .am selben Tag in Flensburg, daß das „elementarische Bedürfnis nach dem Genuß des Lebens schwer zu analysierende Mischungen aus Besten von Botwein und Schnaps und irgendwelchen Farbstoffen und Parfüms zusammengießt” und Konrad Adenauer bittet Hertha Kraus in .den USA, ein Opfer zu bringen und nach Deutschland zu kommen. Entnommen einem Büchlein voll mit solchen Splittern, von Bekannten und Unbekannten, voll von Untergangsstimmung und Hoffnung.

BESIEGT UND BEFREIT

Stimmen vom Kriegsende 1945. Herausgeber: Gerhard Hirschfeld Irina Renz. Bleicher Verlag, Gerlingen 1995. 152 Seiten, Kl, öS 219,-

Kein spanisches Dorf

In der Reihe „dtv zweisprachig” liest man auf die bewährte Weise, links im Original, rechts in deutscher Übersetzung, sonst literarische Texte. Das neue Bändchen der spanischen Beihe hingegen enthält eigens geschriebene kurze Lesestücke einer Autorin, die jahrelang in Hamburg spanische Sprache und Kultur.lehrte. Sie hat aber offensichtlich auch viel gelernt. Nämlich Didaktik. Ihre Texte eignen sich vorzüglich für mäßig Fortgeschrittene, enthalten eine Fülle interessanter Informationen über das heutige Spanien, seine Geschichte und seine für Fremde mitunter schwer erfaßbare Mentalität. Auf daß uns Spanien kein „spanisches Dorf” bleibe...

H. B.

BALBANICO ESP AN OL ■ SPANIEN IN KLEINEN GESCHICHTEN Erzählt von Mercedes Mateo Sanz, ■ deutsch von Birgit Heerde, dtv zweisprachig, Deutscher Taschenbuchverlag, München 1995-120Seiten, öS 85,-

die fünf Wohnungen und drei Geschäfte der in Innsbruck lebenden Juden gestürmt und geplündert. Daß Hofer in Mantua von einem jüdischen Rechtsanwalt, Gioacchino Ba-sevi, vertreten wurde, während alle anderen der Zunft sich strikt geweigert hatten, ihm Bechtsbeistand zu gewähren, paßt nicht ins Bild, das die Tiroler von ihrem Freiheitshelden haben wollen und wird daher verdrängt.

Alles Fremde ist suspekt

Wer in diesem Land Hofer heißt, braucht sich in der Folge vor Verfolgung nicht zu fürchten, selbst wenn er Gauleiter gewesen ist. Franz Hofer, dessen Beerdigung für die Tiroler Tageszeitung auch 1975 noch Grund genug war, sich eines aufrechten Tirolers zu erinnern, der seiner Politik eine starke persönliche Tiroler Note gegeben hatte. „Drei Juden haben sie umgebracht in der Pogromnacht, achtzehn mißhandelt, die aufrechten Tiroler unter ihrem Gauleiter Hofer ...” schreibt Ingrid Strobl und geht mit den Tirolern hart ins Gericht, alles Fremde sei ihnen suspekt und „die einzigen fremden Ideen, die sie je übernommen haben, waren der moderne, der rassistische Antisemitismus und schließlich der Nationalsozialismus.”

Sie bleibt bei ihrer Becherche nicht bei Sagen, Kultfiguren und „ehrenwerten Männern” stehen, sondern macht auch nicht vor ihrer eigenen Geschichte halt. In ihrer literarischen Beichte scheut sie sich nicht, Begriffe zu verwenden, die im rationalen Diskurs keine Bolle spielen können: Heimat und Schuld sind zwei dieser Brennpunkte. Anna meint nicht irgendeine anonyme Schuld, sondern ihre persönliche Schuld als Nachgeborene, und dabei verhält es sich wie mit dem Erleben des Anderl von Binn: Nicht jeder, der auf Schulausflug hier Halt gemacht hat, sieht sich als Opfer, Anna jedoch spricht darüber wie über ihre Versäumnisse. „Ich bin, als Österreicherin, aufgewachsen unter Akteuren und Profiteuren des Massenmordes und habe mich, als ich mich politisierte, empört über den Schah und über die Amis, die griechischen Obristen und spanischen Faschisten, nie aber habe ich mich über lange Jahre, in diesem Ausmaß empört über die Mörder und Nutznießer des Mordens, die hier vor meiner Nase lebten, die nie belangt wurden, oder wenn, dann gleich wieder amnestiert und zu Stützen der Gesellschaft wurden ...”

Strobls Recherche ist ein emotionaler Aufschrei gegen die Verlogenheit und ein Versuch, eine andere Standortbestimmung der Heimat jenseits der Verklärung vorzunehmen. Denn „das alles zusammen ist dann wohl Heimat, das was du willst und das was du nicht willst. Du kannst diese Heimat verlassen und trotzdem hängt sie dir an, und du wirst auch niemals die Verantwortung los für das, was sie anderen Menschen antut, was sie ihnen, wenn du nicht laut und deutlich Einspruch dagegen erhebst, auch in deinem Namen antut.” Und dieses Diktum beschränkt siel} nicht nur auf die Vergangenheit.

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