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Hinweis auf einen Sprachhygieniker

1945 1960 1980 2000 2020

Lyrik im Allgemeinen stellt sich auch immer wieder der Frage nach Gott. Religiöse Lyrik erst recht. Abseits von modischer Verzweckung - etwa in der Liturgie - müht sie sich um den Mut zum Sagen, Benennen, Rufen. Das gilt auch für die Gedichte von Andreas König.

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Lyrik im Allgemeinen stellt sich auch immer wieder der Frage nach Gott. Religiöse Lyrik erst recht. Abseits von modischer Verzweckung - etwa in der Liturgie - müht sie sich um den Mut zum Sagen, Benennen, Rufen. Das gilt auch für die Gedichte von Andreas König.

Unnütz und unverzichtbar zugleich" hat Hilde Domin (1909-2006) in ihrem (für mich zeitlos aktuellen) Aufsatz von 1968 "Wozu Lyrik heute? Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft" Lyrik genannt - und damit dem seinerzeit vielbemühten Wort Adornos widersprochen, es sei "barbarisch", nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben. Einen "heiklen Balanceakt" leistet der Lyriker nach Domin: Er müsse den "Mut zum Sagen", den "Mut zum Benennen" und den "Mut zum Rufen" haben. Und: "Er ist mehr als jeder andere ein Sprachhygieniker."

Lyrik lesen - ist reine Zeitverschwendung, im wörtlichen Sinn. Das weiß, wer sich diesen Luxus leistet. "Lyriker", so der hochbetagte Religionspädagoge Otto Betz mit Blick auf Reiner Kunze, "haben es in unseren Zeiten nicht leicht. Wer nimmt sich schon die Zeit, diese knappen Notate geruhsam zu entschlüsseln, sie in sein Leben zu übertragen."

Gedichte als Gottesschimmer

Für religiöse Lyrik trifft dies erst recht zu. Zumal gerade im kirchlichen, noch mehr im liturgischen Kontext große Namen wie Rose Ausländer, Hilde Domin oder Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann, Christine Busta, Marie Luise Kaschnitz oder Christine Lavant, Paul Celan, Heinrich Böll oder Kurt Marti, Dorothee Sölle oder Silja Walter in den letzten Jahrzehnten vereinnahmt, um nicht zu sagen "verwurstet" und damit oft trivialisiert worden sind. Durch kontextlose Verwendung sind sie zur liturgischen Gebrauchsware geworden. Eine Verzweckung, gegen die sich ein Gedicht, einmal in die Welt entlassen, nicht wehren kann: ausgequetscht wie eine Zitrone, missbraucht, weil zur Behübschung verwendet.

"Gottesschimmer" nennt sich ein Prospekt des Verlags Echter (Würzburg), der zeitgenössische Autorinnen und Autoren religiöser Lyrik vorstellt: Simon Yussuf Assaf, Andreas Knapp, Maria Anna Leenen, Ilka Scheidgen, Lisa F. Oesterheld, Giannina Wedde, Thomas Schlager-Weidinger, Wolfgang Metz, Helga Unger, Marlene Giesinger, Esther-Beate Körber, Andreas Peters, Engelbert Birkle, Thomas Köppl & Franz Reitinger, Katharina Seidel, Christian Teissl, Klemens Nodewald, Andreas König, Werner Kallen, Heidrin Bauer, Hildegard Aepli, Gretel Winterling, Rudolf Henz, Johannes Lieder. Keine Namen, die es mit den "Großen" aufnehmen können - und es sind Namen mit oft nur kleiner Lesergemeinde. Aber: Es gibt sie, Autorinnen und Autoren, die sich in religiöser Lyrik üben - und das ist eine Bereicherung, wenn auch nicht unbedingt für den etablierten "Literaturbetrieb".

Vom Verlag Echter (2010: "Gespräche am Jakobsbrunnen"; 2013: "Der alte König des Maronenhains") inzwischen zu dem kleinen, im niederbayerischen Passau beheimateten Verlag Ralf Schuster gewechselt ist Andreas König. Nach "Zwischentoren" (2016) hat er dort seinen zweiten Band veröffentlicht: "Im Kreuzgang". Die Gedichte auf 98 Seiten sind nicht expressis verbis als religiöse Lyrik ausgewiesen. Aber sie weisen sie auf Tiefendimensionen des Alltags hin, welche geschulte oder neugierige Leserinnen und Leser mit der Transzendenzfähigkeit des Menschen verbinden würden.

Ein Igel - eingerollt in seine Verse

Andreas König heißt eigentlich André van Wickeren. Er arbeitet in eigener Praxis als Psychologe und Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche in Isny im Allgäu. Außerdem hat er eine Ausbildung als Krankenpfleger absolviert. Das Pseudonym braucht er offenbar, er hat es aber auch selbst gelüftet. Auf seiner Website informiert er darüber (andreaskoenig-lyrik.de/).

Gedichte schreiben scheint eine Art Psychohygiene für den 1967 Geborenen zu sein. Er konvertierte im Oktober 2008 zum katholischen Glauben, zufällig am Geburtstag seiner Mutter. "Fußgänger des Worts" ist nicht nur der Titel des ersten Gedichtes der "Gespräche am Jakobsbrunnen". Es könnte so etwas wie seine Visitenkarte sein: Ein Leisetreter /auf dem Pflaster der Sprache, / ein Igel // Eingerollt in seine Verse, / behauptet er / ihren Sinn.

Es sind kleine, oft unscheinbare Beobachtungen, bei Wanderungen oder auf Reisen, die Andreas König animieren: Im Schauen und Wahrnehmen entstehen seine Gedichte, in der Natur hauptsächlich, aber auch an Orten des Lebens wie Bahnhöfen oder hektischen Plätzen. Begegnungen sind beschrieben wie jene am Jakobsbrunnen, wo Augen aufgingen, wo Einsicht wuchs: Gedichte als Mäeutik, der Lyriker als Hebamme, die Erkenntnisse zutage fördert oder dazu anstiftet.

Dass sich "leidenschaftliche Gottesrede"(wieder) in Gedichte traut, markiert die heutige Sehnsucht nach authentischer religiöser Erfahrung. Nach seinem Pseudonym befragt, erhielt ich von Andreas König einmal die Antwort: "Johannes Scheffler war evangelisch und konvertierte später. Als Mystiker nannte er sich bekanntlich Angelus Silesius. Ich nenne mich König -weil ich die Sterne der Stille wohl richtig gedeutet habe und weil das Kind an der Krippe mich zu einem König gemacht hat." Von seinem Brotberuf her ist Andreas König alias André van Wickeren Realist genug, dass ihn der Blick nach oben zum Blick nach innen und nach unten zwingt, auf diese Welt, ihre Abgründigkeiten und ihre Traumatisierung. Auch davon erzählen seine Gedichte.

Blick nach innen und unten

Dem jüngsten, schmalen Gedichtband mit Fotografien von Florian van Wickeren, einem der drei heranwachsenden Söhne des Autors (die alle keine akademischen Ambitionen an den Tag legen), ist "anstelle eines Nachworts" ein kurzer Text angefügt: "Wie ein Gedicht entsteht". Man wird fündig: "Eindrücke, die mich nicht loslassen, sind oft die Keimzelle eines Gedichts. Eine knappe Woche später meldete sich die Zeile: Die Tür zum Bild /stand auf. Was zunächst wie eine nüchterne Beschreibung klang, entpuppte sich als treffende Beschreibung für jenen inneren Zustand, in dem ich mich befinde, wenn ich zu schreiben beginne. Dann steht ,die Tür' auf - zu einem Bild, das sich bereits geformt hat oder noch dabei ist, es zu tun. Diese Verknüpfung hatte ich nicht beabsichtigt; sie wurde (mir) geschenkt. Augenblicklich trat meine ursprüngliche Absicht, also das, worüber ich hatte schreiben wollen, in den Hintergrund. Bald fügte sich an jene erste eine weitere Strophe: Die Wolken /zogen Zeilen. Dieser Einfall fügt den Eindruck des Himmels und die Absicht des Gedichts, nämlich, von seiner Entstehung und seinem Verhältnis zum Autor zu sprechen, zusammen. Auf dem Fuße folgte die dritte und bereits letzte Strophe: Die Jungfrau kam / zum Kind. So war ich zu einem Gedicht gekommen, das ausdrückte, was beim Schreiben von Gedichten manchmal geschieht."

Im Kreuzgang Gedichte. Von Andreas König Ralf Schuster Verlag 2018 103 Seiten, 14 Abb., kt., € 18,60

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