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Vom Aufbruch in seelische Tiefen

Hans Kaltneker ist nach wie vor ein Stiefkind der Literaturgeschichte, namentlich in Deutschland, wo die meisten Darstellungen ihn nicht einmal anführen, und wenn, dann wird sein Name falsch geschrieben. Und doch ist Kaltneker einer der bedeutendsten Vertreter des Expressionismus in Osterreich, obwohl er schon im 24. Lebensjahr an der Schwindsucht starb.

Als Sohn des altösterreichischen Stabsoffiziers und späteren Generals Arthur Kaltneker von Wahlkampf am 2. Februar 1895 in Temesvar im Banat geboren, kam der Knabe Hans mit seiner Familie bald nach Wien, wo er das Hietzinger Gymnasium besuchte. Hier wurden ihm seine Mitschüler Hans Flesch von Brunningen und Paul Zsolnay, der spätere bekannte Verleger, zu Freunden, mit denen gemeinsam er die hekto-graphierte Zeitschrift „Das neue Land” herausgab. Der künstlerisch schon früh sehr aufgeschlossene Student war an vielen Abenden in der Oper und im Hofburgtheater zu finden, wo ihn vor allem die Schauspielerin Else Wohlgemut immer wieder begeisterte. Der Verehrten widmete er seine neun Sonette „Tasso an die Prinzessin”.

Schon damals wußte er von seiner zu jener Zeit noch unheilbaren Tuberkulose, was schon die Verse des fünften Sonetts aussprechen: „Ich kenne langer Fieber schwarze Glut, / der Krankheit Brot fraß ich in vielen Jahren, / zum Lager riß der Tod mich an den Haaren, / und ich erbrach in Qual mein letztes Blut.” /

In einem Sanatorium in Davos suchte er Linderung seines Leidens und traf dort mit dem um fünf Jahre älteren Dichter Klabund zusammen, der dann 1928 gleichfalls seiner Lungenkrankheit erlag.

Die Begegnung mit dem Burgtheater regte Kaltneker zunächst zu dramatischen Arbeiten an. Noch als Gymnasiast entwarf er die Dichtung „Herre Tristrant”. Die Dramen des Dichters wurden erst einige Jahre nach seinem Tode in Wien aufgeführt: „Die Opferung” 1922 im Deutschen Volkstheater, „Das Bergwerk” 1923 im Raimundtheater, „Die Schwester” 1923 in der Renaissancebühne. Paul Zsolnay gab unter dem Titel „Dichtungen und Dramen” 1925 einen Sammelband seines Jugendfreundes heraus, zu dem Felix Saiten eine Einleitung schrieb. „Stirb und werde!” könnte man als Motto diesen Dramen voranstellen, in denen der Mensch immer für die Menschheit steht. Erlösung ist das Grundmotiv. Wer aber erlösen will, muß das Leid der Welt auf sich nehmen. Der junge Kaltneker, dessen Altersgenossen von der Schulbank in die Schützengräben des Ersten Weltkrieges mußten, hatte nie eine Waffe in der Hand gehabt, er rang in seinen Dichtungen um inneren Frieden, zu dem seine Gestalten meist erst durch das Tor des Todes gelangten: „W ir werden nicht geboren, um zu sterben, wir sterben, um geboren zu werden.”

Opfer, Liebe, Glaube und Gnade sind die großen Themen. Und wie der Erlebnisgehalt, so die Form. Sein Stil weist die Merkmale expressionistischen Sprachwillens auf: Bewegtheit und Wucht, Konzentration auf das Wesentliche, Hang zu ekstatischen Bildern und Vergleichen.

Der Erzähler steht hinter dem Dramatiker nicht zurück. Seine Erzählungen „Die Liebe”, „Die Magd Maria”, „Gerichtet! Gerettet!” sind zusammengefaßt in dem Bande „Die drei Erzählungen” (1929). Sie suchen alle nach einem neuen Verhältnis zum Menschen und zu Gott, sie drängen über jeglichen Relativismus und Asthetizismus hinaus zum Aufbruch seelischer Tiefen. Die letztgenannte, die ursprünglich „Frohe Ostern!” heißen sollte, ist die künstlerisch bedeutendste. Die Wandlung eines kleinbürgerlichen Jedermann zur ■ Erkenntnis seines verfehlten Daseins mündet in einen apokalyptischen Schluß, an dem ein bei lebendigem Leibe Verwesender in eine jenseitige Wesenheit geführt wird. Es gibt kaum eine Prosadichtung in der expressionistischen Ära, die sich in ihrer Tiefenwirkung mit dieser Erzählung vergleichen ließe.

Der Lyriker Kaltneker ist schon von Gottfried Benn anerkannt worden, indem er ihn mit vier Gedichten in seine Anthologie „Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts” (1955) aufnahm. Ebenso scheint er 33 Jahre später auf in dem von Ernst Fischer und W ilhelm Haefs herausgegebenen Band „Hirnwelten funkeln, Literatur des Expressionismus in Wien” (1988). Neben zwei Gedichten ist hier auch ein Ausschnitt aus dem Drama „Das Bergwerk” abgedruckt. Einer Untersuchung der expressionistischen Dichtung aus dem Donauraum widmet Theodor Sapper seine Publikation „Alle Glocken der

Erde” (1974), wo er auch Kaltnekers gedenkt. Nur ein Jahr darauf veröffentlicht Nikolaus Britz das Buch „Expressionismus und sein österreichischer Jünger Hans Kaltneker” (1975), mit Proben aus Lyrik und Novellistik des Dichters und dem Nachdruck des Dramas „Das Bergwerk”.

Das größte Verdienst um die Wiederbelebung der Dichtungen Kaltnekers hat sich seinerzeit der inzwischen verstorbene Literaturhistoriker Hellmuth Himmel in Graz erworben, der in der leider nicht mehr bestehenden Reihe „Das österreichische Wort” der Stiasny-Bücherei den Band „Gerichtet! Gerettet!” (1959) herausgab, der einen guten Einblick in Wesen und Werk des Dichters gewährt, der 1919 im niederösterreichischen Gutenstein seinem Lungenleiden erlag und im selben Friedhof ruht wie Ferdinand Raimund.

Diese kurzen Betrachtungen dürften erweisen, daß Josef Nadlers Behauptung, der Expressionismus in Österreich sei „dem Geist des Landes völlig ungemäß” (im IV. Band der „Literaturgeschichte des deutschen Volkes”, 1941) unrecht hat. Eine stattliche Reihe österreichischer Autoren (um nur einige zu nennen wie Oskar Kokoschka, Egon Schiele, A. P. Gütersloh, Georg Trakl, Franz Werfel) widerlegen dies, am intensivsten wohl die Jünglingsgestalt Hans Kaltnekers, dessen vergriffener Werke sich endlich ein Verleger annehmen müßte!

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