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Die vielen Leben des Theodor Tagger

„Wer handeln will, muß zunächst und vor allem vergessen können. - Handeln kann nur, wer immer wieder von vom anzufangen glaubt." Diese Tagebucheintragung vom 22. Dezember 1925 könnte als Motto über dem Leben des am 26. August 1891 in Sofia als Theodor Tagger geborenen Ferdinand Bruckner stehen.

Sein „erstes Leben" verbringt der Sohn des nüchternen Wiener Bankkaufmanns Emst Tagger und der französischen Mutter (Ciaire) in Wien. Eine erste Zäsur bildet die Scheidung der Eltern: der Vater geht nach Graz, wo er den Buben in ein Jesuitengymnasium steckt, die Mutter kehrt nach Paris zurück. Für die bald merkbare musikalische Begabung des Knaben hat der Vater wenig übrig. Erst als er 1909 der Mutter nach Paris folgen darf, kann er ein Musikstudium beginnen. In der Folge erhält er in Paris, Berlin und Wien eine Ausbildung als Pianist und Komponist und schreibt für Musikzeitschriften. Damit gerät er aber bereits in einen Interessens-konflikt: Immer stärker fühlt er sich zum Schreiben berufen und veröffentlicht häufig literarische Beiträge für diverse Zeitungen. 1913 erscheint seine erste Novelle „Ostern und das Wunder" und er nimmt Kontakt mit deutschen Expressionisten, allen voran Carl Stemheim, auf.

Mitten im Ersten Weltkrieg fällt die Entscheidung: Nach einem Sanatoriumsaufenthalt wegen eines Lungenleidens tritt er 1915 aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus, beginnt die Novelle „Die Vollendung eines Herzens" und schreibt fortan keine einzige Note mehr. Mit der Gründung der exklusiven Zeitschrift „Marsyas" beginnt sein „zweites Leben". Diese meist als expressionistisch bezeichnete Zeitschrift erscheint erstmals im Juli 1917 in einer numerierten Auflage von 235 Exemplaren. Das programmatische Vorwort des Herausgebers Theodor Tagger zeigt aber, daß dieses Periodikum viel mehr einem klassischen als einem expressionistischem Kunstideal verpflichtet war:, Aber das Volk liebt seine alten Dichter, und gegen die neuen steht es unvorbereitet und mit Widerstand. Sein Wille zur Kunst ist groß, doch langsam. Auf hundert Irrwegen schon verführt, besinnt es sich entschlossen zum allen sicheren Besitz: dem klassisch gewordenen Wort."

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Ferdinand Bruckner diesen Gedanken abgewandelt wieder aufgreifen. Ausgespart war in dieser bis Sommer 1919 in sechs Heften erscheinenden Zeitschrift die Politik und damit der Krieg. „Die ausgewählteste Prosa ... mit der gepflegtesten Graphik" zu verbinden, war Ziel und Inhalt. Für dieses Unternehmen konnte der Herausgeber durchaus erlauchte Namen gewinnen: Felix Braun, Hans Caros-sa, Alfred Döblin, Kasimir Edschmid, Oskar Maria Graf, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Leonhard, Georg Simmel, Emst Weiss und andere. Auch wenn diese Projekt scheiterte, konnte sichTaggermitdem „Marsyas" in der Welt der Literatur einen Namen machen, mehr als mit seinen Lyrik- und Prosabänden, die als epigonal eingestuft wurden. Die daraus resultierende Unzufriedenheit mit sich selbst stürzte ihn neuerlich in eine Krise, die mit der ausschließlichen Orientierung auf das Theater endet.

Nach dem Krieg kommt Tagger kurz nach Wien zurück und wird Dramaturg an den Kammerspielen. Doch bald nach seiner Heirat mit der Berlinerin Bettina Neuer im Februar 1920 geht er wieder nach Berlin und gründet im Oktober 1922 das Renaissancetheater und bleibt bis 1927 sein Direktor.

Ein neuer Autor

Eine literarische Neugeburt erlebt Tagger in der Mitte seines Lebens, als er das Stück „Krankheit der Jugend" beginnt. Der nicht besonders erfolgreiche Schriftsteller Theodor Tagger hört auf zu existieren und der in den nächsten Jahren zum „gesuchtesten" Dramatiker werdende Ferdinand Bruckner beginnt zu leben. Die Annahme dieses Pseudonyms war mehr als ein Versteckspiel mit der Presse, die bis zur österreichischen Erstaufführung seiner „Elisabeth von England" im Dezember 1930 am Deutschen Volkstheater in Wien Ferdinand Bruckner nicht zu Gesicht bekam.

Zwei Stücke waren es, die den Unbekannten auf dem glatten Berliner Bühnenparkett reüssieren ließen: „Die Krankheit der Jugend" und „Die Verbrecher". Mit dem alten Namen hatte Bruckner scheinbar auch seinen hehren Literaturanspruch abgelegt und sogenannte Zeitstücke produziert. Was er ab 1925 versuchte, war nicht ganz neu, aber als Theaterdirektor hatte er genügend Erfahrung gesammelt, um bühnenwirksame Szenen zu entwerfen. Mit der „Krankheit der Jugend" schuf er ein Psychodrama über eine „lost generation", die, wie er in einem Brief an Franz Theodor Csokor einmal formulierte, „aufgewachsen bei seelischem Vorhangverbot", nach dem Krieg den Verfall der Werte erlebt und sich in Nekrophilie und vagabundierende Sexualität flüchtet. Die Uraufführung 1926 in den Hamburger Kammerspielen blieb noch weitgehend unbeachtet; erst die Berliner Inszenierung von Gustav Härtung, dem Tagger sein Renaissan-cetheaterübergeben hatte, brachte am 26. April 1928 den Durchbruch.

Wenige Monate später, am 23. Oktober fand am Deutschen Theater in Berlin die Uraufführung von Bruckners „Verbrecher" statt. Dieses Justizdrama erweitert die Nestroysche Bühnentechnik von „Zu ebener Erde und im ersten Stock", indem es einen Vertikalschnitt durch drei Stockwerke eines Wohnhauses auf die Bühne bringt. Das Berliner Tagblatt notierte am Tag nach der Aufführung: „An einem einzigen Theaterabend erledigt er vier Dramen, jedes selbständig, alle in Kontakt miteinander, alle mit dem Leitmotiv: Krankheit der Gesellschaft." Damit ist ein weiterer Aspekt der Brucknerschen Dramatik angesprochen: die Sozialkritik. Gemeinsam mit diesen beiden Dramen faßte er nach dem Zweiten Weltkrieg das Schauspiel „Die Rassen" zurTrilogie „Jugend zweier Kriege" zusammen. In diesem 1933 entstandenen Stück tritt Bruckners Antifaschismus in den Vordergrund. Doch bedurfte es nicht erst dieser Analyse des die Republik zerstörenden Rechtsradikalismus, um es sich mit den Nazis anzulegen. Die hatten seine „Tendenzstücke" schon vorher bekämpft. Es war im Februar 1933 also höchste Zeit für den durch Herkunft und Ideologie gefährdeten Autor, Deutschland zu verlassen. Damit endete allerdings auch sein „erfolgreichstes Leben", das mit dem Stück „Elisabeth von England" seinen Höhepunkt erreicht hatte.

Dieses historische Schauspiel wurde Ende 1930 von mehreren Bühnen ■ gleichzeitig aufgeführt. Es zeigt ein weiteres Charakteristikum Brucknerscher Dramatik: nämlich das frauen-emanzipatorische. Diese Elisabeth ist eine Frau, die mit ihren unberechenbaren Entscheidungen eigenmächtig handelt und die Männerwelt vor den Kopf stößt. Ähnliches läßt sich auch von „Helene" aus den „Rassen" oder „Manuela" aus dem im Zweiten Weltkrieg geschriebenen „Revolutionsdrama" „Simon Bolivar" sagen. Bruckners Frauen sind keine Nebenfiguren, sie greifen in die Geschichte ein. Elisabeths Triumphzug durch europäische und amerikanische Bühnen konnte Bruckner nie mehr wiederholen. Mit der Emigration, die in Wien beginnt und über -Nizza und London schließlich nach Hollywood und New York führt, geht, wie für viele erfolgreiche Schriftsteller der zwanziger Jahre, eine Ära zu Ende. Manches aus der Zeit seiner Vertreibung aus Europa fließt in dem einzigen gelungenen Roman „Mussia" ein, der das Schicksal der früh verstorbenen Malerin Marie Baskirtseff beschreibt, und 1935 erschien. Es folgen 16 schwere Jahre in den USA, wo er vor allem historische Schauspiele schreibt, die aber nur geringes Echo finden.

Rückkehr eines Klassikers

Ähnlich wie Erwin Piscator, mit dem er in der Emigration zusammengearbeitet hatte, konnte er nach dem Krieg in Europa nur mehr schwer Fuß fassen. Zwar werden Stücke von ihm in Zürich, Wien, Berlin und deutschen Provinzstädten gespielt, aber mit wenig Resonanz. Er selbst kehrt erst 1952 endgültig nach Europa (West-Berlin) zurück. Beim Internationalen P.E.N.-Kongreß in Wien 1955 hielt er eine Rede mit dem Titel „Die Heutigkeit des Dramas", in der er auf das Konzept des „Marsyas" zurückgreift: Ein Stück „ist ja nur .klassisch' geworden, weil es nicht zeitlich, sondern heutig ist: dem konstanten Inneren aller Zeiten gehörig, wo sich die nie unterbrochene Aus-einandsersetzung abspielt, die seit dem .Gefesselten Prometheus' die ganze Weltliteratur erfüllt: die Auseinandersetzung im Inneren eines jeden Menschen zwischen dem Individuum das er ist und dem Mitglied einer Gemeinschaft, das er gleichzeitig ist. Durch diesen Konflikt sind wir dem Tragischen für immer verhaftet." Im Grunde war Ferdinand Bruckner also immerein Schriftsteller, der „das Klassische" ins Heute zu retten versuchte.

Als er am 5. Dezember 1958 starb, hatte er alle Höhen und Tiefen eines österreichischen Dramatikers des 20. Jahrhunderts erlebt. Es wäre Zeit, daß die Literaturgeschichten und die Bühnen ihm seinen gebührenden Platz zuteilen.

Eine gute Einführung in das Leben und Werk findet sich in: FERDINAND BRUCKNER. DRAMEN. Herausgegeben von Hansjörg Schneider. Böhlau Verlag, Wien/Köln 1990. 646 Seiten, öS 448,-.

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