Individuelle Traumata und Katastrophen der Zeitgeschichte: ein Roman aus Israel.

Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer", so beginnt Heimito von Doderers "Ein Mord, den jeder begeht", ein Roman über den Zufall und die Schuldverstrickung jedes Menschen. Um Verstörungen, die Kindheiten im späteren Leben der Menschen hinterlassen, geht es auch in fast allen der hier gesammelten Erzählungen. Doch wenn die heute in Israel lebende Savyon Liebrecht, Tochter polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender, davon handelt, dann kreuzt sich das individuelle Traumareservoir der Kindheit mit den Katastrophen der Zeitgeschichte.

Die Schicksale der Elterngeneration ragen unweigerlich in die geschilderten Leben der zweiten Generation herein und prägen ihre Lebenslügen wie ihre Liebes- und Lebensverwicklungen. Diese Verschränkung passiert im Text absolut unaufgeregt, ohne erhobenen Zeigefinger, oft über banale Alltagsszenen vermittelt und ist gerade dadurch besonders eindringlich. Wenn sich hier junge Menschen über eine ältere Frau unterhalten, die unter Putzzwang leidet, dann wissen die anderen sofort: das ist auch eine kz-Überlebende. Die Schauplätze der Erzählungen - die mit Ausnahme der Titelgeschichte auch als Überschriften fungieren - zeichnen die Wege des Exils nach - "Amerika", "Kibbuz", "Tel Aviv", "Jerusalem" - oder haben andere Verbindungslinien zur Historie wie "Hiroshima" oder "München", wo ein israelischer Journalist von einem späten ns-Kriegsverbrecher-Prozess berichten soll und dabei Zeuge eines Anschlags auf ein arabisches Lokal wird.

Der Band beginnt mit "Amerika", einer der gelungensten Erzählungen des Buches. Es ist die Geschichte zweier Stiefschwestern, die bei der Mutter der jeweils anderen aufgewachsen sind und davon je eigene Traumata und Wunden davongetragen haben. Es war die Mutter der Ich-Erzählerin, die bei einem Nähkurs den Vater der anderen kennen lernte. So wie sich die junge Frau mit schönen Stoffen und selbstgezauberten Kleidern aus der kargen, vergangenheitsdüsteren israelischen Wirklichkeit befreien will, sieht sie den Neuanfang mit dem anderen, lebenslustigen Mann in Amerika als Lebenschance. Und tatsächlich lässt sie eines Tages ihre sechsjährige Tochter beim Vater zurück und geht mit dem Baby der anderen Frau und deren Mann nach Amerika. Die beiden Stiefschwestern begegnen einander dreimal: als junge Mädchen, als junge Frauen und schließlich als gut 40-Jährige. Verständigung ist nicht möglich, keine der beiden kann die jeweils eigene Interpretation der Geschichte aufgeben, mit der sie sich das Leben mit dem radikalen Bruch ihrer Kindheit eingerichtet haben.

Lebenslügen können ehrenvolle Wege gehen, und der egoistische Feingehalt ist nicht immer leicht zu bestimmen. In "Kibbuz" fordert ein junger Mann von seiner Ziehtante Rechenschaft über die heroischen Geschichten, die sie ihm seine ganze Kindheit über vom Leben und dem frühen Tod seiner Eltern erzählt hat. In Wirklichkeit waren Melechs Eltern aufgrund ihrer latenten geistigen Behinderung über Jahre das Gespött des gesamten Kibbuz und fielen schließlich einem tödlich endenden Spaß der anderen zum Opfer. Natürlich wollte die Frau den kleinen Melech mit ihrer geschönten Version auch vor der Wirklichkeit bewahren, aber wie viel Anteil hatte an der Hartnäckigkeit ihrer Lügen die Tatsache, dass ihr eigener Mann einer der unfreiwilligen Mörder von Melechs Eltern war?

Liebrecht stellt Fragen dieser Art nicht laut und direkt. Sie macht Verbindungen und Verflechtungen - auch in den Köpfen ihrer Figuren - erst nach und nach sichtbar und lässt auch zu, dass ein rätselhafter Rest stehen bleibt. Damit müssen ihre Liebenden ebenso leben wie die Leser. Diese Verhaltenheit macht auch die Titelerzählung, die das etwas abgegriffene Sujet des Überlebens nach einer globalen Katastrophe variiert, zu einer beeindruckenden und beklemmenden Lektüre.

Ein guter Platz für die Nacht

Sieben Erzählungen von Savyon Liebrecht. A. d. Hebr. von Vera Loos, Naomi Nir-Bleimling. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005

297 Seiten, kart., e 16,50

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