Schwarzwald - © Foto: picturedesk.com / Imagno / Austrian Archives
Literatur

Eugenie Schwarzwald: Die Frau mit dem Zauberstab

1945 1960 1980 2000 2020

Mit „Autorinnen feiern Autorinnen“ erinnert die Stadt Wien heuer an Eugenie Schwarzwald. Auszug aus der Festrede von Bettina Balàka, die sie am 3. November halten wird.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit „Autorinnen feiern Autorinnen“ erinnert die Stadt Wien heuer an Eugenie Schwarzwald. Auszug aus der Festrede von Bettina Balàka, die sie am 3. November halten wird.

In der Josefstädter Straße 68 gibt es einen Zaubergarten. Eine Reihe von Birken und zwei Ahorne sieben Lichtflecken aus dem Himmel, übermannshohe Rosenbüsche duften aus hellrosa und dunkelroten Blüten, aus einem Nachbargarten wuchert ein Bambuswald. Eine Hausmauer ist mit Efeu und wildem Wein bewachsen, auf der Wiese bildet eine bunte Gemeinschaft von Klee, Brennnesseln, Gänseblümchen und Scheinerdbeeren einen Kontrast zu der ordentlich beschnittenen Hecke, mit der das Geviert abgeschlossen ist. Auch an den heißesten Sommertagen ist es hier angenehm kühl, ein leichter Wind bläst in das Gefieder der Meisen und Ringeltauben, die in den raschelnden Baumkronen wohnen.

In diesem versteckten Innenhof stand einst ein kleines Gartenpalais, in dem einer der bedeutendsten Salons seiner Zeit geführt wurde. Wo heute allenfalls eine Biene summt, erklangen die Stimmen von Oskar Kokoschka, Dorothy Thompson, Arnold Schönberg, Karin Michaëlis oder Carl Zuckmayer. Elias Canetti verkehrte hier ebenso wie Emilie Flöge, Maria Lazar, Robert Musil, Egon Friedell, Rainer Maria Rilke oder Jakob Wassermann. Doch nicht nur die Träger großer Namen gaben sich hier die Klinke in die Hand, denn die Hausherrin Eugenie Schwarzwald war wenig standesbewusst. Sie lud jeden ein, den sie mochte, der ihr interessant erschien, der eine Mahlzeit, Trost bei Liebeskummer oder einen Schlafplatz brauchte, darunter viele, deren Talent sie als Erste entdeckte und zu fördern wusste. Legendär waren ihre Weihnachtsfeste, wo sie alle einsamen Seelen, die gerade nicht zu ihren Familien reisen konnten oder keine hatten, bei sich versammelte. Den Berühmten garantierte sie Anonymität, den Unbekannten vermittelte sie das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

„Sie konnte unter dem unscheinbarsten Hut einen Prinzen hervorzaubern“, erinnert sich die Schriftstellerin und Journalistin Elsa Björkman-Goldschmidt, die 1919 als Delegierte der schwedischen Hilfsorganisation Rädda Barnen (dt.: Rettet die Kinder) nach Wien kam. Und weiter: „Wenn ich nur an all die Menschen denke, die ich dort traf, habe ich das Gefühl, im Parkett zu sitzen und bei der ganzen Welt geladen zu sein. Was immer los war in dieser Zeit, jeden schien sie mit einem Zauberstab in ihre Höhle gelockt zu haben.“ Künstlerinnen, Wissenschaftler und Diplomaten gehörten ebenso dazu wie Sozialfürsorgerinnen, Studentinnen und linksradikale Anarchisten. Bei zweien ihrer engsten Vertrauten konnte Eugenie Schwarzwald nicht wissen, dass sie einst als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus in die Geschichte eingehen würden: Hans Deichmann und Helmuth James Graf von Moltke.