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Frau sein

DISKURS

Zwiespältiges zum Frauentag

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Kommentar von der Journalistin Susanne Glass zum Weltfrauentag.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Kommentar von der Journalistin Susanne Glass zum Weltfrauentag.

"Fräulein Glass" - wie ich diese Anrede gehasst habe! Noch während meines Studiums Anfang der 1990er-Jahre war dies die "höfliche" Art, unverheiratete Frauen anzusprechen. Erst der Mann an der Seite garantierte die volle Anerkennung als Frau. Während die Jungs gleich nach dem Stimmbruch selbstverständlich zu einem "Herr" wurden. Ich erinnere mich auch noch gut an die stolze Präsentation eines noch stolzeren Münchner Chefredakteurs bei der Gründung eines Wochenmagazins, mit dem er hoffte, dem Spiegel Konkurrenz zu machen. Im Imagefilm saßen nur Männer um den Konferenztisch. Kurz war dann doch noch eine Frau oder ein Fräulein (der Familienstand war nicht erkennbar) zu sehen. Allerdings nur von den Knien über den Minirock bis zur Taille, beim Diktat aufnehmen. Als ich das empört kritisierte, bekam ich zu hören: "Wir machen ein Politikmagazin, das sind eben Männer-Themen. Für Kochrezepte und Strickmuster gibt es genug Frauenzeitungen." Ich rede von 1993 wohlgemerkt, nicht von den Nachkriegsjahren! Heute ist das alles längst unvorstellbar.

Es fällt mir aber wieder ein, wenn ich darüber nachdenke, wie ich eigentlich zum internationalen Frauentag stehe. Tatsächlich etwas zwiespältig. Denn prinzipiell ist für mich jeder Tag Frauentag. Ich bin nun mal (gerne) eine Frau. Ich freue mich sehr über das, was wir erreicht haben. Ich weiß, was wir alles noch nicht erreicht haben. Mir ist auch klar, dass wir bereits viel weiter sein könnten, wenn wir Frauen untereinander solidarischer wären. Für diese Erkenntnisse braucht es keinen 8. März. Sondern vor allem junge Frauen, denen dies alles bewusst ist. Generell gilt: Erst wenn der internationale Männertag im November und der internationale Transgendertag Ende März mal genauso wichtig oder auch unwichtig sind wie der Frauentag, dann haben wir wirklich Gleichberechtigung der Geschlechter erreicht.

Die Autorin ist Korrespondentin der ARD im Nahen Osten

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