Besonderheit Frau, Frauentag - © Foto: Pixabay
Diesseits von Gut und Böse

Besonderheit Frau?

1945 1960 1980 2000 2020

Frauen sind nicht die zarteste Nebensache der Welt. Am Internationalen Frauentag sollte deshalb der weibliche Anspruch auf Allgemeinheit in jeder Hinsicht gefordert werden. Ein Gastkommentar von Theresia Heimerl.

1945 1960 1980 2000 2020

Frauen sind nicht die zarteste Nebensache der Welt. Am Internationalen Frauentag sollte deshalb der weibliche Anspruch auf Allgemeinheit in jeder Hinsicht gefordert werden. Ein Gastkommentar von Theresia Heimerl.

Mit dem Weltfrauentag verhält es sich ein wenig so wie mit Marienkirchen: Man sollte nicht unbedingt von einem offiziellen Vorhandensein auf die hohe Stellung der Frau in der jeweiligen Gesellschaft schließen. Staatlicher Feiertag ist der Weltfrauentag nämlich nicht in Österreich, wohl aber in folgenden Ländern: Angola, Armenien, Aserbaidschan, Eritrea, Kasachstan, Kambodscha, Madagaskar, Moldau, Nordkorea, Russland, Turkmenistan, Uganda und noch zwei, drei weiteren Ländern, die wohl niemand in der Millionenshow als Speerspitze des Genderdiskurses und der angewandten Geschlechtergerechtigkeit identifiziert hätte.

Des Rätsels Lösung für diese interessante staatliche Frauenfeiertagsgruppe liegt in der Geschichte: Der Weltfrauentag verdankt seine Entstehung dem jungen Sozialismus des jungen 20. Jahrhunderts und wurde in der Folge durch die Sowjetunion mit anderen Idealen des Sozialismus in seine Bruderstaaten exportiert. Dort blieb er, ungeachtet veränderter politischer Verhältnisse inklusive einer Rückkehr zum konservativen Islam oder Christentum, einfach stehen wie die realsozialistische Architektur.

Oder, um den offiziellen Reiseanbieter Kasachstans zu zitieren: „But at the modern stage this holiday does not imply any political context. It became a day of all women when love, beauty and kindness are extolled.“ Diesen Feiertag können auch konservative Kirchenvertreter bis hin zum Papst bedenkenlos mitfeiern. Auch sie singen ja ein Loblied auf die weibliche Liebe und Freundlichkeit, die Frauen zu etwas so Besonderem mache, dass sie leider nicht für Weiheämter geeignet seien.

Mit dem Weltfrauentag verhält es sich ein wenig so wie mit Marienkirchen: Man sollte nicht unbedingt von einem offiziellen Vorhandensein auf die hohe Stellung der Frau in der jeweiligen Gesellschaft schließen. Staatlicher Feiertag ist der Weltfrauentag nämlich nicht in Österreich, wohl aber in folgenden Ländern: Angola, Armenien, Aserbaidschan, Eritrea, Kasachstan, Kambodscha, Madagaskar, Moldau, Nordkorea, Russland, Turkmenistan, Uganda und noch zwei, drei weiteren Ländern, die wohl niemand in der Millionenshow als Speerspitze des Genderdiskurses und der angewandten Geschlechtergerechtigkeit identifiziert hätte.

Des Rätsels Lösung für diese interessante staatliche Frauenfeiertagsgruppe liegt in der Geschichte: Der Weltfrauentag verdankt seine Entstehung dem jungen Sozialismus des jungen 20. Jahrhunderts und wurde in der Folge durch die Sowjetunion mit anderen Idealen des Sozialismus in seine Bruderstaaten exportiert. Dort blieb er, ungeachtet veränderter politischer Verhältnisse inklusive einer Rückkehr zum konservativen Islam oder Christentum, einfach stehen wie die realsozialistische Architektur.

Oder, um den offiziellen Reiseanbieter Kasachstans zu zitieren: „But at the modern stage this holiday does not imply any political context. It became a day of all women when love, beauty and kindness are extolled.“ Diesen Feiertag können auch konservative Kirchenvertreter bis hin zum Papst bedenkenlos mitfeiern. Auch sie singen ja ein Loblied auf die weibliche Liebe und Freundlichkeit, die Frauen zu etwas so Besonderem mache, dass sie leider nicht für Weiheämter geeignet seien.

An einem Weltmännertag könnten die Liebe, Schönheit und Freundlichkeit der Männer gefeiert werden.

Überhaupt liegt die Crux des Weltfrauentages philosophisch betrachtet ein wenig in der Frage von Besonderem und Allgemeinem. Die Entstehung dieses Tages verdankt sich dem Wunsch und Anspruch von Frauen, vom Besonderen zum Allgemeinen zu werden, wobei Letzteres in der abendländischen Tradition (und nicht nur dort) immer der Mann war. Konkreter gesprochen: Frauen wollten das gleiche Wahlrecht und gleichen Lohn. Am internationalen Frauentag sollte nicht das Besondere der Frau, sondern ihr Anspruch auf Allgemeinheit in jeder Hinsicht gefordert und gefeiert werden. Die weitere Geschichte dieses Tages in den Ländern des realen und offiziellen Sozialismus zeigt allerdings eine schleichende Umkehrung dieses Anspruchs, oder, um in der Sprache der marxistischen Tradition zu bleiben, wurde der Frauentag von den Füßen wieder auf den Kopf gestellt und der Frau in ihrer Besonderheit als Mutter ein gezeichneter Blumenstrauß überreicht – echte Blumen waren der Jahreszeit und der Planwirtschaft geschuldet schwer zu bekommen, wie eine ehemalige DDR-Bürgerin in ihren Kindheitserinnerungen vermerkt.

Internationale männlicher Ängste

Auch die Fusion von Frauen- und Friedensfeiern in der westlichen (deutschen) Sozialdemokratie ist eine Veränderung des ursprünglichen Anspruchs, die erstaunlich gut mit dem besonderen Beitrag der Frau für ein wenig Zartheit und Friedfertigkeit in der rauen Männerwelt, wie ihn katholische lehramtliche Schreiben loben, harmoniert. Die Vorstellung, Frauen könnten tatsächlich vom Besonderen zum Allgemeinen werden und statt jährlicher Feiern mit Blümchen alles beanspruchen, was Männer so ganz allgemein haben, schafft offenbar über alle ideologischen Grenzen hinweg eine Internationale männlicher Ängste.

Es spricht nichts gegen Blumen, solange sie als Behübschung des Gehaltsschecks überreicht werden, der jenem männlicher Kollegen gleicht

Der Weltfrauentag kann, zurück an seine Wurzeln gehend, etwas ganz anderes sein: Eine Anklage gegen die Ungerechtigkeit des Besonderen, das sich viele Milliarden Frauen weltweit nicht ausgesucht haben: Gewalt, medizinische und soziale Benachteiligung, Ausbeutung der Arbeitskraft und Sexualität, Verweigerung der Mitsprache, Verweigerung der Verfügung über den eigenen Körper. Ein „Frauenkampftag“, wie ihn Berlin seit 2019 feiert, ist vielen peinlich. Und genau das sollte er auch sein: Pein, Schmerz und auch Scham erzeugend. Scham darüber, dass selbst in unserer westlichen Vorzeigegesellschaft Frauen nicht immer gleich viel wie Männer verdienen und noch immer in Frauenhäuser flüchten müssen. Schmerz im zumindest kurzen Mitleiden mit jenen Frauen, die aufgrund ihrer Besonderheit, nicht Mann zu sein, vergewaltigt und getötet werden. Der internationale Frauentag macht die tiefschwarze Kehrseite des Lobes der Besonderheit der Frau öffentlich, er zeigt uns, wie Frauen hinter den Phrasen von Zartheit und Nettigkeit misshandelt werden.

Zarteste Nebensache der Welt

Der Weltfrauentag trägt zweifelsohne eine ambivalente und nicht ideologiefreie Geschichte mit sich. Die Versuchung, den Frauen das Allgemeine zu verweigern, indem sie zum Besonderen stilisiert werden, ist allgegenwärtig. Nicht zuletzt deshalb sind allergische Abwehrreaktionen gerade von engagierten Frauen wie Alice Schwarzer, die 2010 für eine Abschaffung dieses „gönnerhaften 8. März“ plädierte, verständlich. Eher kontraproduktiv ist auch die Ritualisierung, sei es in nostalgischen Feiern mit rotem Halstuch, sei es als Gedenkveranstaltung mit zwangsverpflichtendem Charakter für junge Frauen, verordnet von älteren Frauen, die für ihre vergangenen Heldinnentaten Publikum brauchen.

Der Weltfrauentag ist kein Tag der Vergangenheit, sondern der Gegenwart – leider. Wie also den internationalen Frauentag feiern? Es spricht nichts gegen Blumen, solange sie als Behübschung des Gehaltsschecks überreicht werden, der jenem männlicher Kollegen gleicht – oder, für die noch katholischen Frauen unter uns, darf es zur Abwechslung eine Synode sein, die Frauen nicht zur zartesten Nebensache der Welt erklärt. Alternativ zum 8. März empfiehlt sich übrigens dringend, einen Weltmännertag einzuführen. An diesem Tag könnten die Liebe, Schönheit und Freundlichkeit der Männer in der ganzen Welt gefeiert werden. Das wäre ihnen wohl peinlich, aber einmal im Jahr hätten sie es verdient, etwas Besonderes zu sein.

Die Autorin lehrt Religionswissenschaft und ist Studiendekanin an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Graz.