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Gleichheit als Weg zur Gerechtigkeit

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Die Unterschiede von Mann und Frau verwischen sich - nicht nur im Erscheinungsbild. Werden tradierte Rollen zum Anachronismus?

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Die Unterschiede von Mann und Frau verwischen sich - nicht nur im Erscheinungsbild. Werden tradierte Rollen zum Anachronismus?

Wer in einer Statistik, die nach der Kategorie „männlich-weiblich" gegliedert ist, blättert, entdeckt, daß es in vielen Sektoren geschlechtstypi-sche Ausprägungen gibt. Sich über diese Besonderheit Gedanken zu machen, war längere Zeit nicht „in" -auch in wissenschaftlichen Arbeiten. In den letzten 25 Jahren war „man" sich weitgehend darin einig, daß Geschlechtsunterschiede unbedeutend, jedenfalls aber abbaubar seien.

Daß die Wissenschaft auch Modeströmungen unterliegt, erkennt man daran, daß ältere Untersuchungen großes Interesse an Geschlechtsunterschieden zeigten, und daß dieses Interesse in neueren Arbeiten wieder größer ist (siehe Seite 14).

Aber auf der Ebene der Wissenschaft spielt sich die Auseinandersetzung über den Stellenwert der Geschlechtsunterschiede eigentlich gar nicht ab. Selbstverständlich gibt es viele wissenschaftlich belegbare Unterschiede. Objektive Forschung zeigt, wie vielfältig diese sind, sie läßt aber auch klar erkennen, daß Männer und Frauen in vieler Hinsicht kaum unterscheidbar sind: in bestimmten Verhaltensweisen, Einstellungen, Leistungen ...

Die eigentliche Frage lautet daher: Wie gehe ich mit den beobachteten Unterschieden und Ähnlichkeiten um? Die einen werden etwa so argumentieren: Weil Unterschiede bestehen und weil man diese durch Eingriffe nicht aus der Welt schaffen könne, sei es notwendig, auf gesellschaftlicher Ebene Frauen und Männern unterschiedliche Aufgaben zuzuweisen.

Diesen Überlegungen halten die heute weitaus zahlreicheren Befürworter der Einebnung von Rollenunterschieden entgegen, daß die wichtigen Geschlechtsunterschiede anerzogen und daher auch zu verändern seien. Unter Berufung auf Geschlechtsunterschiede habe man immer die Schwächeren, sprich die Frauen, benachteiligt. Der einzige Ausweg sei die möglichst weitgehende Angleichung.

Damit spitzt sich die Frage auf den Willen zur Veränderung zu. Denn mit dem Fortschreiten der Wissenschaft und der technischen Möglichkeiten sind auch biologische Gegebenheiten immer weniger eine Barriere für gezielte Eingriffe. Auch beim Menschen ist da einiges möglich: So lassen sich heute schon durch Hormongaben bei Frauen Muskelpakete aufbauen und Männer feminin machen.

Durch die Entwicklung der Repro-duktionsmedizin wurde die unmittelbare Mitwirkung des Mannes bei der Zeugung und die der Frau beim Austragen des Ungeborenen entbehrlich. Noch sind die Möglichkeiten der genetischen Manipulation des Menschen beschränkt. Bedenkt man aber die enormen Anstrengungen, die auf diesem Sektor unternommen werden, so zeichnen sich auch in dieser Hinsicht ungeahnte Möglichkeiten ab. Was heute noch als „natürlich" erscheint, kann daher morgen schon offen für Manipulation sein.

Damit scheint die aus natürlichen Gegebenheiten hergeleitete Aufgabenteilung der Geschlechter immer weniger auch gesellschaftlich verpflichtend zu sein. Andere Formen des sozialen Arrangements, der gesellschaftlichen Leitbilder scheinen sich verwirklichen zu lassen, wenn selbst der urtypisch sexuell bestimmte Vorgang, die Entstehung von Kindern, abgelöst von den leiblichen Eltern möglich ist.

Wer daher fragt: Sind männlichweiblich überholte Kategorien?, steht eigentlich vor einer weltanschaulichen Frage, nämlich: Sollen männlich-weiblich lebensbestimmende Faktoren bleiben? Die Antwort auf diese Frage entscheidet sich aber der Vorfrage nach der Lebensform, von der sich die Menschen in Zukunft ein Optimum an Erfüllung erwarten.

Eine politisch äußerst wirksame Richtung heutigen Denkens sieht in der Demokratisierung der Gesellschaft das anzustrebende Ideal. Durch Herstellung gleicher Bedingungen für alle, durch gleiche Partizipation an der gesellschafltichen Produktion werde ein Optimum an Lebenschancen eröffnet, werde insbesondere die Benachteiligung der Frau aufgehoben. Dieser Zustand sei konsequent anzustreben.

Ziemlich deutlich ausgesprochen wird dies etwa im Frauenbericht 1975 der österreichischen Bundesregierung: „Wie schon in den Anfängen der Frauenbewegung ist die Frauenfrage heute eine Funktion der allgemeinen ökonomischen und politischen Entwicklung. Damit wird es zu einem Zeichen für deren Beifegrad, ob eine lebenslang bevormundete, vom Mann abhängige Frau als ausschließliche Lebensaufgabe nach wie vor Geburt und Aufziehung von Kindern und als ihren primären Wirkungsbereich den Haushalt auch dann ansieht, wenn sie berufstätig ist, oder die Rolle einer mündigen, am gesamtgesellschaftlichen Prozeß voll beteiligten Staatsbürgerin; die Remühungen um die inhaltliche Gleichberechtigung der Frauen, um ihre faktische Gleichstellung mit dem Mann durch die Aufhebung der traditionellen Arbeitsteilung sind damit wesentlicher Teil der Bemühungen um die Demokratisierung der Gesellschaft, um die Ergänzung der formal-repräsentativen Demokratie durch reale Demokratie in allen Lebensbereichen."

Gleichstellung von Frauen mit den Männern wird zum Schlüselbegriff. Daher tritt Frauenministerin Helga Konrad für eine Ergänzung des Artikels 7 der Bundesverfassung ein. Ihr Wortlaut: „Maßnahmen vorübergehender Förderung und Bevorzugung von Frauen zur beschleunigten Herbeiführung der tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern sind zulässig. Gesetzgebung und Vollziehung haben die beschleunigte Herbeiführung der tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern hinzuwirken und insbesondere diese Gleichstellung zu fördern."

Damit wird heute politisch umgesetzt, was sozialistische Vordenker vor mehr als 100 Jahren gefordert hatten. So schrieb August Bebel, Mitbegründer der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, über die Frauenfrage: „Bei dieser handelt es sich um die Stellung, welche die Frau in unserem sozialen Organismus einnehmen soll,... damit sei ein volles, gleichberechtigtes und möglichst nützlich wirkendes Glied der menschlichen Gesellschaft werde. Von unserem Standpunkt fällt diese Frage zusammen mit der Frage, welche Gestalt und Organisation die menschliche Gesellschaft sich geben muß, damit an Stelle von Unterdrückung, Ausbeutung, Not und Elend die physische und soziale Gesundheit der Individuen und der Gesellschaft tritt."

Und Friedrich Engels: „Die Befreiung der Frau wird erst möglich, sobald diese auf großem gesellschaftlichen Maßstab an der Produktion sich selbst beteiligen kann und die häusliche Arbeit sie nur noch in unbedeutendem Maß in Anspruch nimmt."

An diese Tradition knüpfte Simone de Beauvoir, die bekannte Vorkämpferin des Feminismus, an, wenn sie schreibt: „Eine Welt, in der Mann und Frau gleich sind, kann man sich leicht vorstellen. Denn es ist genau die Welt, welche die sowjetische Revolution versprochen hatte: Die Frauen würden genau wie Männer erzogen und geformt, sie arbeiteten unter den gleichen Redingungen und um den gleichen Lohn ... Jedenfalis soll jede geschlechtliche und kastenmäßige Grenze wegfallen."

Mittlerweile ist die Herstellung der Gleichheit der Geschlechter zu einer prägenden Leitvorstellung innerhalb unserer Gesellschaft geworden, zu einem Konzept mit weitreichenden Folgen (Seite 13).

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