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Emanzipation oder Resignation ?

1945 1960 1980 2000 2020

Jungfrau, Mutter, Hausfrau, Verführerin? Gibt es-überspitzt gesagt - für Frauen nach kirchlichem Verständnis nur diese Rollen? Darum ging es jüngst in Wien-Lainz.

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Jungfrau, Mutter, Hausfrau, Verführerin? Gibt es-überspitzt gesagt - für Frauen nach kirchlichem Verständnis nur diese Rollen? Darum ging es jüngst in Wien-Lainz.

„Zurück geht's nicht mehr”, „Die Männer sollen aufstehen, die Frauen gehen bereits” - zwei so markante Sätze standen am Ende der österreichischen Pastoraltagung über die „Frau-Partnerin in der Kirche”. Mehr als 700 Männer (Priester und Laien) und Frauen

(auch Ordensfrauen) - eine Rekordteilnehmerzahl — brachten recht unterschiedliche Voraussetzungen des Bewußtseinsstahdes zu diesem Thema ein, waren unterschiedlich offen für die in Referaten, Erfahrungsberichten und Gesprächsgruppen vermittelten Überlegungen und Erlebnisse, gehörten ganz verschiedenen Generationen an, stammten aus Österreich, der Bundesrepublik Deutschland, aber auch aus Ungarn, Polen und Jugoslawien.

Daß die Spannungen zwischen diesen Gruppen, die Schwierigkeiten, aufeinander zu hören, das Gemeinte zu verstehen, nicht gering waren, daß die Bischöfe unter den Teilnehmern manchmal sprachlos waren, soll dabei nicht verwundern.

Gegenüber den bereits lautlos oder auch unter Protest ausgezogenen Frauen bilden diejenigen, die in Partnerschaft mit den Männern - auch den Priestern - in der Kirche auf der Suche nach einer neuen Stellung der Frau unterwegs sein wollen, noch immer eine überraschend hohe Zahl. Wie ein roter Faden zog sich die konsequenzreiche Forderung der Frauen durch die Tagung, nicht durch von Männern geprägte Rollenbilder der Mutter, der Jungfrau oder der Verführerin festgelegt zu werden, sondern den eigenen Weg selbst suchen zu können.

Dem einführenden historischtheologischen Referat des Pariser Dominikaners Herve Legrand gelang es, die Ambivalenz christlicher Aussagen über die Frauen anhand zweier maßgeblicher christlicher Denker, des Heiligen Augustinus und des Heiligen Thomas von Aquin, in ihren Wurzeln aufzuzeigen und die Einbindung ihrer Positionen in den Kontext ihrer Zeit deutlich zu machen. Augustinus und auch Thomas wären von einem absolut gesetzten Androzentrismus, also der grundsätzlichen Bezogenheit der Frauen auf die Männer ausgegangen, ohne daß umgekehrt die Definition der Männer durch ihren Bezug auf die Frauen je in Betracht gezogen worden wäre.

Bei aller Gleichwertigkeit der weiblichen Seele vor Gott — von der Frau ebenso unmittelbar von Gott empfangen — hätten Augustinus und Thomas die menschlich-fleischliche Natur der Frau dem Mann untergeordnet und dies mit ihrer physischen und vernunftmäßigen Unterlegenheit und ihrer lediglich passiven Funktion bei der Zeugung begründet.

Gleichwertig gegenüber Gott, untergeordnet und nicht wirklich partnerschaftsfähig gegenüber den Männern, so habe, von diesen beiden Autoren ausgehend, das Christentum seit Jahrhunderten unverändert das Verhältnis von Männern und Frauen erklärt. Erst anhand eines solchen Rückblickes ließe sich die Mühsamkeit des Weges zur Partnerschaft wirklich ermessen. Weder Säkularisierung noch Ideologien, sondern medizinische Forschung (Beseitigung der Säuglingssterblichkeit, wirksame Geburtenkontrolle) hätten den Wandel in der Stellung der Frau — und dadurch auch des Mannes verursacht.

Die anzustrebende Partnerschaft, in der Frauen weder „heilige Jungfrauen, noch Instrumente des Unheils” seien und gemeinsam mit den Männern ihre pasto-rale Verantwortung wahrnähmen, bedürfe eines Lernprozesses. Schon aus Gründen der Ökumene mit den Ostkirchen sollte, so Legrand, die Frage der Priesterweihe für die Frau nicht in den Mittelpunkt rücken, eine Revision bisheriger lehramtlicher Positionen sei sicher in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.

Den theologischen Ansatz einer „transformativen” Anthropologie stellte Catharina J. M. Halkes, feministische Theologin aus den Niederlanden, in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Aus der Gottebenbildlichkeit von Mann und Frau und deren gleicher Verantwortung für die Schöpfung - zunächst unabhängig von sexueller Prägung - leitete Halkes den Wert des Menschen als Person innerhalb einer christlichen Anthropologie ab, in der der konkrete soziale Kontext, das Person-Sein in Beziehungen, das Aneinander-Mensch-Werden zentrale Bedeutung hätten.

Der Verwirklichung der Fähigkeiten und Möglichkeiten jedes einzelnen, ob Mann oder Frau, müsse notwendig eine Veränderung der sozialen und ökonomischen Machtstrukturen in der Gesellschaft folgen. „Eine lebendige machende Erfahrung von Macht” trete an die Stelle des tödlichen Strebens nach Herrschaft über alle und alles. Für eine Ubergangsphase sei daher die Bündelung von Frauenaktivitäten notwendig. Feminismus sei eine Art Kulturkritik, die nach einem Veränderungsprozeß in den Frauen Solidarität mit allen Unterdrückten und Einsatz für Veränderungen im Denken und Handeln mit sich bringe.

Die Berücksichtigung der Tagungsinhalte in den Pfarrgemeinden und bei der Priesterbildung, die Nutzung aller schon bestehenden, auch inoffiziellen Wirkmöglichkeiten durch Frauen waren konkrete Ergebnisse einer Tagung, die vermutlich mehr Unzufriedene als Zufriedene in ein neues Jahr entließ: beunruhigende tiefgreifende Bewußtseinsänderungen stehen für die einen bevor, andere sind dabei zu resignieren — unter der beharrlichen Last jahrtausendealter Vorurteile.

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