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Speziell berufen ?

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Müssen Frauen in Maria das „Urbild“ ihrer Berufung sehen? Sind Frauen „speziell“ berufen? Das neue päpstliche Schreiben löst Zustimmung, Kritik und viele Fragen aus.

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Müssen Frauen in Maria das „Urbild“ ihrer Berufung sehen? Sind Frauen „speziell“ berufen? Das neue päpstliche Schreiben löst Zustimmung, Kritik und viele Fragen aus.

Als ich das jüngste Apostolische Sendschreiben, „Die Würde der Frau und ihre Berufung“, von Papst Johannes Paul II. durchgelesen hatte, blieb ich eigenartig betroffen und unglücklich zurück.

Da wird auf der einen Seite mit viel Liebe versucht, das Frau-Sein aus dem Geheimnis christlichen Glaubens zu bedenken, wobei Punkte angesprochen werden, die mit solcher Deutlichkeit wohl noch von keinem Papst herausgestellt wurden.

Johannes Paul weist darauf hin, daß sich die Sünde in der Beziehung zwischen Mann und Frau nicht nur auf der individuellen

Ebene zeigt, sondern in allen Be- . reichen sozialen Zusammenlebens: in jeder Situation, „wo die Frau deshalb benachteiligt oder diskriminiert wird, weil sie Frau ist“.

Und in der Betrachtung von Johannes 8,3-11 erkennt der Papst eine Begebenheit, die „man in unzähligen ähnlichen Situationen in jeder Geschichtsepoche vorfinden“ kann: „Eine Frau wird allein gelassen und mit .ihrer Sünde' der öffentlichen Meinung ausgesetzt, während sich hinter .ihrer' Sünde ein Mann als Sünder verbirgt.“ Ja, nicht selten tritt er sogar noch als Ankläger dieser Frau auf.

So tritt der Papst einer allzu häufigen scheinheiligen Doppelmoral entgegen — bis hin zur Problematik der Abtreibungen, die in unserer Gesellschaft nach wie vor einzig den Frauen angelastet wird, obwohl sie „sehr oft unter mancherlei Druck, auch von Seiten des schuldigen Mannes“, handeln — aber letztlich sieht es so aus, daß „sie allein büßt und zahlt“.

So nimmt man dem Papst seine Mahnungen an die Männer, daß die Frau niemals zum „ .Objekt' männlicher .Herrschaft' und .Besitzes' “ oder zum „Objekt des Genusses und der Ausbeutung“ werden darf, als ein ernstes Anliegen ab.

Und dennoch: Ein schaler Geschmack nach Lektüre dieses Textes, dem „der Stil und Charakter einer Meditation“ gegeben wurde, bleibt zurück. Letztlich scheint mir schon mit dem Ausgangspunkt dieses Sendschreibens, „den Grund und die Folgen der Entscheidung des Schöpfers zu verstehen, daß der Mensen immer nur als Frau oder als Mann existiert“, ein falscher Weg eingeschlagen worden zu sein. Gibt es denn überhaupt einen einsehbaren Grund, der sagen läßt, warum Gott den Menschen gerade als Mann und Frau erschaffen hat und nicht anders?

Johannes Paul gelangt durch diese Frage, die er sich stellt, zu folgender Antwort: Es gibt zwei besondere Berufungen der Frau, nämlich zur Mutterschaft und zur Jungfräulichkeit. Zu letzterem muß schlicht gesagt werden, daß Jungfräulichkeit ein von Geburt an mitgegebenes Seinsmoment aller Menschen ist: des Mannes gleich wie der Frau. Und beide können dieses Seinsmoment gleichermaßen in einem ehelichen oder ehelosen Leben erfüllen (oder verfehlen).

Bleibt also die Mutterschaft — und auf dieser Dimension hegt tatsächlich der Schwerpunkt der Ausführungen: in der Mutterschaft, „in dieser Bereitschaft, im Empfangen und Gebären eines Kindes, .findet die Frau durch ihre aufrichtige Selbsthingabe sich selbst'“. Aber stimmt das so? Widerspricht das nicht der zwei Seiten vorher gemachten Aussage, daß gerade der Mensch die „von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur“ ist?

Und was ist mit all jenen Frauen, die — aus welchem Grund auch immer — keine Mütter sind? Verfehlen diese ihr Frau-Sein? Kommt die Frau wirklich erst durch ihr Mutter-Sein zu sich selbst? Wird sie erst dadurch wahrhaft Frau? Oder ist es nicht gerade umgekehrt? Muß die Frau sich nicht schon gefunden haben, um dann verantwortete Mutterschaft übernehmen zu können?

An Maria meint Johannes Paul ablesen zu können, daß Mutterschaft „die Fülle der Vollkommenheit all dessen ist, .was kennzeichnend für die Frau ist', was .das typisch Frauliche ist'“. Kann die (auch heüsgeschichtlich) einzigartige, persönliche Berufung Marias wirklich herangezogen werden, um als „Urbild“ der personalen Würde aller Frauen zu fungieren? Es kommt ja auch keiner auf die Idee, den Männern etwa Josef als Fülle der Vollkommenheit dessen, was typisch für den Mann ist, vor Augen zu stellen.

Und wenn der Papst das II. Vatikanische Konzil zitiert und sagt, daß „Christus dem Menschen den Menschen selbst voll kund“ tut und „ihm seine höchste Berufung“ erschließt, warum ist dann die Berufung der Frau nicht an Christus selbst, sondern an Maria abzulesen?

Der Papst beschließt sein Schreiben mit den berührenden Worten: „Die Kirche sagt also Dank für alle Frauen und für jede einzelne: für die Mütter, die Schwestern, die Ehefrauen; für die Frauen, die sich in der Jungfräulichkeit Gott geweiht haben; für die Frauen, die sich den unzähligen Menschen widmen, die die selbstlose Liebe eines anderen Menschen erwarten; für die Frauen, die in ihrer Familie, dem grundlegenden Zeichen menschlicher Gemeinschaft, über das menschliche Dasein wachen; für die Frauen, die berufstätig sind und oft schwere soziale Verantwortung zu tragen haben; für die .tüchtigen' und für die .schwachen' Frauen - für alle: so wie sie aus dem Herzen Gottes in der ganzen Schönheit und im vollen Reichtum ihres Frauseins hervorgegangen sind.“

Diese Sätze berühren deswegen so, weil hier nicht mehr versucht wird, „Typisches“ zu nennen; weil hier nicht mehr versucht wird, einen einsehbaren Grund zu finden, weshalb der Mensch als Mann und Frau existiert. Denn der „Grund“, der hier angegeben wird, ist das Herz Gottes: das aber ist eben kein Grund mehr, der nochmals hinterfragt werden kann.

Wäre dies in diesem Apostolischen Sendschreiben von Anfang an ernst genommen worden, dann hätte sich letzten Endes eine Betrachtung über die spezielle Berufung und Würde der Frau (also aller Frauen im Gegenüber zum Mann) erübrigt; so wie sich auch die Betrachtung über die spezielle Berufung und Würde des Mannes erübrigt, wobei diese bezeichnenderweise ja nie angestellt wird. Denn dann kann man dem gerecht werden, was der Papst in diesem Schreiben mehrmals herausstellt: daß jeder Mensch, ob Mann oder Frau, seine persönliche Berufung empfängt—die von Gott her je unverwechselbare Person darf aber nicht mehr unter das Diktat einer wie immer gearteten Typologie gestellt werden.

Die Autorin ist Theologin und war bis vor kurzem Assistentin am Institut für Dogmatik der Universität Wien.

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