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Sind wir schon am Ziel?

Eine kurze Geschichte der Frauenbewegung, ergänzt um die Frage, wozu sie denn gut war. Es ist wirklich einiges reif für Veränderungen - nicht nur die Rollen der Geschlechter.

"Wir Frauen haben“, sagte Betty Friedan Ende der 1950er-Jahre, "ein Problem ohne Namen.“ Um herauszufinden, was es war, wurde sie Feministin. Friedan fand sich als ehemals ambitionierte Journalistin eines Tages als gut situierte Hausfrau, ausgestattet mit zwei wohlgeratenen Kindern, einem gut verdienenden Ehemann und einem Eigenheim in einem Vorort von New York wieder. Alles war so, wie die Hochglanzbilder der gängigen Zeitschriften die Frauenträume vom idealen Leben inszenierten. Dem "Problem ohne Namen“ entsprach nur ein Gefühlswirrwarr: Unzufriedenheit, Leere und der Verdacht, vom wahren Leben abgeschnitten zu sein.

Betty Friedan begann, nach den Ursachen zu suchen, interviewte viele Frauen in ähnlicher Lage und kam schließlich zu einer Diagnose. Statt sich voll auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu konzentrieren, statt auf eigenen Füßen zu stehen und auf allen Bühnen dieser Welt zu tanzen, biegen Frauen ab. Lassen sich in Vorstadthäusern parken, akzeptieren die ökonomische Abhängigkeit von ihrem Ehemann, stellen eigene Interessen zurück, um die der Familie zu bedienen. Und lassen sich gängeln von illusionären Bildern in Medien und Werbung, die von überwiegend männlichen Redakteuren zur Domestizierung des Weibes erdacht wurden. Statt zu einer eigenen Identität zu finden, spielten Frauen lieber diese vorgefertigten Rollen und das münde in einem "Weiblichkeitswahn“. Friedans gleichnamiges Buch traf den Nerv der Zeit und steht am Beginn der sogenannten Zweiten Frauenbewegung in Amerika.

Eingesperrt im Käfig der Festlegungen

Fünfzig Jahre später klingt Friedans Analyse noch immer nicht ganz fern und vor allem nicht ganz falsch. War es zu Friedans Zeiten die Psychoanalyse, die Frauen wissenschaftlich getarnt nahelegte, an die Determinierung ihres geschlechtlichen Seins zu glauben, halten heute dafür Genetik und Neurobiologie her. Mit wenig überprüfbaren Belegen gelingt es, Frauen noch immer von ihrer "natürlichen Rolle“ zu überzeugen und ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie zugunsten eines Berufes ihre Kinder "vernachlässigen“. Ein Großteil der Väter bleibt von solchen Seelenproblemen unbehelligt, auch wenn die Bindungsforschung längst erhoben hat, dass Kinder beide Eltern gleichermaßen brauchen. "Wenn ein System einmal an der Macht ist, hat es es nicht mehr nötig, laut über sich zu reden“, sagte eine andere Klassikerin der Frauenbewegung, Kate Millett.

Die katholisch geprägte Literaturwissenschafterin sezierte in "Sexual Politics“, wie Herrschaft zwischen den Geschlechtern durch Über- und Unterordnung inszeniert wird. Während die Frauen in diesem System an die romantische Liebe und die Inszenierung von Ehe als zentralem Lebenssinn glauben, schließt sich der Käfig der Festlegungen. Frauen sind so: triebhaft, passiv, wenig gelehrig, am besten als Mutter eingesetzt und zur Sicherheit klar kontrolliert. Und wie ist der Mann? Darüber redet man nicht. Aussitzen, schweigen, diffamieren. Wer meint, das sei heute alles Geschichte, hat die Beharrlichkeit eines Systems nicht verstanden, und vor allem unterschätzt.

Kate Millett setzte dem "Sexus“ den Begriff "Gender“ entgegen. Das soziale Geschlecht, das heute wortreich und Bürokratie fördernd verhandelt wird, meint in Wirklichkeit meist immer noch Frauen. Einschlägige Veranstaltungen weisen meist einen geringen Männeranteil auf. Mit ihrer Taktik des Ignorierens scheinen jene an der Macht Milletts Thesen zu bestätigen.

Die Rollen der Geschlechter sind Konstrukte

Am radikalsten stellte schließlich die Theologin Mary Daly die Konstrukte der Geschlechterrollen in Frage. "Mir war klar geworden, dass ein nicht sexistisches Christentum ebenso ein Widerspruch ist wie etwa die Idee eines viereckigen Dreiecks“, schrieb sie 1969. Eine Religion, die in ihren Bildern und Gebeten täglich millionenfach wiederholt, dass Gott, sein Sohn, und sein Geist männlich sind, und die Aufgabe der Frau nur die Unterstützung dieser Trias ist, könne nicht verändert werden. Daly entwickelte ein neues Gottesbild und eine neue Sprache, um aus dem Dilemma der geschlechtlichen Festlegung des Göttlichen herauszukommen. Gott ist für sie "das Verb“, denn Schöpfung sei kein statischer, sondern ein kontinuierlicher Vorgang, ein sich ständig mitteilendes Sein und Werden. Wir alle hätten in der "sisterhood of men“ Anteil an diesem kosmischen Sein. Jenseits von Hierarchien, Rollen und Ritualen gehe es um die "gegenseitige Durchdringung mit Erkenntnissen, die aus der Entdeckung der gemeinsamen Teilhabe am Sein, am Kosmos, kommt“.

Was bleibt als Bilanz? Noch immer sitzen Frauen in Vororten und mischen dort wenig mit, wo Teilhabe an der Gesellschaft mit Macht und Einfluss verbunden ist. Die Sexualisierung der Gesellschaft ist dank Werbung und Boulevardmedien stärker denn je. Und als Mary Daly vor einem Jahr starb, wurde ihr Tod kaum beachtet und ihre Theologie findet in der vorherrschenden Lehre keinen Niederschlag.

Also ein negativer Befund? Ich meine nicht. Hätten sich Analysen wie jene von Friedan, Millett oder Daly eins zu eins durchgesetzt, wäre ihr Anspruch totalitär und damit im Gegensatz zu ihren inhaltlichen Intentionen gestanden. Auch die Frauenbewegung und ihre Denkerinnen belegen, dass menschliche Erkenntnis langsam vor sich geht und Generationen aufeinander aufbauen müssen, um Veränderungen zu erreichen. Das wirklich Erstaunliche an der Frauenbewegung ist - und die geschilderte kurze Spanne der zweiten Welle der amerikanischen Bewegung ist nur ein kleiner Ausschnitt -, dass es sie mit solcher Vehemenz nun schon seit mindestens 150 Jahren gibt. Da ist etwas wirklich reif für Veränderung. Meiner Einschätzung nach geht es aber nicht nur, und nicht vordergründig, um die Korrektur der Geschlechterrollen. Wir verhandeln nicht weniger als ein neues Welt- und Gesellschaftsbild. Mary Dalys kosmologische Sicht von Gott und Welt entspricht einer sehr modernen Forschung in den Naturwissenschaften. Milletts soziologische Diagnose passt zur Frage nach der Effizienz monochromer Herrschaftsformen, seien sie nun durch Geschlecht, Religion, Nationalität oder Ethnie bestimmt. Betty Friedans Analyse der Vergeudung weiblicher Intellektualität fügt sich in die Bedürfnisse einer modernen Wissensgesellschaft.

Systeme und Strukturen sind beharrlich

Soziale Bewegungen sind, meiner Einschätzung nach, nur dann auf Dauer erfolgreich, wenn sie an verkrusteten, unpassend gewordenen Strukturen rütteln. Mit einem offenen Blick lässt sich sagen, dass wir noch mitten im Umbau unserer Gesellschaft stecken. Systeme sind, das haben uns auch feministische Theoretikerinnen gezeigt, beharrlich. Wie sich in der Bürokratie Österreichs noch Strukturen des Metternich’schen Verständnisses zeigen, in den Schulen noch Reste Maria-Theresianischer Ordnung und in Parteien die Dynamik der Zwischenkriegszeit, ist das Verständnis der Geschlechterrollen bis dato auch von Burschenschaftsidealen, Kirchenvätern oder christlichen Hauskalendern infiziert. Dass all das längst überholt ist und die Zukunft immer vorne und nie hinten liegt, ist mehr dem Respekt vor logischem Denken geschuldet als feministischer Exegese. Wir brauchen eine offene, wissensbasierte, global vernetzte und auf der Achtung von Menschenrechten aufbauende Welt. Die Frauenbewegung leistet dazu, solange es nötig ist, einen wichtigen Beitrag.

* Die Autorin ist Chefredakteurin der Zeitschrift "Welt der Frau“

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