Laptop Frau - © Pixabay

Neues Feindbild Feminismus

1945 1960 1980 2000 2020

Seit der greise Stéphane Hessel sein "Empört Euch!" in die Welt geschmettert hat, werden wir überflutet von Büchern, die seiner Aufforderung folgen.

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Seit der greise Stéphane Hessel sein "Empört Euch!" in die Welt geschmettert hat, werden wir überflutet von Büchern, die seiner Aufforderung folgen.

Empörung gegen alles und jedes: ob Dumme, Frauen, Homos oder Migranten - jeden kann der Zorn treffen. Und oft wird auch gleich ein Buch daraus. Neuerdings trifft es eine Ikone der vergangenen Jahrzehnte besonders hart: den Feminismus. Christine Bauer-Jelinek, Wirtschaftscoach und Machtexpertin, meinte, die Feministinnen würden mit den Männern den falschen Feind attackieren. Die deutsche Autorin Birgit Kelle monierte, dass die Feministinnen den Frauen das Weiblichsein unmöglich und aus Männern echte Waschlappen machen. Und zwei Journalistinnen in ihren 30ern, Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling, analysieren die "Tussikratie"; sie meinen, die Gleichstellungsdebatte sei pseudofeministisch und von einer wirklich besseren Gesellschaft seien wir noch weit entfernt.

"Den Feminismus" gibt es nicht

In die Reihe dieser jüngeren Kritikerinnen stellt die deutsche Autorin Antje Schmelcher nun ihr Buch "Feindbild Mutterglück". Schwarzer Einband, rote Schrift beim Feindbild, helles Blau beim Mutterglück: eine Kampfansage, schon optisch.

Empörung gegen alles und jedes: ob Dumme, Frauen, Homos oder Migranten - jeden kann der Zorn treffen. Und oft wird auch gleich ein Buch daraus. Neuerdings trifft es eine Ikone der vergangenen Jahrzehnte besonders hart: den Feminismus. Christine Bauer-Jelinek, Wirtschaftscoach und Machtexpertin, meinte, die Feministinnen würden mit den Männern den falschen Feind attackieren. Die deutsche Autorin Birgit Kelle monierte, dass die Feministinnen den Frauen das Weiblichsein unmöglich und aus Männern echte Waschlappen machen. Und zwei Journalistinnen in ihren 30ern, Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling, analysieren die "Tussikratie"; sie meinen, die Gleichstellungsdebatte sei pseudofeministisch und von einer wirklich besseren Gesellschaft seien wir noch weit entfernt.

"Den Feminismus" gibt es nicht

In die Reihe dieser jüngeren Kritikerinnen stellt die deutsche Autorin Antje Schmelcher nun ihr Buch "Feindbild Mutterglück". Schwarzer Einband, rote Schrift beim Feindbild, helles Blau beim Mutterglück: eine Kampfansage, schon optisch.

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Schmelchers Buch ist wie viele der zuvor genannten für mich schwer zu lesen. Ich muss mich sehr bemühen, zu verstehen, was die Autorin wirklich will. Denn in der Generation Empörung taucht ein im Grunde altes Muster ständig auf: Man attackiert ein Feindbild, in dem Fall den Feminismus. Dass es diesen als geschlossenes System nicht gibt, wird um des Effektes willen gerne übersehen. Wo, bitte, sind an zentralen Schaltstellen der Macht in Österreich oder Deutschland Feministinnen am Werk? Und ist es tatsächlich den Feministinnen anzulasten, dass Familie häufig mit Sozialfall gleichgesetzt und Karriere überdimensional mit Lebenssinn aufgeladen wird? Autorinnen wie Antje Schmelcher bürden den Feministinnen, die es so eben nicht gibt, auch noch eine moralische Pflicht auf. Gerade sie sollten den Müttern das Wort reden. Schmelcher meint, die Frauenbewegung habe die Mütter willentlich übersehen statt sie mitzunehmen und dazu beigetragen, dass Muttersein in unserer Welt zum Feindbild geworden ist. Warum, frage ich mich, schießt man gar so scharf? Dass Mütter das Feindbild der Nation sind, halte ich für eine völlig überzogene Kritik. Fast schon an der Grenze zur Wehleidigkeit. Hinkt nicht vielmehr der Ansatz, dass Mütter eine Sondergruppe sind?

Richtig ist, dass es die Lebenswelt verändert, ein Kind zu haben. Richtig ist, dass mehrere Kinder zu haben, ein Elternpaar vor völlig neue Fragen stellt. Richtig ist, dass man in der Lebensphase Familie in der Regel nicht alles auf einmal unterbringt: Familie, Karriere, und das für beide Eltern. Das ist eine Hochglanz-Chimäre, die zudem für viele, die Lebensqualität haben wollen, gar nicht erstrebenswert ist.

Was ist Schmelchers Alternative?

An diesem Punkt kann ich das Anliegen von Antje Schmelcher gut verstehen. Wer Kinder hat, möchte auch mit ihnen leben, sie begleiten, Zeit haben. Der möchte dafür geschätzt und von der Gesellschaft auch ohne moralische Anregungen unterstützt werden. Aus pragmatischen Gründen entscheiden sich viele Paare, dass den Part der häuslichen Betreuung in erster Linie die Mutter übernimmt und dafür ihre beruflichen Ambitionen hintan stellt. Aber auch aus emotionalen Gründen bleiben überwiegend die Mütter bei den Kindern: Sei es, weil sie überzeugt sind, dass Kinder doch in erster Linie die Mama brauchen; sei es, dass sie ihre Kinder "genießen" wollen; sei es, dass sie den Wert der Bindung an ihre Kinder höher schätzen als Anerkennung im Beruf oder Geld. Das alles ist verständlich und vollkommen in Ordnung. Gott sei Dank leben wir in einer Welt, die eine Vielfalt an Lebensentwürfen möglich macht.

Aber was möchten Frauen wie Antje Schmelcher dann von uns anderen, der sogenannten Gesellschaft? Über weite Strecken ihres Buches analysiert sie die Situation von Frauen, die Mütter werden wollen oder sind, sie beschreibt das drückende Vorbild der "Top Moms", die Kind und Karriere scheinbar mühelos verbinden, und kritisiert die akademische Geschlechterforschung, die Mutterschaft überhaupt abschaffen wolle. Über diese Analysen kann man im Detail eingehend streiten. Aber was ist die Alternative, fragt man sich? Was Frau Schmelcher will, ist leider nur in Nebensätzen verpackt. Denn genau dort würde es interessant. Sie möchte, dass Familie Elternsache ist, dass Väter in die Familienaufgaben eingebunden sind. Erst wenn Unternehmen damit rechnen müssen, dass auch Väter der Familie wegen ausfallen oder ihre Arbeitszeit reduzieren, sei etwas erreicht. Sie möchte, dass die Emanzipation der Frauen resümiert wird und die Frage, ob es Korrekturen braucht, gestellt wird. Ja, finde ich auch, dass man darüber reden sollte. Aber das hat Folgen.

Wenn Frauen ernst nehmen, dass Familie Elternsache ist, können sie nicht gleichzeitig einen Sonderstatus für sich als Mütter beanspruchen. Das war dann wirklich gestern. Die große Frage ist, wie gelingt es, einen Elterndiskurs zu führen, der nicht die Väter zu Helfern der Mütter degradiert? Wie gelingt es, Väter so in die Debatte zu holen, dass sie sich nicht bemuttert fühlen, sondern dieselben Qualitäten, die Frauen in der Familie erleben wollen, für sich einfordern?

Spannend könnte auch die Debatte werden, wie eine Emanzipation als Frau in Zukunft aussehen könnte. Frauen haben unglaublich viel erreicht, indem sie für gleiche Rechte gekämpft haben. Sie haben die Strukturen der Macht analysiert. Ein Teil hat sich entschieden, sich in diese Strukturen zu begeben und kämpft nun mit Quoten und anderen Instrumentarien um eine Beteiligung an beruflicher und öffentlicher Macht. Ein anderer Teil hat das für sich nie als attraktiv gefunden, wie auch ein Teil der Männer.

Die Falle, Frausein zu definieren

Noch immer verheddern sich Frauen in der Frage, was denn nun eine "echte" Frau sei. Damit sind sie, wohl unbewusst, in jene Falle gegangen, die man ihnen zu Beginn der Emanzipation gestellt hat. Die schnappt zu, wenn man sich darauf einlässt, Frausein bestimmen zu wollen, während "der Mann" von der Tribüne her amüsiert zusieht.

Unzweifelhaft ist, dass die einseitige Betonung von Stärke, Macht, Härte, Geschwindigkeit, die unsere Ökonomie kennzeichnet, das Leben mindestens halbiert und daher auch nur halb lebenswert macht. Das Weiche, Fürsorgliche, Bewahrende, das Langsame und das Hinkende, das Fragmentarische und Verletzliche haben wenig Platz in dieser rasenden Wirklichkeit. Kinder, Kranke, Alte, Beeinträchtigte, sie alle haben damit zu kämpfen, dass sie entweder übersehen oder "professionell" betreut, aber nicht als notwendiger Teil unserer Welt wertgeschätzt werden. Frauen nehmen, wenn sie Mütter werden, an diesem verletzlichen Teil der Welt mehr Anteil. Es ehrt sie, dass sie für diese Seite des Lebens wütend agieren.

Wer aber nur in der Wut bleibt, macht sich zum Opfer. Frauen haben zweifellos mehr Kraft. Sie können auch kämpfen, nüchtern, konkret, gewitzt. Dazu ist es nicht nötig, die Feministinnen zu beschimpfen. Man kann sich auch andere Verbündete suchen, kann Ziele formulieren und Strategien entwickeln. Das wünscht man sich von Autorinnen wie Antje Schmelcher, dann würde man ihnen gerne folgen.

Die Autorin ist Chefredakteurin von "Welt der Frau".

Feindbild Mutterglück - © Foto: Orell Füssli
© Foto: Orell Füssli
Buch

Feindbild Mutterglück

Warum Muttersein und Emanzipation kein Widerspruch ist.
Von Antje Schmelcher. Orell Füssli 2014.
208 Seiten, geb.,
€ 17,50.

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