Die Rückkehr der Mägde

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Trump und Co lösen einen neuen Kampf für Frauenrechte aus und in Literatur und Film erstarken Heldinnen und komplexe Frauenfiguren.

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Trump und Co lösen einen neuen Kampf für Frauenrechte aus und in Literatur und Film erstarken Heldinnen und komplexe Frauenfiguren.

Die Mägde sind zurück. Sie stehen aufgefädelt vor dem Weißen Haus, in roten Umhängen und weißen Hauben. Ein anachronistisches Bild als Reaktion auf einen aus der Zeit gefallenen Präsidenten, der vormals politisch verurteilte Diskriminierungsmechanismen zum Prinzip erhebt. Als 1985 Margaret Atwoods dystopischer Roman "The Handmaid's Tale" erschien, skizzierte die Autorin damit die auf die Spitze getriebene Version einer androzentrischen, frauenfeindlichen US-Gesellschaft.

Nichts davon sei erfunden, alles was den Frauen in der fiktiven Diktatur Gilead angetan wird, sei Frauen auch in der Realität angetan worden und das nicht selten, sondern systematisch. Nach Volker Schlöndorffs "Die Geschichte der Dienerin" von 1990 wurde der Roman nun als grandiose und beklemmende Serie mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle verfilmt und es zeigt sich, dass Atwoods scheinbar überwunden geglaubte Endzeit-Erzählung dreißig Jahre später aktueller ist denn je.

In einer vom Menschen zugrunde gerichteten Welt gibt es nur noch wenige fruchtbare Frauen. Als Mägde werden sie gezwungen, in den Haushalten der politischen Führer der Diktatur zu leben. In einer monatlich stattfindenden Zeremonie, bei der auch die Ehefrauen anwesend sind, sollen sie geschwängert werden, die daraus entstehenden Kinder werden ihnen genommen. Das geschriebene Wort wird ihnen verboten. Atwood zeichnet eine Gesellschaft, die Frauen durch Gewalt, Ausschluss aus der Öffentlichkeit und Entzug von Bildung isoliert und gefügig macht. Die Frau wird auf ihren reproduktiven Nutzen reduziert, Fruchtbarkeit zum Fetisch erhoben.

Feminismus goes Mainstream

Die Frage, ob sie Feministin sei, brachte Angela Merkel vor kurzem auf dem Womens20 Summit, dem internationalen Frauengipfel in Berlin, in die Bredouille. Auf dem Podium, umgeben unter anderen von Ivanka Trump und IWF-Chefin Christine Lagarde, kam sie arg ins Stottern, um dann ausweichend festzuhalten, sie wolle sich nicht mit einem Titel schmücken, den sie gar nicht habe. Die Zeiten, in denen "dem Feminismus" etwas Anrüchiges anhaftete, sind noch nicht vorbei, wie das Beispiel zeigt, und gerade im konservativen Lager schrecken noch viele Frauen davor zurück, sich als Feministin zu bezeichnen, unabhängig davon, wie emanzipiert sie selber sind und wieviel sie selbst davon profitieren, was Feministinnen jahrzehntelang für sie erstritten haben.

In Erinnerung bleibt Ronja von Rönnes polemischer Artikel in der Welt, in dem sie den Feminismus als unnötig und ekelhaft abtat. Trotz solcher Anfeindungen (von denen sich Rönne später distanziert hat), getan hat sich dennoch etwas. Von Jennifer Lopez bis Meryl Streep bekennen sich prominente Frauen zum Feminismus, Beyoncé nimmt ein feministisches Album auf, J. K. Rowling stellt sich mit scharfzüngigen Tweets sexistischen Trollen im Internet entgegen und Emma Watson lanciert für die UNO die Kampagne "He for she", die Männer dazu auffordert, sich für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen einzusetzen.

Gern wird dabei übersehen, dass es den Feminismus nicht gibt. Während die Differenzfeministinnen die Unterschiede von Männern und Frauen affirmieren und so aktiv am System mitbauen, wollen andere wiederum Gleichheit schaffen, indem sie Geschlechtergrenzen abbauen. Als kleinster gemeinsamer Nenner bleibt damit nur das Ideal, dass alle Menschen, egal welchem Geschlecht sie angehören, gleich sein sollten, ein humanistischer Grundgedanke also, den man seit neuestem für 300 Dollar auf dem Designershirt erwerben kann.

Neue Heldinnen

Die Popkultur war schon immer ein Gradmesser für gesellschaftliche Entwicklungen und Befindlichkeiten. So bringt jede Zeit die Heldenfiguren hervor, die gerade gebraucht werden. Nach dem Schock von 9/11 hatten starke, unbesiegbar scheinende Männer wie Superman und Batman Konjunktur. Vor wenigen Jahren noch undenkbar, dominiert diesen Kinosommer erstmals eine Superheldin, und zwar nicht irgendeine: Im von der Kritik hochgelobten Action-Blockbuster "Wonder Woman" von Patty Jenkins rettet ausgerechnet eine Amazone die Welt. Gerade erst wurde Disneys "Die Schöne und das Biest" als Realverfilmung mit Emma Watson als feministischer und intellektueller Belle neu interpretiert.

Der Feminismus ist im Mainstream angelangt. Das kann man bedauern oder feiern, jedenfalls zeigt es eines: Die Wiederentdeckung traditioneller feministischer Werte ist traurige Notwendigkeit. In Zeiten eines sich durch neue und ungefilterte Kanäle potenzierenden Sexismus, in Zeiten, in denen ein Mann im Weißen Haus residiert, der sich sexueller Übergriffe auf Frauen gebrüstet hat und trotzdem gewählt wurde, ist plötzlich wieder ein Feminismus gefragt, den viele schon für passé hielten. Es ist ein wehrhafter Feminismus, der Frauen als Interessensgemeinschaft begreift, die, unabhängig von der Vielfalt und den Unterschieden ihrer Vertreterinnen, ein gemeinsames Ziel verfolgen. Wer als Gruppe angegriffen wird, kann es sich schlichtweg nicht leisten, gerade diese kollektive Identität dekonstruieren zu wollen. Conchita war gestern, "Wonder Woman" ist heute. Gerade erst wurde in Literatur, Film und Fernsehen die Vielfalt von Identitäten und Lebensentwürfen gefeiert. Serien wie "Transparent" und "Modern Family", Romane von Thomas Meinecke, Antje Rávic Strubel oder John Irving zeigen, dass das Geschlecht keine statische Größe ist und Identitäten so vielfältig wie Menschen sind.

Doch plötzlich sind sexuell ausgebeutete Frauen und in männliche Sphären der Macht vordringende Kriegerinnen die neuen Symbolfiguren des Widerstandes, während Jennifer Lopez davon singt, dass sie ihrem Lover nicht die Wäsche macht. In der Neuauflage von Don Siegels Romanverfilmung "The Beguiled", in der Clint Eastwood den virilen Hahn im Korb gab, verschiebt Sofia Coppola die misogyne, androzentrische Perspektive und macht aus den grotesk anmutenden Hexen komplexe Frauenfiguren, die sich vor allem aufeinander beziehen und nicht auf das männliche Zentrum. Ein bisschen subtiler geht es also auch.

Gegenbewegung

Als Donald Trump ins Weiße Haus gewählt wurde, war es die Frauenbewegung, die die größte Protestbewegung, die Women's Marches, in Gang setzte. Auch auf diesen Demonstrationen tauchten die roten Umhänge der Mägde immer wieder auf. Natürlich ist Trump nicht das Problem, er ist Symptom und Symbol eines unglaublichen Backlash, was die Rechte von Frauen und Minderheiten angeht. Er sagt, was viele sich denken, mit seiner Wahl ist offener Sexismus wieder salonfähig geworden.

Die Aktualität und Notwendigkeit von Atwoods Feminismus zeigt sich nicht nur im Revival ihres "Handmaid's Tale". Der Kanadierin wurde der diesjährige Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt, der am 15. Oktober in der Frankfurter Paulskirche verliehen wird. In der Begründung heißt es: "Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Haltung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Menschenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie literarisch eindringlich formuliert. Durch sie erfahren wir, wer wir sind, wo wir stehen und was wir uns und einem friedlichen Zusammenleben schuldig sind." Die Mägde sind zurück, weil sie gebraucht werden, um sichtbar zu machen, wie schnell das schon lange als sicher Geltende auf dem Spiel stehen kann. Atwood ist in vielerlei Hinsicht das perfekte Gegenbild zu Trump, seit Jahrzehnten engagiert sie sich etwa für den Klimaschutz. Der Börsenverein hat eine gute, äußerst symbolische Wahl getroffen.

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