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Feuilleton

"Lebensluft"-Visionen einer Weltverbesserin

1945 1960 1980 2000 2020
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"Was mich betrifft, so weiß ich heute schon, warum ich gerade Lehrerin geworden bin und nicht lieber Schauspielerin, Sängerin, Schriftstellerin oder sonst was Freies und Lustiges. ( ). Ich wollte eine Schule, die ich mir gewünscht hatte, wenigstens anderen verschaffen." Dumpf, kalt, muffig und gehässig: So sei ihre eigene Schulzeit im galizischen Czernowitz gewesen, schreibt Eugenie Schwarzwald 1927 in der Neuen Freien Presse. "Misstrauen, Missverständnis, Missgunst, das war der Dreiklang, der in der alten Schule den Ton angab. Lange blieb er im Ohr. Die Nase aber, die das beste Gedächtnis hat, behielt ihr Leben lang den Geruch von schlechter, muffiger Luft."

Umso hartnäckiger wird Schwarzwald später für die Schulen und Mädchen mehr "Lebensluft" fordern -als Pädagogin, Sozialarbeiterin, Frauenrechtsaktivistin und begnadete Netzwerkerin. In ihrem Salon in der Josefstädter Straße 68 versammeln sich die Größen der Wiener Moderne: Robert Musil setzt ihr als "Diotima" im "Mann ohne Eigenschaften" ein Denkmal, Karl Kraus verewigt sie in den "Letzten Tagen der Menschheit".(Auch in der Ausstellung "The Place to Be. Salons als Orte der Emanzipation" - bis 14. Oktober im Jüdischen Museum Wien - kommt Schwarzwald vor.)

Große Namen an der "Schwarzwaldschule"

Tatsächlich leistet die 1872 als Eugenie Nußbaum Geborene Pionierarbeit: Nach der Lehrerinnenausbildung in Czernowitz zieht es sie in die Schweiz, wo sie an der Universität Zürich Germanistik inskribiert - damals die einzige Möglichkeit für Frauen, ein Studium zu absolvieren. 1900 promoviert sie, heiratet ihren Jugendfreund Heinrich Schwarzwald und übersiedelt nach Wien. Bald beginnt "Frau Doktor", wie man sie nennt, ihre Vortragstätigkeit im "Volksheim", 1901 übernimmt sie das Mädchen-Lyceum auf dem Franziskanerplatz und eröffnet zwei Jahre später die erste koedukativ geführte Volksschule. Die Schülerinnenzahl an der "Schwarzwaldschule", die später in die Wallnerstraße übersiedelt, nimmt zu, Hilde Spiel besucht sie ebenso wie Anna Freud oder Else Pappenheim. Auch die Namen der Lehrer sind schillernd: Oskar Kokoschka unterrichtet hier Zeichnen, Arnold Schönberg bietet Kompositionsklassen an. Offiziell leiten darf Schwarzwald die Schule freilich nie, ihr in Zürich erworbener akademischer Grad wird nicht anerkannt. Während des Ersten Weltkrieges gründet sie Gemeinschaftsküchen, startet Hilfsprogramme für Flüchtlingskinder und ermöglicht mit der Aktion "Wiener Kinder aufs Land!" Tausenden unbeschwerte Wochen. 1933, als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernehmen, helfen die Schwarzwalds den ersten Flüchtlingen. 1938 wird sie selbst - wie viele ihrer Schülerinnen -vertrieben, 1940 stirbt sie im Schweizer Exil.

Trotz dieses Lebens gerät Schwarzwald in Vergessenheit -zumal sie auch keine pädagogischen Schriften hinterlässt, sondern als passionierte Praktikerin Anleihen bei Johann Heinrich Pestalozzi, Maria Montessori und Ellen Key nimmt. Erst 2012 publiziert Deborah Holmes unter dem Titel "Langeweile ist Gift" eine Biografie. In Wien widmet sich Robert Streibel, Historiker und Direktor der Volkshochschule Hietzing, ihrem Gedenken. Im Sammelband "Das Vermächtnis der Eugenie" hat er nun eine spannende - wenngleich etwas nachlässig lektorierte Auswahl jener rund 300 Artikel und Essays vorgelegt, die Schwarzwald zwischen 1908 und 1938 publizierte -die Hälfte davon in der Neuen Freien Presse.

Es sind literarische Kleinode, aber auch praktische Anleitungen zur Weltverbesserung, die mitunter bis heute Gültigkeit haben: "Trotzdem oder eben weil wir die Ehe als das Erstrebenswerte ansehen, müssen wir dafür sorgen, dass jedes Mädchen einen außerhalb der Ehe gelegenen Beruf lerne", schreibt sie etwa 1911. Oder 1917: "Unzählige Eltern wären glücklich, ihr Kind für die Sommermonate einer sicheren Obhut anvertrauen zu dürfen, während sie selbst, ihrer Arbeit nachgehend, doch etwas Erholung fänden, indem man ihnen die Sorge um die Kinder abnähme." Oder 1926: "Kinder wünschen, dass man einfach und natürlich mit ihnen spricht: ihr Todfeind ist die Phrase". Oder 1931: "Die Reform in dieser neuen Schule -nennen wir sie kurzweg die fröhliche Schule -beginne beim Lehrer. Ihn gilt es zu befreien, die Menschenfurcht aus ihm zu bannen, die Angst vor seinen Vorgesetzten und vor dem Publikum auszurotten." Oder ebenfalls 1931: "Wer seinem Kinde beigebracht hat, aus dem Alltag alles herauszuholen, was drin ist, wer ihm Gelegenheit gegeben hat, die 'Märchen des Lebens', wie Peter Altenberg sie nennt, zu erleben ( ), der hat seinem Kinde zum Glück verholfen."

Beim Justizpalastbrand "Konversation"?

Auf aktuelle politische Ereignisse nimmt Schwarzwald hingegen -den Ersten Weltkrieg ausgenommen -selten Bezug. Es befremdet, zu welchen Zeiten sie welche Themen wählt: Während 1927 der Justizpalast brennt, schreibt sie über "Konversation"; als das Parlament "ausgeschaltet" wird, philosophiert sie über die "Junge Ehe"; und als der Bürgerkrieg 1934 gerade zu Ende ist, schreibt sie über den Umgang mit Büchern. "In der Neuen Freien Presse war wohl nicht Platz für Anderes", lautet Robert Streibels Einschätzung. Auch ihr letzter Text, der am 11. März 1938 -einen Tag vor dem Ende Österreichs -im Neuen Wiener Tagblatt erscheint und einen Roman über ein Hotel in Spanien bespricht, endet nur mit einer Andeutung. "Wenn man das Buch liest, hat man den heißen Wunsch, es möge Nancy und den Tossaleuten bald der Friede gegönnt sein, den sie und Spanien verdienen und den wir alle so heiß ersehnen."

Luft und Freiheit

Eugenie Schwarzwald (1872 bis 1940) wünschte sich "Lebensluft" für die Kinder ihrer Zeit -keine "dumpfen, kalten, muffigen und gehässigen" Schulen, wie sie sie selbst erlebt hatte.(Bild: Schulgartenunterricht einer Reformschule auf der Hohen Warte, Wien 1918)

Das Vermächtnis der Eugenie Gesammelte Feuilletons von Eugenie Schwarzwald 1908-1938. Von Robert Streibel (Hg.). Löcker 2017,286 Seiten, kartoniert, e 24,80.

"Was mich betrifft, so weiß ich heute schon, warum ich gerade Lehrerin geworden bin und nicht lieber Schauspielerin, Sängerin, Schriftstellerin oder sonst was Freies und Lustiges. ( ). Ich wollte eine Schule, die ich mir gewünscht hatte, wenigstens anderen verschaffen." Dumpf, kalt, muffig und gehässig: So sei ihre eigene Schulzeit im galizischen Czernowitz gewesen, schreibt Eugenie Schwarzwald 1927 in der Neuen Freien Presse. "Misstrauen, Missverständnis, Missgunst, das war der Dreiklang, der in der alten Schule den Ton angab. Lange blieb er im Ohr. Die Nase aber, die das beste Gedächtnis hat, behielt ihr Leben lang den Geruch von schlechter, muffiger Luft."

Umso hartnäckiger wird Schwarzwald später für die Schulen und Mädchen mehr "Lebensluft" fordern -als Pädagogin, Sozialarbeiterin, Frauenrechtsaktivistin und begnadete Netzwerkerin. In ihrem Salon in der Josefstädter Straße 68 versammeln sich die Größen der Wiener Moderne: Robert Musil setzt ihr als "Diotima" im "Mann ohne Eigenschaften" ein Denkmal, Karl Kraus verewigt sie in den "Letzten Tagen der Menschheit".(Auch in der Ausstellung "The Place to Be. Salons als Orte der Emanzipation" - bis 14. Oktober im Jüdischen Museum Wien - kommt Schwarzwald vor.)

Große Namen an der "Schwarzwaldschule"

Tatsächlich leistet die 1872 als Eugenie Nußbaum Geborene Pionierarbeit: Nach der Lehrerinnenausbildung in Czernowitz zieht es sie in die Schweiz, wo sie an der Universität Zürich Germanistik inskribiert - damals die einzige Möglichkeit für Frauen, ein Studium zu absolvieren. 1900 promoviert sie, heiratet ihren Jugendfreund Heinrich Schwarzwald und übersiedelt nach Wien. Bald beginnt "Frau Doktor", wie man sie nennt, ihre Vortragstätigkeit im "Volksheim", 1901 übernimmt sie das Mädchen-Lyceum auf dem Franziskanerplatz und eröffnet zwei Jahre später die erste koedukativ geführte Volksschule. Die Schülerinnenzahl an der "Schwarzwaldschule", die später in die Wallnerstraße übersiedelt, nimmt zu, Hilde Spiel besucht sie ebenso wie Anna Freud oder Else Pappenheim. Auch die Namen der Lehrer sind schillernd: Oskar Kokoschka unterrichtet hier Zeichnen, Arnold Schönberg bietet Kompositionsklassen an. Offiziell leiten darf Schwarzwald die Schule freilich nie, ihr in Zürich erworbener akademischer Grad wird nicht anerkannt. Während des Ersten Weltkrieges gründet sie Gemeinschaftsküchen, startet Hilfsprogramme für Flüchtlingskinder und ermöglicht mit der Aktion "Wiener Kinder aufs Land!" Tausenden unbeschwerte Wochen. 1933, als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernehmen, helfen die Schwarzwalds den ersten Flüchtlingen. 1938 wird sie selbst - wie viele ihrer Schülerinnen -vertrieben, 1940 stirbt sie im Schweizer Exil.

Trotz dieses Lebens gerät Schwarzwald in Vergessenheit -zumal sie auch keine pädagogischen Schriften hinterlässt, sondern als passionierte Praktikerin Anleihen bei Johann Heinrich Pestalozzi, Maria Montessori und Ellen Key nimmt. Erst 2012 publiziert Deborah Holmes unter dem Titel "Langeweile ist Gift" eine Biografie. In Wien widmet sich Robert Streibel, Historiker und Direktor der Volkshochschule Hietzing, ihrem Gedenken. Im Sammelband "Das Vermächtnis der Eugenie" hat er nun eine spannende - wenngleich etwas nachlässig lektorierte Auswahl jener rund 300 Artikel und Essays vorgelegt, die Schwarzwald zwischen 1908 und 1938 publizierte -die Hälfte davon in der Neuen Freien Presse.

Es sind literarische Kleinode, aber auch praktische Anleitungen zur Weltverbesserung, die mitunter bis heute Gültigkeit haben: "Trotzdem oder eben weil wir die Ehe als das Erstrebenswerte ansehen, müssen wir dafür sorgen, dass jedes Mädchen einen außerhalb der Ehe gelegenen Beruf lerne", schreibt sie etwa 1911. Oder 1917: "Unzählige Eltern wären glücklich, ihr Kind für die Sommermonate einer sicheren Obhut anvertrauen zu dürfen, während sie selbst, ihrer Arbeit nachgehend, doch etwas Erholung fänden, indem man ihnen die Sorge um die Kinder abnähme." Oder 1926: "Kinder wünschen, dass man einfach und natürlich mit ihnen spricht: ihr Todfeind ist die Phrase". Oder 1931: "Die Reform in dieser neuen Schule -nennen wir sie kurzweg die fröhliche Schule -beginne beim Lehrer. Ihn gilt es zu befreien, die Menschenfurcht aus ihm zu bannen, die Angst vor seinen Vorgesetzten und vor dem Publikum auszurotten." Oder ebenfalls 1931: "Wer seinem Kinde beigebracht hat, aus dem Alltag alles herauszuholen, was drin ist, wer ihm Gelegenheit gegeben hat, die 'Märchen des Lebens', wie Peter Altenberg sie nennt, zu erleben ( ), der hat seinem Kinde zum Glück verholfen."

Beim Justizpalastbrand "Konversation"?

Auf aktuelle politische Ereignisse nimmt Schwarzwald hingegen -den Ersten Weltkrieg ausgenommen -selten Bezug. Es befremdet, zu welchen Zeiten sie welche Themen wählt: Während 1927 der Justizpalast brennt, schreibt sie über "Konversation"; als das Parlament "ausgeschaltet" wird, philosophiert sie über die "Junge Ehe"; und als der Bürgerkrieg 1934 gerade zu Ende ist, schreibt sie über den Umgang mit Büchern. "In der Neuen Freien Presse war wohl nicht Platz für Anderes", lautet Robert Streibels Einschätzung. Auch ihr letzter Text, der am 11. März 1938 -einen Tag vor dem Ende Österreichs -im Neuen Wiener Tagblatt erscheint und einen Roman über ein Hotel in Spanien bespricht, endet nur mit einer Andeutung. "Wenn man das Buch liest, hat man den heißen Wunsch, es möge Nancy und den Tossaleuten bald der Friede gegönnt sein, den sie und Spanien verdienen und den wir alle so heiß ersehnen."

Luft und Freiheit

Eugenie Schwarzwald (1872 bis 1940) wünschte sich "Lebensluft" für die Kinder ihrer Zeit -keine "dumpfen, kalten, muffigen und gehässigen" Schulen, wie sie sie selbst erlebt hatte.(Bild: Schulgartenunterricht einer Reformschule auf der Hohen Warte, Wien 1918)

Das Vermächtnis der Eugenie Gesammelte Feuilletons von Eugenie Schwarzwald 1908-1938. Von Robert Streibel (Hg.). Löcker 2017,286 Seiten, kartoniert, e 24,80.