Literatur

Selbstbehauptung und Überleben

1945 1960 1980 2000 2020

Gegen das Vergessen legen kleine Verlage Literatur österreichischer Schriftstellerinnen wieder auf.

1945 1960 1980 2000 2020

Gegen das Vergessen legen kleine Verlage Literatur österreichischer Schriftstellerinnen wieder auf.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war für Frauen eine Aufbruchszeit. Der Kampf um Emanzipation zeigte erste Erfolge, die Frauen erhielten das Wahlrecht, viele Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten standen ihnen offen. Schriftstellerinnen wie Vicki Baum und Gina Kaus sind internationale Bestsellerautorinnen, auch Annemarie Selinko, deren Roman „Désirée“ in 25 Sprachen übersetzt wurde, und Joe Lederer, die als „deutsche Colette“ gefeiert wurde, zählen zu ihnen.

Doch der Nationalsozialismus und der Krieg beendeten viele ihrer Karrieren. Die Frauen mussten ins Exil gehen, wurden in Konzentrationslagern ermordet, zogen sich zurück. In den 1970er-Jahren wurden einige von ihnen im Rahmen der Frauenliteraturgeschichtsforschung entdeckt, wie etwa von Hertha Pauli und Adrienne Thomas, heute sind ihre Werke schon wieder vom Buchmarkt verschwunden oder werden abermals wiederentdeckt wie Else Feldmann, Lili Grün, Else Jerusalem oder Lina Loos. In den Kanon der Literaturgeschichte haben sie es nicht geschafft.

Umso verdienstvoller ist es, dass vor allem kleinere Verlage Neuauflagen, ja sogar Erstveröffentlichungen wagen. Und es ist kein Zufall, dass in gleich drei jüngst erschienenen Romanen die Nachworte von Evelyne Polt-Heinzl verfasst wurden, die sich seit vielen Jahren um eine Erweiterung des österreichischen Literaturkanons bemüht. Die Lektüre von vier gerade neu aufgelegten Büchern von Autorinnen, die alle die Zeit des Nationalsozialismus im Exil überlebten, lohnt sich und beweist, dass eine Revision des Kanons fällig ist.

Als bereits viertes Buch von Mela Hartwig erschien die Erstausgabe des Romans „Inferno“ im Literaturverlag Droschl. Geschrieben wurde er zwischen 1946 und 1948 im englischen Exil, in das Hartwig 1938 mit ihrem Mann Robert Spira fliehen konnte. Für Gisela von Wysocki ist Hartwig „eine große Autorin der Moderne“, „eine Pionierin im Beschreiben weiblicher Gefühlswelten“.

Im Roman „Inferno“ erzählt Hartwig von der 18-jährigen Ursula, die nach der Matura Malerei studieren möchte und sehr schnell lernen muss, dass im Jahr 1938 die Massen auf den Straßen außer sich geraten und sich an den Worten eines Mannes berauschen, von dem sie Wunder erwarten. Sie erlebt den Brand des Tempels und erste Pogrome. „Wir sind ein Volk, das zum Amokläufer geworden ist“, erklärt ihr Freund, der im Widerstand kämpft.

Aber nicht nur auf der Straße ist die Hölle, sondern auch die Wände haben Augen und Ohren, zumal in der Wohnung der eigenen Familie. Der Bruder zählt zu den ersten überzeugten Nazis, vor dem sich die Eltern und Ursula fortan in Acht nehmen müssen. Die Mutter flüchtet immer wieder für Wochen und Monate in Krankheiten, auch als schließlich der Brief kommt, der den Tod des Sohnes „auf dem Felde der Ehre“ übermittelt. Wie ihr Freund entschließt sich Ursula, im Widerstand zu arbeiten, scheitert aber an den psychischen Anforderungen, reagiert hysterisch, hat Angst. Der Geliebte verschwindet nach einem von ihm verübten Sabotageakt in einer Munitionsfabrik. Ursula weiß, was das Kriegsende für alle Mitschuldigen bedeutet, ihr erstes Gemälde wird „INFERNO“ heißen. Mela Hartwig gelingt es, in expressiven Bildern die körperlichen und psychischen Abgründe zu beschreiben. Sie inspiziert „das innere Erleben des äußeren Schreckens“, schreibt Vojin Saša Vukadinović in seinem Nachwort.

Großartiger Exilroman

Friederike Manners autobiografischer Roman „Die dunklen Jahre“ erschien erstmals 1948 unter dem Pseudonym Martha Florian. Die Geschichte von Klara und Ernst und ihren beiden Kindern ist die literarische Gestaltung ihrer eigenen Lebensgeschichte von Februar 1934 bis Silvester 1945. Friederike Manner ist mit dem jüdischen Arzt Hans Brauchbar verheiratet, will sich von ihm scheiden lassen, als 1938 die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschiert. Die politisch hellsichtige „arische“ Friederike Manner fühlt sich verpflichtet, ihren Mann zu schützen, schickt zunächst die beiden Kinder in die Schweiz, während der Ehemann nach Belgrad flüchtet. Nach einigen Monaten folgt sie ihm mit ihren Kindern ins Exil. Hans Brauchbar wurde 1941 im Lager Schabatz/Šabac erschossen. Gemeinsam mit ihren Kindern überlebt Friederike Manner bis 1944 in Belgrad, obwohl ihre Situation als deutschsprachige Emigrantin prekär ist. Gerade noch rechtzeitig lässt sie sich nach Wien evakuieren.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war für Frauen eine Aufbruchszeit. Der Kampf um Emanzipation zeigte erste Erfolge, die Frauen erhielten das Wahlrecht, viele Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten standen ihnen offen. Schriftstellerinnen wie Vicki Baum und Gina Kaus sind internationale Bestsellerautorinnen, auch Annemarie Selinko, deren Roman „Désirée“ in 25 Sprachen übersetzt wurde, und Joe Lederer, die als „deutsche Colette“ gefeiert wurde, zählen zu ihnen.

Doch der Nationalsozialismus und der Krieg beendeten viele ihrer Karrieren. Die Frauen mussten ins Exil gehen, wurden in Konzentrationslagern ermordet, zogen sich zurück. In den 1970er-Jahren wurden einige von ihnen im Rahmen der Frauenliteraturgeschichtsforschung entdeckt, wie etwa von Hertha Pauli und Adrienne Thomas, heute sind ihre Werke schon wieder vom Buchmarkt verschwunden oder werden abermals wiederentdeckt wie Else Feldmann, Lili Grün, Else Jerusalem oder Lina Loos. In den Kanon der Literaturgeschichte haben sie es nicht geschafft.

Umso verdienstvoller ist es, dass vor allem kleinere Verlage Neuauflagen, ja sogar Erstveröffentlichungen wagen. Und es ist kein Zufall, dass in gleich drei jüngst erschienenen Romanen die Nachworte von Evelyne Polt-Heinzl verfasst wurden, die sich seit vielen Jahren um eine Erweiterung des österreichischen Literaturkanons bemüht. Die Lektüre von vier gerade neu aufgelegten Büchern von Autorinnen, die alle die Zeit des Nationalsozialismus im Exil überlebten, lohnt sich und beweist, dass eine Revision des Kanons fällig ist.

Als bereits viertes Buch von Mela Hartwig erschien die Erstausgabe des Romans „Inferno“ im Literaturverlag Droschl. Geschrieben wurde er zwischen 1946 und 1948 im englischen Exil, in das Hartwig 1938 mit ihrem Mann Robert Spira fliehen konnte. Für Gisela von Wysocki ist Hartwig „eine große Autorin der Moderne“, „eine Pionierin im Beschreiben weiblicher Gefühlswelten“.

Im Roman „Inferno“ erzählt Hartwig von der 18-jährigen Ursula, die nach der Matura Malerei studieren möchte und sehr schnell lernen muss, dass im Jahr 1938 die Massen auf den Straßen außer sich geraten und sich an den Worten eines Mannes berauschen, von dem sie Wunder erwarten. Sie erlebt den Brand des Tempels und erste Pogrome. „Wir sind ein Volk, das zum Amokläufer geworden ist“, erklärt ihr Freund, der im Widerstand kämpft.

Aber nicht nur auf der Straße ist die Hölle, sondern auch die Wände haben Augen und Ohren, zumal in der Wohnung der eigenen Familie. Der Bruder zählt zu den ersten überzeugten Nazis, vor dem sich die Eltern und Ursula fortan in Acht nehmen müssen. Die Mutter flüchtet immer wieder für Wochen und Monate in Krankheiten, auch als schließlich der Brief kommt, der den Tod des Sohnes „auf dem Felde der Ehre“ übermittelt. Wie ihr Freund entschließt sich Ursula, im Widerstand zu arbeiten, scheitert aber an den psychischen Anforderungen, reagiert hysterisch, hat Angst. Der Geliebte verschwindet nach einem von ihm verübten Sabotageakt in einer Munitionsfabrik. Ursula weiß, was das Kriegsende für alle Mitschuldigen bedeutet, ihr erstes Gemälde wird „INFERNO“ heißen. Mela Hartwig gelingt es, in expressiven Bildern die körperlichen und psychischen Abgründe zu beschreiben. Sie inspiziert „das innere Erleben des äußeren Schreckens“, schreibt Vojin Saša Vukadinović in seinem Nachwort.

Großartiger Exilroman

Friederike Manners autobiografischer Roman „Die dunklen Jahre“ erschien erstmals 1948 unter dem Pseudonym Martha Florian. Die Geschichte von Klara und Ernst und ihren beiden Kindern ist die literarische Gestaltung ihrer eigenen Lebensgeschichte von Februar 1934 bis Silvester 1945. Friederike Manner ist mit dem jüdischen Arzt Hans Brauchbar verheiratet, will sich von ihm scheiden lassen, als 1938 die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschiert. Die politisch hellsichtige „arische“ Friederike Manner fühlt sich verpflichtet, ihren Mann zu schützen, schickt zunächst die beiden Kinder in die Schweiz, während der Ehemann nach Belgrad flüchtet. Nach einigen Monaten folgt sie ihm mit ihren Kindern ins Exil. Hans Brauchbar wurde 1941 im Lager Schabatz/Šabac erschossen. Gemeinsam mit ihren Kindern überlebt Friederike Manner bis 1944 in Belgrad, obwohl ihre Situation als deutschsprachige Emigrantin prekär ist. Gerade noch rechtzeitig lässt sie sich nach Wien evakuieren.

Die dunklen Jahre ist einer der besten Exilromane, für Erich Hackl ist er sogar ein Roman über uns und unsere Gegenwart. Einer der besten Romane überhaupt‘.

Völlig illusionslos schildert die Autorin in „Die dunklen Jahre“ aus der Ich-Perspektive den Überlebenskampf von Klara, die ihren Kindern Stella und Friedel das Leben ermöglichen will, selber aber ein paarmal daran denkt, aufzugeben. Wieder zurück in Wien muss sie erkennen: „Wir sind einander bis in die tiefste Seele fremd geworden. Von den Toten auferstanden, sind wir unerwünscht und unheimlich, auch hier Fremdlinge, die eine Axt im Herzen tragen.“ Mit dem Verdrängen und dem Kalten Krieg in den 1950er-Jahren konnte sich Friederike Manner nicht abfinden, 1956 setzte sie ihrem Leben ein Ende.

„Die dunklen Jahre“ ist einer der besten Exilromane, für Erich Hackl ist er sogar mehr als das, nämlich ein Roman „über uns und unsere Gegenwart. Einer der besten Romane überhaupt.“ Manner erzählt schonungslos von den Sehnsüchten und der Verzweiflung einer Frau, die um ihre Haltung kämpft zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen Treue und Anspruch auf Liebe, und die weiß, dass die „Menschen an ihrem eigenen Untergang arbeiten“, weil sie mitmachen. Im abschließenden Brief von Klara, dem siebten Kapitel des Romans, schreibt Klara davon, dass sie sich so verlassen fühlt, als ob sie ihre „innerste Seelenlandschaft verloren hätte“. Frauen, die keine Heldinnen sind, stehen auch im Zentrum der beiden Romane „Ich war ein hässliches Mädchen“ von Annemarie Selinko und „Bring mich heim“ von Joe Lederer, die beide im Wiener Milena Verlag neu aufgelegt wurden und von den Verwerfungen und Schwierigkeiten auf der Suche nach der „Neuen Frau“ erzählen.

Traumatisches Erlebnis

Joe Lederer debütierte mit dem Roman „Das Mädchen George“, der sie berühmt machte. 1932 erschien ihr Roman „Bring mich heim“, in dem sie ihre Affäre mit Hans Albers literarisch zu bewältigen versucht und von den Folgen der Verführung/Vergewaltigung einer Minderjährigen durch einen zwanzig Jahre älteren Cousin erzählt, der aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt ist. Denn die Verlorenheit und Rastlosigkeit von Jeannine Maran, die sich als Fotografin Geld zu verdienen versucht, nachdem das Erbe schwindet, hängt mit diesem traumatischen Erlebnis zusammen. Die einsame Protagonistin bewegt sich zwar mit ihrer Dogge Tommy gewandt und emanzipiert durch die Welt, hat immer wieder Liebschaften und in Harald einen Kindheitsfreund, hofft aber noch darauf, dass Andy sie „heimbringt“. Und weil dieser kurz vor der Hochzeit mit einer 18-Jährigen steht, als sich die beiden nach Jahren wieder treffen, sucht sie einen Ausweg in der Beziehung zum Schauspieler Mathieu Corodi.

Annemarie Selinkos Debütroman „Ich war ein hässliches Mädchen“ erschien 1937 und thematisiert die Identitätssuche eines 18-jährigen Mädchens, das eher lustlos die Matura geschafft hat. Als Lebensziel gilt für bürgerliche Frauen nach 1918 ja eine erfolgreiche Heirat, zumal diese nicht selten den finanziellen Absturz der Herkunftsfamilie kompensieren soll. Doch Annemarie ist hässlich, lehnt eine Bürokarriere ab, beginnt als Ladenfräulein an der Kassa eines Strickwarengeschäfts zu arbeiten und lernt in der Grandhotel-Bar den berühmten Schauspieler Claudio Pauls kennen, der aus dem hässlichen „Entlein“ – so ihr Kosename – eine mondäne und schöne Frau machen wird. Sie ist eine gelehrige Schülerin, besucht Friseur, Kosmetiksalon und beginnt gezielt eine Affäre mit dem adligen Bankierssohn Thomas – er nennt sie „Baby“. Und sie folgt ihrem Mentor, den sie liebt und der ihr rät, ihre Geschichte aufzuschreiben.

Den doppelten Boden, den dieser Roman aus der Ich-Perspektive von Annemarie hat, könnte man übersehen, wenn man die Ironie nicht versteht, die Annemarie Selinko gekonnt einsetzt.

Ganz unsentimental und lakonisch entlarven Joe Lederer und Annemarie Selinko die asymmetrischen Geschlechterverhältnisse, die Maskeraden und Rollenspiele, die Beziehungen auf Augenhöhe unmöglich und schließlich Männer und Frauen zu Verlierern machen. Dass die Beziehungen zwischen Frauen und Männern bestimmt sind von den ökonomischen und politischen Verhältnissen, das wird noch deutlicher in den Romanen von Mela Hartwig und Friederike Manner, die begreifbar machen, wie Faschismus und Krieg die Gräben zwischen den Geschlechtern vertieft haben.

Inferno - © Droschl
© Droschl
Literatur

Inferno

Roman von Mela Hartwig

Droschl 2018

216 S., geb., € 20.-

Die dunklen Jahre - © Edition Atelier
© Edition Atelier
Literatur

Die dunklen Jahre

Roman von Friederike Manner

Edition Atelier 2019

424 S., geb., € 28.-

Bring mich heim - © Milena
© Milena
Literatur

Bring mich heim

Roman von Joe Lederer

Milena 2019

152 S., geb., € 22.-

Ich war ein hässliches Mädchen - © Milena
© Milena
Literatur

Ich war ein hässliches Mädchen

Roman von Annemarie Selinko

Milena 2019

248 S., geb., € 24.-