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Evelyn Schlag, zuletzt als hochrangige Lyrikerin hervorgetreten, hat nach sieben Jahren wieder einen Prosaband herausgebracht, der auf den Bestsellerlisten gelandet ist.

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Von Cornelius Hell

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Von Cornelius Hell

Seit 1992 sind die Erzählungen entstanden, die der Band „Touche" vereint. Sie verwirklichen Evelyn Schlags Vorstellungen einer aussagekräftigen Literatur, „einer Literatur, die etwas zu sagen hat, was für mich gleichbedeutend ist mit Autoren, die eine exi-stenzielle Erfahrung mitzuteilen haben", wie sie im Vorwort zu ihren Grazer Poetikvorlesungen schreibt.

Krankheit ist ein zentraler Stoff dieser Autorin; damit hat sie selbst reichlich Erfahrung, damit hat sie sich intensiv auseinandergesetzt, auch in Gesprächen mit ihrem Mann, der Internist und Psychosomatiker ist. Und Evelyn Schlag hat im Verlauf ihrer Arbeit als Schriftstellerin die Erfahrung gemacht, „daß es sich aus der Vielzahl der Themen verengt auf die, wo man sich wirklich denkt, das ist jetzt nötig, daß ich das schreib".

So etwa bei den zwei Geschichten, die von der Zuckerkrankheit handeln; Geschichten eines Schulmädchens, dessen Vater als Arzt nur Ordnungsanweisungen parat hat, gegen das Leben wie gegen die Krankheit, und ihnen selbst nicht gerecht wird. Das Mädchen identifiziert sich ein Stück weit mit ihm, aber durch die Krankheit wird es in die Nachfolge der chaotisch-ohnmächtigen Mutter gezwungen.

Die Titelgeschichte, handelt vom verschämten und befreienden Erwachen der Sexualität, von der Ablösung vom Elternhaus und der Bindung an einen Burschenschafter, vom verhängnisvollen Biß zwischen Einsicht und Gefühl. „Die Titelgeschichte, die ist autobiographisch, die beruht also wirklich bis in Details auf erlebten Einzelheiten, und ich hab sehr lang eben nicht über solche Sachen geschrieben, außer in manchen Gedichten, aber das war eher ein Trockentraining; aber es ist natürlich ein Wahnsinnsstoff so etwas. Es ist meines Wissens fast nicht behandelt worden in letzter Zeit. Es gibt Neonazi-Geschichten, aber es gibt nicht die Geschichte, die diese enge Verstrickung zeigt zwischen Persönlichem und Politischem, und wie das Politische auf den Gleisen des ganz Intimen fährt eine Zeit lang."

Alle Erzählungen sind aus Frauenperspektive geschrieben, und daß es sich dabei nicht um dieselbe Frau handelt, wird endgültig deutlich im Text „Alle deine Himbeersträucher", einem sprachlich eindrucksvollen Zeugnis weiblicher Lust und Erotik. Nichts anderes wird dargestellt als ein Liebesakt in seiner körperlichen Direktheit und seinem traumwand-lerischen Höhenflug. Evelyn Schlag wollte „versuchen, jetzt in den neunziger Jahren einen Text zu schreiben, der die Sexualität des Mannes eben nicht ablehnt, sondern sie prinzipiell annimmt, daraus eben die größte Lust schöpft, und das ist sicher in diesem Fall völlig asynchron zur Zeit, zum Zeitgeist sowieso".

„Alle deine Himbeersträucher" ist ein fulminanter Gegenentwurf zur feministischen Literatur Marke Elfriede Jelinek. Evelyn Schlag hat sich mit Feminismus durchaus beschäftigt. „Aber ich hab das innerlich als Jargon empfunden und das Kapitel damit abgehackt."

Der befreiende Ausbruch gelingt in dem Momenthaften der sexuellen Begegnung, aber nicht im Ganzen eines Lebenslaufes. Denn die beiden letzten Erzählungen zeichnen Frauen, die an ihre kranken Männer gefesselt sind. Im letzten Text ist es ein behinderter Tyrann, quasi eine verstorbene Thomas-Bernhard-Figur, deren faschistisches Weltbild seine Frau Erika noch immer reproduziert. Aber wie die anderen Erzählung des Bandes lebt auch diese davon, daß die entscheidenden Konstellationen erst langsam ins Licht gerückt werden und die Autorin nie mit der Tür ins Haus fällt. „Das hab ich auch als sehr wichtig empfunden beim Schreiben, die Figur so sein zu lassen wie sie ist; also nicht sozusagen eine politisch korrekte Geschichte zu schreiben, das wäre langweilig gewesen." Erika gerät bei einem Kuraufenthalt an Tresky, einen Künstler, für die Autorin „eine Art Taufschein-Linker", der ihre Wünsche genauso übergeht, „irgendwie aufgeklärt-verloren, wenn es drauf ankommt". Und Erika, „eine sympathische Figur mit den völlig falschen politischen Absichten" ist „in mancher Hinsicht wirklich die erwachsene Figur aus der Touche-Geschichte, die den Absprung nicht geschafft hat; die wahrscheinlich in demselben.Milieu ihre erste Liebe erfahren hat und die eben dabei geblieben ist". „A lifetime of careful listening" -

so hat der amerikanische Lyriker William Carlos Williams sein Programm umschrieben. Evelyn Schlag ist in ihren Poetik-Vorlesungen davon ausgegangen. Dem Leben abgelauscht sind auch die Figuren ihrer Erzählungen, die einen behutsamen, aber genauen Blick werfen in das Intime und Private, „dorthin, wo die Geheimnisse der Menschen nisten". Mit Wilhams teilt Evelyn Schlag auch - bei aller Unvergleichlichkeit des heutigen Niederösterreich mit dem Amerika der Zwischenkriegszeit - das Leben in der Kleinstadt. Williams sprach von einer „application of the senses to that place", also einer „Anwendung der Sinne auf jenen Ort". Evelyn Schlag schätzt die Kleinstadt, weil die Figuren vor dieser Kulisse viel lebendiger werden, weil man einer Überprüfung ausgesetzt ist, während sich in der Großstadt Theorie und Lebenspraxis mühelos auseinanderentwickeln können. Drei Jahre Arbeitsleben in Wien - „da war alles sehr ruhig im Vergleich zu jetzt".

Geschrieben hat sie damals schon, aber noch nicht so intensiv. Was war eigentlich Auslöser des Schreibimpulses? „Es hat erst einmal angefangen als Kind, wie meine Eltern in Amerika waren und meine Mutter ein dreiviertel Jahr weg war - ich hab wirklich aus Sehnsucht schreiben gelernt, und etwas besseres kann einem Schriftsteller wahrscheinlich nicht passieren. Und ich nehme an, daß ein Element davon in meiner Schreibhaltung bis jetzt drinnen ist, also daß ich mit meiner Literatur eben auch etwas herbeischreiben will mit manchen Geschichten."

„Die Zusammenhänge zwischen Lebensführung und Krankheitswahl darzustellen", damit ist sie vorsichtiger geworden - man gerät vielleicht nicht zufällig in eine Krankheit, aber man sucht sie sich auch nicht aus. „In dem Sinn ist das einfach eine katholische, aber umgewandelte Schuldzuweisung, die da so läuft, die auch von der Psychosomatik sehr oft mißbraucht wird, daß man sich die Krankheit durch seine Lebensführung sozusagen wirklich wählt."

„Alle Themen in der Dichtung müssen verdient sein", heißt es-bei Douglas Dunn. In Evelyn Schlags Lyrik und Prosa sind sie das in zunehmendem Maß. Das macht ihre Kraft wie ihre Zugänglichkeit aus.

TOUCHE. Erzählungen. Von Evelyn Schlag.

S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1994. BH 190 Seiten, öS 2)),-.

KEINER FRAGT MICH JE, WOZU ICH DIESE KRANKHEIT DENN BRAUCHE

Grazer Forlesungen zur Literatur. Von Evelyn Schlag. Droschl Verlag, Graz 1993. 222 Seiten, öS 250,-.

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