Goisern - © Foto:  picturedesk.com  / Robert Newald
Literatur

"Flüchtig" von Hubert Achleitner: Wendepunkte und Wegkreuzungen

1945 1960 1980 2000 2020

Auf der Suche nach sich selbst und nach dem persönlichen Glück: Der „Alpenrocker“, Liedermacher und Slow-Traveller Hubert von Goisern hat mit „flüchtig“ seinen ersten Roman herausgebracht – unter seinem bürgerlichen Namen Hubert Achleitner.

1945 1960 1980 2000 2020

Auf der Suche nach sich selbst und nach dem persönlichen Glück: Der „Alpenrocker“, Liedermacher und Slow-Traveller Hubert von Goisern hat mit „flüchtig“ seinen ersten Roman herausgebracht – unter seinem bürgerlichen Namen Hubert Achleitner.

Eigentlich verbindet man mit ihm den „Alpenrock“, Songs und engagierte Kunstprojekte. Jahrelang schon war er als Slow-Traveller unterwegs, bevor diese Form des Reisens zu einer Art Lebensstil geworden ist. Jetzt hat der gebürtige Oberösterreicher Hubert von Goisern seinen ersten Roman geschrieben, der sich nach seinem Erscheinen sofort auf die vordersten ­Plätze der heimischen Bestsellerlisten katapultiert hat. Ursprünglich habe er ihn, wie er sagt, unter einem Pseudonym herausbringen wollen, das hätte ihm Unvoreingenommenheit bei Publikum und Kritik gesichert. Es ist wohl einem Kompromiss geschuldet, dass er ihn nun schlussendlich unter seinem bürgerlichen Namen Hubert Achleitner im Zsolnay-Verlag veröffentlicht hat.

Der Plot dieser Prosa hat auf mehreren Ebenen mit dem Verschwinden und mit der Suche nach dem eigenen Selbst zu tun: Eine Frau bricht radikal aus ihrem Leben aus. Damit ihr das tatsächlich gelingt, ändert die Protagonistin Eva Maria Magdalena nicht nur einzelne Facetten ihres Daseins, sondern sie verschwindet plötzlich, und das, ohne zunächst irgendeine Spur zu hinterlassen. Der Titel „flüchtig“ legt also eine erste Fährte durch die Handlung, die sich rasch und locker in zahlreichen Rückblenden und perspektivischem Erzählen entfaltet.

„Ein Leben ohne Höhen und Tiefen“

Maria ist 35 Jahre, verheiratet und arbeitet in einer Bank. Als sie eine Fehlgeburt erleidet und erfährt, dass sie keine Kinder bekommen kann, schlittert ihre Ehe sukzessive in eine Krise. Mit diesem Schicksalsschlag hat sie „den Glauben an sich und an das Leben überhaupt“ verloren. Ihr Mann Herwig, ein Lehrer, findet keinen Zugang mehr zu ihr und flüchtet sich in eine außereheliche Beziehung. Die Jahre vergehen, Routine hat sich in ihr Leben eingeschlichen: „Kein Krieg, aber auch keine Liebe. Ein Leben ohne Höhen und Tiefen.“ Weil Maria nicht nur beruflich frustriert ist, sondern zufällig mitbekommt, dass ihr Mann Vater zu werden scheint, beschließt sie, eine Zäsur zu setzen. „Sie wusste nicht, was sie wollte. Sie wusste nur, dass sie dieses Leben nicht mehr wollte. Sie wollte weg.“

Maria greift das Fluchtverhalten ihres Mannes auf und macht sich kopfüber aus dem Staub. Ein Lebenszeichen erhält Herwig erst viel später durch einen Brief, den ihm Marias Freundin Lisa am Bahnhof ihres alten Wohnortes übergibt. Sie ist es eigentlich auch, die diese weit verzweigte Geschichte erzählt. Denn am Beginn des Romans meldet sie sich mit einer Vorbemerkung zu Wort: „Es sind die Erinnerungen an einen Sommer, den ich mit dieser außergewöhnlichen Frau zusammen verbringen durfte. Die Namen dieser Geschichte habe ich frei erfunden, auch den für mich.“

Achleitner zieht mehrere thematische Linien durch seinen Roman. Einen Fokus legt er auf die Reflexion von Beziehungen, die in unterschiedlichsten Konstellationen gelebt werden. Es geht um Affären als „Zeit außerhalb der Zeit“, um Intensität und Brüchigkeit der Liebe samt Enttäuschungen und Zumutungen oder um Doppelleben und „ikonisierten Gefühlsaustausch“.

Auf dem Berg Athos

Abgründe der Liebe lotet Achleitner auch im Kontext des Verrats aus. Er führt hier zu einem Schnitt, der in Flucht, Orientierungslosigkeit und Sinnsuche mündet. Achleitner sagt dazu in einem Interview mit dem Hanser Verlag: „Der überwiegende Teil unseres Lebens läuft, entsprechend dem Bild, das wir von uns und der Welt mit herumtragen, auf den Schienen äußerer Notwendigkeiten. Es gibt jedoch immer wieder Wendepunkte, Wegkreuzungen, Weichenstellungen … Ob man diese ergreift oder ignoriert, hängt von der Bereitschaft ab, seiner Intuition zu folgen und sich dem Risiko des Unbekannten auszusetzen.“