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Hoffen auf die Allianz der Einsamkeiten

„Er erfuhr erst später, daß in den Tagen, in denen er sich mit den Möglichkeiten befaßte, Kerstin vor ihrer Familie in Sicherheit zu bringen, er selbst ebenfalls errettet werden sollte... Es war ihm bisher nicht eingefallen, daß seine Pläne zu Kerstins Errettung fremdes Schicksal berührten, er hatte angenommen, ihren eigenen unausgesprochenen Vorstellungen feste, den Erfordernissen der linearen Zeit entsprechende Form gegeben zu haben. Kerstins Bemerkung war ein Beweis dafür, daß sie seine Persönlichkeit... nicht begriffen hatte. Das Gefühl der Fremdheit verstärkte sich. Wenn es jenen mystischen Gleichklang nicht gab, zielten auch seine eigenen Vorstellungen möglicherweise ins Leere; der andere Mensch war unergründlich geblieben."

Solch allseits bekanntes, wohlwollendes und doch gründliches Mißverständnis zwischen zwei Liebenden signalisiert das unausweichliche Ende ihrer kurzen, geradezu traumhaft erlebten Einigkeit, läßt erste schroffe Töne hören im bisher „mystischen Gleichklang", in dem sie den Augenblick als Ewigkeit erfahren durften. Sehr zweifel-hafter Realitätssinn, die angeblichen „Erfordernisse der linearen Zeit" in Form konkreter Zukunftsplanung, bricht nicht nur diese erste Liebesepisode des Protagonisten, sondern „Wirths Roman" überhaupt ab: das letzte Prosawerk von György Sebestyen ist Fragment geblieben.

Die schwere Krankheit des Autors verhinderte weiteres, vielgestaltiges Er-Wachsen eines mit großem Elan entworfenen „Geästs von Schicksalen". Drei Jahre danach liegt nun end-

iich (leider nur erst dem Verlag Styria, wegen juristischer Hindernisse immer noch nicht dem Leser) mit der druckfertigen Edition der nachgelassenen Texte die vom Autor erstrebte, durchaus in sich gerundete, wenn auch erheblich abgekürzte „Biographie eines Menschen" in wesentlichen Umrissen vor: geboren 1891 in Ungarn, gestorben 1972 in Wien, verkörpert dieser Pannonier Andräs Wirth, in dem sich das Lebensgefühl seiner Epoche mannigfach bricht und spiegelt, jenen aufrechten Humanisten, der „durch blutige Zeiten durchgehen und sauber bleiben" konnte, trotz all der Irrungen und Wirrungen, die die beiden totalitären Systeme Nationalsozialismus und Kommunismus über das zwanzigste Jahrhundert gebracht hatten.

Harmonie der Sphären

Autobiographische Anklänge sind dabei freilich unüberhörbar. Sie werden gesteigert (und nicht etwa, wie womöglich beabsichtigt, verschleiert) wenn ein Vor- und Doppelgänger der Hauptfigur, ein Verwandter (Großonkel?) namens Johannes Wirth, „dieser gute Christ und gute Freimaurer", dem sehr jungen, doch schon zielstrebig auf eine musische Lebenshaltung hinarbeitenden Andräs „das große Glück eines ständig im Zustand der Liebe Lebenden" anempfiehlt. Nur so könne man teilhaben an der pythagoreischen „Harmonie der Sphären", die sich konkret realisierbare als Eros der Kunst und (Human )Wissenschaft, aber auch als sinn(en)volle, verantwortliche Erotik.

Dies höchste Ziel ist freilich am schwersten zu erreichen - und niemals auf direktem, gar planvollem Weg. Mißverständnisse deroben angedeuteten Art stehen immer wieder

entgegen: die Verwechslung eigener Wunschvorstellungen mit angeblich „unausgesprochenen Vorstellungen" des anderen. Diese Problematik, „daß wir uns verlieben und zu dieser Liebe bewegt sind durch ganz bestimmte Vorstellungen über unser Leben im privaten wie gesellschaftlichen Bereich, daß wi r durch die andere geliebte Person in eine Situation kommen,

die wir uns wünschen und eigentlich diese Situation lieben - gar nicht diese Person", beschäftigte Sebestyen immer wieder.

Bei den letzten umfassenden Werk-Gesprächen des Herbstes 1989, aus denen das vorstehende Zitat stammt, berichtete er von weiteren Entwürfen zu demselben Thema in Variation. Er hatte damals gerade die Reinschrift

der oben erwähnten Episode beendet: „Das gleiche Problem hat sich mir gestellt in einer satirischen Ausformung, wo ich schreiben wollte über einen wohlhabenden Wiener mit einer Ehefrau, dem dieses ganze Wiener Leben immer ekelhafter wird, der nach Ungarn geht und dort in einer eingebildeten Wildnis, die man ihm abernur vorgaukelte, versackt. Erlernt dort eine junge Frau kennen. Für die junge Frau ist er aber die

Chance des westlichen Lebens, der Vertreter des Reichtums und des goldenen Westens; für ihn ist sie die Urigkeit, der Wald, das Unverdorbene. Während er also seine Ehefrau in Wien allein läßt, betätigt diese sich eher schöngeistig und lernt einen Maler kennen, der irgendwo in Oberösterreich als Aussteiger lebt; ihr gefällt natürlich dieses Aussteigertum. Sie zieht zu ihm, melkt dort die Ziegen, lebt dort ein der Natur verbundenes Leben. Während sie die Ziegen melkt und ihr Mann in Ungarn trinkt, kommen dessen ungarische Freundin und der Maler zufällig zusammen, treffen sich im Haus der Millionäre und finden im schönsten Luxus zueinander. Die beiden Alten leben in ihrer Urigkeit allein weiter."

Ganz Ähnliches sollte eine andere Variante schildern:

„Für einen großen Schauspieler, der aber aus verschiedenen Gründen weg will aus Europa und der sich nach einer Hollywood-Karriere sehnt, wird dort in Amerika eine Person zur - na ja - Bezugsperson, die seine Erwartungen in keiner Weise erfüllen kann; er hofft es dennoch und wird umgekehrt für diese Bezugsperson zum Symbol Europas, der alten Kultur, der einst verlassenen Heimat. Und so liebt man sich aneinander vorbei."

Bei all diesen poetischen Gedankenspielen macht eine unbehebbare Fremdheit zwischen einander zugeneigten Menschen von sich reden, die, wie schon früher, in Sebestyens 1986 erschienenem Roman „Die Werke der Einsamkeit", nicht zu beseitigen, „sondern zu erkennen und anzuerkennen" sei. Das höchste der Gefühle wäre demnach die „Allianz von Einsamkeiten". Im bewußten Annehmen der eigenen und fremden Einsamkeit liegt die Chance eines Zusammenlebens in Eintracht, das allein jene bunte ersehnte Vielfalt und Lebendigkeit gewährt, denn: „Nur zwei verschiedene Töne bilden Harmonie, gleiche Töne erzeugen Monotonie." Dem entspricht genau das Grundmuster der letzten großen Prosa von György Sebestyen; es darf deshalb wohl als sein Vermächtnis angesehen werden.

György Sebestyens Romanfragment „WIRTHS ROMAN" wird im Herbst im Styria Verlag erscheinen.

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