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Das neue FURCHE-booklet

Booklet Nov 4-5
Literatur

Wenn es im Inneren brodelt und kocht

1945 1960 1980 2000 2020

Sprache als Präzisionsinstrument und Schutzschild: Elke Laznias zweiter Prosaband „Lavendellied“.

1945 1960 1980 2000 2020

Sprache als Präzisionsinstrument und Schutzschild: Elke Laznias zweiter Prosaband „Lavendellied“.

Es gibt eine Menge aufzuarbeiten von dieser Erzählerin, der ein Leben unausgesprochener, unabgeklärter Leiden nachhängt. Jetzt rechnet sie in vierzehn immer knapper, intensiver werdenden Kapiteln mit Menschen aus ihrer Nähe ab, rechnet auf, was schiefgelaufen ist, rechnet nicht mit Wiedergutmachung, die nach all den Versäumnissen der Vergangenheit nicht zu bekommen ist. Und sie schließt nicht aus, an den inneren Verwerfungen ihres Lebens auch selbst Schuld zu tragen. Dabei entstehen mitunter schöne Szenen einer späten Annäherung, im Bewusstsein, dass diese auch nicht mehr zurechtzurücken vermögen, was jahrelange Vermeidungsenergie, sich mit einem Menschen der nächsten Umgebung auseinanderzusetzen, aus dem Lot gebracht hat.

Jetzt aber fasst die Erzählerin Mut, stellt sich der eigenen Geschichte, vergegenwärtigt sich, wo das Leiden seinen Ursprung hat, malt sich aus, wie man aneinander vorbeigelebt hat. „Weißt du“, schreibt sie, ein imaginäres Gegenüber unmittelbar ansprechend, dessen gemeinsame oder verpasste Geschichte ihr gerade nahegeht, und wechselt unversehens zum intimen „Wir“, in dem sich zwei kurz aufgehoben fühlen dürfen. „Weißt du noch“, so heißt die Formel, die über Erinnerungen Nähe stiftet. So direkt wird jemand aufgerufen, mit dem einmal Lebenszeit geteilt werden durfte.

Diese Prosa, der die marktgängige Bezeichnung Roman verwehrt wird, steht unter dem Zeichen der Vorsicht. Viel ist geschehen in der Vergangenheit, seelische Verletzungen zeugen davon, also soll die Sprache von weiterer Gewaltanwendung abgehalten werden. Elke Laznia ist mit ihrem Debüt „Kindheitswald“ (2014) als eine behutsame Autorin aufgefallen. Sie geht lieber in die Defensive als selber kräftig auszuteilen.

Auch in ihrem zweiten Prosaband – dazwischen erschien Lyrik: „Salzgehalt“ – geht es um Sprache und Form als die eigentlichen Träger des Bewusstseins. Natürlich lassen sich aus den einzelnen Kapiteln Geschichten ziehen, melancholische und lebenszugewandte gleichermaßen, doch bis sie soweit ist, etwas Erzählbares vorzutragen, muss sich der Leser durch das Sprachdickicht arbeiten. Nie nimmt Laznia den direkten Weg, um Erfahrungen weiterzugeben, das wäre ihr zu platt eindimensional. Die Haltung einer Autorin, die weiß, wie etwas gewesen ist, und das handfest und klar zum Ausdruck bringt, liegt ihr nicht. Das hängt mit ihrer Skepsis gegenüber der Tragfähigkeit der Erinnerung zusammen und der Weigerung, Sprache als reines Mitteilungsinstrument zu verwenden.

Neben einem Ereignis fallen einer hellwachen Berichterstatterin eine Menge an Nebengeräuschen, Stimmungen, Gedanken und Belanglosigkeiten auf, die allesamt zum Gesamtbild beitragen. Die Erzählerin hält fest, was sie erlebt hat, und im nächsten Augenblick kommen ihr Einzelheiten in die Quere, die nicht zählen für den Verlauf der Geschichte, die aber unbedingt erinnert werden müssen, um die innere Lage einer Person zu vergegenwärtigen. Diese Prosa zwingt einen zur Langsamkeit, weil es auf all diese Kleinigkeiten ankommt, um einer Figur nahezukommen. So entsteht eine konsequent subjektive Literatur, in die man sich nicht hineinstürzt, um andere Schicksale zu teilen, um mitzuleiden, mitzufühlen, auf dass man sich in einer Erlebnisgemeinschaft aufgehoben fühle. So wie diese Erzählerin auftritt, borgt sie sich die Sprache als Schutzschild, mit dem sie Leser auf Distanz hält.

Es gibt eine Menge aufzuarbeiten von dieser Erzählerin, der ein Leben unausgesprochener, unabgeklärter Leiden nachhängt. Jetzt rechnet sie in vierzehn immer knapper, intensiver werdenden Kapiteln mit Menschen aus ihrer Nähe ab, rechnet auf, was schiefgelaufen ist, rechnet nicht mit Wiedergutmachung, die nach all den Versäumnissen der Vergangenheit nicht zu bekommen ist. Und sie schließt nicht aus, an den inneren Verwerfungen ihres Lebens auch selbst Schuld zu tragen. Dabei entstehen mitunter schöne Szenen einer späten Annäherung, im Bewusstsein, dass diese auch nicht mehr zurechtzurücken vermögen, was jahrelange Vermeidungsenergie, sich mit einem Menschen der nächsten Umgebung auseinanderzusetzen, aus dem Lot gebracht hat.

Jetzt aber fasst die Erzählerin Mut, stellt sich der eigenen Geschichte, vergegenwärtigt sich, wo das Leiden seinen Ursprung hat, malt sich aus, wie man aneinander vorbeigelebt hat. „Weißt du“, schreibt sie, ein imaginäres Gegenüber unmittelbar ansprechend, dessen gemeinsame oder verpasste Geschichte ihr gerade nahegeht, und wechselt unversehens zum intimen „Wir“, in dem sich zwei kurz aufgehoben fühlen dürfen. „Weißt du noch“, so heißt die Formel, die über Erinnerungen Nähe stiftet. So direkt wird jemand aufgerufen, mit dem einmal Lebenszeit geteilt werden durfte.

Diese Prosa, der die marktgängige Bezeichnung Roman verwehrt wird, steht unter dem Zeichen der Vorsicht. Viel ist geschehen in der Vergangenheit, seelische Verletzungen zeugen davon, also soll die Sprache von weiterer Gewaltanwendung abgehalten werden. Elke Laznia ist mit ihrem Debüt „Kindheitswald“ (2014) als eine behutsame Autorin aufgefallen. Sie geht lieber in die Defensive als selber kräftig auszuteilen.

Auch in ihrem zweiten Prosaband – dazwischen erschien Lyrik: „Salzgehalt“ – geht es um Sprache und Form als die eigentlichen Träger des Bewusstseins. Natürlich lassen sich aus den einzelnen Kapiteln Geschichten ziehen, melancholische und lebenszugewandte gleichermaßen, doch bis sie soweit ist, etwas Erzählbares vorzutragen, muss sich der Leser durch das Sprachdickicht arbeiten. Nie nimmt Laznia den direkten Weg, um Erfahrungen weiterzugeben, das wäre ihr zu platt eindimensional. Die Haltung einer Autorin, die weiß, wie etwas gewesen ist, und das handfest und klar zum Ausdruck bringt, liegt ihr nicht. Das hängt mit ihrer Skepsis gegenüber der Tragfähigkeit der Erinnerung zusammen und der Weigerung, Sprache als reines Mitteilungsinstrument zu verwenden.

Neben einem Ereignis fallen einer hellwachen Berichterstatterin eine Menge an Nebengeräuschen, Stimmungen, Gedanken und Belanglosigkeiten auf, die allesamt zum Gesamtbild beitragen. Die Erzählerin hält fest, was sie erlebt hat, und im nächsten Augenblick kommen ihr Einzelheiten in die Quere, die nicht zählen für den Verlauf der Geschichte, die aber unbedingt erinnert werden müssen, um die innere Lage einer Person zu vergegenwärtigen. Diese Prosa zwingt einen zur Langsamkeit, weil es auf all diese Kleinigkeiten ankommt, um einer Figur nahezukommen. So entsteht eine konsequent subjektive Literatur, in die man sich nicht hineinstürzt, um andere Schicksale zu teilen, um mitzuleiden, mitzufühlen, auf dass man sich in einer Erlebnisgemeinschaft aufgehoben fühle. So wie diese Erzählerin auftritt, borgt sie sich die Sprache als Schutzschild, mit dem sie Leser auf Distanz hält.

... weißt du, wir bauen Tapferkeit auf das Versagen von gestern, schlagen uns die trüben Gedanken aus dem Kopf, das heißt: die Farben des Erinnerns, färben sie um, malen sie aus und legen sie uns erneut nahe, anders, hell und leicht ...

Elke Laznia: „Lavendellied“

Jedes Kapitel ist ein einziger Satz, nur Absätze takten es in kleinere Einheiten. So spricht eine, die unter Druck steht, keine Chance sieht, sich einzubremsen. So sehr sie den Leser auf Distanz hält, so emotionsgeladen bricht sich ein Sprachstrom Bahn, sobald sie sich zu artikulieren beginnt. Wäre nicht die Disziplin, die Sprache als Präzisionsinstrument zu verwenden, gerieten wir bald in einen Taumel der Kopflosigkeit.

Wenn sie auf Bilder setzt, um Innenwelten darzustellen, geht die Autorin ein großes Risiko ein. Kühn geht sie vor, tollkühn vielleicht sogar, was sie zu Ungenauigkeiten treibt. Sie schreibt von einem Stein, der Wellenkreise wirft, wenn er ins Wasser geworfen wird, und überträgt das Bild auf die „Tiefe unserer Seele“. Also gut, der Stein liegt jetzt dort „und treibt vielleicht aus“. Sorry, das macht ein Stein nicht, auch nicht einer, der seine physische Gestalt abgibt, um als Metapher weiterzuleben. So etwas passiert im Eifer, der dem Originalitätszwang Folge leistet.

Die Erzählerin bleibt Einzelgängerin, dem Gruppenzwang widersetzt sie sich. Subkutan fährt sie Familiengeschichten als Machtgeschichten auf, die sie nicht vorwurfsvoll ausstellt. Aber sie verbiegen Menschen, machen sie zu Untertanen und Hörigen.

Wenn die Erzählerin von den Anderen spricht, folgt sofort eine Absetzbewegung. Sie, das sind jene, die einem Krawallmacher auf den Leim gegangen sind: „[...] aber der sie geführt hat, ist tot, die Sonne ist ihnen vom Himmel gefallen, sie haben ihn beweint und ihm Altäre aufgestellt, bewahren ihn in ihren Herzen und ihre Meinungen wieder bei sich, hinter vorgehaltener Hand.“ Natürlich ist Jörg Haider gemeint, der in Kärnten immer noch über eine große Anhängerschaft verfügt.

Das Buch ist in Moll gestimmt, eine ganz eigene Trauerstimmung ist ihm eingeschrieben. Gegen den Absturz in die Depression hilft, sich an die Schönheit der Sprache zu halten. Die gleitet bedächtig voran, schaff t sich einen besonderen Rhythmus. Es kommt eine Dynamik zustande, die etwas Zwingendes hat. Man kann nicht gegen den Strich dieser Prosa lesen, ohne sofort ihren Widerstand zu spüren zu bekommen. Das Buch ist eine Rarität auf dem heutigen Literaturmarkt.

Lavendellied - © Müry Salzmann
© Müry Salzmann
Literatur

Lavendellied

Von Elke Laznia

Müry Salzmann 2019

118 S., geb., € 19,00