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Das neue FURCHE-booklet

Booklet Nov 6-7
Literatur

Neues Spiel, neue Träume, neue Nummern, neues Glück

1945 1960 1980 2000 2020

Bettina Balàka zeichnet in ihrem jüngsten Roman „Die Tauben von Brünn“ den Weg eines skrupellosen Aufsteigers der frühindustriellen Ära nach.

1945 1960 1980 2000 2020

Bettina Balàka zeichnet in ihrem jüngsten Roman „Die Tauben von Brünn“ den Weg eines skrupellosen Aufsteigers der frühindustriellen Ära nach.

Eine phänomenale Idee, fürwahr! Wer hätte Mitte des 19. Jahrhunderts wohl schneller sein können als ein berittener Kurier? Dass eine Brieftaube als heimliche Kommunikationsschiene fungieren und Lottogewinnern in die Hände spielen könnte, ist unglaublich, aber sogar denkbar. Bekanntlich bahnen sich betrügerische Unterfangen die seltsamsten Schleichwege durch das Dickicht des Möglichen.

In den letzten Jahren hat sich die österreichische Autorin Bettina Balàka neben ihrem Faible für Kriminalistisches besonders auch historischen Ereignissen und Stoff en zugewandt, wie beispielsweise in ihrer Essaysammlung „Kaiser, Krieger, Heldinnen“, in der sie auch der Rolle von Frauen besondere Beachtung schenkt. In ihrem neuen Roman „Die Tauben von Brünn“ kommt beides zum Tragen. Balàka greift einen auf einem Gerücht basierenden Betrugsfall auf, dessen Spur zurück ins 19. Jahrhundert zum Freiherrn von Sothen führt. Als einfacher Tabaktrafikant hat er es mit spekulativen Geschäften, Schwindel und Manipulation nach ganz oben geschaff t. Einst war sogar der Cobenzl mit dem Schloss in seinem Besitz. Sothens kometenhafter Aufstieg, der auf der Ausbeutung anderer beruhte, ist jedenfalls historisch verbürgt und zeigt, wie Gier den Kapitalismus auf Kosten der Armen befeuert hat.

Bereits 2017 hat sich Anna-Elisabeth Mayer in ihrem Roman „Am Himmel“ mit der Biographie des Emporkömmlings Sothen auseinandergesetzt und seine Erfolgsgeschichte und seinen Fall auf Basis geschichtlicher Quellen nachgezeichnet. Balàka nähert sich Johann Karl von Sothen über eine andere Facette, nämlich über die Beziehung zu einer Frau. In 14 Kapiteln fügt sie mittels Rückblenden und mit großem erzählerischem Raffinement unterschiedliche Puzzleteile zusammen, die in ihrer Gesamtheit ein eindringliches Bild von seinem Umfeld, aber vor allem auch von der vorindustriellen Zeit, ihrer Gesellschaft und Geisteshaltung entstehen lassen.

Eine phänomenale Idee, fürwahr! Wer hätte Mitte des 19. Jahrhunderts wohl schneller sein können als ein berittener Kurier? Dass eine Brieftaube als heimliche Kommunikationsschiene fungieren und Lottogewinnern in die Hände spielen könnte, ist unglaublich, aber sogar denkbar. Bekanntlich bahnen sich betrügerische Unterfangen die seltsamsten Schleichwege durch das Dickicht des Möglichen.

In den letzten Jahren hat sich die österreichische Autorin Bettina Balàka neben ihrem Faible für Kriminalistisches besonders auch historischen Ereignissen und Stoff en zugewandt, wie beispielsweise in ihrer Essaysammlung „Kaiser, Krieger, Heldinnen“, in der sie auch der Rolle von Frauen besondere Beachtung schenkt. In ihrem neuen Roman „Die Tauben von Brünn“ kommt beides zum Tragen. Balàka greift einen auf einem Gerücht basierenden Betrugsfall auf, dessen Spur zurück ins 19. Jahrhundert zum Freiherrn von Sothen führt. Als einfacher Tabaktrafikant hat er es mit spekulativen Geschäften, Schwindel und Manipulation nach ganz oben geschaff t. Einst war sogar der Cobenzl mit dem Schloss in seinem Besitz. Sothens kometenhafter Aufstieg, der auf der Ausbeutung anderer beruhte, ist jedenfalls historisch verbürgt und zeigt, wie Gier den Kapitalismus auf Kosten der Armen befeuert hat.

Bereits 2017 hat sich Anna-Elisabeth Mayer in ihrem Roman „Am Himmel“ mit der Biographie des Emporkömmlings Sothen auseinandergesetzt und seine Erfolgsgeschichte und seinen Fall auf Basis geschichtlicher Quellen nachgezeichnet. Balàka nähert sich Johann Karl von Sothen über eine andere Facette, nämlich über die Beziehung zu einer Frau. In 14 Kapiteln fügt sie mittels Rückblenden und mit großem erzählerischem Raffinement unterschiedliche Puzzleteile zusammen, die in ihrer Gesamtheit ein eindringliches Bild von seinem Umfeld, aber vor allem auch von der vorindustriellen Zeit, ihrer Gesellschaft und Geisteshaltung entstehen lassen.

Das Volk muss auch vor einem dünnen Seil Respekt haben und stillhalten, als wären es Ketten. So führt man elegant ein großes Tier.

Bettina Balàka: „Die Tauben von Brünn“

Im Zentrum des Romans steht die Protagonistin Berta Hüttler. Sie betreibt in Wien eine Taubenzucht. Schon ihr Vater Wenzel hat diesen Vögeln sein besonderes Interesse geschenkt und auf dem Dach des Hauses, in dem die Familie eine Mansarde bewohnt, auch „Brieftauben ausgebildet“. Mit welcher Genauigkeit sich Balàka in die Welt der Tauben eingearbeitet und welches Wissen sie sich darüber angeeignet hat, spiegelt sich in zahlreichen anschaulichen Beschreibungen dieser Tiere wider, die „direkt unter dem Himmel, von Giebeln eingerahmt“ in „hölzernen Zellen“ gezüchtet wurden, „in denen es unentwegt gurrte, fiepte, klackte und kollerte“. Schon von klein auf hilft Berta als gelehrige Schülerin ihrem Vater bei seiner Arbeit. Noch im Kindesalter werden Berta und ihr Bruder Eduard Waisen, weil ihre Eltern kurz hintereinander an Lungenschwindsucht sterben. Der siebzehnjährige Johann Sothen bringt die beiden – scheinbar als uneigennütziger Nachbar – auf eigene Kosten nach Brünn zu einer Tante, die sich fortan um sie kümmern soll.

In einem Rückblick beschreibt Balàka, dass Bertas Vater Wenzel damals zusätzliche Geldquellen benötigt, um die ärztliche Versorgung seiner kranken Frau finanzieren zu können. Er denkt auch darüber nach, „das Glück auf übernatürlichem Wege zu beeinflussen“. So interessiert er sich allmählich – vom jungen Geschäftsmann Sothen, der eine „Tabaktrafik und Lottokollektur“ betreibt, auf die Idee gebracht – für das Glücksspiel. Zuerst sind es billige Lose, dann die teurere Lotterie und „dabei konnte man auch Summen zugeschlagen bekommen“, die das Leben plötzlich vollkommen veränderten.

Wenzel steigt sukzessive in das Geschäft mit den Lottozahlen ein, deren Auswahl ihm jedes Mal heftiges Kopfzerbrechen bereitet. Beeindruckend, wie Balàka die Verbissenheit des Spielens zeigt. Im Zwiespalt offenbart sich zugleich die Not, aus der heraus man zum Glücksspiel greift. Zwischen Aberglauben, Allraunen, Lottogebeten und Träumen, was mit dem erspielten Geld alles möglich werden könnte, bringt Wenzel Hellseherinnen ins Spiel, aber auch seine Tauben, wenn intuitiv die richtigen Zahlen zu ziehen sind. Irgendwann mutiert die Vertiefung in die Glückswissenschaft zu exzessiver Sucht. Wenzel vertraut auf Sothens Wort: „Das Schicksal könne man nur überlisten, indem man ihm immer und immer wieder zusetze, [...] man dürfe niemals nachlassen in seinem Begehren, dann würde das Glück sich gefügig erweisen.“ Die Jagd nach dem Glück wird zur alles beherrschenden Denkstruktur, zum Lebensziel, als gelte es, dem mageren Schicksal selbst eins auszuwischen. „Neues Spiel, neue Träume, neue Nummern, neues Glück“, lautet die Devise.

Nach einigen Jahren holt der mittlerweile sehr vermögende Sothen Berta zurück nach Wien. Sie darf in der alten Dachmansarde wohnen und soll sich hier ihre eigene Brieftaubenzucht aufbauen. Berta ahnt nichts von Sothens einstigem Betrug an ihrem Vater. Immerhin erweist er sich ihr gegenüber als geradezu wohltätig, bis sie sich schließlich in ihn verliebt und ein Kind von ihm erwartet. Es „hat jeder seine eigenen Bereiche des Sehens und der Blindheit“. Jetzt erst zeigt Sothen sein wahres Ich. Er denkt nicht daran, sie zu heiraten, sondern erpresst sie in ihrer Not. Balàka sieht die Mutterliebe in diesem Kontext „als die mächtigste Kraft“, weil sie zum Motor zentraler Aktionen wird.

Balàka charakterisiert Sothen als „Prototyp des kapitalistischen Selfmademan“, der sich in einer Zeit vielfältiger technologischer Veränderungen mit Skrupellosigkeit und List in großem Stil bereichert. Beispielhaft repräsentiert er in der schamlosen Provokation des Glücks die Chronologie eines Aufsteigers. Die Angst vor dem Volk, das „stärker ist, als es wissen darf“, erscheint hier als logische Begleitmaßnahme. Mit Einfühlungsvermögen, Präzision und glänzender sprachlicher Souveränität leuchtet Balàka soziale Verhältnisse in der erstarkenden frühindustriellen Ära aus – samt Erkundung des Abgrunds in seinen schillerndsten Dimensionen: „Das Volk muss auch vor einem dünnen Seil Respekt haben und stillhalten, als wären es Ketten. So führt man elegant ein großes Tier.“

Die Tauben von Brünn - © Deuticke
© Deuticke
Literatur

Die Tauben von Brünn

Roman von Bettina Balàka

Deuticke 2019

192 S., geb., € 20,60