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Das neue FURCHE-booklet

Booklet Nov 8-9
Literatur

In die Überwachung ausgebrochen

1945 1960 1980 2000 2020

Bastienne Voss' neuer Roman über eine Midlife-Crisis mit Folgen.

1945 1960 1980 2000 2020

Bastienne Voss' neuer Roman über eine Midlife-Crisis mit Folgen.

In ihrem neuen Roman „Grünauge sieht dich“ verschränkt Bastienne Voss, geboren 1968 in Berlin-Ost, die staatlichen Überwachungspraktiken drüben mit einer ausgelebten Midlife-Crisis hüben. Hier hadert der mäßig ehrgeizige Atomphysiker Henry Weber mit seinem langweiligen Leben im ungeliebten Reihenhaus in Schwenningen bei Stuttgart und seiner unfreiwillig kinderlos gebliebenen Ehe. Da kommt ihm im Frühsommer 1989 die Einladung eines Cousins in den Osten Deutschlands gerade recht. Im Gepäck hat er eine hochpreisige Heckenschere, die ihm bei den Grenzformalitäten einen ersten Clash mit der Realität beschert. So etwas technisch Raffi niertes haben die drüben sicher nicht, hatte seine Frau gemeint, und Henry staunt nicht schlecht, als ihn der Grenzbeamte in eine kundige Debatte über die Vorzüge der verschiedenen Marken verwickelt.

Folgenschwerer ist dann freilich die zufällige Begegnung mit Iris, 16 Jahre, bildhübsch und, was Henry nicht ahnt, Tochter des Geheimdienstoffiziers Leo Landowski; just dieser Verbindungsmann soll Henry für Spionagezwecke anwerben. Damit fangen die Probleme gleich so richtig an. Und zwar nicht nur jene, die sich meist einstellen bei derartigen Ausbruchsversuchen mittelalterlicher Herren mit Frauen, die ihre Töchter sein könnten.

Henry sieht Iris als letzte Chance für einen radikalen Neustart an der Schwelle zum Alter, das rasch kommen kann, „weil auch Nichtstun alt“ macht – also nimmt er „Abschied vom Konjunktiv“ und stürzt sich in die Affäre. Zwar spielt er zwischendurch auch mit dem Gedanken, mit seiner Frau einfach in eine andere Stadt zu ziehen, aber natürlich ist ihm klar, dass sie auch an einem neuen Ort „doch die Menschen bleiben, die sie waren“. So fährt er hoffnungsfroh zu heimlichen Liebestreff en nach Prag. Iris scheint bald entzaubert, doch nun drängt sie nicht nur ihr Vater, sondern mit einigem Nachdruck auch der ganze Apparat, die Beziehung mit Henry weiterzuführen. Für Iris steht damit auch die Frage neu im Raum, warum ihre Mutter einst zur „nichtsozialistischen Persönlichkeit“ erklärt wurde, der man das Sorgerecht für die Tochter aberkannte. Henry wiederum sieht sich, zurück in seinem bundesdeutschen Alltag, mit einem verfänglichen Foto konfrontiert – bis die politische Entwicklung dann alle Karten im Spiel neu mischt.

Bastienne Voss arbeitet mit abschnittsweisen Perspektivenwechseln und führt ihre Figuren gleichsam in ihrem jeweils natürlichen Habitat vor, zeigt ihre Gedanken, Ängste und Motivationen mit einer unaufgeregten Sprache, die keinen zum Bösewicht stempelt. Vielleicht ein wenig bedauerlich – wiewohl nicht selten bei derartigen Ehebruchsgeschichten –, dass die betrogene Ehefrau nur aus Henrys Sicht ins Bild kommt.

In ihrem neuen Roman „Grünauge sieht dich“ verschränkt Bastienne Voss, geboren 1968 in Berlin-Ost, die staatlichen Überwachungspraktiken drüben mit einer ausgelebten Midlife-Crisis hüben. Hier hadert der mäßig ehrgeizige Atomphysiker Henry Weber mit seinem langweiligen Leben im ungeliebten Reihenhaus in Schwenningen bei Stuttgart und seiner unfreiwillig kinderlos gebliebenen Ehe. Da kommt ihm im Frühsommer 1989 die Einladung eines Cousins in den Osten Deutschlands gerade recht. Im Gepäck hat er eine hochpreisige Heckenschere, die ihm bei den Grenzformalitäten einen ersten Clash mit der Realität beschert. So etwas technisch Raffi niertes haben die drüben sicher nicht, hatte seine Frau gemeint, und Henry staunt nicht schlecht, als ihn der Grenzbeamte in eine kundige Debatte über die Vorzüge der verschiedenen Marken verwickelt.

Folgenschwerer ist dann freilich die zufällige Begegnung mit Iris, 16 Jahre, bildhübsch und, was Henry nicht ahnt, Tochter des Geheimdienstoffiziers Leo Landowski; just dieser Verbindungsmann soll Henry für Spionagezwecke anwerben. Damit fangen die Probleme gleich so richtig an. Und zwar nicht nur jene, die sich meist einstellen bei derartigen Ausbruchsversuchen mittelalterlicher Herren mit Frauen, die ihre Töchter sein könnten.

Henry sieht Iris als letzte Chance für einen radikalen Neustart an der Schwelle zum Alter, das rasch kommen kann, „weil auch Nichtstun alt“ macht – also nimmt er „Abschied vom Konjunktiv“ und stürzt sich in die Affäre. Zwar spielt er zwischendurch auch mit dem Gedanken, mit seiner Frau einfach in eine andere Stadt zu ziehen, aber natürlich ist ihm klar, dass sie auch an einem neuen Ort „doch die Menschen bleiben, die sie waren“. So fährt er hoffnungsfroh zu heimlichen Liebestreff en nach Prag. Iris scheint bald entzaubert, doch nun drängt sie nicht nur ihr Vater, sondern mit einigem Nachdruck auch der ganze Apparat, die Beziehung mit Henry weiterzuführen. Für Iris steht damit auch die Frage neu im Raum, warum ihre Mutter einst zur „nichtsozialistischen Persönlichkeit“ erklärt wurde, der man das Sorgerecht für die Tochter aberkannte. Henry wiederum sieht sich, zurück in seinem bundesdeutschen Alltag, mit einem verfänglichen Foto konfrontiert – bis die politische Entwicklung dann alle Karten im Spiel neu mischt.

Bastienne Voss arbeitet mit abschnittsweisen Perspektivenwechseln und führt ihre Figuren gleichsam in ihrem jeweils natürlichen Habitat vor, zeigt ihre Gedanken, Ängste und Motivationen mit einer unaufgeregten Sprache, die keinen zum Bösewicht stempelt. Vielleicht ein wenig bedauerlich – wiewohl nicht selten bei derartigen Ehebruchsgeschichten –, dass die betrogene Ehefrau nur aus Henrys Sicht ins Bild kommt.

Grünauge sieht dich - © Picus
© Picus
Literatur

Grünauge sieht dich

Roman von Bastienne Voss

Picus 2019

258 S., geb., € 24,–