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Sachte Spuren des Phantastischen

1945 1960 1980 2000 2020

ULRIKE ALMUT SANDIG ERZÄHLT GEGEN DAS VERGESSEN. IHR NEUER GESCHICHTENBAND MACHT AUCH LUST AUF DIE KURZE FORM.

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ULRIKE ALMUT SANDIG ERZÄHLT GEGEN DAS VERGESSEN. IHR NEUER GESCHICHTENBAND MACHT AUCH LUST AUF DIE KURZE FORM.

Geschichten haben einen schweren Stand im deutschsprachigen Literaturbetrieb, den der Roman fest in seiner Hand hat. Das hat weniger mit verlegerischem Unwillen zu tun als mit Publikumsorientierung. Identifikatorische Lesarten dominieren den populären Geschmack, Lesen fungiert häufig als Form des Eskapismus und wenn man sich einmal auf die fiktionale Welt eingelassen hat, will man sie so schnell nicht mehr verlassen. Dazu kommt, dass das Schreiben von Kurzgeschichten zum handwerklich Schwierigsten zählt, was die Literatur zu bieten hat. Es erfordert Präzision, großes sprachliches Feingefühl und formales Bewusstsein. Je kürzer außerdem der Text, umso schwerer wiegen Ungenauigkeiten. Kurzprosa, um es zugespitzt auszudrücken, verzeiht keine Fehler. Ulrike Almut Sandigs neuer Geschichtenband "Buch gegen das Verschwinden" ist ein glänzender Werbeträger für dieses etwas zurückgewiesene Genre, das mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Ob man literarisches Schreiben erlernen kann, ist eine kontrovers diskutierte Frage. Sandig, Jahrgang 1976, ist jedenfalls Absolventin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig und eine handwerklich exzellente Schriftstellerin. Dass ihre literarischen Ursprünge in der Lyrik liegen, merkt man ihrer sorgfältig komponierten Prosa an: Da ist jedes Wort gesetzt, keines zufällig, keines entbehrlich, keines nur schmückendes Beiwerk. Lyrisch ist auch der Klang einiger Texte, wenn die Autorin selber vorliest, hat das Züge eines Poetry-Slams. Sprachlich und formal eine äußerst präzise Erzählerin, setzt Sandig inhaltlich auf die Leerstelle. Es gibt im Wesentlichen zwei Strategien, um der Allmacht des Romans die Stirn bieten zu können: Man kann es machen wie die großartige Alice Munro und mit wenigen Worten ein ganzes Leben erstehen lassen. Oder man macht es wie Sandig und skizziert kleine Ausschnitte, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. So heißt es in der ersten Geschichte: "Um wen genau es sich hier handelt, spielt keine Rolle. Es könnten Freunde oder Verwandte von uns sein, Paare wie dieses gibt es wie Sand am Meer, und Kinder ebenso." Vergangenheit und Zukunft der Figuren bleiben im Dunkeln, die Settings sind vage gehalten, Handlungsstränge laufen ins Leere. Diese Unbestimmtheit muss man als detailverwöhnter, informationsgesättigter Leser erst einmal aushalten.

Unheimliches, Wunderbares

Thematisch unterscheiden sich die sechs Geschichten sehr stark, gemeinsam ist ihnen das titelgebende Motiv des Verschwindens. In der berührenden Geschichte "Weit unter uns die flüssigen Felsen" trauert der Erzähler um seine plötzlich verstorbene Frau Erika. Der Text kann als ins Positive gewendete Umdeutung von Daphne du Mauriers wunderbarer Erzählung "Der Apfelbaum" gelesen werden. Was passiert, wenn die Alltagsroutinen durch den Tod der Partnerin außer Takt geraten? Und wie bleibt diese auf unheimliche Weise dennoch präsent? Wo sich du Mauriers Held von seiner toten Frau in Gestalt des Apfelbaums verfolgt fühlt, spendet die geisterhafte Anwesenheit Erikas dem Protagonisten bei Sandig Trost: Das Unheimliche wird zum Wunderbaren. Wie von Geisterhand bewegen sich nach ihrem Tod Gegenstände im Haus. Kleidung von Erika liegt auf dem Bett, Essensreste tauchen auf, die nicht vom hinterbliebenen Ehemann selbst stammen, eine Kaffeetasse leert sich ohne sein Zutun. Eine sachte Spur des Phantastischen zieht sich durch den Realismus der Texte, aber eine, die nie als solche ausgewiesen wird und nach Erklärungen sucht. Unerheblich, ob der Erzähler die Gegenstände in seiner Trauer selbst verändert und seine Frau so noch an seinem Leben teilhaben lässt. Sandig schreibt nie auf einen Plot hin. Es geht um Atmosphäre und eine stimmige Komposition, nicht um Abbild und Spannung oder überraschende Wendungen.

In einer anderen Geschichte, "Tamangur", verschwindet Arno, der Begleiter der Protagonistin Eva, in einem Schneesturm auf einer Winterwanderung in den Schweizer Alpen. Nach ihrer Rettung scheint niemand ihr zu glauben, dass es diesen Begleiter überhaupt gegeben hat, bis sie sich schließlich selbst nicht mehr sicher ist. "Die Wanderung wurde zu einer Erzählung, deren Inhalt sie von Mal zu Mal um eine unscheinbare Kleinigkeit variierte, und von der sie nach einer gewissen Anzahl von Wiederholungen gar nicht mehr sicher war, ob sie sich wirklich so zugetragen hatte oder nicht." Der Erzähler allerdings beharrt darauf, dass sich tatsächlich alles so zugetragen habe und argumentiert dies mit der Existenz von Fotos. Doch wie die Sprache sind auch Bilder kein Abbild von Realität, sondern Interpretationen davon. Wahrheit und Fiktion sind keine Kontrahenten bei Sandig, sie gehen Hand in Hand. "Schreibt man diese unwahrscheinlichen Dinge aber auf und nennt sie eine Geschichte, dann glauben die Leute alles."

Bruch der reinen Fiktion

Der Titel betont die eigene Materialität und deutet auf die dem Buch eingezogene Metaebene hin: "Buch gegen das Verschwinden" bricht die Illusion der reinen Fiktion auf und schafft Distanz zum Text. Da bringt sich die vorher auktorial agierende Erzählerin plötzlich selbst in der Ich-Form ins Spiel. Durchaus autobiografisch und selbstironisch lässt sie verlauten: "Wenn ich deine Geschichten lese, sagte mein Vater, dann werde ich immer so bedrückt, das ist kaum zum Aushalten." Und später: "Immer sterben die Leute in deinen Geschichten, allein in deinem letzten Buch gibt es neun Todesfälle, darunter sechs Fälle natürlichen Todes, die letzten drei sterben im Straßenverkehr."

Erzählen als roter Faden

Das Thema des Erzählens zieht sich als roter Faden durch die Geschichten und das Erzählen wird dem titelgebenden Verschwinden entgegengesetzt. Damit berührt Sandig eine der elementarsten Funktionen von Literatur: Erzählen, um nicht zu vergessen, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Obwohl Sandig seit ihrem Debüt, dem Gedichtband "Zunder" von 2005, durchwegs wohlwollend rezipiert wurde, gilt sie immer noch als Geheimtipp. Das ist schade, denn wie das Genre der (Kurz-)Geschichte hat auch diese Autorin mehr Aufmerksamkeit verdient. Sie verfolgt einen originellen Stil, der aber nicht inszeniert wirkt. Ihre Texte sind unterhaltsam, intelligent und hallen noch nach, wenn man das Buch beiseitegelegt hat. Auf so eine ganzheitliche und gleichzeitig eigenwillige Erzählerin möchte man öfters treffen.

Buch gegen das Verschwinden Geschichten von Ulrike Almut Sandig Schöffling 2015 208 S., geb. € 19,50

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