Traumzellen - © iStock / elenaleonova
Literatur

Traumzellen als Platzhalter für das Glück

1945 1960 1980 2000 2020

Nach fünf Romanen und zwei Esaybänden hat Thomas Stangl seinen ersten Kurzprosaband veröffentlicht.

1945 1960 1980 2000 2020

Nach fünf Romanen und zwei Esaybänden hat Thomas Stangl seinen ersten Kurzprosaband veröffentlicht.

Wie sähe unsere Welt wohl aus, wenn all das, was man sich vorstellt, Wirklichkeit werden würde? Ein ungeheuerlicher, ja bizarrer Gedanke. Aber auch reizvoll als Gedankenexperiment. Ein Park gibt eine Stelle frei, von der aus man eine unbewohnte zweitausendjährige Stadt mit Türmen und schwebenden Figuren sehen kann. Auch Fotos können sie nicht festhalten. Oder sprechende Tauben? Auf Besuch in der Wohnung eines Mannes, dem es nicht mehr gelingt, Zukunft und Vergangenheit auseinanderzuhalten, der dafür aber „mit allen Wesen den Raum teilen“ kann.

Der österreichische Autor Thomas Stangl betritt wie bereits in seinem letzten Roman „Fremde Verwandtschaften“ auch in seiner jüngsten Veröffentlichung ungesichertes narratives Terrain. Sein bislang erster Erzählband „Die Geschichte des Körpers“ umfasst dreißig Texte unterschiedlicher Länge, in denen er interessanten und zugleich unkonventionellen Möglichkeitsformen und Gedankenspielen nachgeht. Trotz der vielfältigen thematischen Zugänge greift er bestimmte Motive immer wieder auf oder variiert einige Passagen neu, sodass zusätzlich eine lose innere Verbindung zwischen den einzelnen Erzählungen entsteht. Gemeinsam ist ihnen jedenfalls die Auseinandersetzung mit einer abhanden gekommenen Gewissheit, was Realität oder Erkenntnis anbelangt. Diese Wirklichkeitsambivalenzen integriert Stangl wie selbstverständlich in die Welt seiner Protagonisten.

Wie sähe unsere Welt wohl aus, wenn all das, was man sich vorstellt, Wirklichkeit werden würde? Ein ungeheuerlicher, ja bizarrer Gedanke. Aber auch reizvoll als Gedankenexperiment. Ein Park gibt eine Stelle frei, von der aus man eine unbewohnte zweitausendjährige Stadt mit Türmen und schwebenden Figuren sehen kann. Auch Fotos können sie nicht festhalten. Oder sprechende Tauben? Auf Besuch in der Wohnung eines Mannes, dem es nicht mehr gelingt, Zukunft und Vergangenheit auseinanderzuhalten, der dafür aber „mit allen Wesen den Raum teilen“ kann.

Der österreichische Autor Thomas Stangl betritt wie bereits in seinem letzten Roman „Fremde Verwandtschaften“ auch in seiner jüngsten Veröffentlichung ungesichertes narratives Terrain. Sein bislang erster Erzählband „Die Geschichte des Körpers“ umfasst dreißig Texte unterschiedlicher Länge, in denen er interessanten und zugleich unkonventionellen Möglichkeitsformen und Gedankenspielen nachgeht. Trotz der vielfältigen thematischen Zugänge greift er bestimmte Motive immer wieder auf oder variiert einige Passagen neu, sodass zusätzlich eine lose innere Verbindung zwischen den einzelnen Erzählungen entsteht. Gemeinsam ist ihnen jedenfalls die Auseinandersetzung mit einer abhanden gekommenen Gewissheit, was Realität oder Erkenntnis anbelangt. Diese Wirklichkeitsambivalenzen integriert Stangl wie selbstverständlich in die Welt seiner Protagonisten.

Gemeinsam ist den Erzählungen die Auseinandersetzung mit einer abhanden gekommenen Gewissheit, was Realität oder Erkenntnis anbelangt.

Da gibt es beispielsweise einen unter Wasser stehenden Londoner Stadtteil, der nicht nur von Lebenden, sondern vor allem von Toten bevölkert ist. In ihrem Dahintreiben unterscheiden sich die Passanten kaum voneinander, aber die Lebenden müssen zum Atmen hochsteigen. Besucher sind verunsichert und irritiert, vor allem dann, wenn sie selbst nicht mehr wissen, ob sie in eine Welt zurückkehren wollen, in der nur geatmet wird. „Manchmal scheint es mir, zu den Milliarden von lebenden und sterbenden Menschen würde es Milliarden von Schattenmenschen geben, von deren seltsamer Zwischenwelt uns wenig bekannt ist. Kann sein, dass die Toten hier warten.“

In einer anderen Stadt taucht plötzlich ein junger Mann als Dieb – vielleicht aber auch als Tourist – auf und läutet an der Wohnungstür eines alten Herrn, den er zuvor schon am Markt beobachtet hat. Er konfrontiert ihn mit der Behauptung, dass er Hunger habe. Der Greis sieht ihn als einen, der vor langer Zeit zu seinem Leben gehört hat, und führt ihn emotionslos zum Essen aus, ja, er lässt ihn sogar in seiner Wohnung übernachten. In harten Schnitten kontrastiert Stangl zeitversetzt die Perspektiven der beiden Figuren. Die Wahrnehmungen des bereits verwirrten alten Mannes verdichten sich zu einer Traumblase, in der die Sinne eine zentrale Rolle einnehmen. Aus den schäbig gewordenen Wänden dringen Bilder. Das Auftauchen des fremden Deutschen lässt er zu, weil es ihm Möglichkeiten eröff net. Immerhin sind die Menschen, die ein wichtiger Bestandteil seines Lebens waren, bereits tot. Er ist genügsam geworden und redet „mit den Tauben und den Krähen, den Tauben und den Toten“.

Für seine berührende Erzählung „Die Toten von Zimmer 105“ über die Pflege und das Sterben alter Menschen hat Stangl erst jüngst den „Wortmeldungen-Literaturpreis“ verliehen bekommen. Laudator Stephan Lebert sieht die Bedeutung dieses Textes darin, dass es ihm gelinge, die Kluft zu schließen „zwischen dem stereotypen, öden und folgenlosen Gejammer über schlimme Zustände in der Altenbetreuung und den uns allen bevorstehenden letzten Metern des Lebens, die viel mehr sind als diese letzten Meter“. Diese Geschichte ist eine der wenigen, der ein gewissermaßen traditioneller Plot zugrunde liegt. Ein Zivildiener verrichtet seine Arbeit in einem Pflegeheim, „umgeben von zeitlosen verwirrten Gesprächen, milden Blicken, langsamen Kreisbewegungen mit Stock oder Rollator durch den kleinen geschlossenen Raum“. Ein Zimmer kristallisiert sich als das freundlichste heraus. Anhand der Bewohnerinnen dieses Zimmers 105 beschreibt Stangl die Tätigkeiten, Erlebnisse und Gedanken des Protagonisten, der sich selbst als Suchenden begreift. Daher fällt es ihm auch sehr leicht, in den Wahrnehmungen der Bewohnerinnen logische Strukturen und Bedürfnisse zu erkennen. Eine demente alte Frau erkennt in vorbeigehenden Mitpatienten beispielsweise Schauspieler, die sie einst im Theater gesehen hat.

„Warum sollte sie keine Verbindungslinien zu ihrem früheren Leben, zu dem, was sie weiterhin für ihr wirkliches Leben hielt, ziehen; warum sollte sie Leute wahrnehmen, die ihr nichts bedeuteten, und nicht Menschen, die sie erkennen konnte.“ In diesem Text führt uns Stangl über eine feinsinnige reflexive Metaebene sehr augenscheinlich die Brüchigkeit des Bewusstseins und unserer Identitäten vor Augen. Denn beide speisen sich offenbar aus subjektiven Erinnerungs- und Bildwelten. Bleibt also die Frage: Was ist schon wirklich?

Schwebende Wirklichkeit

Dieser Erzählband erinnert mit seinen surrealen Szenen geradezu an die Literatur Franz Kafkas. Auch in Stangls Prosa, in der Körper letztendlich nur als indirektes Strukturelement fungieren, werden Helden plötzlich mit den Interferenzen einer schwebenden Wirklichkeit konfrontiert, die sie nicht hinterfragen, sondern einfach hinnehmen. Denn die Protagonisten erlangen keine Gewissheit über eine intersubjektiv erfahrbare Realität. In einem Interview zu seinem Roman „Fremde Verwandtschaften“ definiert Stangl das Verlassen „sicherer Pfade“ in der Literatur einmal als Möglichkeit des Erkenntnisgewinns und stellt sogleich die provokante Gegenfrage: „Wie viel Fremdheit steckt in der vermeintlich vertrauten Wirklichkeit?“

In diesen Texten zeigt sich Stangl als polyphoner Erzähler, der die Fremdheit unserer Wahrnehmungen und Empfindungen souverän in großartige Bilder und Denksphären übersetzt. So wie hier, wenn der alte Mann seinen sehr klein gewordenen Lebenskosmos ganz einfach beschreibt: „In den kleinen Traumblasen gibt es Räume, die auf nichts und niemanden warten, die an nichts und niemanden erinnern. Leerstelle für das Glück, für alle Zeit.“

Die Geschichte des Körpers
Literatur

Die Geschichte des Körpers

Erzählungen von Thomas Stangl

Droschl 2019

128 S., geb., € 18,–