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Ganz schön politisch

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die welt gegenüber

„Die Welt gegenüber“: Andeutungen von Leben

1945 1960 1980 2000 2020

In „Die Welt gegenüber“ lässt Eva Schmidt ihre Protagonisten einen melancholischen Blick auf das Leben der anderen werfen. Sie zeigt dabei eine Welt ohne Halt.

1945 1960 1980 2000 2020

In „Die Welt gegenüber“ lässt Eva Schmidt ihre Protagonisten einen melancholischen Blick auf das Leben der anderen werfen. Sie zeigt dabei eine Welt ohne Halt.

Nur ein einziges Mal, gleich im ersten Satz der Erzählung „Die Nacht“, kommt das Wort „wir“ vor. Danach spricht die namenlose Ich-Erzählerin nur von sich und ihrer Sicht der Dinge. Von ihren Blicken, die nachts von ihrem Urlaubsquartier in Brighton auf die erleuchteten Dachgeschoßfenster des Hauses gegenüber zielen: „Es waren nicht viel mehr als Andeutungen von Leben, kleine Ausschnitte von Alltäglichem, zusammengesetzt aus kurzen Auftritten und spärlichen Gesten mir vollkommen fremder Menschen, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen.“ Der Blick aus und in Fenster durchzieht den neuen Erzählband „Die Welt gegenüber“ von Eva Schmidt, die 1985 ihr literarisches Debüt feierte.

Nur ein einziges Mal, gleich im ersten Satz der Erzählung „Die Nacht“, kommt das Wort „wir“ vor. Danach spricht die namenlose Ich-Erzählerin nur von sich und ihrer Sicht der Dinge. Von ihren Blicken, die nachts von ihrem Urlaubsquartier in Brighton auf die erleuchteten Dachgeschoßfenster des Hauses gegenüber zielen: „Es waren nicht viel mehr als Andeutungen von Leben, kleine Ausschnitte von Alltäglichem, zusammengesetzt aus kurzen Auftritten und spärlichen Gesten mir vollkommen fremder Menschen, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen.“ Der Blick aus und in Fenster durchzieht den neuen Erzählband „Die Welt gegenüber“ von Eva Schmidt, die 1985 ihr literarisches Debüt feierte.

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Schon im Vorgängerband der gebürtigen Vorarlbergerin, dem Episodenroman „Ein langes Jahr“ (Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016), erkunden einsame Herzen die Nachbarschaft aus solch sicherer Distanz. Ihre Teilhabe an der Außenwelt ist gehemmt, als Beistand in der Isolation bleiben oft nur der Hund, die Zigarette und der Alkohol. Das gilt auch für die Protagonisten aus „Die Welt gegenüber“: Es sind Menschen am Beginn oder am Ende eines Scheidewegs, vereinsamt durch Trennung, Krankheit oder Pensionierung, manchmal das Ganze im Kombipack.

Sie blicken voll Melancholie auf sich selbst und all die anderen, „die ihre Jugend, oft aber auch ihr ganzes Leben darauf verwendeten, auf etwas zu hoffen, das die Grenzen ihres Wesens, die Barrieren, die sie selber schufen, überstieg“. Solche Gedanken spinnt die schlaflose Brighton-Urlauberin. Was bekommt sie in den Fenstern gegenüber zu sehen? Ein junges Paar, dessen Bewegungen, Gesten und Kleidung sich im Grunde zu einem Bild des Glücks fügen, die Beobachterin aber dennoch traurig stimmen. Indem sie Selbst- und Fremdwahrnehmung verschränkt, erweitert sie das Gesehene zu einem Bild von „Einsamkeit, von gegenseitigem Ungenügen“. Diese Andeutung einer Biografie lässt vieles offen – und der Fantasie des Lesers großen Raum.

Eva Schmidts Geschichten gehen unter die Haut. Viele Figuren erinnern in ihrer kühlen Distanziertheit an die großen Einsamen aus Edward Hoppers Malwerkstatt.

Der Fensterblick gleicht einer filmischen Wahrnehmung. Er zeigt Ausschnitte aus der Realität. In „Die Nacht, in der Jessica über das Seil stolperte“, nimmt die Beobachterin Kontur an: Sie heißt Olga, ist frühpensionierte Krankenschwester, geschieden, und lebt mit ihrem Hund allein in einem Haus. Das steht wohl in Bregenz, dem Wohnort der Autorin, was an topografischen Angaben ablesbar wird. Olga vermisst ihre Arbeit, und manchmal, wenn sie über ihre OP-Narbe streicht, befällt sie Angst vor dem Sterben. Einst war sie selbst zur Beobachteten geworden, wenn die alte Frau im Haus gegenüber den Feldstecher zückte.

Nun hält drüben eine Familie Einzug, und Olga beobachtet die Neuankömmlinge vom Badezimmerfenster aus, „hinter halb geschlossenen Jalousien“. Für Voyeurismus hält sie das nicht, treibt sie doch nicht Lust am heimlichen Spähen an, sondern eine schmerzliche Sehnsucht nach Nähe. Ihre Wahrnehmungen lassen vielerlei Schlüsse zu, über die Familienkonstellation der Nachbarn oder über das Loch, das der Mann im Garten gräbt, in der „Größe einer Bank“. Ja, auch ein latentes leises Grauen macht den Reiz dieser intensiven Prosa aus.

Olga überschreitet eine nächste Schwelle, geht auf die neuen Nachbarn direkt zu, bietet ihre Hilfe an. Die blutjunge Frau, erfährt sie, heißt Jessica. Sie ist nicht die Mutter der beiden Kinder, sondern ein apathischer, drogenanfälliger Teenager. Zum Schicksal der fehlenden Mutter hört Olga Widersprüchliches, zur Grube im Garten Beruhigendes. Hier soll ein Teich entstehen. Doch das geplante Idyll wird Jessica zum tödlichen Verhängnis – und besiegelt das frühe Ende dieser Nachbarschaft. Die Nachfolgemieter lassen zwar nicht auf sich warten, doch Olga bleibt nun auf Distanz: „Ich möchte keine neuen Bekanntschaften mehr schließen.“ Jessica reiht sich zu jenen Kinderfiguren, deren Tragik ebenso erschüttert wie die Überforderung der Eltern. Oft scheint die Katastrophe nur aufgeschoben, wie im Fall des „Schreikindes“ Achim, der nur im fahrenden Auto stillhält, oder des kleinen Simon, der eine wahre Odyssee erlebt.

Eva Schmidts Protagonisten sind verletzte, verlorene Seelen. Dazu passt die nomadische Existenz des Reisenden, die viele führen. Etwa Morten Falk, der „beurlaubte“ Schauspieler im Trenchcoat: Er findet in seiner Zimmervermieterin eine großherzige Begleitung für seine letzte Reise („Vielleicht nach Skagen“). Oder der namenlose Immobilienmakler, der im „Sommerregen“ (Titel der Erzählung) weit übers Land fährt, im Kofferraum nur seine LP-Sammlung samt Plattenspieler und ein paar Klamotten. Das Saxophon will er erst holen, wenn die Scheidung durch und ein Käufer fürs Haus gefunden ist. Zuletzt war er in Verkaufsobjekten abgestiegen, deren Besitzer ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. „Immobilienmakler war so gesehen ein mieser Beruf.“ Nun bleibt nur die Nacht im Auto.

Unendlich müde von einem Leben, das längst nicht mehr das seine ist, kramt er eine CD von Charlie Parker hervor. Bird, den Beinamen seines Idols, hätte er gern übernommen; seine Frau quittierte das Ansinnen nur mit Hohn (Bird, der Vogel: Auch dieses Motiv begegnet in weiteren Erzählungen, als Albtraum wie als Seelenretter). Nun ist er vogelfrei und wehrt den Ansturm dunkler Erinnerungen mit Hochprozentigem ab – die Untreue der Frau, seine Gewaltausbrüche: „Das Dümmste, was er jemals getan hatte, war, noch einmal zurückzugehen.“ Was auch immer geschah: Die Autorin lässt es offen.

Eva Schmidts Geschichten gehen unter die Haut. Viele Figuren erinnern in ihrer kühlen Distanziertheit, auch mit ihren Fensterblicken, an die großen Einsamen aus Edward Hoppers Malwerkstatt. Sie sind Alltagsmenschen, passive Zuseher oder hilflose Akteure in einer Welt ohne Halt. Ihre existenzielle Verlassenheit und Melancholie spiegeln sich in Landschaften wider oder in den Lauten eines Esels, die ein Paar an seinem letzten Urlaubsabend vernimmt, irgendwo in der Toskana: „Seine Stimme klang leise und kläglich, als wäre er heiser. Oder müde oder krank.“ So ergreifend schön lässt sich dieses dunkle Ahnen ins Bild setzen, „dass alles bald zu Ende sein könnte“.

Die Welt gegenüber Cover - © Jung und Jung 2021
© Jung und Jung 2021
Literatur

Die Welt gegenüber

Erzählungen
von Eva Schmidt
Jung und Jung 2021
224 S., geb., € 22,–

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