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Ganz schön politisch

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Seite 7 - © Foto: Rainer Messerklinger

„Die Eroberung Amerikas“: Was von den Perlen und vom Gold geblieben ist

1945 1960 1980 2000 2020

„Ich empfinde eine fast zärtliche Liebe für Gescheiterte“: So begründet Franzobel sein Interesse an Hernando de Sotos erfolgloser Conquista-Expedition nach Florida. Sie steht im Mittelpunkt seines neuen Romans „Die Eroberung Amerikas“.

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„Ich empfinde eine fast zärtliche Liebe für Gescheiterte“: So begründet Franzobel sein Interesse an Hernando de Sotos erfolgloser Conquista-Expedition nach Florida. Sie steht im Mittelpunkt seines neuen Romans „Die Eroberung Amerikas“.

„Santiago! Lang lebe Spanien!“ Mit diesem Schlachtruf stürzen sich die Konquistadoren im 16. Jahrhundert in den Kampf, um Gold zu erbeuten und zugleich indigene Völker zu missionieren und zu unterwerfen. Der heute völlig unbekannte und längst vergessene Hernando de Soto unternimmt im Auftrag Karl V. eine erfolglos gebliebene Expedition nach Florida, in der Hoffnung, dort auf große Schätze zu stoßen. Dieser Stoff liegt dem neuen Roman Franzobels zugrunde. Der aus Vöcklabruck stammende Autor hat sich darin ziemlich weit in die Tiefen der Geschichte hineingegraben.

Die historischen Ereignisse liegen lange zurück und haben kaum mehr etwas mit unserer Zeit zu tun. Warum also gerade jetzt ein Roman über diese Eroberungsfeldzüge und den Kolonialismus? Erst vor zwei Jahren hat Raoul Schrott mit seiner „Geschichte des Windes“ eine ähnliche Expedition zu den Molukken zum Thema gemacht, an der ihn die dreimalige Weltumsegelung eines Kanoniers interessierte. Was fasziniert an diesen Unternehmungen zu Schiff und an Land, an diesem Leben voller Entbehrungen, gepaart mit roher Gewalt und Gier?

In seinem Nachwort schreibt Franzobel, dass ihn zu diesem Roman eine Fernsehdokumentation über Amerika angeregt habe. Der Satz vom „erfolglosesten Eroberungszug der spanischen Conquista“ habe dann, wie er in einem Interview sagt, endgültig die Initialzündung geliefert, denn gute Literatur brauche Abgründe, Tiefen – und er empfinde eine fast zärtliche Liebe für Gescheiterte.

Das, was Franzobel hier aus dem 16. Jahrhundert als Epochenpanorama in seiner „Eroberung Amerikas“ entblättert, ist an Brutalität und Grausamkeit wohl kaum zu überbieten. Um das historische Material zu durchdringen, hat er penible Recherchen angestellt, sehr viel gelesen und sogar Reisen zu den Schauplätzen des Geschehens unternommen. Ein intensives Quellenstudium sieht er als Voraussetzung dafür, um „über den Vexierspiegel dieser früheren Epoche einen anderen Blick auf unsere Gegenwart“ zu ermöglichen. So begibt er sich hinein in eine schier groteske, skurrile Welt voller Gemetzel, Abstrusitäten, Willkür und Abenteuer, die er in gewohnter Manier ausladend, rau und mit großer Dynamik schildert. Dort, wo sich historische Lücken auftun, reichert er den Stoff mit Fiktion an.

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