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Ganz schön politisch

FOKUS
Hotel Weitblick  - © Foto: Rainer Messerklinger

„Hotel Weitblick“: Abschied von der Leistungsbereitschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Renate Silberer erforscht in ihrem Debütroman „Hotel Weitblick“ die Weitergabe von Erziehungsmustern von Generation zu Generation.

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Renate Silberer erforscht in ihrem Debütroman „Hotel Weitblick“ die Weitergabe von Erziehungsmustern von Generation zu Generation.

Handlungsort ist eines der vielen Landhotels mit dem Bild eines röhrenden Hirschen im Zimmer. Sowohl die Beengtheit der Räume als auch die Aussicht entzaubern den Namen „Hotel Weitblick“ als leeres Versprechen. Das Hotel ist so auswechselbar wie die Seminare, die Dr. Marius Tankwart seit Jahren leitet. Auf seiner Visitenkarte steht neben dem Namen das Motto „mit Strategie zu Erfolg und Effizienz“. Sein Karriereziel hat er erreicht, im Ranking der 100 erfolgreichsten Consulter Österreichs scheint er unter den Top 50 auf. Auftraggeber für sein Wochenendseminar ist die Eigentümergruppe einer Werbeagentur, für die er herausfinden soll, wer von den vier Mitarbeitern – drei Männer und eine Frau – am besten für den Geschäftsführerposten geeignet ist.

Doch der Ich-Erzähler in Renate Silberers Debütroman „Hotel Weitblick“ will mit diesem Assessment-Seminar Abschied nehmen von seinem Leben als „Soldat“: Ich war „ganz neben mir und das einzige, das ich verfolgte, war eine Ziellinie, eine Gerade, die ich fixierte, um ihr bedingungslos zu gehorchen“. Tankwart wurde durch Gespräche mit Frau Mundgold, einer Antiquarin, angeregt, über die Leere in seinem Leben zu reflektieren, und bucht ein One-Way-Ticket nach Mexiko City. Bevor aber das Abenteuer eines neuen Lebensabschnitts beginnen kann, möchte er gerne das Seminar nach seinen Vorstellungen gestalten. Er ist nicht gewillt, seinen Auftrag zu erfüllen und eine der Personen als Geschäftsführer vorzuschlagen. Wie schwierig dieses Abenteuer zu bestehen ist, davon erzählt der Roman in einer kammerspielartigen Versuchs­anordnung in drei Kapiteln.

Die drei Seminartage von Freitag bis Sonntag werden aber nicht nur aus der Ich-Perspektive von Marius Tankwart, sondern auch aus der Sicht der vier Teilnehmer erzählt, die als Konkurrenten gegeneinander für ihre Beförderung kämpfen und von sich als Leistungsträger sehr überzeugt sind. „Sie wollen einander besiegen, jeder gegen jeden, mit Trick und mit Tücke.“ Tankwart schafft es nicht, dass sie ihm und einander im Seminarraum mit dem Namen „Harmonie“ zuhören. Sie leisten immer stärker Widerstand und wehren sich gegen seine Vorgaben.

Ganz sicher fühlen mit Louis Vuitton

Horst Wienacher sollte eigentlich das Wochenende mit seiner Freundin Veronika, einer Musiklehrerin, verbringen, um den Jahrestag ihrer Beziehung zu feiern. Auf der Bahnfahrt zum Seminar erinnert er sich, dass er am Vorabend nur ihr „Stimmengeplätscher“ wahrgenommen hat, mit dem Kopf aber schon an das Auswahlverfahren gedacht hat. Franz Seidlinger sieht seine Frau und die beiden Kinder nur am Wochenende, wo sie in seinem Elternhaus leben, während er die Arbeits­woche in einer kleinen möblierten Stadtwohnung verbringt und sich voll auf seine Arbeit konzentriert. Seine Frau Sonja beklagt, dass er wieder einmal am Wochenende nicht nach Hause kommt und teilt ihm telefonisch mit, dass sie ihn mit den Kindern verlässt. Annette Stumpner lebt alleine, fühlt sich mit ihrer „Neverfull“-Louis-Vuitton-Tasche ganz sicher, wird aber dennoch öfter von Hustenanfällen und Panikattacken überfallen und spürt in jüngster Zeit einen möglichen Kinderwunsch, hält sich aber als Mutter für ungeeignet. Helmut Griegler komplettiert das Quartett, er geht dreimal wöchentlich ins Fitnessstudio, ist passionierter Läufer: „Der Name Weitblick, der passt aber zu mir, denn einen Weitblick habe ich, vorausschauend denken, unbeirrt vorangehen, das kann ich.“

Mit Ironie und einem präzisen Blick erforscht Renate Silberer die Ursachen der Leistungsbereitschaft von „menschlichen Effizienzmaschinen“, die alles der Verwertbarkeit und der Selbst­optimierung unterordnen, wie es das neoliberale Wirtschafts­system fordert. Die drei Teilnehmer geben der Frau in ihrer Gruppe keine Chance, sie scheint außer Konkurrenz am Wettbewerb teilzunehmen. Möglicherweise schafft sie am Ende aber als Einzige den Ausbruch aus dem System und folgt damit dem Weg Tankwarts.

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