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Zuviel des Guten

Judith Hermanns Erzählungen sind auf der ganzen Welt angesiedelt, von Nevada bis Norwegen reichen die Schauplätze. Bisher bestens verkauft, überzeugt das Buch dennoch nicht so recht.

Die Titelgeschichte spielt in einer Geisterstadt, in Austin, Nevada. Ein deutsches Paar macht hier in der Wüste Rast, auf einer langen, aufreibenden Fahrt von der Ostküste an die Westküste und zurück. Ellen und Felix haben es nicht leicht miteinander, sie sind angespannt, er sagt wenig, entgleitet ihr zusehends. In einer Hotelbar im Niemandsland lernen sie einen Mann kennen, einen Einheimischen von unaufdringlicher Selbstsicherheit, der zum Katalysator ihrer stagnierenden Beziehung wird. Ellen und Felix reagieren auf ihn, ohne dass es einer dramatischen Erweckung bedürfte: Buddy hat einen kugelförmigen Bauch und einen dreijährigen Sohn, er ist Bauarbeiter und noch nie aus Austin herausgekommen.

Aus Ellens Perspektive der Erinnerung erscheint er als einzig reales Überbleibsel des dreimonatigen Unterwegsseins durch ein Land, das nur als Mythos existiert, "als wäre diese Reise eigentlich nicht gewesen, als wären sie und Felix nicht gewesen", Nichts als Gespenster eben. Doch auch um echte Gespenster geht es hier, eine "Geisterjägerin", eine kleine, dicke Frau, lauert ihnen auf dem Dachboden des alten Hotels mit Photo- und Tonbandausrüstung auf, unbeirrt von der ungläubigen Verwunderung der anderen.

Hitze und Verlorenheit

Judith Hermann breitet in dieser Erzählung ihr gesamtes Operationsbesteck aus und gebraucht es mit großer Kunstfertigkeit: Wie sie die Atmosphäre von Hitze und Verlorenheit entstehen lässt, das Verhältnis zwischen den Liebenden skizziert, die schwebenden Momente der Leere, in der sich etwas ereignet, wie sie den Blick auf Details lenkt, auf Buddys Exempel vom wunderbaren Erlebnis, kleine Turnschuhe für ein kleines Kind auszusuchen, ein Bild, so schlicht und so stark, dass es das kinderlose Paar später zur Familiengründung animieren wird.

Von Böhmen bis Island

Anders als in Judith Hermanns erstem Erzählband "Sommerhaus, später", dessen Horizont irgendwo in der Mark Brandenburg endet, machen sich diese Geschichten in die weite Welt auf. Die reicht von Nevada bis Norwegen, von Böhmen bis Island und dient als Kulisse für nicht mehr ganz junge Leute, die an nichts glauben, außer vielleicht an die Freundschaft, und die nichts Bestimmtes suchen, außer vielleicht die pure Gegenwart. Sie sind Touristen der Existenz und es gibt für sie kaum etwas Schlimmeres, als mit gewöhnlichen Touristen verwechselt zu werden. Deshalb zwingen sie sich, "Karlovy Vary" zu sagen, statt Karlsbad, deshalb fahren sie in der Clique nach Prag und wollen ihren Schweinsbraten mit Knödeln im Vorort essen, auf dem Vietnamesenmarkt ums Eck, wollen partout die Altstadt nicht sehen, keine Sehenswürdigkeiten, und es kümmert sie nicht, wenn ihr tschechischer Gastgeber die Welt nicht mehr versteht. "Es wäre lächerlich gewesen, das zu tun. Es spielte keine Rolle, daß wir in Prag waren. Wir hätten auch in Moskau oder Zagreb oder Kairo sein können."

Trotzdem - oder gerade deshalb - hat Hermann keine Bedenken, die Städte der Städte, das romantische Sehnsuchtsziel par excellence zum Schauplatz einer Geschichte zu machen: "Aqua Alta" spielt (wie der gleichnamige Krimi von Donna Leon) in Venedig, das freilich keiner Venezia nennt. "Ich rechne täglich mit dem Verschwinden meiner Eltern. Aus Venedig sind sie noch einmal zurückgekehrt." Und obwohl sich da wieder etwas Gespensterhaftes der Figuren zu bemächtigen scheint, geht es ganz handfest zu. Eine Tochter trifft ihre trotz Mini-Budget reiselustigen Eltern, um mit ihnen ihren dreißigsten Geburtstag zu feiern, zwei Reisestile prallen aufeinander, zu dritt ist es schön, vertraut, zugleich verfahren, es passiert (sieht man von einem zudringlichen Mann ab) nichts Spektakuläres, es ist Sommer, kein Hochwasser weit und breit, "ein Vater, eine Mutter, ein erwachsenes Kind, nicht mehr und nicht weniger".

Sog des Angerührtseins

Die sanfte Melancholie dieser Geschichten, der Schauer der Vergeblichkeit, die prononcierte Gleich-Gültigkeit vertragen sich durchaus mit der Feier des besonderen Augenblicks, mit der pathetischen Gestalt des faszinierenden Fremden, des Mannes mit Charisma, dessen Präsenz im Präsens naturgemäß flüchtig ist. Dass Hermanns erstes Buch 250.000 Käufer gefunden hat, verdankt sich wohl dieser Fähigkeit, die Leser in einen halb schmerzhaften, halb angenehmen Sog des Angerührtseins zu ziehen, wie er beispielhaft in der Geschichte "Kaltblau" wirksam wird. Wahlverwandtschaften auf isländisch, heiße Quellen und Gefühle, Sommerhäuser im Winter, im Schnee, im Moor, Isländerpferde, blaue Stunden und schwarze Strände, Fisch mit Rosmarin und viel Wodka, verdichtet zu einer einzigartig sinnlichen Stimmung.

Zwanghaft ausgemalt

Judith Hermanns Erzählungen droht freilich auch eine Gefahr. Sie lässt sich schon am Äußeren des Buches ablesen, an seinem Umfang; der Verdacht bestätigt sich, betrachtet man die Länge der Geschichten, vierzig, fünfzig, sechzig Seiten: Die Erzählerin fühlt sich in den ausgebreiteten Aggregatszuständen von Liebe in Zeiten der Coolness, in all den unklaren, wechselnden Verhältnissen voll schlecht verheilter Verletzungen allzu wohl, sie bewegt sich im Milieu des Müßiggangs und der (wie man früher gesagt hätte) Tagediebe wie ein Fisch im Wasser, sie sprudelt immer fort und findet schwer ein Ende. Hat sie früher Wesentliches ausgespart, so scheint sie nun alles zwanghaft auszumalen. Ein Beispiel dafür, wie zuviel Farbe und Details ein Bild verderben können, ist die erste Geschichte, die Geschichte eines Verrats unter wirklich guten, ja symbiotisch verschwisterten Freundinnen, die mit dem Satz beginnt "Versprich mir, daß du niemals etwas mit ihm anfangen wirst", die genau so weitergeht, wie man erwartet, und auch noch das Postskriptum der gänzlich missglückten verräterischen Praxis anhängt. Zuviel des Guten.

Nichts als Gespenster

Erzählungen von Judith Hermann

S. Fischer, Frankfurt am Main 2003

318 Seiten, geb., e 18,40

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