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Feuilleton

DER ÖSTERREICHISCHE LITERATURHERBST

1945 1960 1980 2000 2020

DIE HEIMISCHE LITERATUR ZELEBRIERT AUFFÄLLIG OFT DAS LANDLEBEN. GEWÜRZT WIRD DIESER HERBST MIT SCHWARZEM HUMOR UND HOCHREFLEXIVEM WITZ.

1945 1960 1980 2000 2020

DIE HEIMISCHE LITERATUR ZELEBRIERT AUFFÄLLIG OFT DAS LANDLEBEN. GEWÜRZT WIRD DIESER HERBST MIT SCHWARZEM HUMOR UND HOCHREFLEXIVEM WITZ.

Mancher in Berlin oder Hamburg lebende Kritiker hat keine Probleme damit, die österreichische Literatur kurzerhand der deutschen zuzuschlagen und Thomas Bernhard oder Eva Menasse in einem Atemzug mit Siegfried Lenz oder Sibylle Lewitscharoff zu nennen. Und in der Tat: Ist es nicht müßig, in der Zeit eines wohl oder übel zusammenrückenden Europas lange über regionale Besonderheiten nachzudenken oder Sinn und Nutzen einer österreichischen Literaturgeschichte abzuwägen? Publizieren nicht die meisten Wiener und Salzburger Autoren ohnehin in Berliner, Münchner und Frankfurter Verlagen? Ja, welchen Gewinn kann man daraus ziehen, einen Biotop der österreichischen Stil-und Themenvorlieben zu beschreiben?

Neue Antiheimatromane

Und dennoch: Ein Blick auf die Made-in-Austria-Neuerscheinungen des aktuellen Herbstes lässt einen vor eindeutigen Antworten zurückschrecken. Gewiss, nicht wenige österreichische Autoren fügen sich nahtlos in einen deutschen Kosmos ein und greifen Stoffe auf, die auch in Berlin-Mitte bearbeitet werden. Ein Beispiel: Dass Kriminalromane bei Lesern Ansehen genießen, ist kein Geheimnis. Ebenso wenig, wie der Umstand, dass keine Region - von Flensburg bis Graz - darauf hoffen darf, von findigen Detektiven und gemeinen Mördern verschont zu werden. Nein, nirgendwo existieren krimifreie Winkel; Rettung ist nicht in Sicht. "Das Grauen hat einen Namen: Regionalkrimi", resümiert der Kritiker Denis Scheck folgerichtig, und es wäre ein Wunder, wenn dieser Trend vor den österreichischen Grenzen haltgemacht hätte. Alfred Komarek und Eva Rossmann haben sich beispielsweise um derartiges Lokalkolorit verdient gemacht, und auch die vor ein paar Jahren ins Krimifach gewechselte Lilian Faschinger taucht, wenn sie das Verschwinden einer bekannten Sängerin aufzuklären hat, in die Südsteiermark hinab. Ihr Roman "Die Unzertrennlichen" präsentiert die in Wien lebende Gerichtsmedizinerin Sissi Fux. Aufgewachsen ist sie im Sausal, und dorthin kehrt sie, wohl oder übel, zurück.

Von der Nachsicht, die manche der Handlungsvolten dringend benötigen, abgesehen, greift Faschinger heftig in die Klamottenkiste und reichert ihre Dorfgeschichte mit Gestalten an, die Witwe Dirnböck heißen und sich so benehmen. Dass der auf dem Dorf lebende Mensch zur Engstirnigkeit neigt ("Außerdem hat der Steirer in seiner Heimat alles, was er braucht"), ist eine oft beschriebene Erkenntnis, der Faschinger nicht viel Neues hinzufügt, und dass die Dörfler am Ende ihr schwächstes Glied, einen zurückgebliebenen Jungen, zum Sündenbock machen wollen, passt in dieses Abziehbild.

Überhaupt arbeitet sich die österreichische Literatur auch außerhalb der Krimigrenzen unermüdlich an Stadt-Land-Gegensätzen ab. Der Antiheimatroman - eng verbunden mit Namen wie Gert Jonke, Reinhard Gruber oder Franz Innerhofer - nimmt einen Stammplatz innerhalb der österreichischen Literatur ein und wird von Saison zu Saison um neue Versionen (die oft leider den alten sehr ähneln) vermehrt. So müht sich der aus Kirchdorf an der Krems stammende Reinhard Kaiser-Mühlecker seit seinem Debüt "Der lange Gang über die Stationen" (2008) redlich, Dorfprosa, gelegentlich mit Südamerika-Episoden garniert, vorzulegen, die bei jedem Peter-Handke-Imitationswettbewerb Siegchancen besäße. In seinem neuen, mehr als 600 Seiten umfassenden Roman "Roter Flieder" holt Kaiser-Mühlecker weit aus und greift - wenn er an seinen Magdalenenberg zurückkehrt - die derzeit sehr beliebte Form des Mehr-Generationen-Epos auf, um eine gleichsam vorgeschichtliche Welt von Schicksal und Erbsünde zu veranschaulichen. Das ist zwar von ausladender Langatmigkeit, aber mitunter auch beeindruckend in seiner Konsequenz, wenn man wie immer bei diesem Autor stilistische Verrenkungen in Kauf nimmt und schon zu Anfang Sätze wie "Seit Krieg war, herrschte über die Wirtin der Zweifel" verkraftet.

Alpiner Schwank

Wie anders als Faschinger oder Kaiser-Mühlecker man dörfliches Leben schildern kann, zeigt die 23-jährige Vea Kaiser, deren Debüt "Blasmusikpop" viel Aufmerksamkeit erregte. Nicht irritiert durch die österreichische Tradition der düsteren Dorfschelte, feiert die Autorin das Leben im fiktiven St. Peter am Anger und lässt ihren Helden, den altphilologisch bewanderten Johannes Irrwein, in seine Heimat zurückkehren, wo er als Schriftführer des Fußballvereins zu Ansehen kommt und die Segnungen des Hinterwäldlertums schätzen lernt. "Alles bleibt, wie es ist", lautet das Motto der Ureinwohner von St. Peter. Zugezogene Städter, deren Häuser wie Skiliftstationen aussehen, werden argwöhnisch betrachtet, und einen Ehrenplatz in der Historie erlangt, wer der Nachbargemeinde den Maibaum stiehlt. Höhepunkt ihres Lebens (und des Romans) stellt die Einweihung einer neuen Flutlichtanlage dar - ein Ereignis, dem ausgerechnet ein deutscher Verein, der aus "Altlinken, Kommunisten, Punks und Prostituierten" bestehende FC St. Pauli, Glanz verleiht.

Vea Kaisers Roman ist ein flott erzählter alpiner Schwank, der im klösterlichen Mittelteil Längen aufweist, stilistisch wenig riskiert und sich zu sehr an seinen Einfällen ergötzt. Ganz so einfach ist es offensichtlich nicht, den Antiheimatroman ad acta zu legen und provinziellen Starrsinn zu feiern.

Sozialkritische Töne

Mit den technischen Errungenschaften hat man in Vea Kaisers St. Peter nichts am Hut, und auch von den sozialen Umwälzungen der Zeit erfährt man in diesem Roman herzlich wenig. Dessen ungeachtet scheint sich auch die österreichische Literatur allmählich auf die Brennpunkte der westlichen Welt einzulassen. Während der deutsche, sich als Großautor aufspielende Rainald Goetz in "Johann Holtrop" ein Unternehmensimperium ins Zentrum rückt und seinen Protagonisten mit vielen Worten (und noch mehr Klischees) als gierigen Unmenschen präsentiert, gehen seine österreichischen Kollegen behutsamer vor. Wo die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, wo sich das Prekariat ausbreitet und die Gesellschaft an Überalterung leidet, da nimmt es nicht wunder, dass die Prosa schärfere sozialkritische Töne anschlägt. Diese - in Österreich gemeinhin nicht stark besetzte - Fraktion bekommt Unterstützung durch Anna Weidenholzer, Jahrgang 1984, deren "Der Winter tut den Fischen gut" um die Langzeitarbeitslose Maria kreist. Die Endvierzigerin hat, nachdem sie ihren lange ausgeübten Job als Textilfachverkäuferin verloren hat, keine Zukunftsaussichten mehr - eine Einsicht, die der Roman formal dadurch vermittelt, dass er die Kapitel 1 bis 54 absteigend erzählt. So ist dem Leser vom ersten Moment an klar, dass Marias anfänglich engagiert betriebenes Streben, wieder in Lohn und Brot zu kommen, kein Erfolg beschieden ist. Die Hoffnungslosigkeit gibt dem Text eine bleierne Schwere, obwohl es Anna Weidenholzer weitgehend vermeidet, in die Fallen einer Literatur zu treten, die sich für gelungen hält, weil sie sich auf der politisch richtigen Seite wähnt.

Wo Anna Weidenholzer auf einen Mitfühleffekt setzt, fährt Anita Augustin, Jahrgang 1970, in ihrem furiosen Erstlingsroman "Der Zwerg reinigt den Kittel" andere Geschütze auf. An dementen und gebrechlichen Gestalten herrscht nicht nur in Österreichs Literatur gegenwärtig kein Mangel - ein Grund mehr für Augustin, jede gut gemeinte Tonart zu vermeiden.

Vier "ältere Mitbürgerinnen" haben es satt, mit Seniorenmahlzeiten und Butterfahrten abgespeist zu werden - und finden sich prompt in einem Gefängnis wieder. Die Ich-Erzählerin Almut Block muss einem Psychiater Rede und Antwort stehen und blickt auf ihr Leben und das ihrer Freundinnen zurück. Um dem "Rentenschock" zu entgehen, beschlossen die renitenten Damen einst, es sich in einem Altersheim bequem zu machen, wo es alsbald zu unvorhersehbaren Ereignissen kommt und die Bewohner zu Probanden eines Pharmakonzerns werden, frei nach dem Motto "Barrierefrei forschen: Heute testen, was wir morgen brauchen."

"Der Zwerg reinigt den Kittel" ist eine schwarze Komödie, die im Jahr 2023 spielt. Der Altenüberschuss ist inzwischen eine Plage, und Überlegungen, ein Comeback der "rituellen Altentötung" voranzutreiben, sind kein Tabu mehr. Das ist sarkastisch, oft originell, politisch wenig korrekt und von komödiantischem Furor getrieben. Dass die alten Damen handgreiflich werden, wundert nicht, wenn man sich den Speiseplan des Heims ansieht: "Zu Mittag gab es in der RESIDENZ immer Huhn und Vivaldi. Das Huhn ist geschnetzelt, der Vivaldi auch."

Gewitzte Ideen

Österreich gilt als eine der Geburtsstätten der literarischen Moderne, und die Inbrunst, mit der man mancherorts an dem festhält, was die Wiener Gruppe einst ausmachte, zeigt, dass auch Avantgarden irgendwann alt aussehen. Vor diesem Hintergrund überrascht, wie wenig experimentierfreudig die meisten Gegenwartsautoren sind. Dass - sieht man von dem permanent unter Genieverdacht stehenden Clemens J. Setz ab - stilistisch und konzeptionell so wenig gewagt wird, eint die deutschsprachigen Autoren. Umso dankbarer muss man Wolf Haas sein, dass er, sobald er seinen Simon-Brenner-Krimis eine Verschnaufpause gönnt, Romane schreibt, die gänzlich aus dem Rahmen fallen und vor gewitzten Ideen strotzen. So auch "Verteidigung der Missionarsstellung", wo er einen von 1988 bis 2009 reichenden Plot entwickelt, dessen Bestandteile nach und nach in Einzelteile zerbröseln.

Das Buch ist ein hoch reflexiver Roman-im-Roman, der spielerisch sprachphilosophische Theorien (von Alfred Tarski oder B. L. Whorf) einbezieht, mit grafischen Elementen arbeitet, Seitenzahlen aus der Fußzeile nach oben wandern lässt und in eckigen Klammern Notizen des Autors simuliert, die diesen dazu auffordern, realistische Details ("Hier noch London-Atmosphäre einbauen") nachzureichen, Ghostwriter anzustellen und "Lebensgeschichten zusammenzuschustern". Eine Handlung gibt es auch, gewiss, doch fast nichts an den Geschichten, von denen der Roman ausgeht, stimmt. Kausale Zusammenhänge werden - ein Leitthema des Romans - wohl oft überschätzt.

Manchmal, wenn man die Sozialdramen, Familiensagas und Nullachtfünfzehn-Krimis einer Saison gelesen hat, wünscht man sich die Gründung einer Wolf-Haas-Gruppe, auch wenn deren Namensgeber sicher nicht als Präsident zur Verfügung stünde.

Die Unzertrennlichen

Roman von Lilian Faschinger

Zsolnay 2012

320 S., geb., € 20,50

Roter Flieder

Von Reinhard Kaiser-Mühlecker

Hoffmann und Campe 2012

621 S., geb., € 25,70

Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam

Roman von Vea Kaiser

Kiepenheuer & Witsch 2012

491 S., geb., € 20,60

Der Winter tut den Fischen gut

Roman von Anna Weidenholzer

Residenz 2012

237 S., geb., € 21,90

Der Zwerg reinigt den Kittel

Roman von Anita Augustin

Ullstein 2012

236 S., kart., € 15,50

Verteidigung der Missionarsstellung

Roman von Wolf Haas

Hoffmann und Campe 2012

238 S., geb., € 20,50

RAINER MORITZ, Leiter des Hamburger Literaturhauses, Autor literaturwissenschaftlicher Bücher, u.a. "Der fatale Glaube an das Glück. Richard Yates - sein Leben, sein Werk"(2012), und Romane, zuletzt "Sophie fährt in die Berge"(2012).

Mancher in Berlin oder Hamburg lebende Kritiker hat keine Probleme damit, die österreichische Literatur kurzerhand der deutschen zuzuschlagen und Thomas Bernhard oder Eva Menasse in einem Atemzug mit Siegfried Lenz oder Sibylle Lewitscharoff zu nennen. Und in der Tat: Ist es nicht müßig, in der Zeit eines wohl oder übel zusammenrückenden Europas lange über regionale Besonderheiten nachzudenken oder Sinn und Nutzen einer österreichischen Literaturgeschichte abzuwägen? Publizieren nicht die meisten Wiener und Salzburger Autoren ohnehin in Berliner, Münchner und Frankfurter Verlagen? Ja, welchen Gewinn kann man daraus ziehen, einen Biotop der österreichischen Stil-und Themenvorlieben zu beschreiben?

Neue Antiheimatromane

Und dennoch: Ein Blick auf die Made-in-Austria-Neuerscheinungen des aktuellen Herbstes lässt einen vor eindeutigen Antworten zurückschrecken. Gewiss, nicht wenige österreichische Autoren fügen sich nahtlos in einen deutschen Kosmos ein und greifen Stoffe auf, die auch in Berlin-Mitte bearbeitet werden. Ein Beispiel: Dass Kriminalromane bei Lesern Ansehen genießen, ist kein Geheimnis. Ebenso wenig, wie der Umstand, dass keine Region - von Flensburg bis Graz - darauf hoffen darf, von findigen Detektiven und gemeinen Mördern verschont zu werden. Nein, nirgendwo existieren krimifreie Winkel; Rettung ist nicht in Sicht. "Das Grauen hat einen Namen: Regionalkrimi", resümiert der Kritiker Denis Scheck folgerichtig, und es wäre ein Wunder, wenn dieser Trend vor den österreichischen Grenzen haltgemacht hätte. Alfred Komarek und Eva Rossmann haben sich beispielsweise um derartiges Lokalkolorit verdient gemacht, und auch die vor ein paar Jahren ins Krimifach gewechselte Lilian Faschinger taucht, wenn sie das Verschwinden einer bekannten Sängerin aufzuklären hat, in die Südsteiermark hinab. Ihr Roman "Die Unzertrennlichen" präsentiert die in Wien lebende Gerichtsmedizinerin Sissi Fux. Aufgewachsen ist sie im Sausal, und dorthin kehrt sie, wohl oder übel, zurück.

Von der Nachsicht, die manche der Handlungsvolten dringend benötigen, abgesehen, greift Faschinger heftig in die Klamottenkiste und reichert ihre Dorfgeschichte mit Gestalten an, die Witwe Dirnböck heißen und sich so benehmen. Dass der auf dem Dorf lebende Mensch zur Engstirnigkeit neigt ("Außerdem hat der Steirer in seiner Heimat alles, was er braucht"), ist eine oft beschriebene Erkenntnis, der Faschinger nicht viel Neues hinzufügt, und dass die Dörfler am Ende ihr schwächstes Glied, einen zurückgebliebenen Jungen, zum Sündenbock machen wollen, passt in dieses Abziehbild.

Überhaupt arbeitet sich die österreichische Literatur auch außerhalb der Krimigrenzen unermüdlich an Stadt-Land-Gegensätzen ab. Der Antiheimatroman - eng verbunden mit Namen wie Gert Jonke, Reinhard Gruber oder Franz Innerhofer - nimmt einen Stammplatz innerhalb der österreichischen Literatur ein und wird von Saison zu Saison um neue Versionen (die oft leider den alten sehr ähneln) vermehrt. So müht sich der aus Kirchdorf an der Krems stammende Reinhard Kaiser-Mühlecker seit seinem Debüt "Der lange Gang über die Stationen" (2008) redlich, Dorfprosa, gelegentlich mit Südamerika-Episoden garniert, vorzulegen, die bei jedem Peter-Handke-Imitationswettbewerb Siegchancen besäße. In seinem neuen, mehr als 600 Seiten umfassenden Roman "Roter Flieder" holt Kaiser-Mühlecker weit aus und greift - wenn er an seinen Magdalenenberg zurückkehrt - die derzeit sehr beliebte Form des Mehr-Generationen-Epos auf, um eine gleichsam vorgeschichtliche Welt von Schicksal und Erbsünde zu veranschaulichen. Das ist zwar von ausladender Langatmigkeit, aber mitunter auch beeindruckend in seiner Konsequenz, wenn man wie immer bei diesem Autor stilistische Verrenkungen in Kauf nimmt und schon zu Anfang Sätze wie "Seit Krieg war, herrschte über die Wirtin der Zweifel" verkraftet.

Alpiner Schwank

Wie anders als Faschinger oder Kaiser-Mühlecker man dörfliches Leben schildern kann, zeigt die 23-jährige Vea Kaiser, deren Debüt "Blasmusikpop" viel Aufmerksamkeit erregte. Nicht irritiert durch die österreichische Tradition der düsteren Dorfschelte, feiert die Autorin das Leben im fiktiven St. Peter am Anger und lässt ihren Helden, den altphilologisch bewanderten Johannes Irrwein, in seine Heimat zurückkehren, wo er als Schriftführer des Fußballvereins zu Ansehen kommt und die Segnungen des Hinterwäldlertums schätzen lernt. "Alles bleibt, wie es ist", lautet das Motto der Ureinwohner von St. Peter. Zugezogene Städter, deren Häuser wie Skiliftstationen aussehen, werden argwöhnisch betrachtet, und einen Ehrenplatz in der Historie erlangt, wer der Nachbargemeinde den Maibaum stiehlt. Höhepunkt ihres Lebens (und des Romans) stellt die Einweihung einer neuen Flutlichtanlage dar - ein Ereignis, dem ausgerechnet ein deutscher Verein, der aus "Altlinken, Kommunisten, Punks und Prostituierten" bestehende FC St. Pauli, Glanz verleiht.

Vea Kaisers Roman ist ein flott erzählter alpiner Schwank, der im klösterlichen Mittelteil Längen aufweist, stilistisch wenig riskiert und sich zu sehr an seinen Einfällen ergötzt. Ganz so einfach ist es offensichtlich nicht, den Antiheimatroman ad acta zu legen und provinziellen Starrsinn zu feiern.

Sozialkritische Töne

Mit den technischen Errungenschaften hat man in Vea Kaisers St. Peter nichts am Hut, und auch von den sozialen Umwälzungen der Zeit erfährt man in diesem Roman herzlich wenig. Dessen ungeachtet scheint sich auch die österreichische Literatur allmählich auf die Brennpunkte der westlichen Welt einzulassen. Während der deutsche, sich als Großautor aufspielende Rainald Goetz in "Johann Holtrop" ein Unternehmensimperium ins Zentrum rückt und seinen Protagonisten mit vielen Worten (und noch mehr Klischees) als gierigen Unmenschen präsentiert, gehen seine österreichischen Kollegen behutsamer vor. Wo die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, wo sich das Prekariat ausbreitet und die Gesellschaft an Überalterung leidet, da nimmt es nicht wunder, dass die Prosa schärfere sozialkritische Töne anschlägt. Diese - in Österreich gemeinhin nicht stark besetzte - Fraktion bekommt Unterstützung durch Anna Weidenholzer, Jahrgang 1984, deren "Der Winter tut den Fischen gut" um die Langzeitarbeitslose Maria kreist. Die Endvierzigerin hat, nachdem sie ihren lange ausgeübten Job als Textilfachverkäuferin verloren hat, keine Zukunftsaussichten mehr - eine Einsicht, die der Roman formal dadurch vermittelt, dass er die Kapitel 1 bis 54 absteigend erzählt. So ist dem Leser vom ersten Moment an klar, dass Marias anfänglich engagiert betriebenes Streben, wieder in Lohn und Brot zu kommen, kein Erfolg beschieden ist. Die Hoffnungslosigkeit gibt dem Text eine bleierne Schwere, obwohl es Anna Weidenholzer weitgehend vermeidet, in die Fallen einer Literatur zu treten, die sich für gelungen hält, weil sie sich auf der politisch richtigen Seite wähnt.

Wo Anna Weidenholzer auf einen Mitfühleffekt setzt, fährt Anita Augustin, Jahrgang 1970, in ihrem furiosen Erstlingsroman "Der Zwerg reinigt den Kittel" andere Geschütze auf. An dementen und gebrechlichen Gestalten herrscht nicht nur in Österreichs Literatur gegenwärtig kein Mangel - ein Grund mehr für Augustin, jede gut gemeinte Tonart zu vermeiden.

Vier "ältere Mitbürgerinnen" haben es satt, mit Seniorenmahlzeiten und Butterfahrten abgespeist zu werden - und finden sich prompt in einem Gefängnis wieder. Die Ich-Erzählerin Almut Block muss einem Psychiater Rede und Antwort stehen und blickt auf ihr Leben und das ihrer Freundinnen zurück. Um dem "Rentenschock" zu entgehen, beschlossen die renitenten Damen einst, es sich in einem Altersheim bequem zu machen, wo es alsbald zu unvorhersehbaren Ereignissen kommt und die Bewohner zu Probanden eines Pharmakonzerns werden, frei nach dem Motto "Barrierefrei forschen: Heute testen, was wir morgen brauchen."

"Der Zwerg reinigt den Kittel" ist eine schwarze Komödie, die im Jahr 2023 spielt. Der Altenüberschuss ist inzwischen eine Plage, und Überlegungen, ein Comeback der "rituellen Altentötung" voranzutreiben, sind kein Tabu mehr. Das ist sarkastisch, oft originell, politisch wenig korrekt und von komödiantischem Furor getrieben. Dass die alten Damen handgreiflich werden, wundert nicht, wenn man sich den Speiseplan des Heims ansieht: "Zu Mittag gab es in der RESIDENZ immer Huhn und Vivaldi. Das Huhn ist geschnetzelt, der Vivaldi auch."

Gewitzte Ideen

Österreich gilt als eine der Geburtsstätten der literarischen Moderne, und die Inbrunst, mit der man mancherorts an dem festhält, was die Wiener Gruppe einst ausmachte, zeigt, dass auch Avantgarden irgendwann alt aussehen. Vor diesem Hintergrund überrascht, wie wenig experimentierfreudig die meisten Gegenwartsautoren sind. Dass - sieht man von dem permanent unter Genieverdacht stehenden Clemens J. Setz ab - stilistisch und konzeptionell so wenig gewagt wird, eint die deutschsprachigen Autoren. Umso dankbarer muss man Wolf Haas sein, dass er, sobald er seinen Simon-Brenner-Krimis eine Verschnaufpause gönnt, Romane schreibt, die gänzlich aus dem Rahmen fallen und vor gewitzten Ideen strotzen. So auch "Verteidigung der Missionarsstellung", wo er einen von 1988 bis 2009 reichenden Plot entwickelt, dessen Bestandteile nach und nach in Einzelteile zerbröseln.

Das Buch ist ein hoch reflexiver Roman-im-Roman, der spielerisch sprachphilosophische Theorien (von Alfred Tarski oder B. L. Whorf) einbezieht, mit grafischen Elementen arbeitet, Seitenzahlen aus der Fußzeile nach oben wandern lässt und in eckigen Klammern Notizen des Autors simuliert, die diesen dazu auffordern, realistische Details ("Hier noch London-Atmosphäre einbauen") nachzureichen, Ghostwriter anzustellen und "Lebensgeschichten zusammenzuschustern". Eine Handlung gibt es auch, gewiss, doch fast nichts an den Geschichten, von denen der Roman ausgeht, stimmt. Kausale Zusammenhänge werden - ein Leitthema des Romans - wohl oft überschätzt.

Manchmal, wenn man die Sozialdramen, Familiensagas und Nullachtfünfzehn-Krimis einer Saison gelesen hat, wünscht man sich die Gründung einer Wolf-Haas-Gruppe, auch wenn deren Namensgeber sicher nicht als Präsident zur Verfügung stünde.

Die Unzertrennlichen

Roman von Lilian Faschinger

Zsolnay 2012

320 S., geb., € 20,50

Roter Flieder

Von Reinhard Kaiser-Mühlecker

Hoffmann und Campe 2012

621 S., geb., € 25,70

Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam

Roman von Vea Kaiser

Kiepenheuer & Witsch 2012

491 S., geb., € 20,60

Der Winter tut den Fischen gut

Roman von Anna Weidenholzer

Residenz 2012

237 S., geb., € 21,90

Der Zwerg reinigt den Kittel

Roman von Anita Augustin

Ullstein 2012

236 S., kart., € 15,50

Verteidigung der Missionarsstellung

Roman von Wolf Haas

Hoffmann und Campe 2012

238 S., geb., € 20,50

RAINER MORITZ, Leiter des Hamburger Literaturhauses, Autor literaturwissenschaftlicher Bücher, u.a. "Der fatale Glaube an das Glück. Richard Yates - sein Leben, sein Werk"(2012), und Romane, zuletzt "Sophie fährt in die Berge"(2012).