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Gesellschaft

Einsamer Mann in der Wand

1945 1960 1980 2000 2020
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Ein großer Roman über eine unbarmherzige existentielle Situation - und über das Innenleben eines Teenagers: "Über Raben" von Paulus Hochgatterer.

Hoch oben in einer auch für einen exzellenten Kletterer nur mit einem kalkulierten Risiko zugänglichen Wand hat der einsame Mann in einer Höhle seine Hängematte angebracht. Seine Kniegelenke konnte er nur mit etlichen Voltaren-Bomben zum Durchhalten bewegen, die ersten Anzeichen des einen oder anderen Muskelkrampfes mit Magnosolv vertreiben (da merkt man, dass der Autor Arzt ist), nun schwillt die rechte Hand immer mehr an und vor dem Höhleneingang fällt unaufhaltsam Schnee. Wird er unter diesen Bedingungen den Abstieg schaffen? Wird er abstürzen - oder sich in die Tiefe fallen lassen? Vor der Entscheidung "stürzen oder in der Wand erfrieren" ist er schon einmal gestanden. Ist er verloren? Will er überhaupt noch leben? Der Autor weiß es auch nicht (siehe Interview). Ein Rabe, der am Höhleneingang ein Nest gebaut hat, ist sein einziger Gefährte. Der letzte seines Lebens?

"Über Raben" heißt denn auch der jüngste Roman von Paulus Hochgatterer, der den Leser zunächst mit einer wirkungsvollen Konstruktion aufs Eis führt. Man muss ihn mit großer Konzentration lesen, um am Ende sicher sein zu können, was in dieser Geschichte eines durchgeknallten Deutschprofessors offen bleibt, ob man nicht die eine oder andere Andeutung in der Menge der Namen und Bezüge, die in der Parallelhandlung vorkommen, überlesen hat. Tatsächlich bleibt fast alles offen. Die Spuren zur Vorgeschichte bleiben dünn, gehen nicht über Andeutungen hinaus. Dabei entstand ein Stück großer erzählender Literatur.

Literatur, die am Übergang vom ersten zum zweiten Kapitel wohl manchen Leser, jedenfalls den Rezensenten, einen Augenblick lang geradezu frustriert. Denn das Eingangskapitel ist derart spannungsgeladen, nimmt sprachlich ebenso wie durch die Handlung so gefangen, dass man sich höchst ungern von letzterer löst, um dem Erzähler in das Klassenzimmer einer Wiener AHS zu folgen und sich auf ein junges Mädchen und dessen Kater Ratajczyk einzulassen. Auf dem Heimweg aus der Schule geht sie dies und jenes einkaufen, Massen von Flohpulver für Ratajczyk zum Beispiel, aber auch Holzkitt, ein dickes Wörterbuch der englischen Sprache und so fort. Die Geschäfte, in die sie geht, kann der Leser unschwer finden, wenn er will. Hochgatterer hält es mit der Genauigkeit, ob im Farbengeschäft auf der Wollzeile tatsächlich ein älterer, dünner Mann mit Brille bedient? Fast würde ich darauf wetten.

Einer von Hochgatterers Kunstgriffen in diesem Roman: Mit dem ständigen Hin und Her zwischen den beiden Handlungssträngen wechselt auch jedes Mal die Perspektive, aus der erzählt wird. Der Kletterer wird, auch wenn wir manches über seine Reaktionen und Überlegungen erfahren, von außen gesehen. Das Mädchen hingegen ist eine klassische Ich-Erzählerin, mit der wir schnell intim werden. Daß die Handlung, aus welcher Hochgatterer den Leser herausreißt und ins Schulzimmer stößt, wie ein Agentenroman begonnen hat, verstärkt den Bruch. Unter allerlei Sicherheitsvorkehrungen hat der Mann, dessen Namen wir erst weit hinter der Buchmitte erfahren, seinen Wagen abgestellt und sein Weatherby, das Präzisionsgewehr mit dem teuren Zielfernrohr, am Rucksack befestigt. Er wird verfolgt. Oder fühlt sich verfolgt. Immer wieder schaut er hinter sich, nach dem Einstieg in die Wand in die Tiefe, ob sie ihm schon folgen. Offenbar sind Frauen unter den Verfolgern. Ist seine Exfrau dabei, die er verloren hat, an die er sich immer wieder erinnert?

Langsam wird erkennbar, worum es geht. Erst sehr spät erhält man so etwas wie Gewissheit, dass man es mit der meisterhaften Schilderung eines paranoischen Zustands zu tun hat. Meisterhaft auch dank dem völligen Verzicht auf jegliches Psychologisieren. Der Paranoiker wird sozusagen nach außen gestülpt, nicht in seinen Empfindungen, sondern in seinem Handeln lernen wir ihn kennen. Aber was ist zwischen ihm und der Schülerin gelaufen? Wir werden es nie erfahren, Hochgatterer kann es gar nicht verraten, weil er es gemäß eigener Aussage selbst nicht weiß. Grade dadurch ist die Unsicherheit, die Offenheit der Handlung kein aufgesetzter Effekt, sondern wesentlicher Teil ihrer Struktur. Ganz am Beginn stand, so der Autor, der Wunsch, nach zwei im Sommer spielenden Büchern "einen Winterroman" zu schreiben. Der Schnee in der Wand sorgt für die Ausweglosigkeit der Situation, in der Stadt liefert der Schnee vor allem Atmosphäre.

Die parallel laufende Schulhandlung setzt sich dann mit Verve durch. Die Beziehungen der Schülerinnen in der gemischten Klasse werden subtil und dabei witzig geschildert, die Phantasiespiele der beiden Freundinnen, die um ausgefallene Todesarten kreisen, so ausgesponnen, dass kein Augenblick der Langeweile entsteht, und die Kapitel, in denen wir das Leben der zweiten Zentralfigur zu Hause und in der Schule kennenlernen, werden auch länger, während es beim einsamen Mann in der Wand sprachlich knapp zugeht. Knapp und überaus präzise. Das verstärkt auch die Eigenständigkeit der beiden Ebenen. Mit keinem Satz kehrt Hochgatterer den Kenner der hereinspielenden Milieus und Metiers heraus, den passionierten Kletterer, den Kinderpsychiater oder den Intimkenner des Lehrermilieus. Aber man merkt, dass er ausschließlich über Dinge schreibt, über die er sehr genau Bescheid weiß. Vom Hickhack in der Schule bis zur Psychologie junger Mädchen.

"Über Raben" ist ein großer Roman, mit dem Paulus Hochgatterer den verdienten Durchbruch im deutschen Sprachraum schaffen sollte, Übersetzungen sowieso. Dies um so mehr, als sich dieses Buch zwar - durch die Offenheit der Geschichte - möglicherweise der Verfilmung sperrt, aber mit Sicherheit Widerhall auf einer breiten Palette bewusster und unbewusster Reaktionen finden dürfte. Welche Ebene es bei mir, dem Kritiker, am stärksten angesprochen hat, kann ich nach dem Zuklappen des Deckels selber nicht sagen: War es die unbarmherzige existenzielle Situation des Verlorenen (oder doch Geretteten) in der Wand? War es die ebenso unaufdringliche wie schöne, klare Sprache des Buches? War es der Blick in die Seele eines interessanten, vielversprechenden Teenagers? Oder alles zusammen? Wohl letzteres. So oder so: Dieses Buch sollte man sofort lesen - oder ganz oben auf den Stapel der Bücher legen, denen man im Urlaub Zeit, innere Ruhe und Konzentration zu widmen gedenkt.

ÜBER RABEN

Roman von Paulus Hochgatterer

Deuticke Verlag, Wien 2002

238 Seiten, geb., e 19,90