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Feuilleton

Meister subtiler Irritation Titel

1945 1960 1980 2000 2020

Daniel Kehlmanns drittes Buch weist den hochbegabten Jungautor als fertigen Erzähler aus.

1945 1960 1980 2000 2020

Daniel Kehlmanns drittes Buch weist den hochbegabten Jungautor als fertigen Erzähler aus.

Mahler erwacht und hat die Formel. Die Entdeckung der Entdeckungen. Was dem Physiker nach jahrelangen Bemühungen buchstäblich im Traum erschienen ist, besagt nicht mehr und nicht weniger, als daß die Zeit umkehrbar ist. Greifbar, körperhaft, stehen die Zahlen und Buchstaben vor seinen Augen. Doch sofort greift der Alltag wieder nach ihm. Er soll ja die Einführungsvorlesung halten. Mühsam eist er sich los, Grippe, Fieber, Sie müssen jemanden für die Einführung finden, Frau Wimmer, und beginnt zu schreiben. Dreißig beschriebene Blätter werden die Welt aus den Angeln heben. Es ist schwer, die Lektüre von "Mahlers Zeit" zu unterbrechen. Die Erzählung entwickelt schnell einen starken Sog.

Ein neues Buch von Daniel Kehlmann, eine längere Erzählung diesmal, aber da sich Romane besser verkaufen als Erzählungen, wurde es vom Verlag als solcher ausgeschildert. Der kleine Etikettenschwindel ist mittlerweile üblich. Doch nicht nur der Umfang, auch die lineare Handlungsführung weist das Buch als Erzählung aus. Auf dem Einband steht übrigens nicht mehr, wie auf den vorausgegangenen Büchern des vielversprechenden jungen Autors, Deuticke, sondern diesmal Suhrkamp. Sobald ein Autor auch außerhalb Österreichs zur Kenntnis genommen wird, ist er offenbar von heimischen Verlagen nicht mehr zu halten. Was für diese sehr schade, aber im konkreten Fall Kehlmann von Herzen zu gönnen ist. Kein Zweifel, der 24jährige Dichter hat sich etabliert.

Auf den ausgewachsenen Roman muß die steigende Zahl seiner Bewunderer noch warten, aber "Mahlers Zeit" macht es ihnen leicht. Kehlmann hat seine Erzählweise konsequent weiterentwickelt, sie knüpft bei den besten Texten seiner 1998 erschienenen Sammlung kürzerer Geschichten an, "Bankraub" und "Unter der Sonne". Wie letzterer, der dem Buch den Titel gab (Furche 9/98), spielt auch "Mahlers Zeit" streckenweise in einem grauen akademischen Institutsmilieu. Aber diesmal fährt kein aufstrebender Uni-Assistent nach Südfrankreich, um ein Foto vom Grab des bewunderten großen Autors zu machen, sondern der Physiker Mahler findet sich unversehens in einer auf rätselvolle Weise verschobenen Außenwelt, in der sich Vorher und Nachher nicht mehr aneinanderfügen, wie sie sollten, in der kleine Beobachtungen unermeßliches Gewicht bekommen und sich scheinbare Zufälligkeiten zu Warnungen höchst seltsamer Instanzen auswachsen.

Daniel Kehlmann erweist sich als fertiger Erzähler, als erstaunlicher Könner im Metier des Geheimnisvollen und Unheimlichen mit einer Portion Skurrilität, als einer, der den angeschlagenen Ton, die Stimmung, durchzuhalten und den Leser in einen Bann zu schlagen weiß, der auch noch anhält, wenn er das Buch fertig gelesen hat. Kehlmann erreicht dies einerseits mit den Mitteln einer ebenso einfachen wie kunstvollen, schönen Sprache, der man die erfolgreiche Verarbeitung einer offenbar erheblichen Belesenheit anmerkt, andererseits mit einem in diesem Buch subtil gehandhabten Kunstgriff. Er besteht im geschickten Aufbau einer Spannung, die nie restlos aufgelöst wird. Immer, wenn man alles zu wissen glaubt, bleibt ein nicht aufgelöster Rest zurück, Rätsel, Fragen, Irritationen. Auch am Ende.

Das Wesen dieser Irritationen ist existentiell. "Mahlers Zeit" ist die Geschichte eines Gestörten, in dessen Störung sich die Verstörung durch das Bewußtsein des Todes spiegelt. Es ist die Geschichte eines hochbegabten Sonderlings, der in der Schule nicht durch Einseitigkeit anstößig wirkt, ein mathematisches Wunderkind ließe man sich ja gefallen. Das könnte man schließlich vorzeigen. Dagegen hätte man nichts. Nein, im Gegenteil, er verstört dadurch, daß er auch Fußball spielt und sich als hervorragender Tormann erweist, und das, obwohl er ausgesprochen fett ist. Sehr geschickt durchdacht ist das: Mahler verdankt seine frühen Erfolge als Tormann nicht körperlicher Beweglichkeit, sondern gerade seiner mathematischen Begabung, die ihn die Kurve, welcher der Ball auf dem Weg zum Tor folgen wird, kennen und die Bahnen des Balles und seines Körpers mit der Genauigkeit eines Computers einander im Kreuzungspunkt treffen läßt. Trotzdem will man ihn nicht mehr haben, es sei denn, er brächte es fertig, abzuspecken. Einen fetten Tormann, der obendrein die Bälle hält, hält man nicht aus.

Ausgangspunkt von Mahlers Störung ist allerdings nicht seine mathematische Begabung, sondern ein frühkindliches Trauma, der grauenvolle Unfall seiner Schwester, und auch am Beginn der Erzählung ereignet sich wieder ein grauenvoller Unfall. Mit größter Kunstfertigkeit baut dieser Autor eine Innenwelt auf, die sich später als Wahnwelt zu erweisen scheint, spiegelt Wirklichkeit im Wahn, Wahn in der Wirklichkeit, und entschlüsselt schließlich das Ganze so weit rational, daß die Vernunftmenschen unter seinen Lesern zufrieden sein werden, aber doch so unvollständig, daß auch die eher dem Mystischen Zuneigenden bedient werden. Die Steigerung der Geschichte auf ihr starkes, hier aber nicht vorwegzunehmendes Ende hin beeindruckt.

Dasselbe kann man auch von ihrer realistischen Ebene sagen. Von der Geschichte einer Freundschaft, einer Loyalität, die sich bis zum bitteren Ende bewährt. Von der Beschreibung eines eher widerlichen Institutsvorstandes und einer im Eklat endenden Vorlesung. Von einer Autofahrt im Unwetter. Von einer Obsession, die insgeheim sehr viele Wissenschaftler in ihren Bann schlägt, auch wenn sie sich nicht dazu bekennen, und die auf den Namen Nobelpreis hört. Von der anderen, keineswegs von Daniel Kehlmann erfundenen, auch nicht ganz seltenen Obsession, sich am zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu reiben. Und nicht zuletzt vom kurzen Auftritt des sympathischen Nobelpreisträgers Valentinov höchstselbst.

Fazit: Exzellente Prosa eines noch sehr jungen Autors, der bereits im Vollbesitz einer ausgefeilten Erzähltechnik, aber offenbar auch drauf und dran ist, zu entdecken, was er zu sagen hat. Ein fertiger Meister der erzählerischen Mittelstrecke, den ich natürlich gern einmal auf der Langstrecke sähe. Falls er es nicht vorzieht, sich im Metier der knappen Form zu etablieren. Hier ist von ihm auf jeden Fall noch viel zu erwarten.

MAHLERS ZEIT Roman von Daniel Kehlmann Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1999 160 Seiten, geb., öS 218,-/ e 15,84