Hans Eichhorn: Das Zimmer voller Welt

1945 1960 1980 2000 2020

Hans Eichhorn lebt als Berufsfischer am Attersee und schreibt seit zwanzig Jahren feinste Prosa, Lyrik und Minidramen. Annäherung an sein Werk.

1945 1960 1980 2000 2020

Hans Eichhorn lebt als Berufsfischer am Attersee und schreibt seit zwanzig Jahren feinste Prosa, Lyrik und Minidramen. Annäherung an sein Werk.

"Das Zimmer als voller Bauch" - so nannte Hans Eichhorn seinen ersten Lyrikband, der 1993 erschien. So verstörend der Titel wirkt, so sehr passt er zu den Gedichten, die eine Dingwelt beschwören, deren einzelne Elemente sich in der Wahrnehmung des lyrischen Ich übereinanderschieben und in eine seltsame Wechselbezüglichkeit treten: "Fliege über das Tischtuch, / Gebrammel vom Kühlschrank, / Zukunft sofort im Kopf be- / endet."

Im Titel des Erstlings ist die gesamte Spannbreite von Eichhorns Literatur erfasst: Das Zimmer, das den Blick in ein Inneres suggeriert, ist voller Gegenstände, die sich aus dem Außen speisen und deshalb über sich und aus dem begrenzten Raum hinausweisen. Vor allem holen sie das in die innere Ferne blickende schreibende Ich immer wieder in das banale Hier und Jetzt zurück, nageln es fest an ein reales Handeln-Müssen, das etwa im Bezahlen von Rechnungen oder Zubereiten von Speisen besteht.

Dieses Oszillieren zwischen innen und außen, die Vorliebe für die Kombination scheinbar unvereinbarer Wahrnehmungen, ist in Eichhorns Werk bis heute prägend. Das trifft besonders auf seine Prosa zu, in der in jüngster Zeit allerdings die Perspektive vermehrt auf innere Prozesse gelenkt wird. Waren es früher äußere Eindrücke von Gebrauchsgegenständen in der Wohnung, vom Garten, den Stimmungen und Bewegungen in der Landschaft rund um den Attersee, wo der Schriftsteller als Berufsfischer lebt, so rückt nun in vermehrtem Ausmaß ein mit Schreiben beschäftigtes Erzähler-Ich in den Blickpunkt.

Ringen um das "richtige" Erzählen

Es begann mit "Circus Wols. Aufnahme und Projektion" (2000), einem Prosatext, der durch die äußerste Vorsicht beeindruckt, mit der sich Eichhorn dem Leben und Werk des Künstlers Alfred Otto Wolfgang Schulze (1913-1951), genannt Wols, annähert. Der Erzähler misstraut allem, was nicht beglaubigtes Faktum ist, er kennt keine Wahrheit. In seinem Kopf vermischen sich die Bilder von Wols, seine Lebensdaten, die Tagebucheintragungen der kleinen Tochter des Erzählers und seine eigenen Wahrnehmungen an seinem Schreibplatz in der Wohnung. Das Ringen um die "richtigen" Worte und das "richtige" Erzählen wird selbst zum Gegenstand des Erzählens.

Es folgte eine achtjährigen Prosapause, in der Eichhorn Lyrikbände (z.B. "Unterwegs zu glücklichen Schweinen", 2006), Minidramen (z.B. "Der Wille zur Arbeit", 2006) und gemeinsam mit dem Atterseer Fotografen Klaus Costadedoi bibliophile Text-Bild-Bände (z.B. "die umgehung", 2002) mit Eindrücken rund um den Attersee veröffentlichte. Als er mit "Liegestatt" (2008) wieder Prosa publizierte, war das Schreiben noch stärker zum Thema geworden. Schon der Titel nennt jenen Gegenstand, der für das erzählende Ich den Ausgangszustand des Schreibprozesses symbolisiert: ein Bett. Im statischen Liegen gelingt es, die als Störung empfundene Außenwelt zurückzudrängen und zu jener kontemplativen Ruhe zu gelangen, die zur Sprache führt. Diese Störungen von außen -das Rattern der Waschmaschinenschleuder, Kettensägegedröhn, E-Gitarrenklänge etc. - sind häufig. Zum einen bringen sie das Erzähler-Ich aus der Schreibfassung, zum anderen sind gerade sie aber Gegenstand des Schreibens und geben ihm Inhalt wie Rhythmus. Durch sie erhält Eichhorns Prosa eine feine Ironie und eine gewisse Leichtigkeit - ohne dabei an Tiefgang zu verlieren.

Die Unmöglichkeit zu erzählen ist auch Gegenstand des Prosatextes "Das Fortbewegungsmittel"(2009), in dem der Versuch unternommen wird, die zwei Figuren Georg und Renate narrativ aufeinander zuzubewegen. Die immer wieder neu unternommenen Erzählanläufe werden von allerlei Assoziationen unter-und abgebrochen; die unterschiedlichen Entwürfe, wie die beiden zu einander gelangen könnten, werden meist wieder verworfen, versanden oder lösen sich in Fragen und der Hinterfragung des eigenen Schreibens auf. Darin steckt auch eine gehörige Portion Humor.

Tröstliche Wendung

In seinem jüngsten Werk, dem Prosatext "Und alle Lieben leben" (2013), überwiegt schließlich die Innerlichkeit: Ein Vater und sein erwachsenes Kind sind "zufällig" und unabhängig von einander in einem Haus gelandet. Es ist - nicht zufällig - das Elternhaus des Vaters, aus dessen Perspektive und mit dessen Stimme "erzählt" wird. Der Mann will sein Kind begreifen, doch das Kind hat sich in sich selbst zurückgezogen und von der Außenwelt abgekapselt. Es horcht nur auf seine inneren Stimmen, nicht auf den Vater. Unfreiwillig auf sich selbst zurückgeworfen, konfrontiert sich der Erzähler in langen, schlaflosen Nächten mit der Geschichte dieses Hauses, seinen ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern, seiner Familie. Die Schattenwelt, die ihn immer wieder einholt, ist die Welt der Vergangenheit, der Verstorbenen, der Erinnerung. Man spürt seine Ratlosigkeit und Verzweiflung darüber, den Zugang zu seinem Kind verloren zu haben, über seine Ohnmacht gegenüber den körperlichen wie seelischen Veränderungen, bis er beschließt, nicht mehr an seinen Vorstellungen festzuhalten: "Alles, was ich brauche, atme ich ein, und alles, was ich nicht mehr brauche, atme ich aus." Es wäre nicht Hans Eichhorn, wenn er diesen Satz ein Versatzstück aus dem Bereich alternativer Heilmethoden -nicht buchstäblich nehmen, weiterspinnen und bis zum Kipppunkt der Skurrilität steigern würde: "Alles Licht zu mir. Alle Polstermöbel zu mir, aber alle Polstermöbel ängstigen mich so sehr, dass ich sie sofort wieder ausatme."

Auch wenn der Erzähler die Atemübungen nicht ganz ernst zu nehmen scheint, ihre Wirkung zeitigen sie dennoch. Er beginnt, seinen Blick von den alten, als besser empfundenen Zuständen wegzulenken und sich schonungslos mit dem Hier und Jetzt auseinanderzusetzen und einen Umgang damit zu finden. So erhält die subtil vermittelte Geschichte einer inneren Wandlung eine tröstliche Wendung: "Ein jahrelanges Sitzen, Horchen, Schauen, auf dass die Welt hereinkommen möge, aber dann Aufstehen und das Hereingekommene zusammenpacken und wieder hinaustragen, forttragen, zum Gebirgspanorama, zum Seeufer, zum Kind, das vielleicht in diesem Augenblick ebenfalls horcht, ebenfalls weder ein noch aus weiß."

"Das Zimmer als voller Bauch" - so nannte Hans Eichhorn seinen ersten Lyrikband, der 1993 erschien. So verstörend der Titel wirkt, so sehr passt er zu den Gedichten, die eine Dingwelt beschwören, deren einzelne Elemente sich in der Wahrnehmung des lyrischen Ich übereinanderschieben und in eine seltsame Wechselbezüglichkeit treten: "Fliege über das Tischtuch, / Gebrammel vom Kühlschrank, / Zukunft sofort im Kopf be- / endet."

Im Titel des Erstlings ist die gesamte Spannbreite von Eichhorns Literatur erfasst: Das Zimmer, das den Blick in ein Inneres suggeriert, ist voller Gegenstände, die sich aus dem Außen speisen und deshalb über sich und aus dem begrenzten Raum hinausweisen. Vor allem holen sie das in die innere Ferne blickende schreibende Ich immer wieder in das banale Hier und Jetzt zurück, nageln es fest an ein reales Handeln-Müssen, das etwa im Bezahlen von Rechnungen oder Zubereiten von Speisen besteht.

Dieses Oszillieren zwischen innen und außen, die Vorliebe für die Kombination scheinbar unvereinbarer Wahrnehmungen, ist in Eichhorns Werk bis heute prägend. Das trifft besonders auf seine Prosa zu, in der in jüngster Zeit allerdings die Perspektive vermehrt auf innere Prozesse gelenkt wird. Waren es früher äußere Eindrücke von Gebrauchsgegenständen in der Wohnung, vom Garten, den Stimmungen und Bewegungen in der Landschaft rund um den Attersee, wo der Schriftsteller als Berufsfischer lebt, so rückt nun in vermehrtem Ausmaß ein mit Schreiben beschäftigtes Erzähler-Ich in den Blickpunkt.

Ringen um das "richtige" Erzählen

Es begann mit "Circus Wols. Aufnahme und Projektion" (2000), einem Prosatext, der durch die äußerste Vorsicht beeindruckt, mit der sich Eichhorn dem Leben und Werk des Künstlers Alfred Otto Wolfgang Schulze (1913-1951), genannt Wols, annähert. Der Erzähler misstraut allem, was nicht beglaubigtes Faktum ist, er kennt keine Wahrheit. In seinem Kopf vermischen sich die Bilder von Wols, seine Lebensdaten, die Tagebucheintragungen der kleinen Tochter des Erzählers und seine eigenen Wahrnehmungen an seinem Schreibplatz in der Wohnung. Das Ringen um die "richtigen" Worte und das "richtige" Erzählen wird selbst zum Gegenstand des Erzählens.

Es folgte eine achtjährigen Prosapause, in der Eichhorn Lyrikbände (z.B. "Unterwegs zu glücklichen Schweinen", 2006), Minidramen (z.B. "Der Wille zur Arbeit", 2006) und gemeinsam mit dem Atterseer Fotografen Klaus Costadedoi bibliophile Text-Bild-Bände (z.B. "die umgehung", 2002) mit Eindrücken rund um den Attersee veröffentlichte. Als er mit "Liegestatt" (2008) wieder Prosa publizierte, war das Schreiben noch stärker zum Thema geworden. Schon der Titel nennt jenen Gegenstand, der für das erzählende Ich den Ausgangszustand des Schreibprozesses symbolisiert: ein Bett. Im statischen Liegen gelingt es, die als Störung empfundene Außenwelt zurückzudrängen und zu jener kontemplativen Ruhe zu gelangen, die zur Sprache führt. Diese Störungen von außen -das Rattern der Waschmaschinenschleuder, Kettensägegedröhn, E-Gitarrenklänge etc. - sind häufig. Zum einen bringen sie das Erzähler-Ich aus der Schreibfassung, zum anderen sind gerade sie aber Gegenstand des Schreibens und geben ihm Inhalt wie Rhythmus. Durch sie erhält Eichhorns Prosa eine feine Ironie und eine gewisse Leichtigkeit - ohne dabei an Tiefgang zu verlieren.

Die Unmöglichkeit zu erzählen ist auch Gegenstand des Prosatextes "Das Fortbewegungsmittel"(2009), in dem der Versuch unternommen wird, die zwei Figuren Georg und Renate narrativ aufeinander zuzubewegen. Die immer wieder neu unternommenen Erzählanläufe werden von allerlei Assoziationen unter-und abgebrochen; die unterschiedlichen Entwürfe, wie die beiden zu einander gelangen könnten, werden meist wieder verworfen, versanden oder lösen sich in Fragen und der Hinterfragung des eigenen Schreibens auf. Darin steckt auch eine gehörige Portion Humor.

Tröstliche Wendung

In seinem jüngsten Werk, dem Prosatext "Und alle Lieben leben" (2013), überwiegt schließlich die Innerlichkeit: Ein Vater und sein erwachsenes Kind sind "zufällig" und unabhängig von einander in einem Haus gelandet. Es ist - nicht zufällig - das Elternhaus des Vaters, aus dessen Perspektive und mit dessen Stimme "erzählt" wird. Der Mann will sein Kind begreifen, doch das Kind hat sich in sich selbst zurückgezogen und von der Außenwelt abgekapselt. Es horcht nur auf seine inneren Stimmen, nicht auf den Vater. Unfreiwillig auf sich selbst zurückgeworfen, konfrontiert sich der Erzähler in langen, schlaflosen Nächten mit der Geschichte dieses Hauses, seinen ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern, seiner Familie. Die Schattenwelt, die ihn immer wieder einholt, ist die Welt der Vergangenheit, der Verstorbenen, der Erinnerung. Man spürt seine Ratlosigkeit und Verzweiflung darüber, den Zugang zu seinem Kind verloren zu haben, über seine Ohnmacht gegenüber den körperlichen wie seelischen Veränderungen, bis er beschließt, nicht mehr an seinen Vorstellungen festzuhalten: "Alles, was ich brauche, atme ich ein, und alles, was ich nicht mehr brauche, atme ich aus." Es wäre nicht Hans Eichhorn, wenn er diesen Satz ein Versatzstück aus dem Bereich alternativer Heilmethoden -nicht buchstäblich nehmen, weiterspinnen und bis zum Kipppunkt der Skurrilität steigern würde: "Alles Licht zu mir. Alle Polstermöbel zu mir, aber alle Polstermöbel ängstigen mich so sehr, dass ich sie sofort wieder ausatme."

Auch wenn der Erzähler die Atemübungen nicht ganz ernst zu nehmen scheint, ihre Wirkung zeitigen sie dennoch. Er beginnt, seinen Blick von den alten, als besser empfundenen Zuständen wegzulenken und sich schonungslos mit dem Hier und Jetzt auseinanderzusetzen und einen Umgang damit zu finden. So erhält die subtil vermittelte Geschichte einer inneren Wandlung eine tröstliche Wendung: "Ein jahrelanges Sitzen, Horchen, Schauen, auf dass die Welt hereinkommen möge, aber dann Aufstehen und das Hereingekommene zusammenpacken und wieder hinaustragen, forttragen, zum Gebirgspanorama, zum Seeufer, zum Kind, das vielleicht in diesem Augenblick ebenfalls horcht, ebenfalls weder ein noch aus weiß."

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