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Es kommt auf alles an

Literarische Warnungen vor einer Gesellschaft, die Menschen durch Klischees ersetzt und das große Denken durch das kleine.

Warum tun sie uns das an? Warum hassen sie uns so sehr?" [...] In letzter Zeit musste er nur hinhören, um zu wissen, auf welche Seite der großen Kluft ihn die Leute bei dieser Frage stellten, um zu verstehen, was sie von ihm hielten. Das "sie" in ihrer Frage machte ihm Mut, denn es teilte ihn ganz zweifelsfrei ihrem Lager zu. Inzwischen hing sein Wohl und Wehe einzig von der Wahl des einen oder anderen Pronomens ab.

Nach den Attentaten am 7. Juli versucht London Normalität zu demonstrieren, um den Terroristen keine Macht zu verleihen. Doch wie wird diese Normalität aussehen? Zunächst wird sie geprägt sein von Angst: vor öffentlichen Verkehrsmitteln, vor U-Bahnen. Vor Gesichtern? Schon werden Drohungen gegen Muslime laut - wird so der Alltag in der multikulturellen, multireligiösen Hauptstadt Großbritanniens aussehen?

Die Frage, ob und wie sich die westliche Welt nach den Terroranschlägen verändert habe, geistert seit den Angriffen auf das World Trade Center am 11. September 2001 nicht nur durch die Medien, sondern auch durch die Literatur, auf deren seismografische Funktion man wieder häufiger hinwies. Literatur als Aufzeichnung der Störungen, der großen Erschütterungen ebenso wie der kleinen, aber nicht minder gefährlichen Haarrisse? Einige Romane, die in letzter Zeit erschienen sind, erzählen tatsächlich von den Wunden, die die "westliche Welt" nach den Terroranschlägen längerfristig davonzutragen droht. Sie betreffen die Positionierung des Individuums in der Gesellschaft wie auch Veränderungen - und deren Gefahren - im Umgang der Menschen miteinander. In diesem Sinne sind die Romane vielleicht sogar als Warnungen zu lesen.

Der Mensch verschwindet

Die Gruppenzugehörigkeit bestimmt, wo man steht. Mehr denn je. Die Hautfarbe, das Herkunftsland, die Religion. Der Mensch dahinter verschwindet. Diese Veränderung skizziert die Amerikanerin Claire Tristram in ihrem Roman "After" (deutscher Titel: "Passion"), dem auch das Anfangszitat dieses Artikels entnommen ist. Tristram lässt eine Witwe auf einen Moslem treffen - und verleiht beiden keinen Namen. Sie ist "die Witwe", deren Mann vor laufender Kamera enthauptet wurde, nachdem er sich als Jude bekennen musste. Er ist der "Moslem", von dem sie nichts weiß, mit dem sie aber eine Nacht verbringen will. Schon immer wollte ich einem von deiner Sorte wehtun: die Witwe schlüpft in die Rolle der Mörder ihres Mannes und leitet ihre gewalttätigen sexuellen Demütigungen mit einem Ritualakt im Badezimmer ein.

Tristram zeigt die Suche der beiden nach Individualität und Beziehung als hoffnungslos, räumt den Figuren keine Chance ein, anders als ausschließlich als Teil einer Gruppe betrachtet zu werden.

"Du bist mein erster, weißt du?"

"Dein erster?"

"Mein erster Moslem", sagte sie. "Mein erster Araber."

"Aber ich bin kein Araber. Ich bin Perser. Da gibt es große historische Unterschiede. Außerdem bin ich nicht besonders gläubig. Ehrlich, ich bin der weltlichste Moslem, den du dir überhaupt vorstellen kannst."

Aber sie war schon eingeschlafen.

Nichts anderes

Die Vorstellungen vom Gegenüber bleiben dubios und klischeehaft. Er hatte ein Gesicht, wie es heute in jeder Zeitung auftauchen könnte. Die tiefliegenden Augen. Die rötlich braune Haut. Märtyrerhaut. Kapitelweise wechselt Tristram die Perspektive teils derselben Szenen und verdeutlicht damit die unüberbrückbare Distanz, die Fremdheit. Das bisschen erahnbare Substanz hinter den Hüllen "Witwe" und "Moslem" entspricht gängigen Klischees und gerade diese polarisierende und schemenhafte Konstruktion des privaten Zusammentreffens dieser beiden Personen erzählt vom Unheil des Nichtverstehens und des Verlierens der Individualität, des Namens in Zeiten, in denen die Zugehörigkeit zu einer Gruppe über alles andere gestellt wird. Eine oberflächliche Einteilung wie etwa nach dem Aussehen entscheidet darüber, ob die Person in der Gesellschaft - unterschwelliger oder offen ausgebrochener - Gewalt begegnet. Er konnte durch die Menge laufen und spüren, wie die Menschen ihm auswichen. Überall wurde er von fremden Blicken verfolgt, Mütter, Kinder, Soldaten, Polizisten, jeder glotzte ihn an und lauerte auf ein Indiz für seine Greueltaten, er wurde begafft, als habe er Aussatz.

Der seit Jahren in den usa lebende "Moslem" hat ein großes Bedürfnis nach Individualität und fragt vorsichtig nach: Glaubst du nicht, du könntest mich auch in einem anderen Licht sehen? Als Individuum? Nicht als eine bestimmte Kategorie? Und sei es nur für einen Moment? Für eine Nacht?" Doch es wird ihm nicht gewährt. "Ein Individuum, was ist das schon? Nur für sich genommen, sind Individuen doch alle gleich. Sie sind gar nichts. Auf das Drumherum kommt es an. Mein Mann war Jude. Wenn auch kein guter. Aber am Ende zählte nur noch das. Du bist Moslem. Ich bin die Witwe eines Juden. Nichts anderes."

Think small?

Die Lage der Welt ist schrecklich. Was kann nun der Einzelne tun, außer fernzusehen um herauszufinden, wie es um die Welt steht, sich auf diese Weise der "community of anxiety" anzuschließen und zu hoffen, dass nichts passiert, aber wenn etwas passiert, es rechtzeitig und ausführlich zu sehen am Bildschirm? Der Positionierung des Individuums in der Gesellschaft widmet sich der neueste Roman "Saturday" des Engländers Ian McEwan und damit der Frage, wie das private Glück mit den Vorgängen in der Welt zu verbinden ist. Dies handelt der Autor anhand einer konkreten politischen Frage ab, spielt der Roman doch an einem einzigen historischen Tag, am Samstag, dem 15. Februar 2003, dem Tag der großen Proteste gegen den Irak-Krieg. McEwans Held Henry Perowne sieht nachts ein brennendes Flugzeug über London fliegen, fürchtet, in der Geborgenheit seines Schlafzimmers stehend, nun Zeuge eines Attentates zu werden und hat das Gefühl, er müsse etwas unternehmen, unternimmt aber nichts. Er fühlt sich schuldig, aber auch hilflos. Schuldig in seiner Hilflosigkeit. Hilflos schuldig. Die Grundsituation des Individuums in der Gesellschaft? Was also tun? Rückzug? In die Welt jenes Wertes, für die "der Westen" auch steht: das individuelle Glück?

Auch wenn er schließlich nicht Zeuge eines Attentates wird, wird Perownes Samstag - durchaus selbstverschuldet - beinahe zur Katastrophe führen. Am Ende des Tages, wieder in seinem Schlafzimmer, hat der an die Gesetze der Naturwissenschaft glaubende Verächter von Literatur und Religion sogar Angst. Hat er doch lernen müssen, wie sich die Folgen einer Tat der Kontrolle entziehen können und weitere Ereignisse hervorbringen, und man sich selbst auf einmal an einem Punkt wieder findet, von dem man nie gedacht hätte, dass man je dort landen könnte. Wie geht der Neurochirurg Perowne - der kühle Analytiker ohne Mitleid, der es liebt, wie ein Gott aus dem Operationssaal zu kommen, der hervorragende Vertreter der westlichen oberen Mittelschicht - mit seiner Unsicherheit um? Er sucht den Trost im überschaubaren kleinen Raum, in dem der Tag begann: bei der Familie, im Sex mit seiner Frau, im Bett. Es gibt nur dies. Henry scheint den Ratschlag seines Sohnes zu befolgen: think small. Man dürfe nicht an die großen Dinge denken, an die Lage der Welt, die wäre zu schrecklich, sondern an die kleinen, an die Freundin, ans Snowboarden. Dann sei die Welt in Ordnung.

Kleine Schritte

Der Roman als Aufruf für den Rückzug in den privaten Kuschelbereich? Weil Zufriedenheit, Glück und Heim das einzige sind, was noch hält? Tatsächlich klingt die Einsicht, dass es in einer Zeit, in der die Welt keine großen Ideen mehr hat, mit ihr, falls überhaupt, nur in kleinen Schritten vorwärts gehen kann, einigermaßen resigniert. Aber jeder Einzelne, auch das erzählt der Roman, hat tagtäglich seine Entscheidungen zu treffen, im Bewusstsein, dass sie stets die Möglichkeit des Irrtums beinhalten, jeder Einzelne bekommt damit auch seinen Platz als Handelnder zugewiesen im Weltgeschehen. Oder, um es anders zu sagen und dafür auf einen Satz zurückzukommen, der sich im Laufe des Romans fast unmerklich, aber ganz entscheidend ändert: Aus der Ansicht Wenn alles passieren kann, ist alles gleichgültig formt sich am Ende die Einsicht: Wenn alles passieren kann, kommt es auf alles an.

PASSION

Roman von Claire Tristram

Aus d. Engl. v. Verena von Koskull

Aufbau-Verlag, Berlin 2004

169 Seiten, geb., e 17,40

SATURDAY

Roman von Ian McEwan

Verlag Jonathan Cape, GB 2005

279 Seiten, geb., e 30,50

Die deutsche Übersetzung erscheint Ende Juli im Diogenes Verlag.

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