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Gesellschaft

LITERATUR DER ARBEITSWELT

1945 1960 1980 2000 2020

LEBENSLÄUFE UND ARBEITSKARRIEREN SEHEN HEUTE ANDERS AUS ALS VOR EINIGEN JAHRZEHNTEN: IMMER MEHR ROMANE ERZÄHLEN DAVON, AUCH IN ÖSTERREICH.

1945 1960 1980 2000 2020

LEBENSLÄUFE UND ARBEITSKARRIEREN SEHEN HEUTE ANDERS AUS ALS VOR EINIGEN JAHRZEHNTEN: IMMER MEHR ROMANE ERZÄHLEN DAVON, AUCH IN ÖSTERREICH.

Das Problem beginnt beim Schlagwort "Literatur der Arbeitswelt". Wie konnte es innerhalb eines halben Menschenlebens gelingen, dass der Begriff, noch dazu verkürzt auf Betroffenenberichte - die im übrigen just im selben Zeitraum im lebenspraktischen oder sexuellen Bereich einen einzigartigen Boom erlebten -, derartig in Misskredit geriet? Es ist wohl eine der verbrannten Flächen, die der neoliberale "Modernisierungsprozess" und der ihn begleitende politische Rechtsruck hinterlassen haben. "Absahnungszusammenrafthabgierglobalisierungsgeldgeierei" lautet der schöne Terminus, den Gert Jonke in seiner Bearbeitung von Aristophanes "Die Vögel" dafür erfunden hat.

Mit dem Begriff, dem das heute tödliche Etikett "veraltet" anhängt, ist auch das Thema über Jahrzehnte aus dem Blick geraten und in die "verteilungspolitische Mottenkiste der 70er Jahre" - so der Originalton des dritten Nationalratspräsidenten im Jahr 2004 - gelegt worden. Andererseits: Dass lange Zeit weniger funktionierende Arbeitsverhältnisse beschrieben wurden als prekäre, entsprach der Realität eines Wirtschaftssystems, das Wörter wie "Entlassungsproduktivität" erfunden hat und Berufsjugendlichkeit zur Geschäftsstrategie erhebt. Die Firma Ericsson hat vor einiger Zeit einen "Sozialplan" ausgearbeitet, um 4000 Mitarbeiter loszuwerden: Sie waren über 35, was zum jugendlichen Konzernimage nicht passte. Das macht es den sogenannten Best-Agern zunehmend schwer, den Erwartungshaltungen der Werbewirtschaft nachzukommen.

Literatur beschreibt soziologische Prozesse oft lange, bevor sich die Sozialwissenschaften dafür interessieren. Die Romane der vergangenen Jahrzehnte machten mit den vielen Absteigern und Verlierern die Misere von Lebensläufen im Zeichen des Prekariats zum Thema, als das Wort dafür noch gar nicht gefunden war. Schließlich ist gerade im gut ausgebildeten Segment mit der Sparpolitik der öffentlichen Hand die mittlere Generation zunehmend aus geregelten Arbeitsbeziehungen herausgefallen, während die junge Generation gleich im Format "Praktikum" zwischengelagert wird.

Umstrukturierungen

Auch für jene, die noch im Arbeitsprozess drinnen sind, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Wo Konzepte, Unternehmensziele, Sparpotentiale fortwährend neu definiert werden, bilden sich ständig wechselnde Konstellationen von Gruppen-, Sektions- und Sachgebietsleitern. Über Nacht kann sich alles wieder ändern. Planbarkeit von Lebensläufen und Arbeitskarrieren gehört damit endgültig der Vergangenheit an. Genau für diese Zusammenhänge beginnt sich die Literatur im neuen Jahrtausend verstärkt zu interessieren, auch in Österreich.

Kathrin Röggla hat in ihrem protokollarischen Romanbericht "wir schlafen nicht" (2004) den arbeitsmedizinischen Euphemismus des Workaholic-Syndroms entzaubert. Denn was gern so bezeichnet wird, ist pure Selbstausbeutung aus nackter Existenzangst, "es" bald nicht mehr zu bringen. Immer rascher dreht sich das Rad der Umstrukturierungen, wobei die sogenannten Sanierer nicht selten "von einer firmenpleite zur nächsten übergingen" und die Mitarbeiter rat- oder arbeitslos zurückbleiben. "es reiche eben nicht aus", so Rögglas Unternehmensberater, "gemeinsam zu bestaunen, was da wieder an geldern vernichtet worden sei, [...] was da an werten gerade wieder übern jordan gehe".

Das hat auch mit dem schwierigen Stand der sogenannten Realwirtschaft zu tun. "So fleißig konnte man auf dem Fabriksgelände gar nicht arbeiten, daß damit mehr Gewinn zu bewirken wäre als durch leistungs-und risikolos erzielbare Zinsen für den Grundstücksumwertungs- und -abverkaufserlös", heißt es in Matthias Manders Wirtschaftsroman "Garanas oder Die Litanei" (2001). Und das Übel beginnt wie so oft schon beim Begriff: "Realwirtschaft". Wenn einem Konkretum ein erklärendes Kompositum vorangestellt werden muss, auf dass der Begriff die Realität noch zu fassen bekommt, ist immer Alarm angesagt. Ein schönes Beispiel dafür ist das "Allgemeine Wahlrecht", in Österreich eingeführt 1907, allerdings nur für Männer; als es 1918 auch die Frauen erhielten, wurde das sprachlich mit dem Begriff "Frauenwahlrecht" als eine Art Sonderregelung gefasst.

Abbaulisten

Wie sich das Biotop Büro unter dem Dauerdruck des "Gesundschrumpfens" verändert, hat Margit Hahn in ihrem Erzählband "Totreden" (2006) untersucht. Umstrukturierungen fordern immer Opfer im doppelten Wortsinn. Es gibt die, die auf den Abbaulisten stehen, und es gibt die, die nicht darauf stehen, also Opfer bringen müssen, damit das auch so bleibe. In Lydia Mischkulnigs Erzählung "Die Firma" aus dem Band "Macht euch keine Sorgen" (2009) spricht die "Firma" selbst und führt ein strenges Regime über Psyche wie Physis ihrer Angestellten. Und die Erzählung "Untergang einer Hauptperson" persifliert die Techniken moderner "Menschenführung" in einem auf Corporate and Social Identity bauenden Möbelhaus - mit überraschendem Ausgang.

Ich-AG

Für alle, die aus dem regulären Arbeitsprozess hinausfallen, weil sie altersbedingt oder auch wegen Überqualifikation als unvermittelbar gelten, bietet die frei schwebende Ich-AG eine dem Geist liberaler Wirtschaftskonzepte gut entsprechende Strategie. Es ist eine smarte Form zur Auslagerung überflüssiger Arbeitskräfte aus dem angespannten Arbeitsmarkt und zur Entlastung der Sozialbudgets, zudem gut verkaufbar als "freie" und selbstbestimmte Lebensform.

"Ich muss aufpassen, denn jedes Wort kann eines zu viel sein, und im Handumdrehen falle ich aus dem Wiedereingliederungsprogramm heraus und in das Selbständigen-Training hinein", denkt in Isabella Straubs Debütroman "Südbalkon" (2013) die schon lange illusionslose Erzählerin, das gelte es "tunlichst zu vermeiden, denn dort wird man dem freien Markt zum Fraß vorgeworfen ... Von vielen dieser neuen Selbständigen hört man nie wieder etwas. Sie stranden im Sibirien der Ökonomie", wo nicht selten neuerliche Arbeitslosigkeit lauert, angereichert mit dem Schuldenberg vom Konkurs der Ich-AG.

Eine originelle Verbindung von Prekariat und Ich-AG präsentiert Hanno Millesis Roman "Der Nachzügler" (2008). Der junge Autor verdient hier sein Geld als Privatdetektiv der unteren Liga. Er schnüffelt "Zielpersonen" hinterher, um Auffälligkeiten im Privatleben zu entdecken, die einen schönen Kündigungsgrund ergeben. Hier beißt sich die Arbeitswelt-Katze gewissermaßen in den Schwanz: Wer schon draußen ist, also prekär, bespitzelt die, die noch drinnen sind, auf dass sie kündbar werden und dann den Pool prekärer Arbeitskräfte vermehren. Die Grenze zwischen drinnen und draußen ist durchlässig geworden, Borderliner am Arbeitsmarkt wie Millesis Private Eye beobachten das als Memento mori ihrer eigenen Zukunftsperspektiven besonders genau. Vor der "Neuen Kaufhausgalerie" sieht er einen Mann, dessen Outfit wirkt, als sei er "auf dem Höhepunkt seines finanziellen Wohlstands direkt aus einem Tempel dieses Wohlstands, aus einem Casino, einem Gourmetrestaurant oder dem Parlament heraus und hierher an den Straßenrand geflogen".

Sterile Künstlichkeit

Der Held in Daniel Wissers Roman "Standby" (2011), ein Hypochonder mit autistischen Tendenzen und zahlreichen Phobien und Zwangsvorstellungen, arbeitet im Callcenter einer Computerfirma. Einigermaßen im Gleichgewicht hält er sich durch genauestes Einhalten ritualisierter Alltagsverrichtungen und durch seinen Job. Die sterile Künstlichkeit der Clean-Desk-Atmosphäre scheint ihm noch der sicherste Hafen vor den Zumutungen zwischenmenschlicher Nähe. Seine Psychostruktur ist gut in die radikal entfremdete Arbeitssituation integrierbar, zugleich aber wird er davon weiter in die Enge getrieben, es geht also nicht nur um eine Krankheitsanalyse, sondern auch um eine Anamnese der Arbeitsbedingungen unter steigendem Konkurrenzdruck.

Ins Backstage-Office mit "freien" Mitarbeitern führt das Romandebüt von Florian Illichmann-Rajchl "Der weite Weg zum Wasserspender" (2012). "Das von unserem CEO propagierte 'innovative Arbeitsklima', so der Erzähler, "hat sich im neuen Firmengebäude, zumindest was uns freie Dienstnehmer betrifft, nicht umsetzen lassen", firmenintern heißt ihr Revier "Legebatterie". Die radikale Trennung von Angestellten und "Freien" wird dem Erzähler im titelgebenden Schlüsselerlebnis klar: Der im Gang stehende Wasserspender ist der "echten" Belegschaft vorbehalten, die freien Dienstnehmer dürfen sich daraus nicht bedienen. Umso provokanter wirkt der verordnete Optimismus. "Willkommen", mit dieser "dreisten Lüge" begrüßt ihn sein Computer jeden Morgen, und es ist nicht klar, "wer der Lügner ist: der Programmierer, unsere Geschäftsleitung oder ich als End-User." Schon bei dieser Frage sind appellable Instanzen schwer auszumachen, nicht anders ist es dann bei der "Freisetzung" infolge von Umstrukturierungsmaßnahmen.

Finale Verlierer

Den finalen Verlierern am Arbeitsmarkt widmet sich auch Anna Weidenholzer. Schon in ihrem ersten Erzählband "Der Platz des Hundes" (2010) zeichnet sie sensible Porträts von Menschen, die aus den gesellschaftlichen Bindungen herausgefallen sind, keineswegs auf spektakuläre Art und Weise, eher unauffällig und wie nebenbei, wie es die Logik des Systems im unteren sozialen Segment immer häufiger mit sich bringt. Ihr Roman "Der Winter tut den Fischen gut"(2012) setzt im Leben der Textilverkäuferin Maria Beerenberger an jenem Punkt ein, wo sie sich als altersbedingt Unvermittelbare bei aussichtslosen Wiedereingliederungsversuchen präsentieren muss. Im Rückwärtsgang wird dann erzählt, was die "Klientin" zu einer Person mit Schicksal macht und ihre "Betreuer" im Arbeitsmarktservice so wenig interessiert wie allfällige Personalchefs, falls es tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch kommt.

Werbe-Biografien

"Viele unserer Helden haben Schicksalsschläge hinter sich oder sind in eine finanzielle Notsituation geraten. Der herkömmliche Arbeitsmarkt bot ihnen keine Möglichkeiten mehr. Wir helfen ihnen, sich einer Verantwortung zu entheben, an der sie zu schwer getragen haben." Das ist der Endpunkt des Problems in Jan Kossdorffs Dystopie "Kauft Leute" (2013). Die Logik der freien Marktwirtschaft löst die Probleme am Arbeitsmarkt mit einem neuen Geschäftsmodell: eine Event-Shopping Mall für unvermittelbare Jobsucher und gescheiterte Ich-AGs. Die Begrifflichkeit ist schnell gefunden: Den zum Kauf angebotenen "Helden" werden Werbe-Biografien getextet, damit der künftige "Owner" den für ihn geeigneten "Prop[erty]" finde. Ein Schelm wer hier an (Sex)Sklavenhandel denkt.

Macht euch keine Sorgen Neun Heimsuchungen Von Lydia Mischkulnig Haymon 2009 112 S., geb., € 19,90

wir schlafen nicht Von Kathrin Röggla Fischer Taschenbuch 2006 219 S., kart., € 9,20

Südbalkon Roman von Isabella Straub Blumenbar 2013 254 S., geb., € 19,60

Der Nachzügler Von Hanno Millesi Luftschacht 2008 204 S., geb., € 19,50

Standby Roman von Daniel Wisser Klever 2011 200 S., geb., € 19,90

KAUFT LEUTE Roman von Jan Kossdorff Milena 2013 256 S., geb., € 21,90

Der weite Weg zum Wasserspender Roman von Florian Illichmann-Rajchl Metro 2012 236 S., kart., € 19,90

Das Problem beginnt beim Schlagwort "Literatur der Arbeitswelt". Wie konnte es innerhalb eines halben Menschenlebens gelingen, dass der Begriff, noch dazu verkürzt auf Betroffenenberichte - die im übrigen just im selben Zeitraum im lebenspraktischen oder sexuellen Bereich einen einzigartigen Boom erlebten -, derartig in Misskredit geriet? Es ist wohl eine der verbrannten Flächen, die der neoliberale "Modernisierungsprozess" und der ihn begleitende politische Rechtsruck hinterlassen haben. "Absahnungszusammenrafthabgierglobalisierungsgeldgeierei" lautet der schöne Terminus, den Gert Jonke in seiner Bearbeitung von Aristophanes "Die Vögel" dafür erfunden hat.

Mit dem Begriff, dem das heute tödliche Etikett "veraltet" anhängt, ist auch das Thema über Jahrzehnte aus dem Blick geraten und in die "verteilungspolitische Mottenkiste der 70er Jahre" - so der Originalton des dritten Nationalratspräsidenten im Jahr 2004 - gelegt worden. Andererseits: Dass lange Zeit weniger funktionierende Arbeitsverhältnisse beschrieben wurden als prekäre, entsprach der Realität eines Wirtschaftssystems, das Wörter wie "Entlassungsproduktivität" erfunden hat und Berufsjugendlichkeit zur Geschäftsstrategie erhebt. Die Firma Ericsson hat vor einiger Zeit einen "Sozialplan" ausgearbeitet, um 4000 Mitarbeiter loszuwerden: Sie waren über 35, was zum jugendlichen Konzernimage nicht passte. Das macht es den sogenannten Best-Agern zunehmend schwer, den Erwartungshaltungen der Werbewirtschaft nachzukommen.

Literatur beschreibt soziologische Prozesse oft lange, bevor sich die Sozialwissenschaften dafür interessieren. Die Romane der vergangenen Jahrzehnte machten mit den vielen Absteigern und Verlierern die Misere von Lebensläufen im Zeichen des Prekariats zum Thema, als das Wort dafür noch gar nicht gefunden war. Schließlich ist gerade im gut ausgebildeten Segment mit der Sparpolitik der öffentlichen Hand die mittlere Generation zunehmend aus geregelten Arbeitsbeziehungen herausgefallen, während die junge Generation gleich im Format "Praktikum" zwischengelagert wird.

Umstrukturierungen

Auch für jene, die noch im Arbeitsprozess drinnen sind, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Wo Konzepte, Unternehmensziele, Sparpotentiale fortwährend neu definiert werden, bilden sich ständig wechselnde Konstellationen von Gruppen-, Sektions- und Sachgebietsleitern. Über Nacht kann sich alles wieder ändern. Planbarkeit von Lebensläufen und Arbeitskarrieren gehört damit endgültig der Vergangenheit an. Genau für diese Zusammenhänge beginnt sich die Literatur im neuen Jahrtausend verstärkt zu interessieren, auch in Österreich.

Kathrin Röggla hat in ihrem protokollarischen Romanbericht "wir schlafen nicht" (2004) den arbeitsmedizinischen Euphemismus des Workaholic-Syndroms entzaubert. Denn was gern so bezeichnet wird, ist pure Selbstausbeutung aus nackter Existenzangst, "es" bald nicht mehr zu bringen. Immer rascher dreht sich das Rad der Umstrukturierungen, wobei die sogenannten Sanierer nicht selten "von einer firmenpleite zur nächsten übergingen" und die Mitarbeiter rat- oder arbeitslos zurückbleiben. "es reiche eben nicht aus", so Rögglas Unternehmensberater, "gemeinsam zu bestaunen, was da wieder an geldern vernichtet worden sei, [...] was da an werten gerade wieder übern jordan gehe".

Das hat auch mit dem schwierigen Stand der sogenannten Realwirtschaft zu tun. "So fleißig konnte man auf dem Fabriksgelände gar nicht arbeiten, daß damit mehr Gewinn zu bewirken wäre als durch leistungs-und risikolos erzielbare Zinsen für den Grundstücksumwertungs- und -abverkaufserlös", heißt es in Matthias Manders Wirtschaftsroman "Garanas oder Die Litanei" (2001). Und das Übel beginnt wie so oft schon beim Begriff: "Realwirtschaft". Wenn einem Konkretum ein erklärendes Kompositum vorangestellt werden muss, auf dass der Begriff die Realität noch zu fassen bekommt, ist immer Alarm angesagt. Ein schönes Beispiel dafür ist das "Allgemeine Wahlrecht", in Österreich eingeführt 1907, allerdings nur für Männer; als es 1918 auch die Frauen erhielten, wurde das sprachlich mit dem Begriff "Frauenwahlrecht" als eine Art Sonderregelung gefasst.

Abbaulisten

Wie sich das Biotop Büro unter dem Dauerdruck des "Gesundschrumpfens" verändert, hat Margit Hahn in ihrem Erzählband "Totreden" (2006) untersucht. Umstrukturierungen fordern immer Opfer im doppelten Wortsinn. Es gibt die, die auf den Abbaulisten stehen, und es gibt die, die nicht darauf stehen, also Opfer bringen müssen, damit das auch so bleibe. In Lydia Mischkulnigs Erzählung "Die Firma" aus dem Band "Macht euch keine Sorgen" (2009) spricht die "Firma" selbst und führt ein strenges Regime über Psyche wie Physis ihrer Angestellten. Und die Erzählung "Untergang einer Hauptperson" persifliert die Techniken moderner "Menschenführung" in einem auf Corporate and Social Identity bauenden Möbelhaus - mit überraschendem Ausgang.

Ich-AG

Für alle, die aus dem regulären Arbeitsprozess hinausfallen, weil sie altersbedingt oder auch wegen Überqualifikation als unvermittelbar gelten, bietet die frei schwebende Ich-AG eine dem Geist liberaler Wirtschaftskonzepte gut entsprechende Strategie. Es ist eine smarte Form zur Auslagerung überflüssiger Arbeitskräfte aus dem angespannten Arbeitsmarkt und zur Entlastung der Sozialbudgets, zudem gut verkaufbar als "freie" und selbstbestimmte Lebensform.

"Ich muss aufpassen, denn jedes Wort kann eines zu viel sein, und im Handumdrehen falle ich aus dem Wiedereingliederungsprogramm heraus und in das Selbständigen-Training hinein", denkt in Isabella Straubs Debütroman "Südbalkon" (2013) die schon lange illusionslose Erzählerin, das gelte es "tunlichst zu vermeiden, denn dort wird man dem freien Markt zum Fraß vorgeworfen ... Von vielen dieser neuen Selbständigen hört man nie wieder etwas. Sie stranden im Sibirien der Ökonomie", wo nicht selten neuerliche Arbeitslosigkeit lauert, angereichert mit dem Schuldenberg vom Konkurs der Ich-AG.

Eine originelle Verbindung von Prekariat und Ich-AG präsentiert Hanno Millesis Roman "Der Nachzügler" (2008). Der junge Autor verdient hier sein Geld als Privatdetektiv der unteren Liga. Er schnüffelt "Zielpersonen" hinterher, um Auffälligkeiten im Privatleben zu entdecken, die einen schönen Kündigungsgrund ergeben. Hier beißt sich die Arbeitswelt-Katze gewissermaßen in den Schwanz: Wer schon draußen ist, also prekär, bespitzelt die, die noch drinnen sind, auf dass sie kündbar werden und dann den Pool prekärer Arbeitskräfte vermehren. Die Grenze zwischen drinnen und draußen ist durchlässig geworden, Borderliner am Arbeitsmarkt wie Millesis Private Eye beobachten das als Memento mori ihrer eigenen Zukunftsperspektiven besonders genau. Vor der "Neuen Kaufhausgalerie" sieht er einen Mann, dessen Outfit wirkt, als sei er "auf dem Höhepunkt seines finanziellen Wohlstands direkt aus einem Tempel dieses Wohlstands, aus einem Casino, einem Gourmetrestaurant oder dem Parlament heraus und hierher an den Straßenrand geflogen".

Sterile Künstlichkeit

Der Held in Daniel Wissers Roman "Standby" (2011), ein Hypochonder mit autistischen Tendenzen und zahlreichen Phobien und Zwangsvorstellungen, arbeitet im Callcenter einer Computerfirma. Einigermaßen im Gleichgewicht hält er sich durch genauestes Einhalten ritualisierter Alltagsverrichtungen und durch seinen Job. Die sterile Künstlichkeit der Clean-Desk-Atmosphäre scheint ihm noch der sicherste Hafen vor den Zumutungen zwischenmenschlicher Nähe. Seine Psychostruktur ist gut in die radikal entfremdete Arbeitssituation integrierbar, zugleich aber wird er davon weiter in die Enge getrieben, es geht also nicht nur um eine Krankheitsanalyse, sondern auch um eine Anamnese der Arbeitsbedingungen unter steigendem Konkurrenzdruck.

Ins Backstage-Office mit "freien" Mitarbeitern führt das Romandebüt von Florian Illichmann-Rajchl "Der weite Weg zum Wasserspender" (2012). "Das von unserem CEO propagierte 'innovative Arbeitsklima', so der Erzähler, "hat sich im neuen Firmengebäude, zumindest was uns freie Dienstnehmer betrifft, nicht umsetzen lassen", firmenintern heißt ihr Revier "Legebatterie". Die radikale Trennung von Angestellten und "Freien" wird dem Erzähler im titelgebenden Schlüsselerlebnis klar: Der im Gang stehende Wasserspender ist der "echten" Belegschaft vorbehalten, die freien Dienstnehmer dürfen sich daraus nicht bedienen. Umso provokanter wirkt der verordnete Optimismus. "Willkommen", mit dieser "dreisten Lüge" begrüßt ihn sein Computer jeden Morgen, und es ist nicht klar, "wer der Lügner ist: der Programmierer, unsere Geschäftsleitung oder ich als End-User." Schon bei dieser Frage sind appellable Instanzen schwer auszumachen, nicht anders ist es dann bei der "Freisetzung" infolge von Umstrukturierungsmaßnahmen.

Finale Verlierer

Den finalen Verlierern am Arbeitsmarkt widmet sich auch Anna Weidenholzer. Schon in ihrem ersten Erzählband "Der Platz des Hundes" (2010) zeichnet sie sensible Porträts von Menschen, die aus den gesellschaftlichen Bindungen herausgefallen sind, keineswegs auf spektakuläre Art und Weise, eher unauffällig und wie nebenbei, wie es die Logik des Systems im unteren sozialen Segment immer häufiger mit sich bringt. Ihr Roman "Der Winter tut den Fischen gut"(2012) setzt im Leben der Textilverkäuferin Maria Beerenberger an jenem Punkt ein, wo sie sich als altersbedingt Unvermittelbare bei aussichtslosen Wiedereingliederungsversuchen präsentieren muss. Im Rückwärtsgang wird dann erzählt, was die "Klientin" zu einer Person mit Schicksal macht und ihre "Betreuer" im Arbeitsmarktservice so wenig interessiert wie allfällige Personalchefs, falls es tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch kommt.

Werbe-Biografien

"Viele unserer Helden haben Schicksalsschläge hinter sich oder sind in eine finanzielle Notsituation geraten. Der herkömmliche Arbeitsmarkt bot ihnen keine Möglichkeiten mehr. Wir helfen ihnen, sich einer Verantwortung zu entheben, an der sie zu schwer getragen haben." Das ist der Endpunkt des Problems in Jan Kossdorffs Dystopie "Kauft Leute" (2013). Die Logik der freien Marktwirtschaft löst die Probleme am Arbeitsmarkt mit einem neuen Geschäftsmodell: eine Event-Shopping Mall für unvermittelbare Jobsucher und gescheiterte Ich-AGs. Die Begrifflichkeit ist schnell gefunden: Den zum Kauf angebotenen "Helden" werden Werbe-Biografien getextet, damit der künftige "Owner" den für ihn geeigneten "Prop[erty]" finde. Ein Schelm wer hier an (Sex)Sklavenhandel denkt.

Macht euch keine Sorgen Neun Heimsuchungen Von Lydia Mischkulnig Haymon 2009 112 S., geb., € 19,90

wir schlafen nicht Von Kathrin Röggla Fischer Taschenbuch 2006 219 S., kart., € 9,20

Südbalkon Roman von Isabella Straub Blumenbar 2013 254 S., geb., € 19,60

Der Nachzügler Von Hanno Millesi Luftschacht 2008 204 S., geb., € 19,50

Standby Roman von Daniel Wisser Klever 2011 200 S., geb., € 19,90

KAUFT LEUTE Roman von Jan Kossdorff Milena 2013 256 S., geb., € 21,90

Der weite Weg zum Wasserspender Roman von Florian Illichmann-Rajchl Metro 2012 236 S., kart., € 19,90