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Feuilleton

Verwandtensterben

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Rückzug statt Neuland bei den"26. Tagen der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt.

Der Schweizer Autor Hugo Loetscher sprach in seiner Klagenfurter Rede zur Eröffnung der "26. Tage der deutschsprachigen Literatur" von der neuen Rolle der Literatur in einer globalisierten Welt. Worüber schreiben nun sechzehn Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in dieser Übergangszeit, in der "die Geschichte erst beginnt", wie Hugo Loetscher meint, während alles bisher Geschehene nur Regionalgeschichte war?

Es sei "das Jahr des Verwandtensterbens", resümierte die Wiener Literaturwissenschaftlerin Konstanze Fliedl bereits am zweiten Tag des Wettlesens angesichts einer Vielzahl von Texten, die ihre erzählerische Aufmerksamkeit dem Privatleben widmeten. Offenbar wenden sich viele Autoren und Autorinnen lieber von der Welt ab und dem Mikrokosmos von Familien und Beziehungen zu. Und sie erzählen davon zumeist traditionell und unambitioniert, ohne Risikos einzugehen. Einige der sieben Jurymitglieder (Konstanze Fliedl, Pia Reinacher, Denis Scheck, Robert Schindel, Burkhard Spinnen, Birgit Vanderbeke, Thomas Widmer), die für die Einladungen verantwortlich sind, klagen dann vor laufenden Kameras darüber, dass das Niveau der Texte in diesem Jahr - wie übrigens in jedem Jahr - äußerst mittelmäßig sei.

Und in der Tat war man froh über die wenigen herausragenden Edelsteine in einer Literaturlandschaft, in der mehrfach das Motiv der Versteinerung auftauchte, am beeindruckendsten in der Krankengeschichte von Raphael Urweider, einem literarischen Requiem, das den 3SAT-Preis erhielt.

Publikum für komplexen Text

Wie man die Geschichte einer stagnierenden Ehe in einer höchst musikalischen Sprache kunstvoll erzählen kann, bewies der Tiroler Autor Christoph W. Bauer. Er war bisher mit seinen zwei Lyrikbänden nur wenigen Eingeweihten bekannt und gewann zur Überraschung aller den heuer erstmals vergebenen Kelag-Publikumspreis, der mittels E-mail-Votum ermittelt wurde. Dass sich gerade die Fernsehzuseher für einen der sprachlich avanciertesten Texte entschieden, sollte auch Fernsehverantwortlichen und Kritikern des Wettbewerbs zu denken geben, die am liebsten lauter verkaufsträchtige Pop-Literaten in Klagenfurt und am Bildschirm sehen möchten, die sie für Garanten einer zeitgemäßen literarischen Auseinandersetzung mit der Realität halten.

Auffallend oft wurde der Abschied von den Eltern inszeniert. In Mirko Bonnés "Auszeit" erzählt ein Bruder über die Krankheit seiner Zwillingsschwester, deren schubweise Anfälle allein das System Familie stabilisieren und die Familienidylle erhalten. Für seinen melancholischen und unaufgeregten Blick auf eine psychische Krankheit erhielt er den Ernst-Willner-Preis. Als "Görenprosa" bezeichnete einer der Juroren ganz treffend den Text "Heul doch" von Melanie Arns, der mit 22 Jahren jüngsten Teilnehmerin am Wettbewerb, die zwar nicht mit einem Preis bedacht wurde, deren literarische Talentprobe aber überzeugte. Rotzfrech denunziert sie das Gruppenbild einer Familie mit Oma und findet dafür eine knappe tragikomische Sprache: "Freitags, samstags, sonntags: Vater und Mutter saufen sich zu Tode, alles andere würde sie umbringen." Ungewöhnlich und an Bilder von Edward Hopper erinnernd beschreibt Annette Pehnt in ihrer Erzählung "Insel Vierunddreißig" das Drama eines begabten Kindes. Sie wurde dafür mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. So präzise und glasklar distanziert wurde selten vom Erwachsenwerden erzählt, und noch seltener von einem Vater, der auf liebevolle Weise die Leidenschaft der Tochter wecken möchte.

"Geschichte von Nichts"

Den mit 21.800 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis 2002 erhielt Peter Glaser für seine "Geschichte von Nichts", der einzigen Geschichte, die paradoxerweise in die Zukunft weist. Der in Graz geborene und in Berlin lebende Peter Glaser ist nach Gert Jonke und Franzobel erst der dritte Österreicher, dem dieser Preis just an seinem 45. Geburtstag überreicht wurde. Als einziger Autor reagiert Peter Glaser im Sinne Hugo Loetschers in seinem Text auf die Welt im Zeichen der Globalisierung. Für eine Beziehung kann das allerdings bedeuten, per SMS auf zwei Leerzeichen mit drei Leerzeichen zu antworten, auf einer Reisebewegung, die von Kairo über Athen und Italien bis nach Hamburg führt. In diesem Panoptikum ist die Welt im Handlungszeitraum Herbst 2001 nicht ausgeblendet, sondern im Bewusstsein der Protagonisten durch Vermittlung der Medien eben auch präsent, vom Nahostkonflikt bis zum 11. September, beiläufig und unspektakulär.

Warum allerdings so viele der eingeladenen Autorinnen und Autoren lieber den Rückzug antreten anstatt Neuland zu betreten, bleibt eines der Rätsel dieses Wettbewerbs. Man sollte sich vielleicht an Ingeborg Bachmann erinnern, die für den Schriftsteller ein Denken einfordert, "das Erkenntnis will und mit der Sprache und durch Sprache hindurch etwas erreichen will. Nennen wir es vorläufig: Realität."

Rückzug statt Neuland bei den"26. Tagen der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt.

Der Schweizer Autor Hugo Loetscher sprach in seiner Klagenfurter Rede zur Eröffnung der "26. Tage der deutschsprachigen Literatur" von der neuen Rolle der Literatur in einer globalisierten Welt. Worüber schreiben nun sechzehn Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in dieser Übergangszeit, in der "die Geschichte erst beginnt", wie Hugo Loetscher meint, während alles bisher Geschehene nur Regionalgeschichte war?

Es sei "das Jahr des Verwandtensterbens", resümierte die Wiener Literaturwissenschaftlerin Konstanze Fliedl bereits am zweiten Tag des Wettlesens angesichts einer Vielzahl von Texten, die ihre erzählerische Aufmerksamkeit dem Privatleben widmeten. Offenbar wenden sich viele Autoren und Autorinnen lieber von der Welt ab und dem Mikrokosmos von Familien und Beziehungen zu. Und sie erzählen davon zumeist traditionell und unambitioniert, ohne Risikos einzugehen. Einige der sieben Jurymitglieder (Konstanze Fliedl, Pia Reinacher, Denis Scheck, Robert Schindel, Burkhard Spinnen, Birgit Vanderbeke, Thomas Widmer), die für die Einladungen verantwortlich sind, klagen dann vor laufenden Kameras darüber, dass das Niveau der Texte in diesem Jahr - wie übrigens in jedem Jahr - äußerst mittelmäßig sei.

Und in der Tat war man froh über die wenigen herausragenden Edelsteine in einer Literaturlandschaft, in der mehrfach das Motiv der Versteinerung auftauchte, am beeindruckendsten in der Krankengeschichte von Raphael Urweider, einem literarischen Requiem, das den 3SAT-Preis erhielt.

Publikum für komplexen Text

Wie man die Geschichte einer stagnierenden Ehe in einer höchst musikalischen Sprache kunstvoll erzählen kann, bewies der Tiroler Autor Christoph W. Bauer. Er war bisher mit seinen zwei Lyrikbänden nur wenigen Eingeweihten bekannt und gewann zur Überraschung aller den heuer erstmals vergebenen Kelag-Publikumspreis, der mittels E-mail-Votum ermittelt wurde. Dass sich gerade die Fernsehzuseher für einen der sprachlich avanciertesten Texte entschieden, sollte auch Fernsehverantwortlichen und Kritikern des Wettbewerbs zu denken geben, die am liebsten lauter verkaufsträchtige Pop-Literaten in Klagenfurt und am Bildschirm sehen möchten, die sie für Garanten einer zeitgemäßen literarischen Auseinandersetzung mit der Realität halten.

Auffallend oft wurde der Abschied von den Eltern inszeniert. In Mirko Bonnés "Auszeit" erzählt ein Bruder über die Krankheit seiner Zwillingsschwester, deren schubweise Anfälle allein das System Familie stabilisieren und die Familienidylle erhalten. Für seinen melancholischen und unaufgeregten Blick auf eine psychische Krankheit erhielt er den Ernst-Willner-Preis. Als "Görenprosa" bezeichnete einer der Juroren ganz treffend den Text "Heul doch" von Melanie Arns, der mit 22 Jahren jüngsten Teilnehmerin am Wettbewerb, die zwar nicht mit einem Preis bedacht wurde, deren literarische Talentprobe aber überzeugte. Rotzfrech denunziert sie das Gruppenbild einer Familie mit Oma und findet dafür eine knappe tragikomische Sprache: "Freitags, samstags, sonntags: Vater und Mutter saufen sich zu Tode, alles andere würde sie umbringen." Ungewöhnlich und an Bilder von Edward Hopper erinnernd beschreibt Annette Pehnt in ihrer Erzählung "Insel Vierunddreißig" das Drama eines begabten Kindes. Sie wurde dafür mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. So präzise und glasklar distanziert wurde selten vom Erwachsenwerden erzählt, und noch seltener von einem Vater, der auf liebevolle Weise die Leidenschaft der Tochter wecken möchte.

"Geschichte von Nichts"

Den mit 21.800 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis 2002 erhielt Peter Glaser für seine "Geschichte von Nichts", der einzigen Geschichte, die paradoxerweise in die Zukunft weist. Der in Graz geborene und in Berlin lebende Peter Glaser ist nach Gert Jonke und Franzobel erst der dritte Österreicher, dem dieser Preis just an seinem 45. Geburtstag überreicht wurde. Als einziger Autor reagiert Peter Glaser im Sinne Hugo Loetschers in seinem Text auf die Welt im Zeichen der Globalisierung. Für eine Beziehung kann das allerdings bedeuten, per SMS auf zwei Leerzeichen mit drei Leerzeichen zu antworten, auf einer Reisebewegung, die von Kairo über Athen und Italien bis nach Hamburg führt. In diesem Panoptikum ist die Welt im Handlungszeitraum Herbst 2001 nicht ausgeblendet, sondern im Bewusstsein der Protagonisten durch Vermittlung der Medien eben auch präsent, vom Nahostkonflikt bis zum 11. September, beiläufig und unspektakulär.

Warum allerdings so viele der eingeladenen Autorinnen und Autoren lieber den Rückzug antreten anstatt Neuland zu betreten, bleibt eines der Rätsel dieses Wettbewerbs. Man sollte sich vielleicht an Ingeborg Bachmann erinnern, die für den Schriftsteller ein Denken einfordert, "das Erkenntnis will und mit der Sprache und durch Sprache hindurch etwas erreichen will. Nennen wir es vorläufig: Realität."