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Wie war es beim ersten Mal?

Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben über ihr literarisches Debüt.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", schrieb Hermann Hesse in seinem Gedicht "Stufen". 92 deutschsprachige Autoren antworteten auf die Einladung aus dem Suhrkamp Verlag, sich zu erinnern, wie das war, als sie ihr erstes Buch schrieben. Herausgekommen ist eine Geschichte der deutsch-schweizerisch-österreichischen Literatur von 1948 bis 1995, denn die Erstveröffentlichung musste zum Zeitpunkt der Einladung bereits zehn Jahre zurückliegen. Von A wie Aichinger bis S wie Ingo Schulze bieten heute berühmte Autoren - Günter Grass, Martin Walser, Elfriede Jelinek, Peter Handke, Robert Gernhardt, Robert Menasse, Robert Schindel … - Rück- und Einblicke auf ihre Anfänge. Gibt es bei der Berufung zu schöpferischem Tun Gemeinsamkeiten?

Zunächst fällt auf, dass die Autoren entweder unverkrampft, mit Stolz und Freude, ihren Erstling wieder in die Hand nahmen oder aber ihn als fremd, unreif, ja sogar peinlich abtaten. Gerhard Roth über seinen ersten Roman "die autobiographie des albert einstein" (1972): "Die Begegnung mit eigenen Werken ist eine unangenehme, zumeist abstoßende - ich bin ja keine tibetanische Gebetsmühle, deren Sinn die Wiederholung ist. Ich strebe keine Kontinuität an, ich fange jedes Mal von vorne an, als ein ewiger Schüler des Erlernens von Stil." Dagegen der Schweizer Urs Widmer: "Mir hat mein Buch, Alois' (1968) beim Wiederlesen gut gefallen." Eine Gemeinsamkeit junger Menschen mit Schreibdrang scheint zu sein, dass sie häufig lange nur für die Schublade schreiben, ehe sie sich, versteckt hinter einem Pseudonym, ins Rampenlicht wagen.

Angemessener Stil?

Wie soll man schreiben? Jeder Autor sucht zunächst nach seiner unverwechselbaren Stimme. Zur Stilfrage berichtet der Deutsche Ingo Schulze ein Schlüsselerlebnis. Seit er 14 war, träumte er davon, Schriftsteller zu werden, doch schien der Wunsch während des Studiums der Germanistik erloschen. 1993 kam der Dreißigjährige zum Aufbau der ersten Gratiszeitung nach St. Petersburg. Dort erlebt er so viel Neues, dass der Schreibwunsch erneut ausbricht: "Hatte ich zuvor immer vergeblich nach der unverwechselbaren eigenen Stimme gesucht, so begriff ich während des Schreibens, dass ich diese eigene Stimme gar nicht brauchte, sondern dass es für mich vielmehr darauf ankam, mich auf die verschiedenen Stimmen und Erlebnisse einzulassen. Ich begriff, dass es keine veralteten oder neuen Erzähltechniken gab, sondern nur angemessene und unangemessene."

Die Frage nach dem Stil ist eng verbunden mit den Vorbildern. Was tun, wenn man aufwächst in einer politisch geschlossenen Welt wie der Siebenbürger Franz Hodjak? Mit dem Sozialistischen Realismus konnte er nichts anfangen. Als Ceausescu 1968 zur Sowjetunion auf Distanz ging, kamen aus dem Westen nicht nur billige Kredite ins Land, sondern die gesamte Moderne, was der junge Mann als Privileg empfand. Plötzlich konnte er Trakl, Celan, Ingeborg Bachmann lesen, geriet in ihren Bann, ohne zu begreifen, dass diese Dichter in anderen Zeiten und mit völlig anderen Erfahrungen im Hintergrund geschrieben hatten. Eine weitere wichtige Einsicht Hodjaks in den Jahren dramatischer Veränderungen in seinem Land: Jeder Mensch ist, mehr oder weniger bewusst, ein Homo politicus, auch der Schriftsteller. Wenn einer jedoch vordergründig politisch schreibt, verliert er den freien Blick. Diesen haben viele der hier vertretenen Autoren erreicht, indem sie durch Ortsveränderung Distanz schufen und Lebenserfahrung sammelten. Anschaulich schildert etwa Robert Menasse, wie er den Blick von außen als Deutschlektor in Brasilien gewann.

Doron Rabinovici verrät, wie der Titel seines ersten Buches, "Papirnik", entstand; Wilhelm Genazino bekennt, wie wichtig für ihn der Lektor war; Monika Maron gibt zu, wie sehr sie die Konkurrenz mit einem Kollegen beflügelt hat; und viele erzählen, wie schön es war, naiv zu sein. Oft zeichnen sich schon im Erstling die wichtigsten Schreibthemen ab, die dann das ganze Leben beherrschen, etwa Japan bei Adolf Muschg. Ein elegischer Unterton fehlt in dem vielstimmigen Buch nicht: Das Gefühl, mit dem Erstling Großes geleistet zu haben, vergeht - wie alles im Leben.

Das erste Buch

Schriftsteller über ihr literarisches Debüt

Hg. von Renatus Deckert

Suhrkamp, Frankfurt 2007

358 Seiten, kart., € 10,30

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