Digital In Arbeit

Leipzig liest

Die zweite deutsche Buchmesse einst und heute - ein Lokalaugenschein zur Eröffnung.

Zwischen 20. und 23. März ist es wieder soweit: Die 13. Leipziger Buchmesse, der kleinere Konkurrent zu Frankfurt, lädt alle Literaturfreunde zu sich. Themenschwerpunkt ist diesmal das Reisen. Undenkbar vor eineinhalb Jahrzehnten, in den unfreien Zeiten der DDR. Niemand, der heute durch die weiten Glashallen geht, kann sich mehr so recht vorstellen, wie es damals war: Dunkle, stickige, heiße Räume, in denen sich die Besucher drängten. Erst seit 1998 präsentiert sich Deutschlands zweite Buchmesse in den neuen Messehallen am Nordrand von Leipzig. Eine Welt hat die andere abgelöst.

Und doch legt man gerade in Ostdeutschland Wert auf Kontinuität und will die Wurzeln nicht verleugnen. Schon im 15. Jahrhundert war Leipzig Treffpunkt von Buchhändlern, Druckern und Verlegern. In dieser Zeit wurde hier das erste Buch gedruckt. Jahrhundertelang war Leipzig die Hauptstadt des Buchhandels. 1946 wurde die durch den Krieg unterbrochene Tradition als Messestadt wieder aufgenommen, 1959 eine internationale Buchkunstausstellung abgehalten. Bis 1973 veranstaltete die DDR sogar zwei Messen im Jahr.

Nicht erst seit der Wende

Das heißt, die Leipziger Buchmesse war immer schon bedeutend: Darum stört es die Menschen im Osten Deutschlands, wenn die Wende in allem und jedem gleichsam als "Stunde Null" angesehen wird. Am Eröffnungsabend der vorjährigen Buchmesse hatte der damalige Ministerpräsident Sachsens, Kurt Biedenkopf, die verfängliche Äußerung in der Begrüßungsrede des Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, nun sei das Buch in Leipzig "angekommen", zurechtgerückt. Biedenkopf konterte, es sei immer schon da gewesen, und bekam dafür viel Applaus. Drei Tage später tat der aus Westdeutschland stammende Ministerpräsident selbst einen ähnlichen Fauxpas: Bei der traditionellen Einladung für die auf der Buchmesse vertretenen Verleger in seinen Privatgemächern hieß er alle zur "12. Leipziger Buchmesse" willkommen. Als ob es vorher keine gegeben habe, grollten die, die schon früher dabei gewesen waren.

"Die Buchmesse war das Fenster zur Welt", sagt der Berliner Verleger Christoph Links über die Messetermine zu DDR-Zeiten. "Sie war Bestandteil der allgemeinen Messe, wo es nicht nur ausländische Industrieprodukte zu sehen gab, sondern auch westdeutsche, österreichische und Schweizer Bücher." Die drei Länder präsentierten sich auf einem Gemeinschaftsstand im Messehaus im Zentrum der Stadt.

Dort drängelten sich auch stets die Massen. Sogar nachts sollen sich schon die Schlangen gebildet haben. Damit die Stände nicht eingedrückt wurden, waren Kordeln gespannt, an denen entlang sich die Schlange wand, aus dem Messeraum hinaus auf den Gang und das Treppenhaus hinunter.

Zwar konnten die ausgestellten Bücher nicht erworben werden, aber man konnte sie doch "anlesen". Und das taten die DDR-Bürger, denen die Literatur aus dem Westen sonst vorenthalten wurde, so intensiv wie möglich. "Die Besucher haben sich hingesetzt und versucht, sich festzulesen, aber man wollte, dass sie stehen", erzählt Verleger Links. An den Ausgängen gab es eingehende Kontrollen, ob man nicht ein westliches Exemplar hatte mitgehen lassen. Besonders wichtige Exemplare wurden mit einem Band, das durch ein Loch im Buchrücken befestigt war, angebunden.

Heute erzählt man sich noch die Geschichte von jenem Studenten, der ein solches Band übersehen und ein Westbuch in die Tasche gesteckt hatte. Als er davonging, riss er allerdings mit lautem Getöse die Regalwand, an der das Buch angebunden war, um. Dem umgehend exmatrikulierten Studenten wurde ein Schauprozess zwecks Abschreckung anderer Bücherfreunde gemacht: Wegen Diebstahls und Besitzes klassenfeindlicher Literatur.

Der heute 47-jährige Christoph Links, damals junger Mitarbeiter des Ostberliner Aufbauverlags, wusste so wie seine Kollegen um die Kontrollen im Messehaus. Die ostdeutschen Verlagsvertreter versuchten deshalb Kontakt zu ihren westdeutschen Kollegen zu bekommen und sprachen sie auf die neuesten Werke, etwa von Max Frisch oder Jürgen Habermas, an. Das war Literatur, die in der DDR auch aus normalen Postpaketen aussortiert wurde - keine Chance also, auf andere Weise zu den Büchern zu kommen als über die westliche Hilfe am Nachbarstand.

Buchmesse in DDR-Zeiten

Den westdeutschen Kollegen wurde angeboten, die begehrte Westliteratur gegen Bücher aus dem Osten zu tauschen. Die Westverleger brachten dann ganz legal ihre Bücher hinaus, und abends traf man sich im Café oder beim Verlagsempfang, wo sich Ost und West mischte und die Staatssicherheit nicht mehr alles unter totaler Kontrolle haben konnte.

Die Leipziger Leistungsschau war in jenen Zeiten die einzige ostdeutsche Buchmesse. Verlage aus aller Herren Länder, aus dem Ostblock lückenlos, aber auch aus den wichtigsten westlichen Ländern, waren vertreten. "Heute sind es 30 Länder, das waren zu DDR-Zeiten mehr", erzählt Links.

Die Messehäuser von damals, am Markt im Zentrum der Stadt, warten - vielleicht vergeblich - auf bessere Zeiten. An der Fassade grüßt noch das Buchmännchen, die fast 40 Jahre alte Leuchtreklame, ein bunter Wicht in matten Farben, der ein Buch hochhält. Darunter steht die Losung vergangener Zeiten: "Mehr lesen, wissen, können". Schon allein am Motto der Buchmesse lässt sich ihr Wandel erahnen. Aus der strengen Bildungszielvorgabe planender DDR-Philosophie wurde ein hedonistischer Beliebigkeits-Slogan: "Schlendern, schmökern und Autoren treffen" strahlt es heute dem Besucher von großen Plakaten in der ganzen Stadt entgegen. Nur der Dreitakt im Motto ist geblieben.

Seit 1998 stehen die Messehäuser leer, sind dringend sanierungsbedürftig und werden wahrscheinlich irgendwann abgerissen. "Es gab keine Verkabelung, keine Internetanschlüsse, die Lifte waren nur mit Fahrstuhlführer benutzbar, es war ständig überheizt", erzählt Links. Dazu kam ein Logistikproblem: Man konnte mit dem Auto nicht bis ans Messehaus fahren und die Bücher ausladen. Dennoch: "Wir sind in den ersten Jahren zähneknirschend herausgefahren", sagt Links über das neue Messegelände. "Aber unsere Sorge, dass wegen der Entkoppelung von Messe und Leseorten niemand mehr kommt, ist zum Glück nicht eingetreten: Das Gelände ist zwar verkehrsmäßig schlecht angebunden, aber wir haben ein übervolles Programm."

Das ist nämlich von früher erhalten geblieben: Die Lesungen in der Stadt während der Messetage. Leipzig lebt mit seiner Buchmesse: In den Straßenbahnen blättern die Menschen in Büchern, sie pilgern hinaus zum Messegelände. Mit 77.000 Besuchern waren 2002 um 15.000 mehr gekommen als im Jahr davor. Insbesondere viele Schulklassen spazieren durch die Hallen. Da mag auch mit den neuen Messe-Segmenten Hörbuch oder Comics, sowie dem immer größer werdenden Angebot im Kinder- und Jugendbuchbereich während der vier Messetage zusammenhängen.

Die Messestadt

Die Leseorte, wo man nachmittags und abends den Autoren lauschen kann, sind vielfach dieselben wie zu DDR-Zeiten: Das Gewandhaus, das Gohliser Schlösschen, die Stadtbibliothek. Viele Orte sind dazugekommen, 900 Veranstaltungen waren es beim letzten Mal. "Leipzig liest" nennt sich das Lesespektakel. Seit der Wende wird es von Bertelsmann gefördert.

Dies soll allerdings nicht über den Bedeutungsschwund der Region hinwegtäuschen: In den achtziger Jahren war Leipzig wichtigste Buchstadt der DDR, wo mehrere Tausend Titel jährlich produziert wurden. Von 78 ansässigen Verlagen blieb nach der Wende lediglich Brockhaus in Leipzig, zwei wurden im Management-Buy-Out weitergeführt, 55 an westdeutsche Verlage verkauft, zehn liquidiert und zehn an branchenfremde Firmen veräußert. Heute sind in Leipzig zumeist nur mehr Vertriebsbüros, aber keine Produktionsstätten mehr angesiedelt. "Durch einen fehlgeleiteten Privatisierungsprozess ist ein Stück Kultur zerstört worden", sagt der Verleger Links. Früher waren es noch an die 8.000 Titel, die jährlich in Ostdeutschland erschienen, heute kommen 2.000 aus den neuen Bundesländern, das sind 2,5 Prozent der deutschen Buchproduktion.

Leipzig sei "ausgedünnt und am Boden", klagt Links, der sich im Wendejahr mit einem Verlag für politische Sachbücher, unter anderem über die Aufarbeitung der DDR-Zeit, selbständig gemacht hat. Die einstige deutsche Hauptstadt des Buches ist auf Platz 23 zurückgefallen. "Das Buch ist in den letzten zehn Jahren in Leipzig nicht angekommen, sondern eher verschwunden", sagt Christoph Links. Trotz der sich immer stärker etablierenden Buchmesse.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau