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Das DDR-Dorf trank auf Adenauers Wohl

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Ostberlin im Sommer 1989. Die Massenflucht der DDR-Deutschen über Ungarn in den Westen hat begonnen. In einer der hektischen Besprechungen mit seinen Offizieren sagt plötzlich Stasi-Chef Erich Mielke zu seinen Stasi-Offizieren: „Ist es so, daß morgen der 17. Juni ausbricht?” Bei uns ist der 17. Juni ein historisches Datum unter vielen. In der DDR war er bis zuletzt ein Tabu. Und gerade weil er ein Tabu war, war er in allen Köpfen präsent.

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Ostberlin im Sommer 1989. Die Massenflucht der DDR-Deutschen über Ungarn in den Westen hat begonnen. In einer der hektischen Besprechungen mit seinen Offizieren sagt plötzlich Stasi-Chef Erich Mielke zu seinen Stasi-Offizieren: „Ist es so, daß morgen der 17. Juni ausbricht?” Bei uns ist der 17. Juni ein historisches Datum unter vielen. In der DDR war er bis zuletzt ein Tabu. Und gerade weil er ein Tabu war, war er in allen Köpfen präsent.

Bis zum 16. Juni 1953 konnten sich Stalins Statthalter in Deutschland einreden, „die Massen” hinter sich zu haben. Wenn schon nicht die Bauern, die Gläubigen, die kleinen Geschäftsleute, die Freiberufler, die Intellektuellen, dann doch wenigstens die wahren proletarischen Massen der Industriearbeiterschaft.

Am Abend des 17. Juni 1953 waren die Industriearbeiter ihre Hoffnung auf Senkung der überhöhten Arbeitsnormen und die DDR-Führer ihre letzten Illusionen über die Industriearbeiter los. „Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!” hatten%ie einst so geliebten Massen, die Hoffnung der Partei, skandiert. Jetzt wußten Spitzbart Walter Ulbricht, Bauch Wilhelm Pieck und Brille Otto Grotewohl, daß es ohne die sowjetischen Panzer für sie keine Zukunft gab.

Der 17. Juni teilt das Schicksal, von der Linken nicht intellektuell aufgearbeitet, sondern bloß verdrängt worden zu sein, mit dem Aufstand in der Vend6e während der französischen Revolution.

In der DDR gab es allerdings nur über hundert Tote, die 40 dem Vernehmen nach wegen Befehlsverweigerung erschossenen Sowjetsoldaten sowie zwei Todesurteile nach dem 17. Juni mitgezählt. Die Rache der Revolution an der Vendee wurde zum befohlenen, bewußt veranstalteten Genozid. Sogar Tötungsversuche mit Gas wurden von den Pariser Radikalen abgesegnet, verliefen aber wenig erfolgreich. Die Technik war damals noch nicht so weit. Aufstand und Genozid kosteten 600.000 Tote, etwa soviele wie der spanische Bürgerkrieg.

Die Ausgangssituationen in der Vendee und in Berlin weisen Parallelen auf. Ostdeutschland hatte vor dem Krieg nie eine so starke KP gehabt wie etwa die Tschechoslowakei. Zur Totalablehnung jeder Art von Kommunismus und zur Bereitschaft, alles auf eine Karte zu setzen, brachte sie erst der Stalinismus.

Auch die traditionalistische Vendee, ein erst von der Revolution geschaffenes neues Departement im Westen Frankreichs südlich der Loire, hat mit der französischen Revolution von Anfang an nicht sympathisiert. Aber man kann davon ausgehen, daß es in der Vendee, wie immer und überall und auch in den Ex-„Volksdemokratien”, in breiten Schichten die Bereitschaft gab, sich zu arrangieren, solange die ungeliebten Verhältnisse nicht zu unerträglichen wurden. In der DDR war es 1953, in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968 so weit.

Auch die Vendeer erhoben sich erst 1793. Für sie war mit der Enthauptung Ludwig XVI., mit der Verfolgung der katholischen Priester, vor allem aber mit der Aushebung von 300.000 Soldaten für die Eroberungskriege des revolutionären Frankreich das Maß voll. Die Aufständischen waren kleine Leute, denen die Revolution nicht nur nichts gebracht, sondem für deren Anliegen der Konvent lediglich Desinteresse, Unverständnis und Hohn übrig gehabt hatte. Nun sollten sie auch noch in Eroberungskriegen sterben, mit denen sie nicht das geringste zu tun hatten. Der „royalistische”Aufstand begann mit einer Berufung auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789.

Das ideologische Ärgernis in beiden Fällen: Die Aufstände in der Vendee wie in Ostdeutschland kamen von rechts - und waren legitim. Sie sind nur mit Verrenkungen als finstere Verschwörungen konterrevolutionärer Kräfte zu denunzieren. Sie waren für selbstgerechte, machtbesessene Diktatoren die verdiente Quittung - die dann doch die kleinen Leute selber bezahlten.

Daß der 17. Juni ohne das Eingreifen der sowjetischen Panzer „zwangsläufig in die Wiedervereinigung geführt hätte”, war schon damals eine Binsenweisheit. Die Ereignisse 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei lieferten weitere Anhaltspunkte dafür, daß bereits 1953 in der DDR der pointof no return der Diktatoren überschritten war, jenseits dessen das Ablassen von Druck nur noch mehr Druck von unten erzeugt. Eine Situation, die reformwillige Diktatoren meist überfordert.

Die Moskauer Führung hoffte trotzdem, Druck ablassen zu können. Stalin war seit 5. März tot.

Die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR hatte statt zu mehr Produktion zum Brachliegen von 50.000 Hektar geführt. Nach der Willkürjustiz gegen echte und vermeintliche NS-Kriegs-verbrecher, Schuldige, Unschuldige und Mitläufer, ging die DDR-„Recht-sprechung” nun ebenso willkürlich gegen „Wirtschaftsverbrecher” vor. Selbst auf kleinste Eigentumsdelikte stand eine Mindeststrafe von einem Jahr, die Zahl der Häftlinge war mit 60.000 um 20.000 höher als in der um so viel größeren Bundesrepublik. Als die evangelische Kirche wenige Wochen vor Stalins Tod auf die

Unhaltbarkeit dieser Zustände hinwies, begann auch noch ein gnadenloser Kirchenkampf.

Ulbricht erhöhte den Druck. Spätestens bis zu seinem Geburtstag am 30. Juni sollten die Arbeitsnormen „freiwillig” um zehn bis zwanzig Prozent erhöht werden. Als die freiwilligen Selbstverpflichtungen ausblieben, beschloß der Ministerrat die Normenerhöhung am 28. Mai durch Verordnung.

Die Mo skauer Führung erkannte die aufziehende Gefahr und zitierte Ulbricht, Grotewohl und den für die Ideologie zuständigen Fred Oelßner nach Moskau. Ministerpräsident Malenkow lapidar: „Wenn wir jetzt nicht korrigieren, kommt eine Katastrophe.” Er forderte öffentliches Einbekennen „ernster” und „grober” Fehler und sofortiges Abrücken vom - im Juli des Vorjahres ausgerufenen - „beschleunigten Aufbau des Sozialismus”, den sie, die Sowjets, „fälschlicherweise” und ohne die notwendigen Voraussetzungen vorgegeben hätten.

Acht Jahre nach dem 17. Juni hieß für die DDR die einzige Alternative zum Mauerbau wohl Selbstaufgabe. Der 17. Juni aber war möglicherweise vermeidbar. Die Gespräche in Moskau haben drei Tage gedauert. Nun wird im Politbüro weiterdebattiert.. Ulbricht muß sich schwere Vorwürfe anhören.

Stasi-Minister Wilhelm Zaisser wirft ihm einen Drang zum Kommandieren, „Neues Deutschland”-Chef-redakteur Herrnstadt „zynisches Verhalten” und „ungenügende Achtung vor den Massen” vor. Erst am 11. Juni erscheint die große Verlautbarung: Man habe „eine Reihe von Fehlern” gemacht, die Einzelbauern, Einzelhändler und Handwerker vernachlässigt. Den vertriebenen Bauern wird Rückkehr auf ihre Höfe angeboten, den in die Bundesrepublik geflohenen, rückkehrwilligen DDR-Bürgern Rückgabe ihres Eigentums, Reisen in den Westen sollen erleichtert, Wirtschaftsverbrecher begnadigt, Privatkredite eingeführt werden. Zwei Tage später sind 4.000 Häftlinge frei. Grotewohl sucht das Gespräch mit den Kirchen.

Spitzel erkunden die Stimmung. Die Kirchen danken nicht Ulbricht, sondern Gott. Geschäftsleute und Handwerker jubeln: „Sie sind am Ende! Sie können nicht weiter!” Die Bauern treten scharenweise aus den LPG's (Land-wirtschaftschaftliche Produktionsgenossenschaften) aus. In einem Bericht aus der Altmark heißt es: „Das gesamte Dorf sitzt im Wirtshaus und trinkt auf das Wohl von Adenauer!”

Nun machte die Parteispitze einen weiteren, möglicherweise den entscheidenden Fehler. Nach den alarmierenden Nachrichten aus den Dörfern und Kleinstädten schickte sie dorthin ihre Agitatoren - statt in die Industriereviere. Wodurch ihr völlig entging, daß dort die Wut überkochte, während Dörfer und Kleinstädte jubelten. Die Arbeiter aber fanden, daß „den Kapitalisten Zucker in den Hintern geblasen” wurde, während sie Geburtstagsschichten für Ulbricht einlegen sollten.

Sie finden plötzlich bis zu 25 Prozent weniger in ihren Lohntüten. Am 13. Juni geben bei einem Betriebsausflug, einer Dampferfahrt auf dem Müggelsee, Eingeweihte die Parole aus: „Am Montag wird nicht gearbeitet!” Sie tun, als wären sie betrunken und das Ganze ein Scherz. Die Vorgesetzten stehen auf der Leitung, die Bauarbeiter verstehen. Montag früh kommt es auf der Großbaustelle in der Stalin-Allee zum Sitzstreik. Bauleiter und Funktionäre raten den Arbeitern, eine Bittschrift an Otto Grotewohl zu richten. Ein Funktionär unterschreibt und stempelt die von den Arbeitern verschärfte Fassung - und faßt dafür nach dem 17. Juni zehn Jahre aus.

Am 16. Juni, Dienstag, lesen die Arbeiter in der Zeitung, die Erhöhung der Arbeitsnormen sei „in vollem Umfang richtig” und „mit aller Kraft durchzuführen”. 40 formieren sich zu einem Demonstrationsmarsch, 2.000 weitere verlassen in Arbeitskleidung und Holzschuhen ihre Gerüste und schließen sich an. Der Zug wird immer länger.

Den Spitzeln am Straßenrand werden die Filme aus den Kameras gerissen. Vor dem Haus der Ministerien, in dem einst Göring residierte und an dessen Stelle heute das Gebäude der Treuhand steht, rufen 10.000 nach Grotewohl oder Ulbricht. Doch Grotewohl und Ulbricht sind nicht da.

Wie sich die Bilder von 1953 und 1989 gleichen. Mit dem Ruf „Freie Wahlen!” schlägt die Demonstration gegen die überhöhten Normen in eine politische um. Nun kommt das Nachgeben in der Normenfrage endgültig zu spät. Die Demonstranten marschieren geordnet ab. Die Regierung schickt Lautsprecherwagen hinterher, damit die Nachricht von der Rücknahme der Normenerhöhung alle erreicht. Die Demonstranten kapern sie, rufen zum Generalstreik auf und stellen die Wagen zurück.

Die Berliner Bezirksleitung der SED glaubt immer noch, nach der Rücknahme der Normen den Generalstreik verhindern zu können. 42 (!) Instruk-toren sollen es mit Flugblättern bewerkstelligen. Der Westberliner US-Sender Rias heizt mit Reportagen und Interviews die Stimmung an, wird aber aus Washington zurückgepfiffen. Das Wort Generalstreik darf im Westradio nicht erwähnt werden.

Am 17. Juni durchqueren weit über 10.000 Stahl-, Bau und Landarbeiter in Arbeitskleidung, unterwegs ins Ostberliner Zentrum, den französischen Sektor. Sie holen die rote Fahne vom Brandburger Tor, zerreißen Bonzenbilder und Plakate, zertrampeln die Grenzschilder, zünden politische Buchläden und Polizeistationen an, belagern das von PolizUten abgeschirmte Haus der Ministerien und fordern den Rücktritt der Regierung.

Zu Mittag rollen die Panzer in die Stadt. Sowjetgeneral Dibrowa verhängt das Kriegsrecht, die Volkspolizei erhält Schießbefehl. Die meisten Panzerbesatzungen feuern mit ihren Maschinengewehren über die Köpfe hinweg. Am Abend haben Sowjetinfanterie und Vopo die Straßen geräumt, i

Daß sich die Massen (hier paßt das Wort) in der ganzen DDR mit den Berliner Bauarbeitern solidarisieren, Gefängnisse stürmen, öffentliche Gebäude besetzen, die Bilder der SED-Bonzen (nicht aber die von Karl Marx) aus den Fenstern werfen, Streikausschüsse einsetzen und in Görlitz an der Neiße sogar eine neue Stadtverwaltung wählen, wird im Westen nur am Rande wahrgenommen. Besatzungsmacht und Regierung brauchen Wochen, um „die Ruhe wiederherzustellen”. Noch im Juli kommt es zu neuen Streiks. Der 17. Juni wird zum Trauma der DDR-Bonzen.

Die Konsequenz des 17. Juni vor dem Abmarsch der Panzer (wie die von Paris 1789 oder Petersburg 1917 oder Berlin 1989): Gewaltherrschaft, die nachgibt, hat schon verloren. Die Konsequenz der Vendee (oder vom Abend des 17. Juni oder von Budapest 1956 oder Prag 1968 oder des Massakers auf dem „Platz des Himmlischen Friedens” 1989): Gewaltherrschaft, die nicht nachgibt, wird zum Mörder und zum Verräter ihrer Ideale, falls sie je welche hatte. Die Konsequenz aus diesem Dilemma kann nur heißen: Diktaturen sind zum Durchsetzen humaner, fortschrittlicher et cetera Zielvorstellungen ungeeignet.

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