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"Ich kann's nicht erläutern"

SPRACHE: LUST.SPIEL.WUT - unter diesem Motto standen die diesjährigen Rauriser Literaturtage: Erfreuliche Zumutungen für Hirn, Ohren und Sitzfleisch.

Jeden Tag eine kleine Etappe, Luxus' ist ein apartes Mittel, das Hirn gut durchzulüften und die Wachsamkeit für eingefahrene Strukturen im Denken, Tun - oder Schreiben - zu schärfen." Das schrieb Evelyne Polt-Heinzl im vergangenen Jahr in der FURCHE über Hansjörg Zauners Buch "Luxus". Nun hat Zauner den Rauriser Förderungspreis für einen unveröffentlichten Prosatext zum Thema "Ein Versuch" erhalten, und Wolfgang Straub zitierte vergangenen Donnerstag in seiner Laudatio aus dieser Rezension. Dass und wie durch Zauners "flirrenden Gestaltraum" das Hirn gut durchgelüftet wird, konnten die Zuhörer während der anschließenden Lesung selbst überprüfen. Auch Lachen hilft beim Durchlüften erwiesenermaßen. Zu erhöhter Wachsamkeit provozierten aber auch die anderen Lesungen und Veranstaltungen, die von 25. bis 29. März in Rauris stattfanden.

Sprachartisten, einer nach dem anderen

Die Rauriser Literaturtage sind eine Zumutung: für das Hirn, die Ohren, das Sitzfleisch, die Aufmerksamkeit … Oder wie sollte man eine solche Veranstaltung sonst bezeichnen, die an einem Abend Autoren wie Peter Waterhouse, Werner Kofler, Ferdinand Schmatz und Paul Wühr lesen lässt, einen Sprachartisten also nach dem anderen? Und das, nachdem bereits am Vorabend auf der Heimalm Hans Eichhorn, Raphael Urweider, Sabine Scholl und Max Blaeulich gelesen hatten. Dort waren sogar vorzeitige Fluchten unmöglich: die Seilbahn wurde erst ab 21 Uhr wieder in Betrieb genommen, um Zuhörer wie Autoren zu den Lichtern von Rauris hinunterzuschwingen. Aber Fluchtbestrebungen waren ohnehin ganz und gar nicht wahrzunehmen, weder an diesem noch an den anderen Abenden, ganz im Gegenteil: auffällige Aufmerksamkeit in vollen Sälen. Literaturdiskussionen sogar auf dem WC. Ein Beweis, dass dem Publikum viel zugemutet werden kann und soll.

Es darf gelacht werden

Die Zumutung, das Sitzfleisch betreffend, wird in Rauris von Tag zu Tag sogar gesteigert. Diesbezüglicher Höhepunkt: der fünfeinhalbstündige Samstagabend mit Lesungen von Herbert J. Wimmer mit eigenen Texten und Texten von Elfriede Gerstl. Von Friedrich Achleitner. Von Josef Winkler. Von Lukas Resetarits, der um 22 Uhr noch für Munterkeit und so manche gelachte Träne sorgte.

Da sage noch einer, Literatur bewege nichts. In Rauris bewegt sie viel: auch die Autoren. Wie einst die Handwerker gehen sie hier "auf Stör" und besuchen Familien, lesen in kleinem Kreis aus ihren Texten und sitzen anschließend bei Kaffee und Kuchen Rede und Antwort. Hans Eichhorn erzählte nicht nur vom Auswerfen von Leinwänden im Attersee (und zeigte den staunenden Zuhörern die dadurch entstandenen Kunstwerke auf dem Cover seines Buches "Das Eintauchen - Die Verwandlung - Die Tonfolge") sondern auch von seinen Erfahrungen als Fischer.

Viel bewegte sich auch in den studentischen Arbeitskreisen, die an den Vormittagen mit Josef Winkler und Julya Rabinowich stattfanden, als offene Veranstaltungen: Zuhören und mitfragen darf, wer will. Rabinowich erhielt für ihren Roman "Spaltkopf" den diesjährigen Rauriser Literaturpreis. Die Geschichte der Ich-Erzählerin, die Ende der 1970er Jahre mit ihrer Familie aus der UdSSR nach Österreich auswandert, regt zu autobiographischen Lesarten an. Gleich zu Beginn fragten die Studierenden nach der Bedeutung, die der "Spaltkopf" in der Kindheit der 1970 in St. Petersburg geborenen Autorin gehabt habe, und wurden mit der Antwort verblüfft: Er ist ein Fake. Kein Teil der russischen Märchenwelt, auch wenn das in manchen Rezensionen zu lesen war. Das sei aber Absicht gewesen, erzählte Rabinowich, sie wollte, dass man das annehme. Aber der "Spaltkopf" ist und bleibt ihre Erfindung. Sie habe Aggregatzustände für Entwurzelung in Form gegossen und "Spaltkopf" genannt.

Sprache als Heimat

Immer wieder Fragen nach literarischen Bildern: "Haben wir das richtig verstanden?" Vielleicht war Rabinowichs Antwort auf die Bitte, ein literarisches Bild zu erklären, für manche dann enttäuschend, sie hat damit aber eine Fährte zu dem, was Literatur ist, gelegt: "Ich kann's schreiben, ich kann's lesen, aber ich kann's nicht erläutern." Mit diesen Worten verweigerte sie die Erklärung oder Interpretation durch die Autorin selbst - und damit eine Beschneidung ihres Werkes. Ließ man während des Gesprächs den Blick durch die Fenster des Gasthauses schweifen, sah man die Gondeln berg- und talwärts ziehen. "Was ist Heimat?", wurde Rabinowich abschließend gefragt. Ihre Antwort kam ohne Zögern und galt möglicherweise auch für viele ihrer Kollegen und vielleicht auch für viele der anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörer: "Die Sprache."

39. Rauriser Literaturtage

Von 25. bis 29. März fand heuer diese Zusammenkunft der besonderen Art in dem im Salzburger Pinzgau gelegenen Dorf statt.

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