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„Christus-Impuls in der Literatur

Vom 6. bis 11. Oktober regiert heuer das Schwerpunktthema Religion die Buchmesse-Stadt Frankfurt, in drei Ausstellungen, „Religion von gestern in der Welt von heute”, „Weltreligionen” und „Bücher über den Frieden”, gegliedert. Als Begleitprogramm finden täglich Podiumsdiskussionen zu aktuellen religiösen Fragen statt, die Auswahl der Diskussionsteilnehmer erfolgte offensichtlich nach Popularitätsgesichtspunkten und fand nicht immer die Zustimmung der offiziellen kirchlichen Stellen.

Die FURCHE hat aus Anlaß der Frankfurter Buchmesse eine „Literarische Rundschau” zum Thema religiöse Literatur zusammengestellt, in der einerseits die Ergebnisse des vom Verlag Sty-ria gemeinsam mit der FURCHE veranstalteten Wettbewerbes für christliche Literatur vorgestellt werden sollten.

Außerdem enthält diese „Literarische Rundschau” aber auch Rezensionen religiöser Bücher — von der Heiligengeschichte bis zum philosophischen Werk. Autoren der besprochenen Werke sind u. a. Wolfgang Beilner, Josef Blank, Bernadette Brooten, M. P. Chenu, Roman Czjzek, Anton Magnus Dorn, Gisbert Greshake, Walther v. Loewenich, Joseph Lortz, Hermann Josef Venetz, Anton Vögtle und Karl-Heinz Weger. Die Illustrationen der Beilage sind der Bildband-Reihe „Die Welt der Religionen” entnommen (Verlag Herder, Freiburg, insgesamt 18 Bände).

Als Werner Bergengruen, Elisabeth Langgässer, Reinhold Schneider, Gertrud von Le Fort, Albrecht Goes, Edzard Schaper ihre Novellen, Erzählungen, Romane schrieben und publizierten — in den dreißiger, vierziger, fünfziger Jahren -, da wußte man, was christliche Literatur war: die Auseinandersetzung von Macht und Gnade, die Konfrontation des triebhaft Menschlichen mit dem göttlich Lichten. Diese Schriftsteller stellten die Welt unter das Gesetz Christi. Sie nahmen nicht nur in der Seele, sondern auch im Zusammenleben der Menschen und an politischen Vorgängen etwas wahr, was man als prophetisch, eschatologisch, seherisch bezeichnen kann.

In Österreich konnte Gertrud Fussenegger diese Tradition fortsetzen. Eng an biblisch-mystisches Wissen angeschlossen schrieb in der Schweiz die bei den Benediktinerinnen eingetretene Silja Walter ihre symbolischen Erzählungen. In Deutschland konfrontierte die aus der Mark Brandenburg stammende, heute in Heidelberg lebende Eva Zeller ihre Lebenserfahrungen mit biblischen Bild- und Spracherfahrungen der Kindheit. Die aus dem bayerischen Katholizismus gekommene, seit Jahren südlich von Rom lebende Luise Rinser entdeckte mit dem sozialen Aspekt der Welt den sozialistischen Impuls der Politik und die Mitverantwortung der Christen für die Menschen der Dritten Welt.

Die meisten jüngeren Autoren und Autorinnen, die seit den späten fünfziger Jahren antraten und sich als Christen verstanden, wollten nicht mehr weiterschreiben wie die Altväter der christlichen Literatur. Sie meinten: Im klassizistischen Novellenton, in der expressionistischen Hymnensprache, im neuromantischen Legendenton ging es nicht mehr weiter. Der fast allwissende Erzähler, der sich auf die Geheimnisse der Gnade verstehende Dichter-Dramaturg, waren in die Krise geraten. Damals schrieb Reinhold Schneider in seinen Aufzeichnungen „Winter in Wien” (1958) gegen Paul Claudel:

„Es ist fatal, wenn ein Dichter soviel weiß wie Gott; wenn er sich auf das Geheimnis der Geschichte, auf das Mysterium der Fügung versteht. Denn es ist dann kaum mehr ein Schritt zur Banalität. Was entschleiert werden soll, zieht sich zurück.” Schneider war mit den Aufzeichnungen ein Autor der zweiten Jahrhunderthälfte geworden.

Die christliche Literatur der ersten Jahrhunderthälfte bildete gegen eine wissenschaftlich-materialistische, säkularisierte, laizistische Welt ein verhältnismäßig geschlossenes literarisches Corpus, Christus-bewußt, kirchenbewußt, eben „renouveau ca-tholique”.

Die Auseinandersetzung um das politische Engagement des Christen innerhalb mehrerer demokratischer Möglichkeiten, die Frage, ob ein Christ Sozialist sein dürfe oder gar müsse, spalteten noch nicht die Köpfe, die Gruppen. Die geistliche Hierarchie und das weltlich monarchische Ordnungsdenken lagen noch nahe beisammen. Seit die Demokratie in die Brust und Karl Marx in den Kopf mancher christlicher Autoren gefahren ist, hat das christliche Selbstverständnis jene schöne Geschlossenheit der ersten Jahrhunderthälfte verloren. Das Konfliktpotential der damaligen christlichen Literatur lag nicht innerhalb der Kirche, wie das hartnäckig Dorothee Solle in Hamburg und Kurt Marti in Bern zeigen.

In dieser Sprach- und Bewußtseinskrise erhielt, was sich noch christlich und literarisch zu artikulieren versuchte, keine Hilfe von den literarischen Feuilletons zwischen Hamburg, Frankfurt, München, Zürich — und wohl auch nicht in Wien. Im März 1979 lud der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken,

Professor Hans Maier, namhafte deutschsprachige Autoren und Künstler zu einer Arbeitstagung „Kirche - Wirklichkeit - Kunst” nach Bad Godesberg ein. Damals sagte Heinrich Boll, viele Menschen heute seien „christusbedürftig”. Joseph Beuys sprach sogar vom „Christus-Impuls” im Geschichtsprozeß. Erregende Erkenntnisse, gewichtige Aussagen, von keinem Feuilleton mitgeteilt, von keiner christlichen Literaturzeitschrift — die es seit dem Tod von „Hochland” (München) und „Wort und Wahrheit” (Wien) nicht mehr gibt - weiterdiskutiert.

Mögen einige Schriftsteller zornig oder resigniert behaupten, die Literatur bedürfe nicht der Kirche, Schriftsteller, deren kirchliche Wunden heute noch nicht vernarbt sind oder andere, die von der Kirche nichts mehr erwarten. In jedem Fall braucht die Kirche, brauchen die Christen die Literatur, weil sie Sprache brauchen, weil sie den Erkenntnisprozeß der Literatur brauchen, das in ihr verhandelte Selbstbewußtsein des Menschen. Überdies läßt sich aber zeigen, daß die geheime Bezugsgestalt der deutschen Literatur seit drei Jahrzehnten Jesus heißt: der arme Jesus, der solidarische Jesus, ein Jesus von unten, der brüderliche Jesus — nicht/der kirchlich-autoritär verkündete. Es entwickelte sich das Problem, daß eine die Gestalt Christi anvisierende Literatur nicht mehr identisch ist mit einer ^christlichen Literatur”. Man denke hier an Paul Celan, an Heinrich Boll, an Walter Jens, Heinar Kipphardt, Wolfgang Koeppen, aber auch an Peter Handke. In Osterreich machen literarische Christen ähnliche Erfahrungen. Niemand kann die an die Legende rührenden Dramenstücke Max Mells weiterschreiben. Der Bruch zur literarisch jüngeren Generation ist auch hier unübersehbar.

Der Autor ist Schriftsteller und Literaturkritiker und lebt bei München.

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