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Katholischer Kultautor

Was bleibt von Reinhold Schneider? Eine Bilanz zum 50. Todestag am 6. April. Von Karl-Markus Gauss

Reinhold Schneider, dessen Ruhm nach 1945 so glänzend aufstrahlte und dessen versprengte Leser eine Gemeinde der Eingeweihten bildeten, ist heute nahezu vergessen: ein Prophet, an den sich noch gezählte ältere Leute erinnern, die mit ihm und der Orientierung, die sie von ihm erfuhren, eine Ära der Gewissenserforschung und des moralischen Aufbruchs verbinden. In den nachkommenden Generationen hat er nach und nach immer weniger Leser gefunden, neueren Literaturgeschichten ist er gerade noch ein paar Fußnoten wert. Daran haben auch die Bücher nichts geändert, die von ihm vor fünf Jahren neu aufgelegt wurden, als seines hundertsten Geburtstags zu gedenken war. Reinhold Schneider ist vergessen; zu Unrecht, aber nicht ohne Gründe.

"Religiöser Sanitätsdienst"

Es ist ein merkwürdiger Katholizismus, den Schneider in seinen Erzählungen, Novellen, Aufzeichnungen, historischen Miniaturen verficht. Am liebsten erzählt er von Büßern und Ketzern, von Machtmenschen, die an das Mystische streifen und der Welt entsagen, von Persönlichkeiten, die ihren Namen ablegen, ihre Individualität löschen, um ins Numinose einzutauchen … Während des Zweiten Weltkriegs wurden seine Schriften verboten, sie zirkulierten jedoch in Abschriften und wurden von manchem mutigen Pfarrer sonntags von der Kanzel vorgetragen. Eines dieser Bücher heißt schlicht "Vater Unser", "Die Beter" ein anderes, in dem steht: "Man muss beten, auch wenn man es nicht kann." Als "religiösen Sanitätsdienst" hat Schneider später bezeichnet, was er im Dritten Reich als Schriftsteller leisten konnte, und diesen Sanitätsdienst schienen viele Menschen dankbar in Anspruch genommen zu haben. Das machte ihm den Regime verdächtig, ja gefährlich: 1944 wurde er von der Gestapo verhört, 1945 brachte ihn der Prozess wegen Hochverrats nur deswegen nicht an den Galgen, weil die nationalsozialistische Herrschaft zu ihrem Ende kam, ehe das Urteil gesprochen worden wäre.

Als Urgrund alles Bösen sieht Schneider nicht die Gottlosigkeit, nicht den Verlust des Glaubens, sondern - die Lüge. Für sie gibt es weder persönliche noch politische Rechtfertigung. Wofür er kämpfen will, das ist nicht der rechte Glaube, das Gute, die Kirche, sondern die Wahrheit. Verwundert mehr noch als empört, stellt er bald nach 1945 fest, dass Deutschland nicht als Reich der Wahrheit aus den Ruinen, den Konzentrationslagern, der Lüge und dem Verbrechen neu ersteht, sondern in zwei politisch verfeindeten Staaten, die, jeder für sich und gegeneinander, um die Macht, nicht um die Wahrheit kämpfen.

Von ihnen, die ihm in seinem moralischen Rigorismus gleichermaßen fremd bleiben, verlangt er, dass sie der Welt darin vorangehen, nie mehr über Soldaten und Waffen zu verfügen. Das trägt ihm, dem das Ende der europäischen Zivilisation damit begann, dass dieser die Idee des christlichen Reiches abhanden kam, im Westen den Verdacht ein, in Wahrheit gar kein Monarchist, sondern ein verkappter Kommunist zu sein. Aber die Unbedingtheit, mit der er sein Christentum als Auftrag nahm, Zeuge wider die Lüge zu sein, machte ihn auch zum viel gelesenen Autor, dem etwas Prophetisches zugesprochen wurde.

Schneider war seinen Lesern nicht einfach nur ein geschätzter Autor, sondern ein Lehrer, dem man sich anvertrauen durfte, ein gestrenger und wissender Lehrer, in dessen Büchern zu lesen war, dass ein jeder gebessert zu werden bedürftig ist und sich zu bessern auch in der göttlichen Gnade steht. Schneider beanspruchte noch, was es seither nicht mehr gibt: geistige Führerschaft. Sein Amt als geistiger Führer versah er als denkbar widersprüchliche Gestalt: Er amtierte elitär und bescheiden zugleich, als kniefälliger Rebell und demütiger Ketzer. Einsam predigte er - die Gemeinschaft aller Menschenkinder.

Historische Verrätselung

Dass er einen Hang zur historischen Verrätselung hatte, braucht bei einem Autor nicht zu verwundern, der im Dritten Reich publizieren wollte und seine Botschaft, die die Gegenwart meinte, unter historischem Gewand verbergen musste. Eines seiner besten Werke ist die Erzählung "Las Casas von Karl V.", die der Untertitel als "Szenen aus der Konquistadorenzeit" bezeichnet. Es ist eine große deklamatorische Anklage, die die spanischen Kolonialherren vor die Schranken des literarischen Gerichts ruft und sie, die sich als Christen berufen fühlten, die heidnischen Indios als minderwertige Rasse auszurotten, der Sünde wider Gott und sein Ebenbild zeiht, das er in allen Menschen angelegt hat. Das Buch konnte 1937 in Deutschland erscheinen und wurde von den Wissenden, die das Historische als Gleichnis nahmen, als Kritik an der nationalsozialistischen Verfolgung der Juden verstanden.

Und doch war es nicht nur Anklage und Mahnung, sondern auch ein literarisches Trostbuch, wie alles, was Schneider schrieb. Er bekräftigte seine Leser in dem Wissen, dass es noch eine andere Macht als jene gibt, die herrscht und deren Staat den totalitären Anspruch erhebt, höchste Autorität zu sein. Die Hoffnung, die den Beherrschten in Schneiders religiösem Weltentwurf bleibt, hat wenig mit den politischen Verhältnissen zu tun, sie ist auf jene andere, die göttliche Macht bezogen, welcher der Unterjochte gleich wie der Gewalttäter unterliegt. Wie dem Opfer Gott alleine bleibt, bleibt letztlich auch dem Täter nur Gott, damit er vom Irrweg der Lüge und Gewalt wieder abkomme und, geläutert, statt der Waffen künftig seine Schuld trage.

Gegen jede Rüstung

Bedenklich ist jedoch, dass Schneider nicht aufhörte, die Gegenwart im Historischen zu verschlüsseln, als ihn kein Zensor mehr dazu zwang. In Aufsätzen und Vorträgen - vor tausenden Zuhörern! - trat er zwar kompromisslos für die Abrüstung, gegen die atomare Bewaffnung, für die vollständige militärische Demobilisierung beider deutscher Staaten ein, da ließ er nicht mit sich handeln. In seinen Dichtungen verharrte er jedoch beim Gleichnishaften, und dieses drohte zur Abstraktion zu gefrieren. Vom "Unsagbaren" und "Unverzichtbaren" ist da häufig die Rede, von "Macht und Gnade", wie ein Buch heißt, das den ewigen Widerspruch von irdischem Streben und göttlicher Fügung schon im Titel fasst, vom ungleichen, gleichwohl nie endgültig entschiedenen Kampf zwischen Lüge und Wahrheit, der in die Welt mit dem Menschen selbst gekommen ist.

Haben Schneiders Leser im totalitären Staat am fernen historischen Beispiel ihre eigene Gegenwart verhandelt gesehen, wird ihnen nach 1945 umgekehrt die jüngste Vergangenheit alsogleich zum Exempel für das ewige geschichtliche Verhängnis gedeutet. Auch der Nationalsozialismus und die Schoa drohen zum Gleichnis zu werden, und nicht im Konkreten wird davon berichtet, sondern von der unaufhebbaren Tragik des Menschen, der zwischen "Gottesreich" und "Menschenreich" geworfen ist.

Vergessen, zu Unrecht, aber nicht ohne Gründe. Wie sollte es zu einer Renaissance dieses so ernsthaften, gebildeten und integren Autors kommen, und wer könnte sie in die Wege leiten? "Winter in Wien" war das letzte Buch, das er geschrieben hat, zwischen November 1957 und März 1958, als er, körperlich geschwächt, endlich doch nach Wien aufbrach, in eine Stadt, nach der er sich immer sehnte und in der er nun auf Schritt und Tritt einer Geschichte begegnete, die ihm als das Bessere zur Gegenwart erschien und die doch in Tod und Untergang führte. Der "Winter in Wien" - gelehrte Aufzeichnungen, grüblerische Exkurse und Momentaufnahmen eines fragilen Glücks - endet im Frühling, als Schneider heim nach Freiburg im Breisgau reist. Dort strauchelt er sonntags, als er eben die Kirche verlässt, und von dem Sturz erholt er sich nicht mehr, er stirbt 55-jährig, keinen Monat, nachdem er Österreich verlassen hat.

Katholische Intellektuelle?

"Winter in Wien", gewiss eines seiner besten Werke, wurde 2003 wieder aufgelegt, ohne großes Aufsehen zu erregen. Dabei war dieses Tagebuch einst das, was man heute "Kultbuch" nennt, ein Kultbuch der katholischen Intellektuellen. Freilich, katholische Intellektuelle gibt es nicht mehr. Oder zutreffender formuliert: Es gibt noch und vielleicht sogar vermehrt wieder Intellektuelle, die unter anderem auch katholisch sind, aber jene katholische Intelligentsia existiert nicht mehr, die sich, oft leidend an der Kirchenobrigkeit, zuerst und vordringlich auf die Kirche bezog, an der sie mit Einwänden und Vorschlägen mitzubauen hoffte. Auch unter den Gläubigen wird man kaum mehr Menschen finden, die den Heiligen Vater für einen heiligen Vater hielten, die Wahl eines Papstes auf das Wirken des Heiligen Geistes und nicht auf die Ränke im Kollegium der Kardinäle zurückführten und die gerade in ihrer Enttäuschung davon überzeugt blieben, dass die Institution der Kirche selbst jenes Mysterium sei, das den Glauben birgt. Gerade diese Menschen aber haben Reinhold Schneiders Gemeinde einst gebildet.

Die rettende Kritik, die seiner Wiederentdeckung vorausgehen müsste, kann nur von anderer Seite kommen; von Lesern, die von Schneider nicht religiösen Zuspruch in schwerer Zeit erfahren oder durch sein Beispiel ermutigt werden möchten, mit einer Kirche, an der sie jeden Tag verzweifeln, für eine Kirche zu leben, die ihrem Glauben gemäß wäre. Reinhold Schneider wird nicht als katholischer Schriftsteller, sondern als Schriftsteller wieder entdeckt werden; oder er wird vergessen bleiben.

Der Autor lebt als Schriftsteller, Kritiker und Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" in Salzburg.

BUCHTIPP:

Der Herder-Verlag hat zum 50. Todestag ein Lesebuch mit Reinhold Schneider-Texten (allerdings ohne Auszüge aus "Winter in Wien") herausgebracht:

Reinhold Schneider - Texte eines radikalen Christen

Hg. von Michael Albus für die Reinhold-Schneider-Gesellschaft. Verlag Herder, Freiburg 2008. 366 S., geb., € 25,60

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