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Unbewusster Rassismus: Der blinde Fleck

Unbewusster Rassismus und Weiße Fragilität - © Foto: iSotck/GoodLifeStudio
Gesellschaft

Unbewusster Rassismus: Was für und gegen "Weiße Fragilität" spricht

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Mehr als eine Hautfarbe: Ist man als Weißer Mensch automatisch rassistisch? Die amerikanische Wissenschaftlerin Robin DiAngelo meint: ja.

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Mehr als eine Hautfarbe: Ist man als Weißer Mensch automatisch rassistisch? Die amerikanische Wissenschaftlerin Robin DiAngelo meint: ja.

Sind Sie eigentlich rassistisch? Die meisten Menschen würden auf diese Frage ein empörtes „Nein!“ erwidern. Sind Sie Weiß? Die Antwort wäre bei der Mehrheit der österreichischen Gesellschaft vermutlich „Ja“. Was, wenn Sie das Weißsein automatisch in eine rassistische Struktur zwänge, an deren hierarchischer Spitze Sie stünden? Sie also ohne besonderes Zutun für die Diskriminierung anderer Menschen mitverantwortlich wären? Genau das behauptet die amerikanische Wissenschaftlerin Robin DiAngelo.

Denn Weißsein sei nicht nur als Beschreibung einer Hautfarbe, sondern vielmehr als soziales Konstrukt und gesellschaftliche Identität zu verstehen. Eine Auseinandersetzung damit führe bei vielen Weißen Menschen zu abwehrenden Reaktionen wie Ärger, Angst oder auch Rückzug. DiAngelo nennt diesen Prozess „Weiße Fragilität“ und hat ihn 2018 in einem Buch weltweit zum Thema gemacht: White Fragility – Why It‘s So Hard For White People To Talk About Racism.

Sind Sie eigentlich rassistisch? Die meisten Menschen würden auf diese Frage ein empörtes „Nein!“ erwidern. Sind Sie Weiß? Die Antwort wäre bei der Mehrheit der österreichischen Gesellschaft vermutlich „Ja“. Was, wenn Sie das Weißsein automatisch in eine rassistische Struktur zwänge, an deren hierarchischer Spitze Sie stünden? Sie also ohne besonderes Zutun für die Diskriminierung anderer Menschen mitverantwortlich wären? Genau das behauptet die amerikanische Wissenschaftlerin Robin DiAngelo.

Denn Weißsein sei nicht nur als Beschreibung einer Hautfarbe, sondern vielmehr als soziales Konstrukt und gesellschaftliche Identität zu verstehen. Eine Auseinandersetzung damit führe bei vielen Weißen Menschen zu abwehrenden Reaktionen wie Ärger, Angst oder auch Rückzug. DiAngelo nennt diesen Prozess „Weiße Fragilität“ und hat ihn 2018 in einem Buch weltweit zum Thema gemacht: White Fragility – Why It‘s So Hard For White People To Talk About Racism.

Fakt

Von Schwarz und Weiß

In diesem Artikel werden die Begriffe „Schwarz“ und „Weiß“ groß geschrieben, um darauf hinzuweisen, dass sich die Bezeichnungen nicht auf reelle Hautfarben oder biologische Eigenschaften beziehen. „Weiß“ soll demnach auf soziale, politische und kulturelle Privilegien von Menschen hinweisen, die Rassismus nicht ausgesetzt sind, „Schwarz“ darauf, dass Menschen durch geteilte Rassismus-Erfahrungen verbunden sind und auf eine bestimme Art von der Gesellschaft wahrgenommen werden.

DiAngelos These baut auf den Gegebenheiten der nordamerikanischen Gesellschaft auf – und auf Untersuchungen der dort entwickelten „Critical Race“ beziehungsweise „Critical Whiteness Studies“. „White Supremacy“, also Weiße Vorherrschaft, bezeichnet die dominante Form des Rassismus in den USA. Und den „Critical Whiteness Studies“ ging und geht es darum, die „Weiße Norm“ als scheinbare Normalität zu problematisieren und Rassismus im Alltagshandeln zu identifizieren. Doch in Europa oder Österreich? Tatsächlich wurden diese Theorien im deutschsprachigen Raum erstmals vor rund 15 Jahren rezipiert – und adaptiert: Rassismus, so die These, zeige sich hierzulande eben nicht allein entlang von Hautfarben. Trotzdem seien die beschriebenen Verhältnisse auch in der europäischen und österreichischen Gesellschaft verankert.

Rassismus als Erbe der Sozialisation

„Wir leben in einer Gesellschaft, die rassistische Strukturen trägt und in der wir rassistisch sozialisiert wurden“, meint Dunia Khalil, Beraterin beim Verein für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit (ZARA). Dabei finde Rassismus auf unterschiedlichen Ebenen statt: im privaten und öffentlichen Raum, in Alltagssituationen wie bei der Job- oder Wohnungssuche, aber auch institutionell in Gesetzgebung, Schulsystem oder Polizei. Das Heikle daran: Oft seien sich Täterinnen oder Täter gar nicht im Klaren darüber, dass sie diskriminierend agieren würden. Auf der einen Seite könne schon bloße Neugierde oder fehlende Erfahrung im Umgang mit „People of Color“ zu verletzenden Handlungen führen. Ein oft genanntes Beispiel ist die Frage „Woher kommst du wirklich?“, die aus einfachem Interesse gestellt werden, dem Gegenüber aber auch vermitteln kann, dass er oder sie „anders“ ist.

Unbewusster Rassismus findet bereits dann statt, wenn Rassismus gar nicht anerkannt wird.

Dunia Khalil

Auf der anderen Seite gibt es den Faktor des Unterbewussten, wie ihn der Politikwissenschaftler und Soziologe Nikolaus Dimmel beschreibt: Aus Phasen der primären Sozialisation seien Bilder im Unterbewusstsein verankert, die unreflektiert reproduziert und über Generationen hinweg gefestigt würden. Dimmel nennt als simples Beispiel die Geschichte von „Hatschi Bratschi Luftballon“, die Stereotype gegenüber Türken und Schwarzen vermittelt. Hinter diskriminierenden Handlungen muss also nicht sofort eine rassistische Ideologie stecken, die wissentlich verfolgt wird. Entscheidend ist jedoch: Auch unbewusster Rassismus kann verletzend sein. „Ich glaube, es ist schwierig, zu vermitteln, wie sich Rassismus anfühlt“, sagt Dunia Khalil. Man könne es in gewisser Weise womöglich damit vergleichen, wenn jemand häufig negativ auf sein Gewicht angesprochen werde. Irgendwann denke derjenige dann, dass tatsächlich etwas falsch sein müsse mit ihm und vermute hinter jedem Blick, dass er aufgrund seines Gewichts so angesehen werde. „Wenn man von Rassismus betroffen ist, fragt man sich in jeder Situation: ‚Ist das jetzt aufgrund von Rassismus oder nicht?‘ Jede Unhöflichkeit, jedes längere Anstarren. Man wird ständig mit dem ‚Anderssein‘ konfrontiert“, so Khalil.

Umstrittene Privilegien: Die "Weiße Mehrheitsgesellschaft"

Robin DiAngelo geht in ihrer Theorie zur Weißen Fragilität noch weiter und nennt diese keine bloße Schwäche, wie der Begriff vermuten lässt, sondern ein mächtiges Werkzeug, um „Weiße Privilegien“ zu beschützen. Im Zusammenhang mit diesen wird oft von der „Weißen Mehrheitsgesellschaft“ gesprochen, die Privilegien genieße, ohne es zu bemerken. Für Dimmel ist das hingegen nicht nachvollziehbar: „Ich glaube, dass es die Weißen Menschen der Mehrheitsgesellschaft nicht gibt. Das ist eine fiktive Setzung.“ Die meisten Menschen würden Erfahrungen mit Stereotypen machen, die auf derselben Ebene rangieren wie Rassismus. „Der Unterschied, dass ich nicht Schwarz bin, macht meine Existenz als Lohnabhängiger aber um keinen Deut besser“, so Dimmel. Tatsache ist jedoch, dass Menschen, die selbst nicht von Rassismus betroffen sind, sich mit diesem Phänomen nicht unbedingt auseinandersetzen müssen. Zumindest das kann als Privileg gesehen werden. Doch ebendiese Personen können natürlich auch anderen Schwierigkeiten ausgesetzt sein. Anders gesagt: Persönliche und gesellschaftliche Probleme wie Armut, Krankheit, Sexismus oder Klassismus werden durch die Anerkennung von Rassismus nicht weniger virulent.

Fakt

People of Color

„People of Color“ (PoC) ist eine Bezeichnung, die nicht-Weiße Menschen, die Rassismuserfahrungen aufgrund ethnischer Zuschreibungen teilen, für sich selbst häufig verwenden. Als zentral gilt dabei, dass der Begriff aus der Community selbst stammt und keine Zuschreibung von außen ist. Im Deutschen gibt es keine entsprechende Übersetzung, weshalb PoC auch oft in den Sprachgebrauch übernommen wird.

Der Verein ZARA richtet indes Sensibilisierungs-Trainings aus, die zur Auseinandersetzung mit Identität und bestehenden Normen anregen sollen – und hier würden sich ähnliche Reaktionen zeigen wie von Robin DiAngelo beschrieben: Stress, Wut, Verwirrung, aber auch Trauer. Manche Teilnehmer würden beginnen zu reflektieren, andere würden sich distanzieren. Schwierig in der Auseinandersetzung mit Rassismus sei, dass dieser oft als Vorwurf formuliert werde, der häufig automatisch abgestritten werde. Genau darin liege laut Dunia Khalil das Problem, denn „unbewusster Rassismus findet bereits dann statt, wenn Rassismus gar nicht anerkannt wird. Damit ignoriert man Lebensrealitäten von Betroffenen“, meint sie. Um Rassismus tatsächlich entgegenzuwirken, brauche es die Position des Antirassismus.

Im Zweifel für die Betroffenen

Antirassistischer Aktivismus greift oft vordergründig harmlos erscheinende Handlungen auf und kritisiert diese offen. Vor allem über soziale Medien tauchen immer wieder Berichte auf, die individuelle Aussagen oder Handlungen als rassistisch deklarieren. Der Sozialaktivist Ali Can initiierte 2018 etwa den Hashtag „#MeTwo“, der von vielen seither verwendet wird, um von persönlichen rassistischen Erfahrungen zu berichten. Die Diskriminierungen reichen dabei von offensichtlichen Beschimpfungen über vermeintlich harmlose Witze bis zu Verwunderungen über das Beherrschen der deutschen Sprache.

Menschen, die selbst nicht von Rassismus betroffen sind, müssen sich mit diesem Phänomen nicht unbedingt auseinandersetzen. Zumindest das kann als Privileg gesehen werden.

Die Reaktionen auf diese Geschichten sind gespalten: Einerseits erfolgt viel Zustimmung, andererseits werden die Erlebnisse als irrelevant und keinesfalls rassistisch abgetan. Auch für Nikolaus Dimmel wird der Begriff Rassismus zu inflationär verwendet: „Ich finde, dass dieser Begriff ein extrem gefährlicher ist. Inzwischen ist alles rassistisch, jeder Akt gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wird einem Holocaust gleichgesetzt. Das halte ich für historisch falsch, polemisch, demagogisch oder ganz einfach dumm.“ Betroffene weisen wiederum oft darauf hin, dass nur sie selbst beurteilen können, ob ein Erlebnis rassistisch war oder nicht.

Was sich in der Debatte um unbewussten Rassismus also jedenfalls abzeichnet, ist Unsicherheit. Die Unsicherheit Betroffener, die oft selbst erst im Laufe ihres Lebens erkennen, dass sie manche Handlungen als nicht in Ordnung oder gar übergriffig empfinden. Wobei hier auch der sogenannte positive Rassismus eine Rolle spielt: die Zuschreibung positiver Eigenschaften und Fähigkeiten – etwa besonders temperamentvoll zu sein oder gut tanzen zu können. Andererseits gibt es die Unsicherheit und das Unverständnis vieler, denen angemaßt wird, diskriminierend zu sein. Unsicherheit existiert aber auch insofern, als sich individuelle Erfahrungen nicht verallgemeinern lassen und es keine Regeln gibt, die besagen, was man „darf“ und was nicht. „Klar gibt es Gesetze, die rassistische Beleidigungen oder Verhetzung verbieten“, sagt Dunia Khalil. „Das ist aber nicht das Maß dafür, was Rassismus ist und was nicht.“ Subjektives Empfinden lässt sich schwer messen oder steuern. Das Phänomen „unbewusster Rassismus“ bleibt also komplex.

DiAngelo: Wir müssen über Rassismus sprechen  - © Foto: Hoffmann und Campe
© Foto: Hoffmann und Campe
Buch

Wir müssen über Rassismus sprechen

Schwindende Privilegien, fehlendes Verständnis und Weiße Fragilität
Von Robin J. DiAngelo,a. d. Engl von Ulrike Bischoff
Hoffmann und Campe 2020
208 S., geb., € 22,70