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Gesellschaft

Rassismus ist Teil unseres Erbes

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Rassismus beruht auf dem menschlichen UrTrieb, sich gegen Außenstehende abzugrenzen. Doch Triebe und Emotionen können kontrolliert werden.

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Rassismus beruht auf dem menschlichen UrTrieb, sich gegen Außenstehende abzugrenzen. Doch Triebe und Emotionen können kontrolliert werden.

Gerade Biologen waren weiland die Hauptstützen der eugenisch-rassistischen Ideologie des NS-Regimes. Biologen wurden zumindest seit Erscheinen von Darwins Hauptwerk (1859) ständig zur Rechtfertigung ethischer Diskriminierung bis hin zur Vernichtung "lebensunwerten Lebens" missbraucht. Es ist 55 Jahre nach dem biologistischen Massenmord noch immer ein gefährliches, wenn auch notwendiges Unterfangen, sich als Biologe auf das Thema Rassismus einzulassen. Denn Rassisten berufen sich auf den biologischen Unterschied; und die Neigung, in rassistischen Kategorien zu denken ist wahrscheinlich Teil unseres heute problematischen evolutionären Erbes.

Es ist nötig, biologische Rassismusforschung zu betreiben. Natürlich nicht zu dessen Rechtfertigung, sondern im Ringen um gültige Diagnosen, die dringendst notwendig erscheinen, um diesem in unserem Zeitalter der Globalisierung immer gefährlicher werdenden Phänomen entgegensteuern zu können.

Mit Appellen und frommen Wünschen wird nicht viel zu erreichen sein. Die Menschen wurden im Laufe der letzten paar Jahrhunderte nicht weniger gewaltbereit; die Entwicklung zum idealen Menschen blieb bislang offenbar ein frommer Wunschtraum. Genauso, wie man ganz allgemein unter Biologismus den Missbrauch biologischer Erkenntnisse im Dienst von Ideologien versteht, kann man Rassismus wohl als Missbrauch tatsächlicher oder vermeintlicher, auf genetischer Basis zwischen Ethnien ("Rassen"), Völkern oder Individuen bestehender Unterschiede zu deren Diskriminierung (im weitesten Sinne) definieren. Auf funktioneller Ebene ist der Rassismus aus biologisch-evolutionärer Sicht wohl das hässliche Instrument zur Ausübung von "ethnischem Nepotismus" (siehe unten).

Verschiedene Rassen?

Mit der Wertung "hässlich" habe ich strenggenommen den neutralen Boden der Naturwissenschaften verlassen und mich als Rassismus-Gegner geoutet (no na!). In der Hoffnung, dass es akzeptabel ist, dass auch Naturwissenschaftler (notgedrungenermaßen wertende) Menschen sind und dass Rassismus nicht nur aus moralischen, sondern besonders aus rationalen Gründen inakzeptabel sein sollte.

Aus biologischer Sicht sind im Zusammenhang mit dem Rassismus zwei ganz unterschiedliche, wenn auch miteinander verbundene Fragen zu stellen: n Gibt es tatsächlich (genetisch bedingte) Unterschiede zwischen unterschiedlichen Ethnien, welche als Basis für rassistische Argumentation dienen könnten?

n Wird man Rassist, indem man in die Gesellschaft von Rassisten gerät, oder liegt die Anlage schon in den menschlichen Genen?

Wie im Falle jeden anderen Merkmals ist diese Entweder-oder-Debatte eigentlich unzulässig. Auch im Falle des Rassismus scheint es so zu sein, dass eine gewisse (genetisch bedingte) Lernbereitschaft vorhanden sein muss, diese aber erst durch, oder in Reaktion auf das soziale Umfeld entwickelt wird.

Die Beantwortung der ersten Frage scheint zunächst trivial: Natürlich zeigen Angehörige verschiedener Ethnien unterschiedliche körperliche Merkmale. Aber darum geht es hier nicht. Dass Menschen dunkler Hautfarbe in Wien angeblich immer noch als "Bimbo" oder zumindest geringschätzig mit "Du" angesprochen werden, bedeutet unter anderem, dass das Nazi-Vorurteil von der Minderwertigkeit mancher "Rassen" noch immer existiert.

Gibt es tatsächlich rassebedingte Unterschiede in Wesen und geistigen Leistungen? Im US-amerikanischen Raum werden immer wieder Vergleiche zwischen den verschiedenen Ethnien angestellt, die zu zeigen scheinen, dass Unterschiede bezüglich Hirngröße, Intelligenz, Persönlichkeit, Sexualverhalten, etc. existieren (R. J. Herrnstein und and C. Murray: The bell curve. Intelligence and class structure in American life. Free Press, NY, London 1994, P. J. Rushton: Race, Evolution and Behaviour. Transaction Publishers, New Brunswick, New Jersey 1999). Das grundlegende wissenschaftliche Problem mit solchen Vergleichen bleibt aber, dass das sozio-ökonomische Umfeld der Ethnien nicht vergleichbar ist, es daher schlicht nicht erforschbar ist, ob und wieviel der gefundenen Unterschiede nun tatsächlich genetisch bedingt sind. Die Frage nach den Ethnie-bedingten Leistungsunterschieden ist daher weder geklärt, noch wird sie je zu klären sein.

In den letzten Jahrzehnten wurde von den Genetikern und Sprachwissenschaftlern um Luca Cavalli-Sforza gezeigt, dass moderne Menschen (Homo sapiens), gleich welcher Ethnie sie angehören, einander genetisch unglaublich ähnlich sind und dass die genetische Variabilität innerhalb der "Rassen" größer ist als zwischen diesen ist. Dies führt auch die oben gestellte Frage nach dem Vorhandensein "rassespezifischer", genetisch bedingter Leistungsfähigkeit ad absurdum. Denn wir sind von sehr verschiedenen Menschen der eigenen Ethnie umgeben. Ich bin meinem schwarzen Sitznachbarn in der Wiener U-Bahn möglicherweise genetisch ähnlicher als einigen meiner weißhäutigen Freunden. Auch deswegen zählt (genetisches) verschieden-sein als Basis für rassistische Argumente nicht.

Ethischer Nepotismus Trotzdem, die Skinhead-Banden in Deutschland und anderswo nehmen meist dunkelhäutige Menschen aufs Korn. Das heißt, sie reagieren auf das Aussehen, sicherlich nicht auf die Gene ihrer Opfer. Aussehen wird also zur Abgrenzung benutzt, als Marker für Herkunft und ethnische Zugehörigkeit sozusagen.

Warum leben die heute schon wieder (oder noch immer) ungeniert aus, was Menschen in ihrer langen Geschichte offenbar immer schon taten? Liegt es in der Natur des Menschen, fremdenfeindlich und rassistisch zu denken und zu handeln? Seit Jahren warnen vereinzelte Biologen wie Rufer in der Wüste vor den möglichen Problemen einer multiethnischen Gesellschaft (Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Wider die Mißtrauensgesellschaft, Piper, München 1994) und werden als Überbringer der Botschaft prompt geprügelt. Nur dann teilweise zu Recht, wenn sie versuchen, allzu einfache Schlüsse in Richtung Realpolitik zu ziehen. Aber bedeutet dies schon, dass die grundlegenden Befunde, etwa zur universellen Tendenz menschlicher Gruppen, sich gegen Außenstehende abzugrenzen, Fremdenfurcht zu zeigen, generell zu ignorieren sind? Denkverbote unter dem Deckmantel des Humanismus, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, weil es natürlich viel schöner ist, das Ideal einer vielfältigen, harmonischen und kreativen multikulturellen Gesellschaft zu träumen, als zu erklären, warum die Mitglieder unterschiedlicher, zusammenlebender Ethnien einander immer wieder in schöner Regelmäßigkeit die Häuser anzünden?

Eine quasi-epidemiologische Sicht auf ethnische Konflikte zeigt, dass diese überall auf der Welt dort gehäuft auftreten, wo Ethnien zusammenleben (T. Vanhanen, Research in Biopolitics. Vol. 7, Stamford CT, JAI-Press, Stamford, 1999). Kunststück, könnte man meinen, wo sonst? Der springende Punkt aber ist, dass dies wirklich überall geschieht, dass die Menge an Gewalt in oder zwischen Ethnien/religiösen Gruppen mit deren lokaler Zahl steigt. Ferner zeigt sich, dass die Konflikte durch Interventionen von außen, im Falle von Gebietskonflikten und wenn die (ökonomischen oder sonstigen) Unterschiede zwischen den Ethnien groß sind, gewöhnlich schärfer werden.

Die festgestellten Muster, ob sie uns nun gefallen oder nicht, gelten offenbar für alle Menschen. Als evolutionären Mechanismus des Ethnozentrismus nimmt man ethnischen Nepotismus an (J. M. G. Van der Dennen: The origin of war: The evolution of a male-coalition reproductive strategy. Groningen, Origin Press 1995 und: Ethnic conflicts explained by ethnic nepotism. Human Ethology Bulletin 15, 2000): Innerhalb von Gruppen wird demnach eher kooperiert, als zwischen solchen; mensch/tier kooperiert nach Maßgabe der Verwandtschaft, innerhalb der engsten Verwandtschaft eher, als mit dem Klan, innerhalb des Klans eher als innerhalb der Ethnie und innerhalb dieser eher als mit Angehörigen anderer Ethnien. Offenbar entwickelten sich diese Dispositionen in der Konkurrenz um Reproduktion (E. Voland, Grundriß der Soziobiologie. Fischer UTB, Stuttgart, Jena 2000).

Und wenn es ethnischen Nepotismus überall auf der Welt gibt, dann sind Fremdenfurcht und Rassismus die zugehörigen psychologischen Mechanismen. Eine sicherlich unangenehme Botschaft, die noch unangenehmer wird, wenn man die oben erwähnten Konfliktmuster zwischen den Ethnien auf die Zukunft unserer Zuwanderergesellschaft projiziert.

Eibl-Eibesfeldt warnt völlig zu Recht vor den Risken einer multiethnischen Gesellschaft, das Konfliktpotential wird mit Sicherheit zunehmen. Die Biologen wegen dieser Warnung ins rechte Eck zu stellen, wäre aber ebenso absurd, als würde man einen Geologen prügeln, weil er ein Erdbeben vorhersagt.

Falsch wäre es aber auch, nun zu resignieren, weil ohnehin alles "genetisch/biologisch vorbestimmt" sei. Schlüsse aus dieser Prognose zu ziehen, ist Angelegenheit der Politik. Und weil die meist erst reagiert, wenn es brennt und sich offenbar im Moment der Illusion hingibt, eine multiethnische Gesellschaft würde schon automatisch ins Multi-kulti-Paradies führen, wird wertvolle Zeit verstreichen.

Gegen Rassismus Heute werden ehemalige Nationalstaaten immer multiethnischer; dank Globalisierung und Informationstechnologie verschmilzt die Welt in eine einzige, multiethnische Gesellschaft. Rassismus wird zu einem immer gefährlicherem Ärgernis, produziert Reibungsverluste bei der Bewältigung der tatsächlichen Probleme und führt in die kleinen Katastrophen, wie etwa die täglichen Rassismus-Toten in Deutschland, oder in große, wie im letzten Jahrzehnt am Balkan vorexerziert.

Die alten Methoden "Grenzen zu" und "ethnisch säubern" kann wohl niemand mehr ernsthaft diskutieren. Wohlstand und Wirtschaftspotential der demographisch schrumpfenden westlichen Gesellschaften sind zunehmend auf Zuwanderung angewiesen und die wird sich laufend beschleunigen. Aber Menschen verfügen nicht nur über dumpfe Triebe, sondern über eine sehr leistungsfähige Großhirnrinde. Diese wird zwar in einem wesentlich größerem Ausmaß, als uns lieb sein kann von unseren Emotionen beherrscht, man kann den Spieß aber auch umdrehen und über Bewußtmachen von Problemen die Hirnrinde als Kontrollinstanz über Triebe und Emotionen einsetzen.

Wir werden die Skepsis gegen Gruppenfremde nicht abschaffen können, wohl aber sollte uns kein Aufwand zu groß sein, um dem Rassismus entgegenwirken. Gerade aus biologischer Sicht führt kein Weg an Vorbildwirkung, Erziehung und Integration vorbei.

Der Autor ist Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Ethologie in Grünau (Oberösterreich) und Assistenzprofessor an der Universität Wien.