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Unbewusster Rassismus: Der blinde Fleck

Hausfassade Rassismus Entwicklung - © Foto: picturedesk.com / action press
Gesellschaft

Benjamin Opratko über die Entwicklung von Rassismus: Die dreifache Verdrängung

1945 1960 1980 2000 2020

Von der Natur- zur Kulturtheorie, über den Nationalsozialismus als unüberwindbaren Grad, zu Antidiskriminierungs-Bewegungen und: Rassismusforscher Benjamin Opratko im Interview.

1945 1960 1980 2000 2020

Von der Natur- zur Kulturtheorie, über den Nationalsozialismus als unüberwindbaren Grad, zu Antidiskriminierungs-Bewegungen und: Rassismusforscher Benjamin Opratko im Interview.

Benjamin Opratko ist Rassismusforscher an der Universität Wien. Mit der FURCHE spricht er über die Entwicklung der Rassismus-Debatte und den Einfluss der NS-Zeit auf Rassismus im deutschsprachigen Raum.

DIE FURCHE: Wie hat sich die Debatte um den Begriff Rassismus entwickelt?
Benjamin Opratko:
Bis in die 1960er Jahre verstand man unter Rassismus meist biologisch argumentierende Rassentheorien, also die Behauptung, es existierten unterschiedliche Menschenrassen mit je eigenen Eigenschaften. Biologische Rassentheorien waren nach dem Holocaust zunehmend desavouiert und wurden in den Nachkriegsjahrzehnten weiter zurückgedrängt, durch antikoloniale Bewegungen, auch durch die Intervention von Naturwissenschaftlern. Die rassistische Diskriminierung wurde dadurch aber nicht weniger. Man stellte also fest, dass Rassismus nicht auf biologische Erklärungsmuster angewiesen sein muss. Im rassistischen Diskurs konnte zum Beispiel auch „Kultur“ so funktionieren wie „Natur“: Statt einer bestimmten Menschenrasse wurden einer bestimmten „Kultur“ wesenhafte, negative Eigenschaften zugeschrieben.

DIE FURCHE: Worum ging es dabei?
Opratko:
Den kulturellen Formen des Rassismus geht es wie den biologischen um Reinheit. Sie behaupten: So lange die unterschiedlichen Kulturen alle an „ihrem“ Platz blieben, gäbe es kein Problem. Der französische Rassismusforscher Étienne Balibar nannte das „Rassismus zweiter Ordnung“. Demnach gibt man zwar zu, dass es Rassismus gibt, das liege aber daran, dass zu viele Kulturfremde „bei uns“ seien und darauf reagiere die kulturelle Mehrheit mit Abwehr. Um das zu verhindern, müsse man aufhalten, dass Leute herkommen oder man müsse sie eben hinauswerfen. In der reinsten Variante ist das die Position des sogenannten Ethnopluralismus. Diese Form des Rassismus sehen wir in der österreichischen Politik häufig.

DIE FURCHE: Wie sieht die Entwicklung speziell im deutschsprachigen Raum aus, auch in Bezug auf die NS-Vergangenheit?
Opratko:
Im deutschsprachigen Raum gab es eine dreifache Verdrängung des Rassismus-Begriffs. Einerseits hat man ihn historisch verdrängt. Rassismus wurde lange gleichgesetzt mit dem Vernichtungs-Antisemitismus der Nazis. Dieser galt als Referenzpunkt, der als historisches Phänomen, das hinter uns liegt, gesehen wurde. Die zweite Verdrängung fand geographisch statt: Rassismus wäre nur ein Problem in Ländern wie den USA oder Großbritannien, also den Kernländern des transatlantischen Sklavenhandels. Und drittens gibt es die soziale Verdrängung, wenn Rassismus zwar als gegenwärtiges Problem anerkannt wird, das aber an sozialen und politischen Rändern verortet wird, bei Neonazis, Jugendgangs oder vielleicht noch Burschenschaften. Dass Rassismus ein prägendes gesellschaftliches Verhältnis der eigenen Gegenwart ist, diese Erkenntnis setzt sich erst langsam durch.