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Ohne Vielfalt können wir nicht überleben

1945 1960 1980 2000 2020

Über Herkunft, Wesen und Bestimmung des Menschen sind Religionen, Human- und Naturwissenschaften verschiedener Auffassung, in einem stimmen sie heute überein: Darin, daß der Mensch in hohem Maß gefährdet, zugleich aber, vor welcher Instanz auch immer, Gott oder „der Evolution“, für sein eigenes Überleben wie für das Leben auf der Erde überhaupt, selbst verantwortlich ist.

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Über Herkunft, Wesen und Bestimmung des Menschen sind Religionen, Human- und Naturwissenschaften verschiedener Auffassung, in einem stimmen sie heute überein: Darin, daß der Mensch in hohem Maß gefährdet, zugleich aber, vor welcher Instanz auch immer, Gott oder „der Evolution“, für sein eigenes Überleben wie für das Leben auf der Erde überhaupt, selbst verantwortlich ist.

Geworden aus der Natur, eingebettet in die Natur, haben wir Gott nie mehr mißverstanden als in der Interpretation seiner Forderung: „Macht Euch die Erde Untertan!“ Die Abhängigkeit des Großhirn-Menschen von der Natur erzwang zunächst eine Art Gleichklang. Jeder “Sonnenaufgang—Beginn neuen Lebens. Götter in jedem Baum. Dann wurden wir hungrig, pflanzten das kümmerliche Bäumchen der Erkenntnis und verdarben uns Magen und Gehirn, weil wir nicht warten konnten, bis die Winteräpfel reiften. „Da steh' ich nun, ich armer Tor...!“ In der Konfrontation mit den „Sachzwängen“, verloren zwischen immer komplexeren wissenschaftlichen Teildisziplinen, die auseinanderdriften, suchen wir unser Bild vom Menschen.

Aus der Evolution sind wir geworden, doch die Bedingungen unserer stammesgeschichtlichen Herkunft ignorieren wir, da wir uns auf die Fortschritte der Wissenschaft verlassen, deren Vertreter uns dünn lächelnd garantieren, sie hätten schon alles im Griff. Was wir im Griff haben, sind die Potentiale zur Zerstörung der Natur und unser selbst.

Aus hilfloser Ohnmacht wurde die Uberzeugung, alles sei machbar, wenn es der Mensch nur wolle. Einzelne Naturwissenschafter stellten sich gegen den Zeitgeist in den Dienst der Humanität. Die Leistungen eines Ignaz Semmelweis oder Robert Koch verhinderten sinnlosen Tod. Sie waren von einem Menschenbild getragen, das unbeeinflußt von Geburt und Rasse nur einem diente: Menschliches Wohlergehen zu ermöglichen. Sie und viele andere schufen ein Menschenbild, in dem Liebe und soziale Gerechtigkeit bestimmend sein sollten. Ihre Leistungen nehmen wir als selbstverständliche „Produkte“ empirischer Forschungstätigkeit an. Die Intentionen, die zu ihnen führten, die persönlichen Werthaltungen, ignorieren wir weitgehend. Ohne qualitativ zu unterscheiden, stellen wir andere Wissenschafter wie etwa Francis Galton, den „Vater der Humangenetik“, mit Semmelweis auf eine Stufe: Heroen der Wissenschaft!

Aber das Menschenbild von Semmelweis war bestimmt, Leid und Elend aus den Familien zu bannen, unabhängig von Herkunft und Stand. Das von Francis Galton war ein elitär-ideologisches: In einem System wettbewerbsmäßiger Prüfung sollten nur die Begabtesten und Gesündesten zur Fortpflanzung kommen. Der Staat müsse für eine ausreichend hohe Fortpflanzungsrate seiner Eliten sorgen. Als Ergebnis solcher Elitenzüchtung (Eugenik) müsse es „möglich sein, durch wohlausgewählte Ehen... eine hochbegabte Menschenrasse hervorzubringen ... die den modernen Europäern geistig und moralisch ebenso überlegen wäre, als die modernen Europäer den niedrigsten Negerrassen überlegen sind“. Dieses Konzept spukt in vielen Hirnen weiter.

Die Evolution lehrt uns aber, daß das Uberleben ganz sicher nicht von Eliten beziehungsweise deren Züchtung abhängt. Evolution bedeutet genetische Vielfalt. Es bedarf in jeder Generation eines Prozentsatzes schlecht, mittelgut und gut angepaßter Individuen. Wären diese Variationen nicht vorhanden, gäbe es keine Möglichkeit für genetische Neukombinationen; sie sind es, die es einer Art ermöglichen, sich immer wieder wechselnden Umweltbedingungen anzupassen. Evolutionärbiologisch gesehen ist ein Menschenbild, das die Bevorzugung aktuell definierter Eliten fordert, falsch und gefährlich.

Wir hatten in diesem Land einen Bundeskanzler, der in der Öffentlichkeit verspottet wurde, weil er den Ausspruch tat: „Es ist alles so kompliziert!“ Abgesehen davon, daß dies einer der klügsten Sätze ist, die seit langem in der Politik ausgesprochen wurden, zeigt es uns, welches Menschenbild aus der immer schwerer zu verstehenden Welt und ihren Zusammenhängen resultiert: das einer letzten Endes menschenverachtenden Simplifizierung. Weil wir die Übersicht verloren haben, flüchten wir in scheinbar einfache „wenn - dann“-Logiken und versuchen den Menschen in ein Modell zu pressen, von dem wir dann glauben, es verstehen und planend für das Glück der Menschheit einsetzen zu können.

Auch hierbei ignorieren wir sträflich unsere neurobiologischen Voraussetzungen und unsere Evolution. Indem wir statt eines sozial interaktiven ein abstrakt verplanbares Menschenbild schaffen, fördern wir einseitig die Leistung unserer linken Großhirnhälfte, die bei allen Formen analytischer Problemstellungen dominiert. Unser Schulsystem ist diesbezüglich ein abschreckendes Beispiel.

Es gibt mittlerweile auch wieder Wissenschafter und ideologi-sierende Erbsaubermacher, die meinen, mit den neuen Möglichkeiten der Gentechnik könne eine qualitative Verbesserung des Homo sapiens erzielt werden. Diesen Ideen stehen zwei Argumente entgegen: Zum einen ist es unmöglich, heute zu bestimmen, was morgen „hochwertig“ ist. Zweitens ist zwar der Begriff Erbkrankheit in vielen Bereichen eindeutig definiert, aber der Begriff Erbgesundheit nur eine Fiktion. Wer erscheinungsbildlich gesund ist, ist für viele Erbanlagen mischerbig, die, wenn sie bei Nachkommen doppelt auftreten, zu schwerwiegenden Veränderungen führen.

Diese Mischerbigkeit hat im Verlauf der Evolution auch zu verbesserten Anpassungen an unterschiedliche Umwelten geführt; man spricht in der Populationsgenetik vom Heterozygotenvorteil. Dazu kommt: Erbkrankheiten sind Folgen von Spontanmutationen. Die meisten davon sind negativ, ganz wenige bringen Auslesevorteile. Mutationen sind aber zufällig und nicht zielgerichtet. Damit eine Art überleben kann, bedarf es solcher Mutationen. Unsere genetisch behinderten Mitmenschen tragen somit die Last der Mutation sichtbar für uns alle, die wir frei von Krankheit leben und als Art überleben können. Statt unser Menschenbild auf den Erbgesunden zu konzentrieren, würden einfache Einblicke in biologische Grundfakten ausreichen, um Behinderten mit besonderer Achtung entgegenzukommen.

Leitbilder so und anders

Schon längere Zeit vor dem Nationalsozialismus waren Begriffe wie gut, tapfer, treu und leistungsstark im deutschsprachigen Raum mit der Vorstellung einer platonischen Idee um die — nicht existente — „nordische Rasse“ verbunden. Bereits 1927 gab es einen Fotowettbewerb „Deutsche Köpfe nordischer Rasse“, dessen Preisträger in einem Buch dargestellt wurden. Dieses könne „dazu beitragen, den Deutschen wieder zu einem Vorbilde zu verhelfen. Jeder einzelne vorwiegend nordische oder nordische Mensch ist... auch immer nur so etwas wie eine Annäherung an ein Vorbild, kann immer nur so etwas wie ein zeitlich gebundenes Abbild darstellen von jenem zeitlosen Urbild des vollendeten nordischen Menschen“, schrieben Eugen Fischer und Hans F. K. Günther im Vorwort.

Dafür haben Menschen auf ihre Identität zugunsten einer Fiktion freiwillig verzichtet und ein Menschenbild geschaffen, in dem die Menschen selbst keinen Platz mehr hatten. Diese Vergangenheit hätte uns lehren sollen, stolz auf unsere persönlichen Eigenheiten zu sein, nicht Uniformität, sondern Vielfalt zu erstreben: Variabilität statt Einschränkung!

Auf einer ganz anderen Ebene, vielleicht aber doch vergleichbar, erleben wir heute neue Manipulationen hin zu einem fiktiven Menschenbild unter Aufgabe des eigenen So-Seins. Damit ist die Macht der Werbung gemeint. Prestigegründe „zwingen“ uns, aussehen zu wollen, wie die idealisierten, gesunden, „sportlich-schönen“ Mannequins. Wir sollen aussehen wie sie und wollen aussehen wie sie. Erreichen wir das körperlich nicht, können wir uns an dieses „zeitlose Urbild“ annähern, indem wir uns kleiden und frisieren wie die unerreichbaren Abbilder menschengemachter Götter.

Immer noch haben wir aber die Chance, ein Menschenbild zu erwirken, in dem jeder die Individualität des anderen an-nimmt, sich selbst zu seinen ureigensten Besonderheiten bekennt und die Besonderheiten des anderen anerkennt, ein Menschenbild, das sich von trivialen Leitbildern trennt und den Weg zu sozialer Verantwortung aus dem Wissen um die Notwendigkeit der Vielfalt herausfindet. Unsere Welt ist tiefer als die jeweiligen Tagestorheiten. Es gilt, Selbstbestimmung zu forcieren, um nicht fremdbestimmt in die nächste Katastrophe geführt zu werden.

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